20.04.1998

AUTORENRebellisch aus Lebensgier

Die Tagebücher der 1973 an Krebs gestorbenen Schriftstellerin Brigitte Reimann bieten ein intimes Bild der DDR in den Jahren von 1955 bis 1970 - und zeigen eine auch gegen die sexuellen Konventionen der Zeit aufbegehrende Frau. Von Volker Hage
Auf die Herren der Macht schaut sie mit nüchternem Blick. Die junge Schriftstellerin, Anfang 30, haßt "Szenen mit alternden Staatsmännern, die mir auf die Brust starren, während sie über meine Arbeit sprechen, und das Knie tätscheln, während sie politische Zusammenhänge erläutern" - wie offenbar 1964 Otto Gotsche, Sekretär des Staatsrats der DDR.
Oder drei Jahre vorher Alexander Abusch, damals Stellvertreter des DDR-Ministerrats-Vorsitzenden: Er taxiert Brigitte Reimann während eines Gesprächs auf einem Schriftstellerkongreß. Ihr Kommentar im Tagebuch: "Dieser Männerblick verdunkelt Prominenz und Ministerrat*."
Den späteren DDR-Kulturminister Klaus Gysi beurteilt sie 1965, als der noch Leiter
des Aufbau-Verlags ist, mit etwas mehr
* Brigitte Reimann: "Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963". 430 Seiten; 39,90 Mark. - "Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964-1970". 464 Seiten; 44 Mark. Beide Aufbau-Verlag, Berlin.
Sympathie ("Gysi machte mir wieder den Hof, viel zu auffällig; dabei ist er ein kluger Mann") - vielleicht gefällt ihr, wie er den Unterschied zwischen einem Roman von Christa Wolf und von Brigitte Reimann erläutert: "Die Reimann weiß wenigstens, wie ein Mann riecht."
Walter Ulbricht ist ihr auch ohne jede Zudringlichkeit zuwider, ein Mann mit "widerwärtiger Eunuchenstimme". Sie erlebt den Staatsratsvorsitzenden während eines Gesprächs im kleinen Kreis als demagogischen Besserwisser, "von Machtrausch besessen". Hoffnungslos sei es, notiert sie im Dezember 1962 verbittert, "Besserung für unsere literarische Situation zu erwarten, solange dieser amusische Mensch mit seinem Kleinbürgergeschmack sich Urteile anmaßt".
Stur weist sie später das mehrfach wiederholte Ansinnen zurück, einen Huldigungsartikel zum 70. Geburtstag Ulbrichts abzuliefern ("und wenn ich bei ihnen verschissen hab'' in alle Ewigkeit").
Auch die Stasi-Leute ("diese Schmeißfliegen") stoßen bei ihr auf Granit. Nachdem sie zunächst eine Unterschrift geleistet hat und von der Stasi erpreßt wurde (ihr erster Mann saß damals, Ende 1957, im Gefängnis), geht sie intuitiv in die Offensive und, mit Hilfe und Rückendeckung ihres Kollegen Wolfgang Schreyer, an die verbandsinterne Öffentlichkeit. Noch lange rechnet die in ihren privaten Aufzeichnungen bisweilen zögerlich und verängstigt wirkende Schriftstellerin mit einer Verhaftung. Was sie nicht wissen und also auch nicht notieren konnte: Unter dem Decknamen "Denker" wurde über sie bei der Stasi eine Akte angelegt.
Die Wut der Reimann kam aus tiefer Enttäuschung: Die 1933, im Jahr der Nazi-Machtübernahme, in der Nähe von Magdeburg geborene Tochter eines Journalisten war in ihrer Jugend gläubige Sozialistin ganz im Sinne der jungen DDR - wie bei so vielen hatte der Staat, der sich als Gegenpol zur Welt der Nazis gerierte, auch bei ihr zunächst jeden Kredit.
