27.04.1998

Der schwere Abschied

Kaum ein anderes Volk hängt so an seinem Geld wie die Deutschen. Die Währung steht für Wirtschaftswunder und Sicherheit. Bald aber löst der Euro die gute alte Mark ab.
Wenn die Mark geht, dann wird auch Alfons Kössinger, 81, seinen Abschied nehmen: ein deutscher Währungshüter ganz besonderer Art.
Im Alleingang hat der rührige Rentner in den letzten Jahrzehnten eine Gedenkstätte für die Deutsche Mark errichtet - genau auf jenem Dachboden von "Haus Posen" des ehemaligen Fliegerhorstes Rothwesten bei Kassel, wo vor 50 Jahren unter größter Geheimhaltung die Währungsreform vorbereitet wurde.
Nun steht da wieder der lange Eichentisch, an dem elf deutsche Geld-Sachverständige 49 Tage lang vom April bis zum Juni 1948 debattierten. Vom Tor im elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun, mit dem die U. S. Army die Konklave sicherte, ist das Vorhängeschloß erhalten. Von den 23 000 Holzkisten, mit denen die Amerikaner die neuen Scheine transportierten, steht Box 7514 in der Vitrine, mit der Tarnaufschrift "Doorknob" - Türknauf.
Im nächsten Jahr, wenn der Euro zunächst im bargeldlosen Zahlungsverkehr eingesetzt wird, will Kössinger die Verantwortung für die Devotionalien der Mark an einen Jüngeren übergeben, einen Oberstabsfeldwebel a. D. Vor dem Abschied aber, sagt der Leiter und einzige Mitarbeiter des Museums der Währungsreform, "wollen wir die Mark noch einmal richtig feiern".
Der gelernte Automechaniker und ehemalige Kfz-Chef der Kasseler Bereitschaftspolizei hat vom Kanzler und Kanzlerkandidaten abwärts 300 Gäste zum 15. Juni ins Geburtshaus der Mark geladen. Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer hat für den Festvortrag im Offizierskasino zugesagt. Die SPD signalisierte die Teilnahme ihrer Führungsspitzen. Auch Helmut Kohl wird sich den Auftritt an historischer Stätte nicht entgehen lassen.
Noch einmal wird Glanz und Größe der Mark beschworen werden. Die neue Währung war Voraussetzung des Wirtschaftswunders, sie war das Eintrittsgeld, das den Deutschen nach ihrem Nazi-Wahn wieder den Weg in den Kreis der westlichen Zivilisation ebnete. Sie wurde zur Leit- und Ankerwährung in Europa und nach dem Dollar die zweitwichtigste Devise der globalen Finanzmärkte. Mit der Mark, schrieb der britische Finanz-Journalist David Marsh 1992, "herrscht die Bundesbank über ein größeres Gebiet Europas als irgendein deutsches Reich der Geschichte".
Der Abschied von der Mark fällt schwer. Lange waren rund zwei Drittel der Deutschen gegen den Euro - eine der höchsten Ablehnungsquoten in der EU neben Großbritannien, Dänemark und Schweden, die vorerst nicht bei der Währungsunion mitmachen wollen. In diesem Monat erst fiel der Anteil der Euro-Gegner, nach einer "Handelsblatt"-Umfrage, unter die 50-Prozent-Marke.
Für kaum eine andere Nation hat die Währung einen solchen Wert. Die Mark wurde zum Symbol deutscher Stärke und Unabhängigkeit. Was den französischen Nachbarn Gloire und Grandeur repräsentierten, die ruhmvolle Armee und die glorreiche Geschichte, schien für Deutschland durch zwölf Jahre Hitler auf ewig diskreditiert. Nach dem Mißbrauch durch die Nazis standen nationale Symbole von der Fahne bis zum Adler bei den meisten Deutschen nicht mehr hoch im Kurs.
Das Geld, dieses abstrakte, neutrale Nichts, das seine Allmacht nur entfaltet, wenn alle daran glauben, wurde der nationale Nenner der Nachkriegsdeutschen, jedenfalls zunächst im Westen.
