30.05.2011

GLOBALISIERUNGEntzündlicher Staub

Nach der jüngsten Explosion werden die Proteste gegen den Apple-Zulieferer Foxconn lauter. Der Konzern weicht samt Fabriken in Chinas Hinterland aus.
Die Nachtschicht bei Foxconn endete, bevor sie richtig angefangen hatte. Xiao Hong(*) und ihre Kollegen wollten gerade wieder anfangen, Teile für das iPad von Apple zu montieren. Plötzlich erschütterte eine gewaltige Explosion die Fabrik in Chengdu.
Das Werk gehört zu einem riesigen Neubaukomplex: Ende 2011 will Foxconn allein hier rund 300 000 Menschen beschäftigen, etwa dreimal so viele wie jetzt. In ganz China arbeiten bereits rund eine Million Menschen für den weltgrößten Zulieferer westlicher Computer- und Elektronikfirmen von Apple über Hewlett-Packard bis Sony.
Der Arbeitsplatz von Xiao liegt nur ein paar Gebäude vom Unglücksort entfernt. Auch bei ihr und ihren Kollegen brach sofort Panik aus: "Wir rasten die Treppen hinunter ins Freie", berichtet die 17-Jährige. "Schwarzer Qualm breitete sich aus, es stank entsetzlich."
Drei Arbeiter starben bei dem Unglück, 15 Kollegen wurden verletzt. Sie alle waren damit beschäftigt, die Gehäuse der schlanken Tablet-Computer von Apple zu polieren. Offenbar sei die Explosion durch eine zu hohe Konzentration von "entzündlichem Staub" ausgelöst wor-
den, teilte Hon Hai, der taiwanische Mutterkonzern von Foxconn, später mit.
Am Montag vergangener Woche, drei Tage nach dem Unglück, tritt Xiao erstmals wieder zur Nachtschicht an. Immer wieder war in den vergangenen Monaten Kritik an dem Unternehmen aufgeflammt. Immer wieder wurde auch Apple für seine laxe Kontrollpolitik kritisiert. Und immer wieder war es bei Foxconn zu Exzessen gekommen.
Vor einem Jahr sorgten das Unterneh-men und seine militärisch organisierte Billigproduktion weltweit für Aufsehen: Einer mysteriösen Selbstmordwelle fielen 13 Foxconn-Arbeiter im südostchinesischen Shenzhen zum Opfer. Die meisten von ihnen waren von den Dächern firmeneigener Wohnheime in den Tod gesprungen.
Als Geste der Fürsorge hatte Terry Gou, 60, der öffentlichkeitsscheue Gründerboss von Foxconn, den Billigarbeitern in Shenzen daraufhin die Monatslöhne bis Oktober mehr als verdoppelt - auf 2000 Yuan, umgerechnet rund 220 Euro. Schon bald darauf begann er jedoch, im billigeren chinesischen Hinterland zahlreiche neue Fabriken zu bauen. Der Debatte über seine fragwürdigen Produktionsmethoden weicht er einfach aus - vor allem nach Chengdu.
Der Umbau stellt einen logistischen Kraftakt dar, wie er wohl nur in China denkbar ist, und auch dort bei kaum einer anderen Firma im gleichen Maß wie bei Foxconn. Zugleich nährt die Explosion nun neue Befürchtungen, dass der Konzern auf der hektischen Suche nach noch billigeren Standorten das Wohl seiner gigantischen Massen von Arbeitssklaven weiter vernachlässigt.
Die jüngste Tragödie hätte vermieden werden können, wenn Foxconn übliche Sicherheitsstandards befolgt hätte, kritisiert Sacom, eine Nichtregierungsorganisation für Arbeiternehmerrechte in Hongkong. Die Werkstätten, in denen die iPad-Gehäuse poliert werden, seien schlecht belüftet. Zum Beweis veröffentlichte Sacom ein Video, das zwei Monate vor dem Unfall gefilmt wurde: Es zeigt Arbeiter, die von grauem Staub bedeckt sind.
Foxconn verweist dagegen auf die laufenden Untersuchungen der lokalen Behörden sowie auf eigene "Maßnahmen und Praktiken, um die Gesundheit und Sicherheit" des Personals zu schützen. Allerdings ähnelt das Werk in Chengdu teilweise einer Großbaustelle.
Wo Xiao und ihre Kollegen abends zur Schicht antreten, stapeln sich Zementsäcke, manche der Außenfenster sind mit Schutzfolien verklebt. Drinnen stinke die Luft übel nach Chemikalien, berichtet Wang Hui, 21, ein Arbeitskollege von Xiao. "Einige unserer Kollegen haben rötlichen Ausschlag bekommen."
