06.06.2011

POPBöses reden, Gutes tun

Die Vergangenheit und die Zukunft des HipHop: Superstar Snoop Dogg und der Nachwuchs-Rapper Tyler, the Creator, haben neue Alben veröffentlicht.
Das erste Lebenszeichen kommt, gut anderthalb Stunden nachdem das Interview mit Snoop Dogg eigentlich hätte beginnen sollen. Zwei Männer in HipHop-Klamotten, in den Händen riesige Tüten von Kentucky Fried Chicken, verschwinden im Fahrstuhl eines Amsterdamer Luxushotels, in dem der Rapper zwei Etagen gemietet hat. Kurze Zeit später das nächste Lebenszeichen: Zwei andere Männer aus Snoops Entourage schlurfen aus dem Fahrstuhl in die Lobby, sie kommen aus einem Zimmer, in dem offensichtlich mächtig gekifft wurde, noch aus einigen Metern Entfernung riecht man das Gras. Dann passiert wieder für lange Zeit nichts.
Snoop Dogg zu interviewen, hatte der Mann von der Plattenfirma gesagt, sei keine einfache Aufgabe. Man müsse Zeit mitbringen; es könne dauern, bis man vorgelassen werde. Außerdem dürfe man auf kein langes Gespräch hoffen, dazu sei der Rapper wahrscheinlich schlicht zu bekifft. Langweilig werde es trotzdem nicht, das mögliche Scheitern eines Interviews müsse man eher als Teil des "Gesamtpakets" sehen.
Tatsächlich werden während des Wartens aus den ursprünglich versprochenen 20 Minuten rasch 15, daraus 10, und aus dem Einzelinterview wird eines, das zu zweit geführt werden muss. Schließlich wird das Interview ganz abgesagt, dann soll es doch wieder stattfinden, nun zusammen mit drei anderen Journalisten. Es geht in ein Hotelzimmer, den Raum neben der Suite, in der Snoop und seine Freunde sitzen, ab und zu dringen ihre Stimmen herüber. Nichts passiert. Irgendwann klopfen die Journalisten dann einfach und öffnen die Zwischentür: Ein knappes Dutzend Männer sitzt kiffend vor einer Playstation. Snoop hat wohl schlicht vergessen, dass da jemand wartet.
Das könnte man als Zumutung auffassen, aber alles andere wäre eine Enttäuschung gewesen. Snoop Dogg, 39, ist einer der großen Exzentriker des Pop, und wenn überhaupt, ist es eher ein wenig traurig, dass eine der großen Figuren des HipHop im Spätsommer ihrer Karriere vor allem ein leicht überforderter Mann ist, der nach Amsterdam fährt, weil er in Ruhe mit seinen Kumpels kiffen will.
HipHop, diese lebendigste Jugendkultur der vergangenen Jahrzehnte, steckt in einer Krise, und niemand kann sie wirklich benennen. Die CD-Verkäufe gehen zurück, sagt die Statistik, aber das ist überall so im Pop. Es zählt nur noch der Kommerz, nicht mehr die Begeisterung, sagen die eingefleischten Fans, aber das sagen sie immer. Es kommt keine interessante Musik mehr heraus, nichts Neues, aber das sagen Kritiker oft. Woher also dieses Gefühl, dass die aufregenden Tage vorbei sind? Vielleicht ist die Krise in Wirklichkeit gar keine. Vielleicht geht es dieser Musik nur wie Snoop Dogg. HipHop ist einfach älter geworden.
Sicherer Indikator dafür sind keine neuen Alben, sondern zwei Bücher: "Decoded" heißt das eine, es ist die Autobiografie und Selbstexegese des New Yorker Rappers Jay-Z. "The Anthology of Rap" das andere, Adam Bradley und Andrew DuBois haben es herausgebracht, zwei amerikanische Professoren für englische Literatur. Es ist die wohl erste übergreifende Darstellung von HipHop-Texten als amerikanische Lyrik, ein Kompendium von rund 300 Rapsongs, gesetzt wie Gedichte. Bradley und DuBois haben sie mit einer Einleitung versehen, außerdem stellen sie die Epochen und Künstler in kleinen Texten vor.