Erst kam die Deutsche Mark, dann die Bundesrepublik Deutschland. Am 20. Juni 1948 konnte jeder Bürger der Westzonen 40 Reichsmark in 40 Deutsche Mark umtauschen, knapp ein Jahr später am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verkündet. Der Gründungsmythos des neuen Staates war nicht die Verfassung, sondern das "Wunder der Schaufenster",wie es der Politologe Theodor Eschenburg nannte. Mit der Mark kamen die Waren aus dem Dunkel des Schwarzmarkts wieder in das Licht der Läden.
Dies war die wahre Stunde Null, jeder, der sie bewußt miterlebte, erinnert sich noch daran. Kössinger, der Hüter des Mark-Museums, kaufte für seine vierköpfige Familie Schuhe, das Paar zu zwölf Mark. Gert Fröbe, der 1948 als "Otto Normalverbraucher" zu erstem Filmruhm kam, erstand einen Picknickkoffer für die Außenaufnahmen. Franz Josef Strauß nahm vom ersten Kopfgeld eine bayerische Brotzeit mit Bier zu sich, erwarb eine neue Hose, tankte seinen Mercedes 170 V voll und fuhr zu einer politischen Veranstaltung.
Der Steinmetz Günter Grass flickte in jenen Tagen die Muschelkalkblöcke an der Fassade der Dresdner Bank in Düsseldorf. Durch die Löcher einer Zwischendecke sah er zum erstenmal die Bündel des frischen Geldes. Der Rückblick des Schriftstellers auf 50 Jahre mit dieser Währung ist düster: "Nur das Geld, nur die D-Mark war und ist Maß aller Dinge."
Damals vor einem halben Jahrhundert war der neue Maßstab hoch willkommen. Nach dem verlorenen Krieg galt als Maß aller Dinge die Lucky Strike. 1946 konnte man für eine Schwarzwälder Kuckucksuhr 1000 amerikanische Zigaretten bekommen. Auf die amtlichen Lebensmittelkarten gab es zum Beispiel nur jedes Vierteljahr ein Ei und alle vier Wochen 150 Gramm Fett - im Schnitt pro Tag 1500 Kalorien, die Hälfte des Vorkriegsverbrauchs. Der Wert der Reichsmark tendierte gegen Null.
Die Maßlosigkeit des nationalsozialistischen Anspruchs auf Weltherrschaft, der Verlust jedes moralischen Wertgefühls hatte sich in Mark und Pfennig niedergeschlagen. Aus der Schuld am Krieg waren Kriegsschulden von fast 400 Milliarden Reichsmark geworden, die nun als ungedeckter Geldüberhang zur gigantischen Inflation der Währung geführt hatten. Das jungfräuliche Geld, in Philadelphia nach dem Design des Dollars gedruckt, tilgte auf wunderbare Weise auch diese Schuld. Gereinigt stieg aus dem braunen Sumpf die neue Mark empor.
Andere Nationen können oft nur schwer nachvollziehen, warum die Deutschen so verbissen an ihrer Mark hängen. Auch US-Bürger zum Beispiel halten es für selbstverständlich, daß ihr Dollar Weltgeltung hat. Aber nirgendwo sonst, die Schweiz mit ihrem Franken vielleicht ausgenommen, ist die Sorge um die Stabilität der Währung so allgemeines Volksgut geworden. In seinem Standardwerk über "Die Bundesbank" führt Finanzexperte Marsh die deutsche Obsession "letzlich auf die Vorstellung von Ordnung als Fundament der Staatsmacht zurück". Die stabile Mark sei "ein Fixpunkt in einem Meer von Veränderungen".
Ausgerechnet die ordnungsliebenden Deutschen waren zweimal in diesem Jahrhundert in das Chaos einer zügellosen Inflation gestürzt, die jedesmal mit der fast vollständigen Vernichtung aller Geldvermögen endete.
Auf dem Höhepunkt der ersten Währungskatastrophe im November 1923 war der amtliche Index der Verbraucherpreise seit Jahresanfang nahezu um das Zweimilliardenfache gestiegen. Die Schubkarre ersetzte das Portemonnaie.
