04.05.1998

DOPING„Jeden Tag einen dicken Hals“

Das deutsche Doping ist längst kein Fall mehr für Sportrichter. In Berlin sind Trainer wegen Körperverletzung angeklagt, Fahnder verdächtigen westdeutsche Funktionäre der Strafvereitelung - und womöglich war auch Erpressung mit im Spiel.
Sieben Jahre, sechs Monate und 13 Tage nach der Vereinigung von Ost und West rückten Berliner Fahnder im Süden von Sachsen an. In der Bavaria-Klinik von Kreischa, der ehemaligen Spezialklinik für Spitzensportler der DDR, beschlagnahmten Kripo-Beamte kartonweise brisante Dokumente - darunter Patientenkarteien von Olympiasiegern, die ihren Ruhm mit gravierenden Körperschäden bezahlt hatten. Die Krankenakte der Diskus-Weltmeisterin Martina Hellmann beschrieb etwa schwerwiegende Leberprobleme, "nach drei- bis vierwöchiger Exposition von Oral-Turinabol".
Zehn Tage zuvor, am 6. April, waren die Fahnder bereits in Frankfurt am Main aufgekreuzt. Vor der Zentrale des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) beluden sie einen Lastwagen mit rund 20 eigenhändig gepackten Kartons voller Unterlagen. "Wenn wir vorher gewußt hätten, was dort alles liegt", stellte ein Polizeibeamter nach der ersten Auswertung fest, "hätten wir uns viele Jahre der Ermittlungsarbeit ersparen können."
Das von den Westfunktionären gehortete Material des ehemaligen NOK der DDR gab Auskunft über Befehlsstrukturen im Leistungssport des Arbeiter-und-Bauern-Staats, über Ärzte, Trainer und Athleten der Olympiakader - Informationen eben, die vor vier Jahren, als die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (Zerv) ihre Suche nach den Schuldigen für Körperverletzungen im ehemaligen DDR-Sport begann, dringend benötigt wurden.
Doch NOK-Chef Walther Tröger, dem mit der Vereinigung ein Heer medaillen-
tauglicher Athleten zugewachsen war, hatte es nicht für nötig befunden, die Berliner Staatsanwaltschaft auf seinen Schatz im Keller hinzuweisen. Den Fahndern bescherte er damit eine unnötige, mühsame Puzzlearbeit.
Zwar ist die ermittelnde Staatsanwaltschaft überzeugt, daß Anabolikamast und Menschenversuche wesentlich zur Entstehung des ehemaligen Medaillen-Wunderlands beigetragen haben. Doch gerichtsfeste, wie jetzt in Kreischa gefundene, Beweise blieben lange Zeit rar:
Viele Dokumente landeten zur Wendezeit im Papierschredder; später blockierten die Nachfolgeorganisationen aus dem Westen die Arbeit der Aufklärer. Dennoch konnten die Zerv-Mitarbeiter bisher über 700 Beschuldigte herausfiltern. Die zu erwartenden Prozesse werden die Justiz bis ins nächste Jahrtausend beschäftigen. Die ersten vier Trainer und zwei Ärzte stehen derzeit als Angeklagte in Berlin vor Gericht.
Am Mittwoch werden vor der 34. Großen Strafkammer des Landgerichts Moabit die bisher unappetitlichsten Vorwürfe zur Sprache kommen. Dann sagen mit den ehemaligen Schwimmerinnen Carola Beraktschjan, 36, und Birgit Matz, 35, zwei Frauen aus, die besonders stark unter der Einnahme der künstlichen Hormone gelitten haben. Beide haben bereits vor der Polizei über die virilisierenden und zum Teil irreversiblen Folgen berichtet. Und beide haben für die Anklage besonderes Gewicht, weil ihren Aussagen hohe Glaubwürdigkeit beigemessen wird: Beraktschjan arbeitet heute als Beamtin bei einer Sozialbehörde, Matz ist selbst Kriminalpolizistin.
