06.06.2011

ÄGYPTENDie Jungfrauen vom Tahrir

Die Armee, während der Revolution als Verbündete des Volks gefeiert, hat Demonstrantinnen zu „Jungfräulichkeitstests“ gezwungen. Die Generäle sind sich keiner Schuld bewusst.
Bevor sie erzählt, wie der Uniformierte sie und die anderen jungen Frauen schlug und trat und ihnen befahl, sich auszuziehen, sich vor glotzenden Soldaten auf den Rücken zu legen und die Beine anzuwinkeln, damit ein Mann in weißem Kittel ertasten konnte, ob sie Jungfrauen waren oder nicht, bevor sie also ihre Geschichte erzählt, zündet sich die Friseurin noch schnell eine Zigarette an und zieht den Rauch tief in ihre Lungen.
Salwa Husseini Gouda, 20, ist eine kleine, zierliche Frau mit fein geschwungenen Lippen und mandelförmigen Augen. Sie sieht müde aus an diesem Nachmittag, sie trägt Jeans und ein Kopftuch, dazu ein eng anliegendes Top. Sie raucht eine Zigarette nach der anderen. Es ist flirrend heiß, staubig und laut wie immer in der ägyptischen Hauptstadt.
"Ich habe keine Ahnung, warum sie ausgerechnet mich auf dem Tahrir-Platz verhaftet haben", sagt sie. "Ich stand in dem Moment vor einem Panzer, vielleicht war das der Grund." Sie versucht ein Grinsen. "Jedenfalls sollte man sich vor mir in Acht nehmen - ich bin eine gefährliche Verbrecherin!"
Die Männer, die Augenzeugenberichten zufolge am Nachmittag des 9. März den Tahrir-Platz stürmten, das Zentrum der ägyptischen Revolution, und anscheinend wahllos Demonstranten attackierten, trugen keine Uniformen. "Sie sahen aus wie Schlägertypen", erzählt Salwa, "sie beschimpften mich als Hure und schlugen mir ins Gesicht." Schockiert sei sie gewesen, als die Bande sie mit etwa 20 anderen Frauen ins Ägyptische Museum verschleppt und dort dem Militär übergeben habe. "Ich konnte nicht glauben, dass unsere Armee hinter diesem Angriff steckte", sagt sie. "Aber dann brachten sie uns ins Militärgefängnis, und von da an wurde es immer schlimmer."
An dem Tag, als Salwa verhaftet wurde, weilte Husni Mubarak, der gestürzte Staatspräsident, seit fast vier Wochen in seinem selbstgewählten Exil im Badeort Scharm al-Scheich. Das Militär, das nach seinem Abgang die Macht im Land übernahm, war noch einen Monat zuvor von den Massen auf dem Tahrir bejubelt worden. "Das Volk und die Armee sind eins", riefen sie und tanzten und feierten vor den Panzern. Mütter drückten den Soldaten ihre Babys in die Arme, um Fotos zu machen. Die Welt blickte nach Ägypten und staunte, weil dort Männer und Frauen, Muslime und Christen Seite an Seite für die Freiheit kämpften. Dann, nach 18 Tagen, war die Revolution vorbei, der Pharao verjagt. Das Volk hatte gesiegt, und dieser Sieg gehörte auch den Frauen; so sah es damals aus.
Als Salwa am 9. März im Militärgefängnis ankam, so erzählt sie, wurde sie mit zwei anderen Frauen in einen kleinen Raum geführt, wo sie sich ausziehen und ihre Kleider durchsuchen lassen mussten. Dabei habe sie bemerkt, dass ein Soldat vor dem offenen Fenster stand und die nackten Frauen fotografierte. "Ich hatte Angst, dass sie die Fotos benutzen würden, um uns als Prostituierte darzustellen."
In der Nacht wurden die Frauen in eine Zelle gesperrt; sie bekamen Wasser und Brot, das nach Kerosin stank. Am nächsten Tag stand im Flur vor ihrer Zelle eine Liege; dort, so verkündete ein Offizier, werde nun ein Arzt die Jungfräulichkeit der unverheirateten Frauen überprüfen. "Wir konnten es nicht glauben", sagt Salwa, "wir fragten, ob es nicht wenigstens eine Ärztin sein könne, aber er sagte nein. Ein Mädchen, das sich wehrte, wurde mit Elektroschocks traktiert."
Was zwischen dem 9. und 13. März im Militärgefängnis von Heikstep geschah, nordöstlich von Kairo, beschäftigt nun mehrere Menschenrechtsorganisationen. Amnesty International forderte die Behörden auf, "die schockierende und erniedrigende Behandlung von Demonstrantinnen zu stoppen". Das Europäische Parlament verurteilte "die erzwungenen Jungfräulichkeitstests" als Folter.
Die Psychiaterin Mona Hamed vom Nadeem Center für die Rechte von Gewaltopfern hat die Aussagen mehrerer Frauen, die am 9. März verhaftet wurden, dokumentiert - auch die von Salwa. Ihr Fazit: "Das Neue daran ist, dass diesmal nicht die Polizei oder die Staatssicherheit hinter der Aktion steckt, sondern das Militär." Die Jungfräulichkeitstests seien eine Botschaft an die Bevölkerung, die Armee wolle die Bewegungsfreiheit der Menschen kontrollieren. Werde eine Demonstrantin verprügelt oder verhaftet, könne ihre Familie das vielleicht noch akzeptieren - nicht aber, wenn sie der Prostitution beschuldigt werde. "Das ist eine unvorstellbare Erniedrigung für die Frau und ihre Familie", sagt Hamed.