Die Geldentwertung hatte begonnen mit der Kriegsfinanzierung durch Staatsanleihen, die allein durch die Hoffnung auf den deutschen Sieg gedeckt waren. Zur Hyper-Inflation kam es, als die Reichsregierung angesichts der alliierten Reparationsforderungen - 132 Milliarden Goldmark zahlbar in 42 Jahresraten - ihre Haushaltsdefizite hemmungslos durch das Drucken immer neuer Geldscheine ausglich.
Im Sommer 1923 spuckten die Notenpressen täglich 60 Billionen Mark aus. Der Umstellungskurs bei der schließlich fälligen Währungsreform zur sogenannten Rentenmark am 15. November 1923 lag bei eins zu einer Billion alter Mark.
Die sagenhafte Geldvernichtung wurde zu einer deutschen Familien-Saga des 20. Jahrhunderts, überliefert von Generation zu Generation als Schauermär vom braven Sparer, der alles verlor, und dem leichtsinnigen Schuldenmacher, der gar noch durch den Währungsschnitt belohnt wurde.
Das Mißtrauen in jede Stabilitäts-Rhetorik sitzt nicht ohne Grund tief. Die stabilste Währung der Welt - das sollte einmal nach dem Willen des Führers die Reichsmark werden. Auf dem Höhepunkt der "Blitzkriegs"-Erfolge 1940 konzipierten Reichsbank und Wirtschaftsministerium für die Nachkriegszeit in Europa einen "Währungsblock" unter Führung der Reichsmark, der "den späteren Ausbau zu einer Währungs- und Zollunion erleichtern" sollte. Auch eine Europabank mit Sitz in Wien war schon geplant.
Die "Sicherstellung des Wertes der deutschen Währung" - dieses Credo jedes Bundesbankers schrieb Hitler 1939 erstmals per Gesetz für eine deutsche Notenbank fest. Es war ein denkwürdiger Augenblick: Kurz zuvor hatte die Reichsbank dem Führer in einem geheimen Memorandum mitgeteilt, die Staatsfinanzen stünden "am Rand des Zusammenbruchs". Die Rechnung kam, wie schon nach dem Ersten Weltkrieg, erst nach der Niederlage.
So wurde nach der zweiten Währungsreform 1948 die Stabilität des Geldes für die meisten Deutschen zu einem Wert an sich. Im Zweifel hatte sie Vorrang vor allen anderen ökonomischen Zielgrößen wie Wirtschaftswachstum oder Arbeitslosenquote. Eine Inflationsrate von über sieben Prozent, das Maximum unter der sozial-liberalen Regierung in den siebziger Jahren, weckte Existenzängste. Ganz im Sinne des Volksempfindens prägte der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Karl Schiller den Lehrsatz: "Stabilität ist nicht alles. Aber ohne Stabilität ist alles nichts."
Den schweren Abschied von der Mark versucht Kanzler Kohl den Wählern nun auch mit dem Versprechen zu versüßen, der Euro werde "so stabil wie die Mark". Sein Finanzminister Theo Waigel nötigte den Euro-Partnern einen "Stabilitäts-Pakt" ab. Dennoch zweifelt noch immer eine - wenn auch langsam schrumpfende - Mehrheit der Deutschen daran, daß die neue Einheitswährung Europas so stabil werden könne wie die gute, alte deutsche Mark.
Ihr Lieblingsstück verdanken die Deutschen den Amerikanern. Im Mai 1946 entwarf eine Expertengruppe der US-Militärregierung den nach ihren Initiatoren Colm-Dodge-Goldsmith (CDG) benannten Plan für eine Währungsreform, mit dem das durch die Schuldenfinanzierung der Nazis aufgeblähte Geldvolumen dem knappen Warenangebot angepaßt werden sollte.
Am 20. April 1948 verfrachtete der US-Colonel Emory Stoker in Bad Homburg eine seltsame Reisegruppe in einen Bus mit undurchsichtigen Scheiben: Deutsche Finanzexperten der "Sonderstelle Geld und Kredit", einen Koch aus Wien, zwei Schreibkräfte, Kellnerinnen und Zimmermädchen sowie eine Friseuse.
