11.05.1998

„Wir werden nicht nachbessern“

Beim Poker um Rolls-Royce liegt plötzlich VW vorn.
Für Bernd Pischetsrieder, den lange vom Erfolg verwöhnten BMW-Chef, war es eine ärgerliche Woche. Am Donnerstag morgen mußte er Daimler-Benz und Chrysler zur Fusion gratulieren und "unseren Freunden in Stuttgart und Auburn Hills", dem Sitz von Chrysler, "viel Glück wünschen".
Am Donnerstag nachmittag erfuhr er, daß der Vorstand von Vickers seinen Aktionären nun doch empfiehlt, das Angebot von VW für Rolls-Royce anzunehmen, weil die Wolfsburger rund 260 Millionen Mark mehr bieten als BMW.
Schon die Fusion von Daimler und Chrysler ist eine kleine Niederlage für BMW. In Brasilien wurde gerade der Grundstein für ein neues Motorenwerk gelegt, das die Münchner gemeinsam mit Chrysler errichten. Dort wollen die beiden Partner einen Vierzylinderantrieb produzieren, den Chrysler bei seinen Kleinwagen und BMW bei den Modellen der Tochter Rover einbauen kann.
Noch auf dem Autosalon im März in Genf sagte ein BMW-Vorstand, wenn diese Gemeinschaftsfabrik gut laufe, könnten sich die Münchner auch eine viel weitergehende Zusammenarbeit mit Chrysler vorstellen. "Unsere beiden Unternehmen", so der BMW-Mann, "passen hervorragend zusammen." Das Motorenwerk wird wohl weitergebaut. Aber aus allen anderen Plänen wird nun nichts mehr.
Viel härter aber träfe Pischetsrieder, wenn Rolls-Royce tatsächlich an VW verkauft würde. Endgültig entschieden ist noch immer nicht, ob die Hauptversammlung von Vickers im Juni VW den Zuschlag gibt. Doch die Chancen für den BMW-Chef sind gering. Pischetsrieder vor BMW-Managern: "Wir werden unser Angebot nicht mehr nachbessern."
In der mitunter skurrilen Pokerpartie um den britischen Nobelhersteller wäre BMW damit, trotz besserer Ausgangsposition, noch kurz vor dem Ende ausmanövriert worden. Die Münchner haben bereits zwei neue Modelle von Rolls-Royce und Bentley mitentwickelt und statten sie mit Zwölf- und Achtzylindermotoren aus.
Bekommen die Wolfsburger tatsächlich den Zuschlag, wird Pischetsrieder den Vertrag für die Motorenlieferung mit der Frist von zwölf Monaten kündigen. Der größte deutsche Autokonzern bekommt dann ein gewaltiges Problem: Im Rolls-Royce-Werk in Crewe könnte das Fließband stillstehen. Volkswagen-Chef Ferdinand Piëch muß mit viel Geld für einen schnellen Ersatz der BMW-Teile sorgen.
Die Übernahme von Rolls-Royce wird VW einschließlich der nötigen Investitionen in den nächsten Jahren wohl rund fünf Milliarden Mark kosten. Ob das Geld über den Verkauf von Fahrzeugen und den möglichen Imagegewinn jemals wieder erwirtschaftet werden kann, bezweifeln sogar VW-Aufsichtsräte.
Pischetsrieder kann sich damit trösten, daß noch gar nicht ausgemacht ist, ob die Sieger der vergangenen Woche, Daimler-Chef Schrempp und VW-Vorsitzender Piëch, auf Dauer glücklich mit ihren neuen Partnern sein werden.
Der BMW-Chef hat bereits selbst erfahren, wie schwierig es ist, einen übernommenen Hersteller zum Erfolg zu führen: Die BMW-Tochter Rover erwirtschaftete in den ersten Jahren nach der Übernahme nur Verluste.

DER SPIEGEL 20/1998
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