Salwa wehrte sich nicht. Der Mann im weißen Kittel habe ihr mit der Hand zwischen die Beine gefasst, erzählt sie; es habe nicht lange gedauert. Er habe ihr gestattet, eine Decke über sich zu legen, um sich vor den Blicken der Soldaten, die im Flur herumlungerten, zu schützen. "Es war schrecklich demütigend", sagt Salwa. Nach der Prozedur hätten alle Frauen ein Formular unterzeichnen müssen, auf dem stand, ob sie Jungfrauen waren. Als der Arzt bestätigt habe, dass ihr Jungfernhäutchen intakt sei, hätten die Soldaten sie mit neuen Anschuldigungen konfrontiert. Zwei Tage später sei sie von einem Militärgericht wegen angeblichen Waffenbesitzes, Sachbeschädigung und Missachtung der Sperrstunde zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden.
"Die Situation der Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verschlechtert", sagt Hala Mustafa, 52, Politologin und Chefredakteurin der Zeitschrift "al-Demokratija". "Zum einen wegen der politischen Islamisierung durch Muslimbrüder und Salafisten, zum anderen, weil auch das Regime alles dafür getan hat, die Leute konservativ zu hal-ten - damit sie nicht aufmucken."
Mustafa, dunkelblonder Stufenschnitt, Hosenanzug und Weißgoldschmuck, gehört zu den liberalen Vordenkern des Landes. Sie hat gerade eine Reise abgesagt, sie könne unmöglich verpassen, was jetzt in Ägypten geschehe. Für einen Moment erscheint auf ihrem Gesicht ein Lächeln, das in diesen Tagen bei vielen Ägyptern zu beobachten ist, eine Mischung aus Staunen und Stolz. Für eine Prognose sei es zu früh, sagt sie, optimistisch aber sei sie nicht: "Das alte Regime funktioniert immer noch."
In letzter Zeit scheint die Armee irritiert von der Aufmüpfigkeit des Volks. Menschenrechtler beklagen, dass in den vergangenen Wochen Tausende Ägypter verhaftet, gefoltert und vor Militärgerichte gestellt worden seien. Das Militär hat das Streik- und Demonstrationsrecht eingeschränkt; nach wie vor gelten Notstandsgesetze und eine Ausgangssperre von zwei bis fünf Uhr früh.
Die 28-jährige Journalistin Rascha Aseb hat die Revolution von Anfang an miterlebt. Auch sie wurde am 9. März verhaftet und ins Ägyptische Museum verschleppt. "Nach dem 11. Februar haben wir weitergemacht, weil wir ja nicht nur Mubarak loswerden wollten, sondern das Regime", sagt Aseb. Um den Hals trägt sie ein Band, an dem eine Patronenhülse hängt. Über Mubarak und die Mitglieder seiner Regierung, die verhaftet worden seien, könne man jetzt sagen, was man wolle, so Aseb. "Aber nicht über den Militärrat."
Aseb sitzt auf einer Dachterrasse im Zentrum von Kairo; das sandfarbene Häusermeer unter ihr reicht bis zum Horizont. "Die Soldaten fesselten meine Hände und schlugen mich", erzählt sie. "Sie sagten, wir Journalisten seien schuld daran, dass die Gewalt zunehme. Nach vier Stunden ließen sie mich und meine Kollegen gehen." Im Museum habe sie gesehen, wie andere Frauen geschlagen und mit Elektroschocks misshandelt worden seien. Was später mit ihnen passiert sei, habe sie erst Tage danach erfahren. Es sei unerträglich, sagt sie, dennoch sei dies nicht der Moment, über sexuelle Diskriminierung zu sprechen. "Es geht jetzt um die Rechte des ägyptischen Volks, nicht um Männer oder Frauen."
Doch die Freiheitskämpferinnen vom Tahrir beeindruckten die Welt eben auch deshalb, weil sie ein Klischee widerlegten: Im "Global Gender Gap Report 2010" des Weltwirtschaftsforums, der die Gleichberechtigung der Geschlechter in 134 Staaten bewertet, liegt Ägypten auf Platz 125. 42 Prozent der Ägypterinnen können weder lesen noch schreiben, die Mehrheit hat keinen Beruf. Die Genitalverstümmelung von Mädchen ist seit 1997 verboten, aber noch immer weit verbreitet. Frauen, die ohne männliche Begleitung in der Hauptstadt unterwegs sind, müssen damit rechnen, sexuell belästigt zu werden.
Am vergangenen Dienstag, fast drei Monate nach Salwas Verhaftung, meldete sich erstmals ein General zu Wort. "Die Mädchen, die festgenommen wurden, waren nicht wie Ihre Tochter oder meine", sagte der General dem US-Nachrichtensender CNN. "Es waren Mädchen, die mit männlichen Demonstranten auf dem Tahrir gezeltet hatten, in den Zelten fanden wir Molotow-Cocktails und Drogen." Die Jungfräulichkeitstests seien durchgeführt worden, damit die Frauen hinterher nicht behaupten konnten, im Gefängnis belästigt oder vergewaltigt worden zu sein: "Wir wollten beweisen, dass sie sowieso keine Jungfrauen mehr waren."
Eine "zutiefst perverse Rechtfertigung einer herabsetzenden Form von Missbrauch" nannte Amnesty International diese Reaktion und forderte die Behörden auf, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Die Antwort der Armee folgte prompt: Die Anschuldigungen der Frauen, ließ sie über einen Sprecher ausrichten, seien haltlos.
Von Samiha Shafy

DER SPIEGEL 23/2011
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