Kurz vor Mitternacht erreichte der Bus sein Ziel, ein stacheldrahtbewehrtes Haus im massiven Stil der nazistischen Wehrmachtsarchitektur, einsam an einem waldigen Abhang gelegen. Es war das "Haus Posen" der Kaserne Rothwesten, zum Geburtshaus der Deutschen Mark bestimmt - aber das wußten die Reisenden noch nicht.
Empört inspizierten die Finanzleute unter Führung von Karl Bernard, des gerade ernannten Chefs des Zentralbankrats, ihre Unterkunft mit den Militärpritschen und Gemeinschaftswaschräumen. Colonel Stoker beruhigte sie mit einem Nachtmahl aus in Butter gedünsteten Gurken.
In den 49 Tagen ihrer Rothwestener Konklave stritt der deutsche Elferrat oft erbittert mit den Besatzungsmächten um die Modalitäten der Mark. Die Erstausstattung mit dem neuen Geld, wie sie der CDG-Plan vorsah, schien ihnen zu großzügig - schon damals fürchteten die Deutschen mehr um die Stabilität ihrer Währung als die anderen.
Der gesetzten Runde am Eichentisch saß auf amerikanischer Seite ein 27jähriger Offizier jüdisch-polnischer Herkunft gegenüber, Edward A. Tenenbaum; unter sich nannten die Deutschen ihn den "Tannenbaum". Als brillanter Absolvent der Yale-University hatte er 1942 sein Diplom mit dem Thema "Nationalsozialismus und internationaler Kapitalismus" erworben. Wahrscheinlich war es Tenenbaum, der den Begriff "Deutsche Mark" erfunden hat.
Zum Ende der Dachboden-Sitzungen am 8. Juni 1948 hatten die deutschen Sachverständigen den Westallierten zwar einige Kompromisse abgerungen, doch "alle sachlich wesentlichen Vorschläge" seien abgelehnt worden, klagten sie in ihrem Schlußbericht.
Der wichtigste Punkt, den die Amerikaner als "sozialistisch" verworfen hatten, betraf die Kopplung der Währungsreform mit einem Lastenausgleich. Die Eigentümer von Grundbesitz und Produktionsanlagen hätten nach Meinung des Rothwestener Konklave sofort zu einer Abgabe herangezogen werden müssen, da ihr Vermögen beim Währungsschnitt, der mit eins zu zehn weit milder ausfiel als 1923, unangetastet erhalten blieb. Erst 1952 beschloß der Bundestag ein Lastenausgleichsgesetz, das diesen bevorzugten Bürgern mit einer auf lange Zeit gestreckten Abgabe aber kaum weh tat.
Beleidigt lehnten die kasernierten Experten in ihrer Erklärung jede Haftung für den Erfolg der Mark ab: "Die drei Besatzungsmächte tragen für die Grundsätze und Methoden der Geldreform in ihren Zonen die alleinige Verantwortung."
Am 20. Juni 1949 wurden in den drei Westzonen die ersten Banknoten mit der Aufschrift "Deutsche Mark" ausgegeben - Münzen gab es noch nicht. Sie ersetzten die Scheine der Militärregierung - alle Noten und Münzen mit nazistischen Symbolen oder dem Hitler-Kopf waren schon 1945 ungültig geworden.
Am selben Tag verordnete auch die "Deutsche Wirtschaftskommission" in der sowjetisch besetzten Zone eine Währungsreform. Die Gerüchte von der angeblich unmittelbar bevorstehenden Währungsreform in der Ostzone hatten im Westen die Vorbereitungen für die Einführung einer neuen Währung beschleunigt.
Doch offenbar waren die Russen noch nicht soweit. Das neue Ostgeld mußte eilends in Handarbeit durch Aufkleben eines Kupons auf die alten Scheine hergestellt werden. Erst Ende Juli konnten die Ostdeutschen 70 "Klebe-" oder "Tapetenmark" eins zu eins in "Deutsche Mark der Deutschen Notenbank" umtauschen. Alle vor der Kapitulation aufgelaufenen Sparguthaben waren schon, anders als in den Westzonen, im Mai 1945 gesperrt worden; spätere Bankkonten wurden nun wie die Mark im Verhältnis stufenweise zehn zu eins umgestellt.