Doch Brigitte Reimann, die einige Zeit als Lehrerin arbeitete, mußte bald lernen, wie schwer gerade den Idealisten die "Ankunft im Alltag" (so ein in der DDR bekannter Buchtitel von ihr) gemacht wurde. Von 1955 an, als ihre erste Erzählung erschien, bis zu ihrem Todesjahr 1973 hatte sie den Zwiespalt zwischen offizieller Kunstdoktrin und kleinmütiger Verlagspraxis, zwischen dem Ideal einer an der Arbeitswelt orientierten Schreibweise und den eigenen literarischen Ansprüchen, zwischen der Sehnsucht nach dem Kollektiv und dem Bedürfnis nach radikaler Selbstdarstellung zu erleben und zu erleiden.
"Mein Helden sind genauso labil wie ich - was beweist, daß ich noch keine Schriftstellerin bin", schrieb sie ins Tagebuch. Gleichzeitig ertappte sie sich bei vorauseilendem Gehorsam: "Eigentlich ist dieses machtlose, feige Sich-Beugen unter eine ungerechte Zensur das Bedrückendste."
Als dann der Lektor bei ihrer Erzählung "Die Geschwister" - einem Pendant zu Christa Wolfs Roman "Der geteilte Himmel" (beide 1963) - Änderungen vorschlug, wehrte sie sich empört: "Die Stasi-Szene gestrichen, die Kunst-Diskussion gestrichen; alles, was an Gefühl oder gar ... an
* Oben: 1960 mit Siegfried Pitschmann in Hoyerswerda; unten: 1964 während einer Reise durch Sibirien.
Bett gemahnt, ist gestrichen, und jetzt kann man meine schöne Geschichte getrost in jedem katholischen Mädchenpensionat auslegen." Das Buch erschien in der von ihr gewünschten Form.
Bis zu ihrem postum publizierten Roman "Franziska Linkerhand" (1974), der später in der DDR zu einem Kultbuch wurde, währte das Gerangel mit Einsprüchen, Änderungswünschen und Vorschlägen. In der Figur der Architektin Franziska Linkerhand schuf sich Brigitte Reimann ein Alter ego, eine ferne Verwandte, der sie manches von sich mit auf den Weg geben konnte. Das mittlerweile vergriffene Hauptwerk der Autorin, ein Schlüsselroman über die inneren Widersprüche der DDR, soll noch in diesem Jahr, von Eingriffen befreit, neu ediert werden.
Doch erst in den Tagebüchern aus den Jahren 1955 bis 1970 - frühere hat sie selbst vernichtet, aus den letzten drei Jahren sind keine Eintragungen erhalten - ist die Schriftstellerin Reimann in jeder Hinsicht ganz bei sich. Das Journal wird jetzt erstmals nahezu vollständig veröffentlicht; ein Band ist unlängst erschienen, der zweite wird in dieser Woche herauskommen.
Mit Verachtung nimmt die genaue Beobachterin auf Hunderten von Seiten jede Form von Anpasserei wahr, höhnt über die "Fahnenschwenker" und die "Mittelmäßigen", die "feigen Idioten", und verehrt um so mehr die Aufrechten. So ermöglichen diese Tagebücher intime Einblicke in die gesellschaftlichen Zustände - eine Art "Who''s who" des DDR-Kulturlebens.
Schon zu Lebzeiten eilte der Autorin der Ruf einer männermordenden Exotin voraus, und im DDR-Alltag muß sie sich ausgenommen haben wie ein erotischer Alien. Noch heute erinnert sich der Schriftsteller Wolfgang Schreyer, 70, über lange Jahre ein guter Freund der Reimann, eines frühen Auftritts von ihr während einer Tagung junger Autoren: "Sie war eine Augenweide für die anwesenden Männer."
Das wußte sie, und es war ihr wichtig. Im Tagebuch registrierte sie, von Zweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen umgetrieben, jede Geste der Wahrnehmung, jede Huldigung von Männerseite, jede Verliebtheit auch ihr unsympathischer Zeitgenossen - selbst um den Preis gelegentlichen Selbstekels: "Manchmal kotzen mich die geilen Blicke der Männer an."