Allen voran wird in Berlin Schwimmtrainer Rolf Gläser, 58, einst beim SC Dynamo Berlin einer der prominentesten Weltrekordproduzenten, immer stärker belastet. Der gebürtige Dresdner war vor zwei Wochen von der ehemaligen Schülerin Christiane Knacke-Sommer, 36, als Manipulator ohne Skrupel entlarvt worden.
Die heute in Österreich wohnende ehemalige Weltrekordlerin hatte schon vor knapp 20 Jahren ihrem Tagebuch die Probleme mit der übermäßigen Anabolikamast anvertraut. 1978 durfte sie nicht mit zur Weltmeisterschaft fahren, weil eine Urinprobe einen zu hohen Hormonspiegel gezeigt hatte. "Scheiße!!" schrieb sie ins Tagebuch, "noch voll im Stoff!!"
Die Berichte der geschädigten Athletinnen werfen nicht nur einen Schatten auf ein Sportsystem, dem nahezu jedes Mittel recht war, um junge Mädchen zu kräftigen Weltmeisterinnen zu drillen. Sie sind gleichzeitig auch Belege für eine total mißglückte Vereinigung.
In keinem anderen Bereich der Gesellschaft kümmerte sich das vereinigte Deutschland so wenig um die Opfer des DDR-Systems. Wider besseres Wissen setzten Vereine und Verbände auf alte, erfolgversprechende Aktivisten. Wissenschaftler erhielten trotz ihrer Teilnahme an den Menschenversuchen neue Jobs, belastete Trainer bekamen wieder Anstellungen, und Ärzte durften weiter am Sportler werkeln.
Niemand störte sich ernsthaft an der Vergangenheit der Manipulateure - zu groß war die Euphorie der jahrelang gedemütigten Funktionäre aus dem Westen, als am 3. Oktober 1990 mit einem Federstrich des Bundeskanzlers der geheimnisvollste Sportstaat der Welt in ihre Hände fiel. Politiker aus Bund und Ländern schwangen sich zu Zahlmeistern auf, konnte man sich doch mit Athleten wie Katrin Krabbe und Heike Drechsler, Franziska van Almsick und Jan Ullrich als neuen Idolen eines neuen großen Vaterlandes schmücken.
Die Vereinigung der beiden Sportsysteme wurde auf diesem Weg zu einem Musterfall deutscher Vergangenheitsbewältigung aus Verdrängen und Vergessen. Während etwa in Kanada nach dem Anabolikafall des 100-Meter-Olympiasiegers Ben Johnson eine regierungsferne Kommission öffentlich tagte, anschließend Johnsons Coach lebenslang sperrte und sein Arzt Behandlungsverbot erhielt, durften in Deutschland die Doktoren und Trainer weiter wirken, die junge, zum Teil erst 14jährige Mädchen mit Pillen zu Mannweibern gemacht hatten.
Angesichts der zähen Kooperation mit den Verbandsführern wächst bei den Zerv-Ermittlern der Unmut. Dachten sie bisher, die Funktionäre seien einfach nur unwillig, bei der Aufklärungsarbeit zu helfen, so erhärtet sich nun die Vermutung, daß Verbände bewußt Informationen über Sporttäter zurückgehalten oder unterdrückt haben. Und vermuteten die Fahnder Beweismittel zunächst nur in den neuen Ländern, so werden sie jetzt auch im Westen nach Belegen für das Staatsdoping in der DDR suchen.
Wenn er an die Zusammenarbeit mit den Sportverbänden erinnert werde, sagt ein leitender Zerv-Ermittler, "bekomme ich jeden Tag einen dicken Hals". Mehrfach waren in den vergangenen Jahren die Verbände um Mitarbeit gebeten worden, doch die Haltung sei "übereinstimmend ablehnend" gewesen, beschwerte sich Kriminalhauptkommissar Hippe schriftlich beim Deutschen Sportbund (DSB).
Monat für Monat verbrachten die Ermittler damit herauszufinden, wer Rechtsnachfolger der DDR-Sportverbände ist, um dort nach Material suchen zu können. Überall blitzten sie ab - was zum Teil bizarre Folgen zeitigte.