Die neue Mark markierte die Teilung Deutschlands, auch wenn sie durch die Konfrontation der Machtblöcke und Wirtschafts-Systeme schon längst vorgezeichnet war. Die Blockade West-Berlins durch die Sowjetunion machte die Trennlinie zwischen Ost und West deutlich - sie folgte unmittelbar auf einen Konflikt um den Geltungsbereich des neuen Geldes. Die Russen erklärten die Ost-Mark zur Währung von Groß-Berlin, die Westmächte proklamierten darauf ihre Sektoren zum D-Mark-Gebiet.
Doch nicht nur das neue Geld trennte Deutsche von Deutschen. In den drei Westzonen begann mit der Mark auch die Marktwirtschaft. Der Wirtschaftsdirektor der provisorischen deutschen Verwaltung in Frankfurt, Ludwig Erhard, hob zugleich mit der Währungsreform die Preisbindung für 90 Prozent aller Waren auf.
Die Maßnahme hatte er weder mit seinen deutschen Beratern noch mit den Siegermächten abgesprochen. Der US-Militärgouverneur Lucius D. Clay zitierte den eigenmächtigen Direktor ins Hauptquartier: Ob Erhard nicht wisse, daß die Alliierten jede Änderung der Bewirtschaftungsordnung genehmigen müßten? Kühn gab der Deutsche zurück: "Ich habe nichts verändert, ich habe sie aufgehoben."
Ohne den eigenwilligen Erhard wäre der Start der Mark kaum so eindrucksvoll gewesen. Die freie Preiskalkulation erlaubte Profite, die bisher nur heimlich auf dem Schwarzmarkt zu erzielen gewesen waren. Die gehorteten Waren füllten auf einen Schlag die Läden. Die Geschäfte dieser Juni-Wochen machten die ersten deutschen Unternehmer zu Mark-Millionären.
Dieses Warenwunder verlor jedoch schnell seinen Glanz. Die befreiten Preise stiegen. Gleich in ihrem ersten Halbjahr verlor die Mark elf Prozent ihres Wertes. Zur hohen Inflationsrate kam auch noch eine steigende Arbeitslosenquote von schließlich 13,5 Prozent im Februar 1950. Erhards Mark- und Markt-Kurs war heftig umstritten. Neun Millionen Arbeitnehmer folgten dem Aufruf der Gewerkschaften zum Generalstreik gegen die "Wirtschaftspolitik der Volksausbeutung".
Doch dann begann das Wirtschaftswunder und überwältigte auch die Skeptiker der neuen Währungs- und Wirtschaftsordnung. Den stärksten Anstoß zum Aufschwung verdankten die Deutschen dem neuen Ost-West-Konflikt, der in Korea zum Krieg eskaliert war.
Die US-Industrie schaltete auf Rüstungsproduktion um, und die noch unbewaffnete Bundesrepublik konnte mit ihrer anlaufenden Friedens-Industrie in die Lücke auf dem Weltmarkt stoßen. Die deutsche Exportwirtschaft profitierte zudem von einem für sie äußerst günstigen Wechselkurs der Mark.
Nach anfangs 3,33 Mark pro Dollar hatten die Allierten den Kurs am 19. September 1949 auf 4 Mark 20 festgelegt, wie einst zu Reichsmarkzeiten vor dem Ersten Weltkrieg. Beim Umtausch ihrer Dollar-Exporterlöse erhielten die deutschen Firmen in Mark weit mehr, als der Kaufkraftparität und dem Kostenniveau angemessen war - der Wechselkurs wirkte für über ein Jahrzehnt wie eine Exportsubvention.
Durch nichts als die Hoffnung auf eine bessere Zukunft war die Deutsche Mark bei ihrer Einführung gedeckt - es gab weder Gold- noch Devisenreserven. Nun sammelte die Bank deutscher Länder den Gegenwert der Exportüberschüsse auf ihren Konten; allein von 1952 bis 1958 stiegen die Devisenreserven um das 17fache auf umgerechnet 26,1 Milliarden Mark.