Bisweilen empfand sie als "Verführungsversuch", was vielleicht nur liebevolle Zuneigung war. Schreyer jedenfalls, dem sie im Tagebuch einen solchen nachsagt, beteuert, kein Liebesverhältnis mit ihr gehabt zu haben. Das sei wohl "Phantasie oder ein Tagtraum" ihrerseits gewesen. "Ich hatte keine Gelegenheit, sie als Liebhaber zu enttäuschen oder ihr zu mißfallen", behauptet er und führt gerade darauf die lange Freundschaft zurück.
Die Scheuen und Zurückhaltenden waren der Frau mit den dunkelbraunen Augen und schwarzen Haaren ohnehin die Liebsten. Mancher der von ihr Verehrten, wie der Schriftsteller Günter de Bruyn, in dem sie einen seelenverwandten "Einzelgänger" entdeckte, hat erst jetzt aus dem Tagebuch erfahren, welchen Eindruck er tatsächlich auf sie gemacht hat: "Er ist eben immer noch meine stille Liebe." De Bruyn hat denn auch keinen Grund gesehen, im eigenen Fall editorische Eingriffe zu fordern - wie andere (oder deren Erben) unter Berufung auf Persönlichkeitsschutz.
Doch trotz gelegentlicher Punkte in eckigen Klammern und manch namentlicher Verschlüsselung, auch bei aller grundsätzlich gebotenen Vorsicht gegenüber der Form subjektiver Notizen: Diese Aufzeichnungen, sorgsam ediert, sind das spannende Dokument eines gelebten Liebesromans voller Pointen und wilder Verwicklungen - gefährliche Liebschaften im SED-Sozialismus.
Einmal - sie ist 23, noch mit ihrem ersten Mann verheiratet (am Ende wird sie es auf vier Ehen gebracht haben) - will man sie aus dem "Lieselotte-Hermann-Heim" bei Potsdam, wo sie an einem Seminar der Defa teilnimmt, fast rausschmeißen. Erst hat sie sich in einen 28jährigen Dramaturgen verliebt und den Schriftsteller Max Walter Schulz, damals 35, zum "Beichtvater" erkoren, dann ist sie mit Schulz ins Bett gegangen ("Wir wollten nur nebeneinander schlafen, und beinahe wäre es auch dabei geblieben") und danach auch mit dem bewunderten 26jährigen Dichter Herbert Nachbar. "Ich glaube beide zu lieben", schreibt sie, "und vielleicht sind sie mir beide im Tiefsten gleichgültig."
Zwei Jahre später - dieses Mal im Schriftstellerheim "Friedrich Wolf" in Petzow - lernt sie den Schriftsteller Siegfried Pitschmann kennen und nennt ihn "Daniel" oder "Dan", nach wenigen Tagen schlafen sie zusammen. Aber da ist auch noch der Kollege Günter Rücker, den sie schon kennt ("eine meiner zahlreichen Dreitagelieben"), und nachts bleiben alle drei zusammen: "Ich hatte eine Hand auf Rückers Brust, mit der anderen hielt ich Dans Hand; am Morgen waren meine Arme ganz zerbissen, und ich weiß nicht einmal von wem." Halb verzweifelt, halb vergnügt kommentiert sie: "Wo immer ich hinkomme, stifte ich Unruhe und Verwirrung."
Pitschmann wird schon bald, Anfang 1959, Ehemann Nummer zwei, nachdem sie mit ihm bisher unbekannte sexuelle Erfahrungen gemacht hat: "außerhalb eines menschlichen Bezirks, in einen Taumel von Wahnsinn geworfen". Über eine neue sexuelle Leidenschaft - er heißt Hans, sie nennt ihn "Jon" und wird ihn 1964 heiraten - schweigt sie sich zunächst sogar im Tagebuch aus, doch als "Dan" es heimlich liest, ahnt er alles, und sie holt das Journal-Geständnis nach. Wenig später schreibt er ihr in einem Brief, er habe sie mit "Jon" belauscht: "Er sei zu früh nach Hause gekommen, er habe meine Schreie gehört ... Er muß schrecklich gelitten haben."
