06.06.2011

JUGEND„Meine Mutter hat versagt“

Sabrina Tophofen, 29, Zahntechnische Assistentin aus Köln, über ihr Leben als Straßenkind
SPIEGEL: Sie sind mit elf aus dem Kinderheim abgehauen und haben sieben Jahre lang auf der Straße gelebt. Wie ging das?
Tophofen: Ich habe Lebensmittel im Supermarkt geklaut. Und im alten Kaufhof in Köln gab es ein Restaurant, da habe ich mir manchmal Kartoffeln in die Jackentasche gesteckt. Ich hatte aber auch Freunde, die Geld und Essen von der Fürsorge bekamen und mit mir teilten.
SPIEGEL: Wo haben Sie geschlafen?
Tophofen: Manchmal haben uns Streetworker Zimmer organisiert. Aber im Grunde habe ich nie richtig geschlafen. Tagsüber habe ich mich ab und zu hingehockt, die Knie angezogen und meinen Kopf daraufgelegt. Gewaschen habe ich mich in öffentlichen Toiletten.
SPIEGEL: Warum waren Sie damals ins Heim gekommen?
Tophofen: Mein Vater hat mich körperlich und sexuell misshandelt. Als ich zehn war, habe ich ihn angezeigt. Das Jugendamt hat mich ins Heim gebracht.
SPIEGEL: Dort hielten Sie es nicht aus?
Tophofen: Die anderen Mädchen haben mich gequält. Einmal fesselten sie mich an einen Stuhl und rasierten mir die Haare ab. Ich konnte dort nicht bleiben.
SPIEGEL: Wie ist es möglich, dass eine Elfjährige in Deutschland obdachlos ist?
Tophofen: Ich kann es bis heute nicht begreifen. Der Einzige, der sich für mein Schicksal interessierte, war ein Polizist. Er war sehr nett zu mir, konnte aber nicht viel tun: Da ich unter 14 war, konnten sie mich nicht ins Gefängnis stecken, obwohl ich oft straffällig wurde.
SPIEGEL: Was war das Schlimmste?
Tophofen: Die Angst, nie wieder ein richtiges Zuhause, eine Familie zu haben.
SPIEGEL: Es gab eine Zeit, in der Sie aufgegeben hatten.
Tophofen: Als ich 13 war, wollte ich mich mit Drogen umbringen, das zweite Mal habe ich versucht, mich zu erhängen. Ich wollte mich wohl auch an meiner Familie rächen und zeigen, was passiert, wenn man ein Kind so behandelt. Ich habe mir vorgestellt, wie sie um mich weinen.
SPIEGEL: Verzeihen Sie Ihren Eltern?
Tophofen: Jahre später hat meine Mutter sich entschuldigt. Eine Zeitlang war das für mich eine Erleichterung. Aber heute ist mir klar: Sie hat vollkommen versagt.
SPIEGEL: Sie haben mit 20 angefangen, die Schule nachzuholen. Wie sind Sie von der Straße weggekommen?
Tophofen: Aus eigener Kraft und durch die Unterstützung meines jetzigen Mannes. Er hat mich ermutigt, noch einmal zur Schule zu gehen.
Sabrina Tophofen, Veronika Vattrodt: "So lange bin ich vogelfrei". Arena Verlag, Würzburg; 176 Seiten; 9,95 Euro.

DER SPIEGEL 23/2011
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