Die Mark wurde härter und härter. 1954 durften die Bundesbürger erstmals 1500 Mark pro Jahr in Devisen ihrer Wahl umtauschen. Urlaubsreisen ins Ausland wurden auch für Normalverbraucher bezahlbar. Wie Kanzler Konrad Adenauer, der in Cadenabbia am Comer See mit Pepita-Hütchen Boccia spielte, zog es die meisten Westdeutschen zuerst gen Italien, zum Kurs von 6,66 Mark für 1000 Lire. 1958 fielen alle Devisenbeschränkungen, die Mark wurde frei umtauschbar wie bisher nur der Dollar und bestärkte das Gefühl: "Wir sind wieder wer."
In Mark und Pfennig zahlte sich der Fleiß aus, und das Maß aller Dinge wurde das Mittel, mit dem sich die Deutschen alle die Dinge kaufen konnten, die den Mythos der Mark begründeten. In Wellen bewegte sich das Wirtschaftswunder voran: Freß-, Bekleidungs-, Motorisierungs- und Reisewelle. Die Imperien von Unternehmern gingen auf mit den Wunderwellen - und oft auch wieder unter: der Versandhauskönig Josef Neckermann, der Auto-Diktator Carl Borgward, der Radio-Regent Max Grundig.
Erfolg kann gefährlich sein, diese Lektion des Wirtschaftswunders lernten die Deutschen nur mühsam. Anfang der sechziger Jahre bedrohte ausgerechnet der enorme Exportüberschuß der westdeutschen Wirtschaft die Stabilität der Mark. In Massen flossen die Devisen zur Bundesbank, die Hochkonjunktur im Inland führte zu steigenden Inflationsraten.
Gegen den erbitterten Widerstand der Industrie, die um ihre leichten Exporte fürchtete, plädierte Erhard zum erstenmal für eine Aufwertung - auf 3,90 Mark. "Nehmen wir vier D-Mark für einen Dollar", entschied Adenauer im März 1961, "dat is ne runde Zahl, dat läßt sich leichter rechnen."
Der Kurs der Mark und der Kampf um ihre Stabilität bestimmte fortan mit über das Schicksal der Kanzler und ihrer Regierungen. Nach der Aufwertung von 1961 geriet die Zahlungsbilanz der Bundesrepublik mehrmals ins Defizit. Zum erstenmal erlebte das Wirtschaftswunderland eine leichte Rezession - gerade unter der Kanzlerschaft ihres Mark-Meisters Erhard. 1966 wies sein Haushalt ein - heute lächerliches - Defizit von zwei Milliarden Mark auf. Die Inflation überschritt die Marke von 3,5 Prozent.
Die Bundesbank, allein der Stabilität der Mark verpflichtet, erhöhte im Gegenzug die Zinsen und verstärkte damit die Rezession. Der Vater des Wirtschaftswunders schien so selbst auf seinem ureigensten Gebiet zu versagen und mußte zurücktreten.
Das Ende der Wirtschaftswunder-Ära war für die deutsche Währung eine Wendemarke. Die Mark wurde so stark wie nie zuvor, und gerade damit begann auch die Geschichte vom Ende der Mark.
Ihre Stärke verdankte die Mark besonders dem Niedergang des Dollar. Unter den Präsidenten Lyndon B. Johnson und Richard Nixon hatten die USA begonnen, die zunehmenden Lasten des Vietnamkriegs auf bequeme Art zu finanzieren - durch wachsende Produktion von Dollar-Scheinen. Das internationale Währungssystem, 1944 im US-Kurort Bretton Woods beschlossen, erlaubte es den Amerikanern, die anderen Mitglieder praktisch zur Finanzierung des US-Defizits zu zwingen. Die Notenbanken waren verpflichtet, für feste Wechselkurse zur Leitwährung Dollar zu sorgen. Bei dem internationalen Überangebot an US-Geld mußten die Mitglieder bald ungeheure Mengen von Dollar ankaufen, um den Kurs nicht sinken zu lassen.