Ihr Treiben ruft die sozialistischen Moralwächter auf den Plan. Die Funktionäre im "Künstleraktiv" der Stadt Hoyerswerda, wo die Autorin einige Jahre lebt, bevor sie nach Neubrandenburg zieht, wünschen eine Aussprache. Sie willigt ein - "unter der Bedingung, daß ich auf jeden einzelnen meiner Richter mit dem Finger deuten und seine Bettgeschichten erzählen dürfte". Die anderen, die "mehr Talent haben, ihre Affären zu verbergen", verzichten eilig.
Ihr vierter und letzter Ehemann, ein Arzt, hat mit dem Literaturbetrieb nichts am Hut. "Wir ... gehen zeitig ins Bett und lieben uns stundenlang", lautet einer der letzten Einträge in den Tagebüchern, die sie versteckt zwischen Büchern in ihrer Wohnung aufbewahrt, wo ihr Mann sie nach ihrem Tod finden wird.
Längst ist sie von ihrer Krankheit gezeichnet - Ende 1968 wurde eine Brust amputiert. Sie fühlt sich als "halbierte Frau" und, da es ihrer Attraktivität keinen Abbruch tut, als "Amazone". Sie schreibt verbissen und tapfer an ihrem Roman "Franziska Linkerhand" und fürchtet sich doch davor, das Manuskript abzuschließen (noch im Krankenhaus wird sie am letzten Kapitel arbeiten, das unvollendet bleibt).
Sie möchte schreiben können wie die großen Romanciers des 19. Jahrhunderts und bekennt sich dazu, "in der Literatur ganz konservativ" zu sein: Sie kritisiert die "hektische und primitive Sprache unserer neuen Bücher", all die Experimente im Westen, "zuweilen interessant und diskutabel", aber: "Schließlich bleibt doch nur die schöne gelassene Prosa der großen Russen und Franzosen."
Eine treue Freundin ist Christa Wolf, in der sie einst ihre "beste Feindin" sah. Sie schreiben sich Briefe und besuchen einander, solange das noch möglich ist - und bis zuletzt wird die Kollegin an ihrer Seite bleiben, voller Verständnis für das so fremde Temperament der Reimann. Die notiert glücklich: "Und dann ihre ruhige dunkle Stimme am Telefon zu hören ... Wie sollte man diese Frau nicht lieben!"
Brigitte Reimann, deren Bedeutung als Stimme der deutschen Literatur, nicht nur der DDR, noch kaum erkannt ist, starb im Februar 1973 in Berlin, nicht einmal 40 Jahre alt. "Ich bin jung, ich bin sinnlich und rasch entflammt", hatte sie mit 22 ihrem Tagebuch anvertraut. "Warum soll ich denn nicht mein Leben genießen? In zehn oder zwanzig Jahren ist alles vorbei - wenn ich nicht sogar schon vorher sterbe."
Mit dieser verzweifelten Lebenslust fegte sie durch die DDR-Provinz, wo es ihr bisweilen zumute war "wie in einem Dorf in Zentralafrika", ihr Furor schärfte den Blick auch für die schmutzigen Stellen hinter den Fassaden, etwa von Hoyerswerda, das das "Muster einer schönen sozialistischen Stadt" werden sollte und für sie schon bald die "Stadt des organisierten Pfusches" war, sie höhnte über "die größte DDR der Welt" und über die Partei, die "immer recht" hat ("ein Gespenstertanz") - SED-Mitglied wurde sie nie. Zur Kulturpolitik merkte sie an: "Wir tun alles, um uns lächerlich zu machen."
Paradox bleibt: Gerade jene Vitalität, die sie immer neu vor der Anpassung an die Parteidoktrin bewahrt hat, ist wohl der Grund dafür, daß sie nicht daran dachte, die DDR zu verlassen. Was sie an diesem Staat festhalten ließ, war heftiger als das Gefühl der Liebe: Es war Haßliebe.
* Brigitte Reimann: "Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963". 430 Seiten; 39,90 Mark. - "Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964-1970". 464 Seiten; 44 Mark. Beide Aufbau-Verlag, Berlin. * Oben: 1960 mit Siegfried Pitschmann in Hoyerswerda; unten: 1964 während einer Reise durch Sibirien.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 17/1998
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