06.06.2011

LANDWIRTSCHAFTBeweise ohne Wirkung

Die deutschen Bauern leiden unter der Ehec-Seuche, die Verbraucher lassen das Gemüse liegen. Nun hoffen die Landwirte auf Hilfe aus Brüssel.
Die Sauberkeit seines Gemüses könne er ziemlich einfach beweisen, sagt Rudolf Behr - durch seine Mitarbeiter. Die nähmen täglich etwas davon mit nach Hause. "Wenn da was dran wär, dann hätte hier die Scheißerei hoch drei sein müssen."
Seinen Arbeitern aus Polen und Rumänien gehe es jedoch blendend, sagt Behr. Nur beschäftigen kann er sie kaum noch. Seit knapp zwei Wochen bleibt er auf seiner Ware sitzen. Im Auslieferungslager stehen Paletten mit Salaten in der Sonne, deren Farbe ins Bräunliche changiert. Durch die Ehec-Krise verliert der Gemüsebauer inzwischen 250 000 Euro - pro Tag.
Behr steht auf einem seiner Felder bei Seevetal südlich von Hamburg. Ein Kamera-Team begleitet ihn. Er rupft einen Eisbergsalat aus dem Feld und beißt hinein. "Wie soll da Ehec reinkommen?", fragt er. Der Salat sei nie mit Gülle oder Mist behandelt worden. Selbst auf seinen Biofeldern in Mecklenburg-Vorpommern setze er Stallmist nur vor der Saat ein. Unter einer Folie, die UV-Licht absorbiere, könne so ein Keim eine gewisse Gefahr sein. Aber Behr bewirtschaftet nur Freiflächen. "Da würde ein gutbestrahlter Erreger in zwei Stunden absterben."
In seinem Auto hat Behr einen Stapel Papier: Dutzende frische Laborproben seines Gemüses auf den Ehec-Erreger, alle negativ. Es sind Beweise ohne Wirkung: 40 Hektar mit Eisbergsalat - 2,4 Millionen Köpfe - wird der Bauer verlieren. Viele Felder lässt er inzwischen einfach so stehen, um den welken Salat später unterzupflügen.
Wie Behr, einen der größten deutschen Produzenten, trifft es die ganze Obst- und Gemüsebranche. Pro Tag entstehe den rund 10 000 Landwirten inzwischen ein Schaden von fünf Millionen Euro, so Helmut Born, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands. Russland verhängte sogar einen Importstopp für Gemüse aus der gesamten EU.
Beim Biohof Timmermann im Westen von Hamburg blieben in den Tagen nach Bekanntwerden der ersten Infektionen fast sämtliche Gurken und Tomaten in den Regalen liegen, berichtet eine Mitarbeiterin. Die Gurkenpartie eines Großhändlers, der von einem der zwischenzeitlich in Verdacht stehenden spanischen Produzenten beliefert wurde, habe man vernichtet. "Das durften nicht mal die Tiere fressen." Inzwischen allerdings entspanne sich die Situation - auch weil die Lieferanten Labortests ihrer Ware bereitgestellt haben.
Die Angst der Konsumenten spürte auch Erdbeerkönig Enno Glantz, der mit seinen über 150 mobilen Verkaufsbuden ganz Norddeutschland überzogen hat. Bis zu 40 Prozent sank der Umsatz anfangs. Glantz war dennoch im Glück, er konnte "den Pflückrhythmus noch verschieben". Am Preis drehte er nicht: "Gegen die Verunsicherung wäre ich nicht mal mit 20 Cent pro Schale angekommen."
Statt die Lieferkette intensiver zu untersuchen, kritisiert Bauernfunktionär Born, hätten sich die Behörden und wissenschaftlichen Experten auf Gurken, Tomaten und Salat eingeschossen - obwohl inzwischen Hunderte Gemüseproben negativ ausgefallen seien.
Born will nicht so weit gehen wie spanische Politiker, die Schadensersatz von deutschen Behörden fordern. Er setzt stattdessen - wie Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner - auf EU-Beihilfen für Fälle drastischer Umsatzeinbrüche. Ob die aber tatsächlich angezapft werden können, scheint zweifelhaft: EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos zumindest zeigte sich vergangene Woche bei einem Treffen des EU-Agrarrats in Ungarn gegenüber solchen Forderungen ziemlich skeptisch, berichten Beteiligte.
Betroffen ist auch der Einzelhandel. "Wir mussten Ware in Millionenhöhe" wegwerfen, klagte etwa Raimund Luig, Geschäftsführer bei Kaiser's Tengelmann in der "Lebensmittelzeitung". Inzwischen nehmen die Konzerne einfach kein Gemüse mehr an. Das spüren seit kurzem etwa die Händler des Hamburger Großmarkts, eines der größten deutschen Umschlagplätze für Frischware: Täglich werden von dort tonnenweise Gemüse in die Müllverbrennungsanlage gefahren.
Wie wenig gegen den Handel anzukommen ist, merkte auch Bauer Behr, der nicht zu den Kleinen der Branche zählt. "Bestellungen laufen alle mündlich", berichtet Behr. Er erntet auf seinen Feldern in halb Europa stets die Menge, die ihm die Einkäufer von Lidl, Rewe & Co. am Vortag durchgeben. Und bleibt im Zweifel eben drauf sitzen. "Vertraglich sind wir nicht abgesichert", so Behr, der sein Grünzeug nicht nur selbst vernichten muss: Zu Anfang der Ehec-Kaufflaute durfte er es sogar noch aus ganz Deutschland von den Höfen der Einzelhändler wieder einsammeln.
Das ganze Desaster, sagt Behr, habe aber auch ein Gutes. Die deutschen Bauern könnten jetzt dank der vielen Proben ziemlich sicher sein, nicht auf einer Art Zeitbombe zu sitzen. "Wir hatten ja alle Angst vor so einem Grundrauschen und fragten uns plötzlich, ob nicht in den Böden irgendeine uralte Belastung im Nano-Bereich lauert."
Auch die Folgen ziemlich ekliger Düngepraktiken kommen nun wieder hoch, zumindest in Diskussionen: Noch in den sechziger Jahren, so Behr, war es auch hierzulande noch üblich, Gemüse mit "trübem Brauchwasser" aus dem Klärwerk zu beträufeln.
Behr wundert deshalb auch nicht, dass heute in fast jedem Hühnerei Spuren von Arsen und in fast jedem Mittelmeerfisch Dioxin nachgewiesen werden kann.
In seinem Salat aber fand sich eben nichts - auch keine Ehec-Bakterien.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 23/2011
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