Ein verdienstvolles Buch und gerade für Nichtmuttersprachler oft erhellend - HipHop, diese Musik, die Bradley und DuBois mit transkribiertem Party-Rap aus den Siebzigern beginnen lassen, ist heute also eine gereifte Kultur, mit der sich eine akademische Karriere führen lässt. Unvorstellbar für die Ghettokids, die sich damals in der Bronx Reime ausdachten, um die Tänzer zu animieren.
Auch Snoop Dogg ist in der "Anthology" vertreten, mit drei Songs aus der Frühphase seiner Karriere, als er ein berüchtigter Gangsta-Rapper war, der wegen Mordes vor Gericht stand und freigesprochen wurde. Tatsächlich aber zeigen sich da die Grenzen des Buchs. Bei Snoop ging es noch nie um das, was er sagte, und auch nicht um seine Fähigkeiten als Lyriker. Es war immer der Ton, der bei ihm die Musik machte, der superelegante, samtweiche Schmeichelsound seiner Stimme. Auf den bekifften Zuhälter-Blödsinn kam es eigentlich nie an.
Sein größtes Kunststück nämlich ist die Umwandlung des Pimp, der berüchtigten Figur des schwarzes Zuhälters, in einen sympathischen Comic-Helden, in eine Identifikationsfigur für Kinder wie Erwachsene.
Snoop Dogg dürfte der einzige Popstar der Welt sein, der, ohne sich zu verstellen, die Orgien in einem Pornofilm choreografiert, in Mainstream-Hollywood-Komödien mitspielen und eine Kinder-Football-Mannschaft trainieren kann. In einem einzigartigen Sinn ist er der einzige wirkliche Popstar für die ganze Familie.
Auch Jay-Z findet sich mit sechs Liedern in der "Anthology", in "Decoded" erzählt er sein Leben in Form von 36 detaillierten Besprechungen eigener Songs.
Mit einer großen Geste setzt Jay-Z dabei sein Leben als beispielhaft für die gesamte HipHop-Kultur. Als Kind sah er Ende der Siebziger zum ersten Mal, wie gerappt wurde, in den Achtzigern wurde er Drogendealer.
Aus diesen beiden Schlüsselerlebnissen erklärt er in seinem Buch die HipHop-Kultur. Was für Snoop Dogg der Pimp ist, ist für Jay-Z der Hustler, der Straßendealer und kleinkriminelle Geschäftsmann.
HipHop, so Jay-Z, sei die Triumphmusik einer Generation schwarzer Männer, die eine prägende Erfahrung teilen: die Crack-Epidemie, die ab Mitte der Achtziger die Schwarzen-Ghettos überschwemmte. Fast alle wichtigen Rapper seien Hustler, hätten an irgendeinem Punkt ihres Lebens an einer Straßenecke gestanden und Drogen verkauft. Sie hätten Freunde sterben sehen und sich mitschuldig an deren Misere gefühlt.
Die Erkenntnis, die sie aus dieser Zeit mitnahmen, sei die zentrale Einsicht des HipHop: Wenn niemand dir hilft, musst du dir selbst helfen. Etwas Neues im schwarzen Amerika: Noch die Bürgerrechtsbewegung war von dem Gefühl der Solidarität getragen. Dieses Gefühl ist von den jungen Männern an den Straßenecken denkbar weit weg. Nicht die Politik, sondern die Kunst, das Rappen war für diese jungen Männer meist der erste selbstbestimmte Akt ihres Lebens.
Daraus entwickelte HipHop die Kraft, in den Neunzigern zur weltumspannenden Popkultur zu werden. In diesem Ellenbogendrama konnte sich fast jeder wiederfinden. Wobei die Reichtümer, die Rapper in ihren Videos zur Schau stellten, im Vergleich mit den Bonuszahlungen, die überall in der Welt verteilt wurden, natürlich Peanuts waren. Dieser Schwung läuft langsam aus. Niemand kann sich ewig an die Erfahrungen seiner Teenagerzeit klammern, die Generation der Überlebenden aus der Crack-Zeit ist heute 40 Jahre oder älter, viele sitzen im Gefängnis, viele sind tot, ein paar sind reich und berühmt - die Rapper.
Jay-Z sagt mit "Decoded": Erkennt mich als Künstler an, und ich sage euch, wie ich Künstler geworden bin. Snoop ist da etwas einfacher. Für die zehn Minuten, die das Gespräch dauert, hat er sich drei Joints mitgebracht. "Man muss einfach machen, was man will, und darf sich nicht verstellen", sagt er auf die Frage, wie er Pimp und Kinderidol sein könne.