Als die US-Regierung auch noch die Zinsen unter das Niveau der meisten anderen Länder senkte, begann eine regelrechte Kapitalflucht aus dem Dollar. Bevorzugtes Ziel der Anleger war die starke Mark. Allein zwischen 1969 und 1972 erhöhten sich die Dollar-Bestände der Bundesbank von umgerechnet 5,9 auf 52,7 Milliarden Mark.
Gerade die Stärke der Mark ist aber auch ein Risiko für ihre Stabilität. Der Kapitalstrom aus dem Ausland blähte gegen den Willen der Bundesbank die Geldmenge auf. Dem Inflationspotential versuchten die Hüter der Mark mit Kreditrestriktionen entgegenzuwirken, die aber schnell zur Bremse für die Konjunktur werden konnten oder - wie höhere Zinsen - noch mehr Dollar anlockten.
Währungspolitik wurde zum Wahlkampfthema. Schiller und Strauß, als "Plisch und Plum" in der Großen Koalition unter CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger noch das Traumpaar aus Wirtschafts- und Finanzministerium, stritten 1969 heftig um eine Aufwertung der Mark, die einiges vom Dollar-Druck weggenommen hätte. Strauß hielt stur am alten Kurs fest, Schiller profilierte sich wortreich als ein Ludwig Erhard in Rot.
Die währungspolitische Inflexibilität trug nicht wenig zum Ende der Unions-Herrschaft 1969 in Bonn bei. Schiller allerdings schied nur drei Jahre später, 1972, beleidigt aus dem Amt. Nun hatte sich der sozialdemokratische Kanzler Willy Brandt einer weiteren Aufwertung widersetzt - obwohl Schiller für den unbeliebten Kurswechsel der Mark den Begriff "floaten" erfunden hatte.
Doch das starre System von Bretton Woods war gegen die Dollar-Flut nicht mehr zu halten. 1973 gaben die damals neun EG-Staaten den Kurs ihrer Währungen gegenüber dem Dollar frei. Die wahre Stärke der Mark wurde nun offen an der Devisen-Börse notiert: Nur noch 2,66 Mark war ein US-Dollar wert.
Zugleich aber entstand der erste Plan für das Ende der Mark als einer eigenständigen Währung. Schon 1969 hatte die EG den luxemburgischen Regierungschef Pierre Werner beauftragt, die monetäre Integration der EG vorzubereiten.
Der "Werner-Plan" sollte in seiner dritten, für 1980 vorgesehenen Stufe alle EG-Währungen mit unveränderlichen Kursen aneinander binden, gestützt durch eine zentralgesteuerte Kredit- und Geldpolitik. Dem Namen nach würden so die Mitgliedswährungen noch weiter existieren - doch in einem europäisierten Verbundsystem, das dem Euro schon recht nahe kam.
Über seine erste unverbindliche Stufe hinaus wurde der Werner-Plan nicht umgesetzt. Das Durcheinander auf den Devisenmärkten Anfang der siebziger Jahre war einem strikten Festkurs-System nicht gerade förderlich. Die EG-Länder konnten sich nur auf eine Bandbreite von zunächst 2,25 Prozent einigen, um die ihre Wechselkurse nach oben und unten schwanken durften.
Die "Schlange", wie diese Brüsseler Schöpfung hieß, verlor bald wichtige Mitglieder, deren Währungen zu sehr schlingerten: Großbritannien, Italien und Frankreich. Zurück blieb ein sogenannter D-Mark-Block kleinerer Länder, die sich der stabilitätspolitischen Führung der Bundesbank stillschweigend anschlossen.
1979 wurde der Wechselkursverbund im Europäischen Währungssystem (EWS) schrittweise wieder auf alle Mitglieder der Gemeinschaft ausgedehnt - manche mußten wie Italien und Großbritannien freilich den Club wieder verlassen.
