30.05.2011

MUSIKJOURNALISMUSIlluminaten im Schaumbad

Wenn Sie noch nicht wissen, wie Sie das neue Lady-Gaga-Album finden sollen - hier die besten Tiefgang-Simulationen.
Vergangene Woche hat die US-Sängerin Lady Gaga, 25, ihr neues Album veröffentlicht. Weit anregender als ihre Autoscooter-Beschallung ist, was deutsche Musikkritiker in das Liedgut hineininterpretieren. Im Folgenden ein Best-of des Gaga-Journalismus mit Originalsätzen aus "FAS", "SZ" und "Welt", "Zeit" und "taz", "FAZ" sowie der Online-Ausgabe des "Rolling Stone", die über jede Grillfest-Gesprächspause hinweghelfen. Am Ende bleibt nur die neidische Frage: Wo gibt's das Zeug, das die Kollegen beim Schreiben geraucht haben müssen?
Born This Way" bietet High-Energy-Discorock-Stampf, Ballermann-La-La, wie es die Holländer in den Achtzigern nicht schlimmer hinbekamen, Vengaboys-artigen Nineties-Viva-TV-Rave und sogar echten Bonnie-Tyler-Deostift-Werbung-Rock … So klar wie auf diesem Album hat lange niemand mehr - sagen wir: seit Julien Greens Tagebüchern und Alain Badious Paulus-Buch - auf katholischem Grund die grundsätzliche Fremdheit von Zeichen und Bezeichnetem inszeniert …
Das Schicksal ist heute eine Idee aus Bits und Bytes und Lady Gaga seine Vestalin … Der Mystizismus, den sie suggeriert, die Symbole, die sie uns zu Füßen legt - sie sollen nur die Sinnlosigkeit unseres Lebens überstrahlen, uns davon ablenken, dass wir alle im Grab von Würmern zerfressen werden …
Was dabei herauskam, ist eine chaotische Bildauflösung, die nur deshalb funktioniert, weil sie jedem ihrer Referenzpunkte haargenau eine eigene Umfanglinie zeichnet … Die Instrumente bleiben immer parteiisch: auf der Seite der Edelhuren, illegaler Einwanderinnen, schlecht erzogener Kinder oder der Nacht. Wobei die Nacht überhaupt zum Ort der reinen Unendlichkeit wird, den man nur im Nichtwissen kennen kann …
Da fehlt das Heute, das morgen schon gestern ist … Leni Riefenstahl trifft auf David Lynch, und Jean Cocteau durfte, schwer berauscht, auch mitmischen … Dass Lady Gaga zum beliebtesten Gegenstand einer abgeflacht in den Mainstream abgewanderten postmodernen Popkritik geworden ist, gehört ja strukturell zur Arbeit der Lady Gaga …
Man hinkt ihr stets auf der Suche nach einem verborgenen Schatz hinterher, der sich zumindest - nur darauf kann man sich bei ihr verlassen - in der Nähe von Warhol, Madonna oder den Illuminaten befindet … Ihr zu folgen setzt ein enigmatisches Grabräuberverständnis voraus. Oder Wikipedia … Die menschliche Kultur infiltrieren, "Paillette für Paillette" … Diese Mode sagt: Mode ist Schwachsinn, sie ergibt nur in ihrer Parodie Sinn. Und der Sinn liegt im Spaß, in der Überraschung, oder, mit einem wahrnehmungsästhetischen Begriff gesagt: in der Plötzlichkeit …
Das heißt auch: die anthropologischen Konstanten mit Design zu ändern … Wenn im Songtitel das Verb "heiraten" vorkommt, darf eine Orgel nicht fehlen. Und so hebt Lady Gaga stimmungsvoll an und erklärt mit angemessenem Ernst, dass sie der Nacht ihre Hand für die Ewigkeit reiche … Natürlich sind diese Szenarien Futter für den Auslegungsfuror der Populärsemiotik. Sie sind offene Werke, die man wie einen Kafka-Text lesen kann: hermeneutisch, psychoanalytisch, strukturalistisch, genderkritisch. Man darf aber auch einfach kapitulieren (oder erschrecken) über diesen ikonografischen Irrsinn …
Das Ganze endet als dialektisches Schaumbad zu dritt, die Aussöhnung von Gut und Böse mit den Mitteln des Whirlpools … Das Saxofon erklingt, Gaga verwandelt sich in ein Zwitterwesen aus Pat Benatar und Bruce Springsteen. Ein schwungvolles Protestlied gegen alle Eltern, die ihrem Nachwuchs modisch inakzeptable Frisuren aufzwängen. Haare müssen frei sein wie der Mensch, oder wie Gaga es formuliert: "I am my hair!" …
Überhaupt sind Autoritäts- und Auteur-Gesten passé. Passend zum diesjährigen McLuhan-Jubiläum darf man noch einmal sagen: Die Message an sich hat ausgespielt … Und selbst die in Sachen Gender-Bending, Kostümtaktik und informiertem kühlem Exhibitionismus vorbildhaft sachverständige Electroclash-Königin Peaches kann, bei aller Sympathie, nicht verstehen, warum "sie so eine Scheißmusik" macht …
Im Leben Lady Gagas etwas aufdecken zu wollen heißt, debil zu werden … Authentizität wird nur von Leuten gefordert, die für das Gegenteil stehen: von Musikkritikern und anderen Intellektuellen … Lady Gaga wird vielmehr sowohl unter-als auch überschätzt. Überschätzt wird sie als postmodern abgefeimte Ruhm- und Spielsüchtige, unterschätzt als ernsthafte, fast altmodisch engagierte Aktivistin für die Rechte und Anerkennung von Minderheiten … Weniger wäre weniger …
Deshalb von hier aus: Glückwunsch! Seit Warhols mystizistischer Schwachsinns-Parodie ist im Whirlpool kafkaesker Edelhuren wohl niemand mehr so riefenstahlgewitternd baden gegangen. Aber man darf ja auch einfach kapitulieren.
Ohne Anspruch auf einen Doktortitel zusammengeklaut von: Thomas Tuma
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 22/2011
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