30.05.2011

TV-SENDER„20 Jahre sind genug“

Udo Reiter, 67, MDR-Intendant, über seine unerwartete Rücktrittsankündigung
SPIEGEL: Sie sind der erste und einzige Intendant des MDR seit der Gründung des Senders vor 20 Jahren. Nun haben Sie Ihren baldigen Abschied angekündigt. Ein symbolischer Zeitpunkt?
Reiter: Mit Sicherheit. 20 Jahre sind genug. Meine alten Weggefährten, Intendanten wie Jobst Plog oder Fritz Pleitgen, aber auch der frühere ARD-Programmchef Günter Struve sind inzwischen alle weg. Andere sind schon gestorben. Ich muss nicht als letzter öffentlich-rechtlicher Dinosaurier durch die Landschaft ziehen.
SPIEGEL: Ist die ARD rückblickend ein großer Kindergarten, in dem jeder seine Interessen versucht durchzusetzen?
Reiter: Die ARD ist ein Gesamtkunstwerk. Das Erstaunlichste an ihr ist, dass sie überhaupt sendet. Das grenzt an ein Wunder. Wenn neun Anstalten mitreden, kommt man naturgemäß schwer zu einer Entscheidung. Irgendwie hat das dann aber trotzdem immer geklappt.
SPIEGEL: Ist ein Grund für Ihren Rücktritt, dass Sie vor der Reformunfähigkeit der ARD kapitulieren? Sie waren Vorkämpfer für einen Jugendsender. Dessen Einführung gilt als gescheitert.
Reiter: Mir war von Anfang an klar, dass eine solche Forderung illusorisch ist. Auch andere in der ARD wollen so einen Kanal. Aber aus finanziellen und medienpolitischen Gründen ist das in absehbarer Zeit nicht durchsetzbar. Bei mir hat sich da keine Frustration gesammelt.
SPIEGEL: Mancher wertet Ihren Rückzug auch als Konsequenz aus dem möglichen Millionenbetrugsfall beim vom MDR gelenkten Kinderkanal.
Reiter: Im Gegenteil. Ich wollte schon Anfang des Jahres meinen Rücktritt ankündigen. Doch da mochte ich dann doch nicht von Bord gehen, weil die Kika-Sache auf dem Höhepunkt war.
SPIEGEL: Was verdankt Deutschland dem MDR nach 20 Jahren außer Florian Silbereisen und Achim Mentzel?
Reiter: Wir haben ein Stück Wiedervereinigungshilfe geleistet. Jetzt aber haben wir normale Verhältnisse und sind eine ganz normale ARD-Anstalt. Unser Programm von damals ist nicht vergleichbar mit heute, das Ost-Kolorit ist deutlich weniger geworden.

DER SPIEGEL 22/2011
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