Den Bericht der vom Bundesinnenminister 1991 eingerichteten "Unabhängigen Doping-Kommission" bekam die Kripo weder aus Bonn noch von den Verbänden ausgehändigt. Der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke, der seine Freizeit der Dopingaufklärung gewidmet hat, stellte schließlich ein Exemplar zur Verfügung.
Noch länger dauerte es, bis die Kriminalbeamten auf die Ergebnisse der "ad-hoc-Kommission" zurückgreifen konnten. Dieses DSB-Gremium unter Vorsitz des späteren Präsidenten Manfred von Richthofen gab vor, sich um Einzelfälle kümmern zu wollen - auch die Zerv hätte die Geschichten der Sportopfer gern genutzt, um gegen die Täter vorzugehen. Sie bemühte sich vergeblich um die Akten. Erst als die Fahnder vor vier Wochen aufgrund einer richterlichen Anordnung das NOK durchsuchten, wurde es dem DSB zu mulmig. Ein Mitarbeiter, aufgescheucht durch die Vorgänge in seiner Nachbarschaft, überreichte dem Berliner Staatsanwalt in Frankfurt am Main einen Stapel mit Protokollen.
Nur langsam wurde den Kripo-Beamten klar, warum sie von den Verbänden keine Mithilfe erwarten durften: Jetzt gilt als sicher, daß westdeutsche Sportführer schon zum Zeitpunkt, als es die DDR noch gab, detailliert über die Dopingwirklichkeit im Osten informiert waren. Überläufer wie der Turner Wolfgang Thüne, die Leichtathletin Renate Neufeld oder der Skispringer Hans-Georg Aschenbach hatten über die kräftigende Wirkung der blauen Pillen berichtet. Der Hallenser Sportmediziner Alois Mader hielt nach seiner Flucht Vorträge über das flächendeckende Anabolikaprogramm in der DDR.
Auch der Bundesnachrichtendienst versorgte die Westdeutschen regelmäßig mit Neuigkeiten von drüben. Am 21. Oktober 1988 etwa informierte der BND ("VS-Vertraulich") den damaligen NOK-Präsidenten Willi Daume über die Verschärfung des "Feindbilddenkens" im Osten. Grund für das verhärtete Klima sei, daß das "eigene Sportsystem weitgehend an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gestoßen" sei.
Im übrigen, so berichtete der BND, müsse man sich auf einen Personalwechsel einstellen, da DDR-Sportführer Manfred Ewald wegen einer "alkoholbedingten Leberzirrhose" ausscheiden würde.
Die DDR fürchtete mit jedem Überläufer, so belegen Dokumente des Ministeriums für Staatsicherheit, einen internationalen Generalangriff der Brüder aus dem Westen. Doch der Klassenfeind hielt still.
So wuchs eine Sportkumpanei aus Ost und West heran, welche die Wende überlebte - und die nun die Polizeiarbeit behindert. Die Zerv-Leute wurden da als lästige Eindringlinge empfunden. Denn nachdem die Dopingkommissionen Anfang der neunziger Jahre die Öffentlichkeit mit beschwichtigenden Stellungnahmen beruhigt hatten, gingen die Fachverbände schnell zur alten Praxis über: Eingestellt und engagiert wurden primär Experten, die sportlichen Erfolg verhießen und leistungsstarke Klientel mit einbringen konnten.
Der Deutsche Leichtathletik-Verband gab über einem Dutzend belasteter Trainer Verträge. Von einigen war bekannt, daß sie am Teenager-Dopingprogramm teilgenommen hatten - das störte jedoch kaum jemanden. Im Zweifelsfall reichte die Ausstellung einer günstigen "Sozialprognose" als Persilschein für die Fortführung der Karriere aus. Jetzt werden viele dieser Experten von der Staatsanwaltschaft als Beschuldigte geführt.