Erst 1988 setzte die EU das Thema einer gemeinsamen Währung wieder auf die Tagesordnung, im Juni 1989 beschlossen die Staats- und Regierungschefs die erste Stufe einer Wirtschafts- und Währungsunion zur Mitte des Jahres 1990. Das Ende der Mark und der Anfang mit dem Euro sollte dann schneller kommen als gedacht - die unverhoffte Vereinigung Deutschlands änderte die politische Berechnungsgrundlage (siehe Seite 108).
Am 1. Juli 1990 feierten die Deutschen keine europäische, sondern eine deutschdeutsche Währungsunion. Noch einmal war es ein Triumph der Mark. Wie bei der Währungsreform im Westen 1948 füllten sich über Nacht die kargen Regale der HO-Läden.
Fast wie eine Drohung hatte der Ruf der Demonstranten geklungen: "Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr." Mit der Ankündigung der baldigen Mark-Ankunft hatte die CDU die ersten und letzten freien Volkskammer-Wahlen im März 1990 gewonnen.
Die von der Bundesregierung aus politischen Gründen bestimmten Umtauschkurse lösten in der Bundesbank schieres Entsetzen aus. Der Kaufkraft hätte in etwa ein Kurs von fünf DDR-Mark zu einer Mark entsprochen. Nun wurden Löhne, Gehälter und Renten sowie Bankkonten bis höchstens 6000 Mark 1:1 umgestellt, andere Guthaben und Schulden 2:1. Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl nannte das Ergebnis der Währungsunion in einer Rede auf englisch ein "disaster" und trat Ende Juli 1991 zurück.
Daß dem ersten Kaufrausch nicht wie einst ein langes Wirtschaftswunder folgte, lag am katastrophalen Zustand der DDR-Industrie, aber auch an diesen ökonomisch unrealistischen Kursen. Die überhöhten Wechselkurse versetzten den Staatsbetrieben der DDR einen Schlag, der einer Währungsaufwertung von mehreren hundert Prozent entsprach. Das hätte selbst die westdeutsche Industrie nicht verkraftet.
Nicht überall wird Trauer herrschen, wenn die Mark für immer aus dem Verkehr gezogen wird. Für viele Ostdeutsche ist der Mythos der Mark bald verblaßt, weil sie auch die zerstörerische Seite der Mark-Macht kennenlernten. Sie sind dem Euro gegenüber weit weniger skeptisch als die Westdeutschen.
Und viele europäische Nachbarn warten nur auf das Ende des "Mark-Chauvinismus", der verhaßten "Idee Tietmeyer", wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu die Stabilitätsherrschaft der Bundesbank über Europa nannte.
Nach dem 30. Juni 2002 wird die große Währung endlich klitzeklein gemacht. 2,6 Milliarden Scheine sind zu beseitigen. Kein Problem für die Bundesbank - sie hat Erfahrung in der Geldvernichtung. Ein Drittel der umlaufenden Noten wird jährlich aus dem Verkehr gezogen, weil sie den deutschen Ansprüchen an eine saubere Währung nicht entsprechen.
Hartmetallwalzen aus Wolfram-Karbid-Kobalt zerfetzen in den Spezial-Shreddern der Landeszentralbanken jeden Schein in 800 Schnipsel. Gute 2000 Tonnen, die einmal 250 Milliarden Mark wert waren, müssen 2002 gehäckselt werden. Auf den Papierschnitzeln ist noch ein Rest von Mark zu erkennen. Doch dann naht des endgültige Ende: Zum Brikett gepreßt oder im schlichten Müllsack auf der Deponie.
Vielleicht aber kann sich die Mark noch einmal nützlich erweisen. Nach den Studien einer Umweltschutzfirma in Ganderkesee bei Bremen eignen sich die Schnipsel vorzüglich als Kompostbeigabe zum Biomüll. Nach acht Wochen unter Kartoffelschalen und Essensresten haben sich auch die letzten Bestandteile der Mark aufgelöst.
Michael Schmidt-Klingenberg
[Grafiktext]
Chronik der Mark
Binnenwert einzelner Währungen gegenüber 1948
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Chronik der Mark
Binnenwert einzelner Währungen gegenüber 1948
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DER SPIEGEL 18/1998
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