Insbesondere ein zweiter Bauabschnitt des Werks - er liegt ein paar Kilometer weiter südlich im selben Industriepark - ist großenteils noch ein Rohbau. In den Erdgeschossen der Kolossalanlage verlegen Handwerker häufig noch Rohre und verkleiden Wände, während in den Etagen darüber schon Hundertschaften frisch angeheuerter Arbeiter digitales Zubehör montieren.
Um den dichten Staub auf dem Gelände zu binden, versprühen Tanklaster ständig Wasser. Das Unternehmen will keine Zeit verlieren. Das gibt Konzern-Patriarch Gou auch den Provinzbossen und lokalen Kadern der Kommunistischen Partei zu verstehen, die ihm ihre Städte jeweils als ideale Billigstandorte anpreisen. Ihnen kann Gou praktisch jede Bedingung diktieren.
In Zhengzhou startete Foxconn die Produktion bereits im August 2010, angeblich nur 30 Tage nach der Einigung mit dem Provinzgouverneur. Rund 2000 Bauarbeiter und Techniker malochten rund um die Uhr in je drei Schichten, um die Fabrikgebäude pünktlich fertigzustellen. Der Bau des Werks in Chengdu mit einem Aufwand von zunächst zwei Milliarden Dollar wurde im Juli 2010 offiziell vereinbart, schon im Oktober rollten die ersten Bänder an.
Fast eine halbe Stunde braucht Xiao, um mit dem Werkbus zur Schicht zu fahren. Drei, vier Busse muss sie abwarten, erst dann schafft sie es, sich in eines der mit Foxconn-Pendlern überfüllten Fahrzeuge zu zwängen. Rechts und links der Straße wuchern neue Werks- und Wohngebäude empor. Jeweils sechs Kollegen teilen sich einen Schlafraum.
Vor etwa drei Wochen erst kam Xiao aus einer anderen Gegend Sichuans nach Chengdu. In zehn Bussen hatten die lokalen Kader den Transport von rund tausend neuen Arbeitern zu Foxconn organisiert. Viele von ihnen wurden wie Xiao als sogenannte Praktikanten verpflichtet. Sie verdienen 1240 Yuan im Monat, etwa 135 Euro, wobei die täglichen Überstunden extra vergütet werden.
Die Fabrik ist neu, der Drill blieb der alte: Vor und nach der Schicht treten die Arbeiter in Reih und Glied an und hören den Weisungen ihres Bandaufsehers zu. Rund 800 Kollegen auf einem Stockwerk montieren mit Xiao iPad-Zubehör. Sie sitzt am Ende des Bandes und überprüft, ob ihre Kollegen alle Teile korrekt eingebaut haben. Ihre Augen schmerzen, aber ihr eigener Vorarbeiter treibt sie an.
Während der Schicht darf sich niemand unnötig bewegen. Wer zur Toilette gehen möchte, muss vorher den Aufseher um Erlaubnis bitten. "Das ist jedes Mal peinlich", sagt die kleine Chinesin. Bis Mitternacht arbeiten sie, dann gibt es eine Mahlzeit. Die Unterbrechung dauert eine Stunde. Um drei Uhr morgens dürfen sie noch mal zehn Minuten pausieren.
Offiziell endet die Nachschicht morgens um fünf. Doch fast immer hängen sie dann zwei oder drei Überstunden dran. Nur so kämen sie auf einen Lohn, der zum Leben reicht, sagt Arbeiter Wang, der bald bei Foxconn aufhören will: "Nach Abzug der Kosten für Wohnen und Essen bleiben mir nur 950 Yuan Basislohn", sagt er, rund hundert Euro, "dafür ist die Arbeit bei Foxconn viel zu hart."
Noch erhält der Konzern Rückendeckung von der Obrigkeit. Fast jeder Bewerber bekomme einen Job bei Foxconn, lockt ein Beamter der Arbeitsvermittlung in Chengdu. Nur eine Bedingung gebe es: Bewerber sollten sich unbedingt ihre Tattoos entfernen lassen, bevor sie sich bei der sittenstrengen Firma vorstellen.
An diesem Morgen, wenige Tage nach der Explosion, hat der Beamte bereits 20 junge Frauen angeworben. Mit ihrem kargen Gepäck warten sie, dass ein Mini-Van der Stadt sie zur Fabrik fährt.
Xiao würde gern gehen. Sie hat Angst vor den Vorarbeitern, vor den gesundheitlichen Folgen der Arbeit, vor neuen Explosionen. Von ihrer besorgten Familie wurde sie per Handy zur Rückkehr aufgefordert, erzählt sie. Doch sie kann noch gar nicht weg. Sie muss wenigstens so lange ackern, bis sie das Geld für die Rückreise beisammen hat.
(*) Namen von der Redaktion geändert.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 22/2011
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