Der ehrenwerte Turnerbund stand dem nicht nach. Als sich der Mainzer Sportmediziner Klaus Jung als Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses in die DDR-Materie eingearbeitet hatte, kam der Professor zu einem scharfen Resümee: "Manches von dem, was hier passiert ist, steht den Greueltaten des Dritten Reiches in keiner Weise nach." Die Entrüstung verpuffte schnell. Auf Drängen von Landesverbänden wurde etwa Gudrun Fröhner, eine vielfach belastete Sportmedizinerin aus Leipzig, in die Riege des DTB aufgenommen.
Am ärgsten aber trieben es die Schwimmer. Durch eine Vielzahl von Veröffentlichungen war das ganze Ausmaß der Dopingverseuchung schon zur Wendezeit allseits bekannt. Jeder Spitzentrainer der DDR, soviel war sicher, hatte sich an der Menschenmanipulation beteiligt.
Um die Form zu wahren, ließ sich der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) dennoch von seinem Personal - etwa von Bundesstützpunkttrainer Volker Frischke - Arbeitsverträge mit dem Passus "Bekämpfung des Dopings" unterschreiben. Darin wurde festgehalten, daß das "Verschweigen von zurückliegenden Verstößen" zur Kündigung führen könne. Damit glaubte der DSV seinen Beitrag zur Aufarbeitung geleistet zu haben.
Nun sitzt auch Frischke in Berlin auf der Anklagebank - neben ihm hat Dieter Lindemann Platz gefunden. Der Dynamo-Trainer hatte am 10. Juli 1991 eine Erklärung unterzeichnet, "daß ich zu keinem Zeitpunkt den von mir betreuten Schwimmerinnen Dopingmittel verabreicht" habe.
Lindemann wurde gebraucht - schließlich hatte er Wunderschwimmerin Franziska van Almsick unter seinen Fittichen. Und als Anerkennung für seine Verdienste um einen der ersten gesamtdeutschen Sportstars wurde ihm gar noch ein Preis der Deutschen Sporthilfe überreicht.
Eingedenk dieser verlogenen Haltung der Sportfunktionäre sehen es die Fahnder mit einer gewissen Schadenfreude, wenn ihnen nun schon mal - quasi als Nebenprodukt ihrer Ermittlungen - Unterlagen in die Hände fallen, die ein unschönes Licht auf das Geschäftsgebaren des NOK werfen. So fanden sie eine Notiz des Bundesrechnungshofs, die besagt, daß das NOK die
Reisenkostenordnung "kaum beachtet". Auch auf Kurzstrecken - etwa zwischen Köln und Frankfurt am Main - würden die hohen Herren für gewöhnlich das Flugzeug und nicht die Bahn nehmen.
Die jüngsten, unerwarteten Aktenfunde haben unter den Zerv-Beamten in den letzten Tagen die Überlegung reifen lassen, die deutschen Funktionäre wegen ihrer Blockadepolitik zu belangen. Vorerst hat man jedoch davon abgesehen, Verfahren wegen Urkundenunterdrückung oder Strafvereitelung im Amt einzuleiten. Die Fahnder müßten den Sportführern Vorsatz nachweisen, und das fällt ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt - noch - schwer.
Möglicherweise aber hatte die unterlassene Mithilfe auch einen ganz gewöhnlichen kriminellen Hintergrund. Das insinuiert jedenfalls eine weitere Spur, welche die Zerv verfolgt. Danach schließt die Kripo eine "Erpressung zum Nachteil von Daume" nicht mehr aus.
Ein Zeuge des Vereinigungsprozesses hatte bei der Zerv ausgesagt, daß führende DDR-Sportführer dem langjährigen westdeutschen Olympiachef Daume (er starb 1996) gedroht hätten, einen detaillierten Enthüllungsbericht über den deutsch-deutschen Sportsumpf zu erstellen - sollten es die Wessis wagen, über den DDR-Sport auszupacken.
* Christiane Knacke (2. v. l.) * Karin Balzer, bei einer Sportlerehrung 1996 in Chemnitz.

DER SPIEGEL 19/1998
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