Als Snoop Doggs Debütalbum "Doggystyle" 1993 die Spitze der amerikanischen Charts erreichte, war Tyler Okonma oder Tyler, the Creator, wie er sich heute als Rapper nennt, zwei Jahre alt. Seine Kindheit und seine Jugend verliefen ohne besondere Vorkommnisse, außer dass er ohne Vater aufwuchs und oft die Schule wechselte. Aus einem Armenviertel kommt er wohl nicht, genauso wenig wie der Rest von Odd Future Wolf Gang Kill Them All, einer HipHop-Truppe aus Los Angeles, deren Kopf Tyler ist und die als die Rettung des Genres gefeiert wird.
Tyler ist heute 20 Jahre alt und ebenfalls kein einfacher Interviewpartner. Vor dem Berliner Konzert von Odd Future sitzt er in einem Biergarten und tut so, als würde er auf Fragen antworten, aber eigentlich redet er nur Unfug, lustigen Kram, wie ein Kind, das heute sein Ritalin nicht genommen hat.
Berlin ist die letzte Station seiner ersten Europa-Tour, vorher war er in London, Amsterdam, Brüssel und Paris. Wie sehr sich HipHop verändert hat, lässt sich schon an seiner Körpersprache ablesen: Tyler hat nichts von der verpanzerten Schüchternheit, mit der sich die meisten Rapper bei ihren ersten Europa-Trips bewegen, Ghetto-Kids, die nicht wissen, was sie von diesen fremden Ländern halten sollen, denen man ansieht, wie wenig ihr innerer Kompass funktioniert. So bleiben sie meist im Hotel und ernähren sich von Fastfood, das sie sich aufs Zimmer bringen lassen. Tyler dagegen bewegt sich mit der geschmeidigen Coolness des Skaters, fragt nach Berliner Frühstückscafés und geht nach dem Interview mit einem Skateboard die Gegend erkunden.
Vor wenigen Monaten kannten nur ein paar Blogger Tyler und seine Crew; sie hatten eine Website, über die sie ihre Musik veröffentlichten, zum kostenlosen Download. "Goblin", sein neues Album, ist nun kürzlich bei einer Plattenfirma veröffentlicht worden. Seine Raps leben vor allem von Gewaltphantasien und Selbstzweifeln: Er mag keine Frauen, keine Schwulen, keine Lehrer, keine Eltern. Er mag im Grunde niemanden, nicht mal sich selbst.
Die ersten Worte seines bekanntesten Songs "Yonkers" lauten: "I'm a fuckin' walking paradox / No, I'm not", er lässt offen, wie ernst ihm all der Welthass wirklich ist. Diese Musik hat ihre existentiellen Abgründe, aber wahrscheinlich geht es Tyler, the Creator, vor allem um die Provokation. Er wirkt wie jemand, der vielleicht eine Weile düster gebrütet hat, aber jetzt gemerkt hat, wie sehr die Welt es liebt, von ihm gehasst zu werden.
Es ist eine Welt, die die Odd-Future-Mitglieder sich vor dem Computer zusammengebastelt haben, beim Horror- und Splatterfilme-Schauen. Die echte Gewalterfahrung, die HipHop bisher sonst so oft antrieb, bildet hier eher nicht den Kern. Das ist neu.
Dazu passt die Geschichte von Earl Sweatshirt, dem wahrscheinlich begabtesten Rapper von Odd Future. Er veröffentlichte vor einem Jahr ein kurzes Album und verschwand dann plötzlich.
Als seine Freunde die "Free Earl"-Kampagne starteten, Aufkleber druckten und auf Konzerten seine Freilassung forderten, gingen die meisten Fans davon aus, er müsse wohl verhaftet worden sein, schließlich sind Dutzende Rapper im Gefängnis, einige sitzen lange Strafen ab. Nach ein paar Monaten hieß es, seine Mutter habe ihn nach Samoa geschickt, in eine Schule für schwererziehbare Jugendliche, nachdem sie im Internet seine Musik und seine Gewaltphantasien gehört hatte.
Die wirkliche Geschichte ist noch harmloser: Er ist freiwillig gegangen. Seine Mutter sorgte sich um die Folgen des Ruhms, Earl willigte ein, das Rappen sein zu lassen.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 23/2011
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