18.05.1998

JAGDSchrot gegen die Bambi-Plage?

Deutschlands Sonntagsjäger auf ihren Hochsitzen töten zuwenig. Um den Wald vor dem gefräßigen Rehwild zu retten, fordern Jagdrebellen eine Rückkehr zur bäuerlichen Treibjagd. Auch die von den Nazis entmachteten ländlichen Jagdvereine sollen wieder zum Schuß kommen.
Mit 14 erlegte Willy Bode seinen ersten Rehbock. Als sein Hund ihm das Wild aus dem Unterholz zutrieb, stemmte er Papas Schrotflinte hoch und drückte ab - der Rückstoß schleuderte den Knirps ins Laub.
Auch die anderen Jungen aus Sundern waren Silvester 1926 mit ihren Vätern auf der Pirsch. Wie jedesmal zum Jahreswechsel entfachten die Dörfler in den umliegenden Wäldern ein blutiges Feuerwerk. Geschossen wurde aus kurzer Entfernung. Fast 60 Rehe blieben auf der Strecke. Nach dem Gemetzel gönnten sich die Sauerländer einen saftigen Wildbraten, dann wurde kräftig gebechert.
"Bis ins hohe Alter hat mein Vater Willy von diesen gemeinschaftlichen Jagden geschwärmt", erzählt Forstmann Wilhelm Bode, 50, selbst ein begeisterter Jäger. "Das waren Volksfeste fürs ganze Dorf."
Zwei, drei dieser winterlichen Treibjagden genügten, um die Wildplage auf den Feldern einzudämmen; den Rest des Jahres hatten die Tiere ihre Ruhe. Von dem Blutzoll profitierte besonders der Wald, Verbißschäden an jungen Bäumen kamen kaum vor. "Heute", klagt Bode, "ist diese
ländliche Jagdweise mit dem Schrotschuß auf Rehe leider verboten."
In einem soeben erschienenen Buch fordert der waldpolitische Sprecher des Naturschutzbundes Deutschland jetzt eine Rückbesinnung auf die bäuerlich-dörfliche Schießkultur**. Die Jagd gehöre in die Hände derjenigen, so Bode, "denen der Zustand ihres Waldes wichtig ist".
Seine Streitschrift hat er zusammen mit der Biologin Elisabeth Emmert, 40, der Bundesvorsitzenden des Ökologischen Jagdverbandes, verfaßt. Heftig nehmen die beiden Rebellen ihre heutigen Jägerkollegen aufs Korn: "Wie im Absolutismus ist die Jagd zum naturfernen Edelhobby einer Oberschicht geworden."
Als typischen Waidmann 1998 karikieren Bode und Emmert den Chefarzt oder Manager aus der Großstadt, der am Wochenende mit seinem Geländewagen abgehetzt in sein Revier gebraust kommt. Vom Hochsitz aus wartet der Jagdherr bequem ab, bis sich die Beute versammelt, und entscheidet dann, welcher Geweihträger sein Leben lassen muß.
Die Dorfjäger hingegen müßten sich vielerorts mit einer Statistenrolle begnügen. Die einheimischen Schützen, so die Autoren, seien auf das Wohlwollen des jeweiligen Jagdpächters angewiesen. Nur wenn sie dem Jagdherrn die Hochsitze zimmern oder bei einer Gesellschaftsjagd mit erlesenen Gästen die Treiber spielen, dürften sie auch einmal zum Schuß kommen.
"Das sind üble Klischees", empört sich Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck, Präsident des Deutschen Jagdschutz-Verbandes. "Unsere Jagdscheininhaber kommen aus allen Schichten."
Wahr ist, daß Heeremans Truppe stetig wächst. Über 340 000 lodengrüne Schützen stehen derzeit unter Waffen, ein Ersatzheer, so groß wie die Bundeswehr. Allerdings sind die meisten der Jagdscheininhaber revierlose Habenichtse. Gerade mal 40 000 Betuchte bilden die privilegierte Schicht der Jagdpächter, die allein im Revier das Kommando führen.
In den Niederwildgebieten in Niedersachsen beispielsweise sind es oft noch die ortsansässigen Landwirte, die für bleihaltige Luft sorgen. "Die attraktiven Rothirschgebiete in Taunus, Harz, Solling oder Eifel aber", so Bode, "sind inzwischen fest in der Hand reicher Städter."
Wer fern von seinem ländlichen Revier wohnt, ist oft nicht daran interessiert, die Wildbestände klein zu halten. Den Städtern geht es vielmehr darum, sich möglichst prachtvolle Trophäen über den Kamin zu hängen. Um allzeit wildreiche Reviere vorzufinden, haben die Sonntagsjäger eine Art Massentierhaltung im Wald aufgezogen. Trotz jahrelanger Kritik von Naturschützern päppeln sie das Wild mit Kraftnahrung auf und bringen selbst mickrige Tiere heil durch den Winter. Allein das Futter für Rot- und Rehwild lassen sich die Trophäenjäger jährlich 200 Millionen Mark kosten - fünfmal mehr, als die Deutsche Welthungerhilfe an Spenden sammelt.
Die unnatürliche "Fütterungshege" trägt wesentlich dazu bei, daß die Waidmänner jedes Jahr weit weniger Rehe schießen, als geboren werden. In den letzten 100 Jahren haben sich die Rehwildbestände deshalb mehr als verzehnfacht. Die Tiere knabbern am liebsten Laubbäume an, zwischen 50 und 80 Prozent der Jungpflanzen weisen laut Bundeswaldinventur Verbißschäden auf. So behindern die Rehe die dringend erforderliche Waldverjüngung. In zwei von drei Revieren sei die Belastung durch Wildverbiß nicht mehr tragbar, klagte kürzlich der bayerische
* Karikatur aus der "Illustrierten Jagdzeitung" 1876/77.
Landwirtschaftsminister Reinhold Bocklet (CSU): "Die Jäger müssen deutlich mehr Rehe abschießen."
Die Waldbesitzer wehren sich gegen die Bambi-Plage, indem sie die jungen Bäume eingattern. Nirgendwo in Deutschland stehen mehr Zäune als in den Wäldern, die Gesamtlänge reichte viermal um die Erde. Trotzdem belaufen sich die jährlichen Verbißschäden nach neuesten Schätzungen auf mindestens 300 Millionen Mark.
Nicht nur die Wälder leiden unter der Wild-Überbevölkerung, auch die Tiere selbst geraten in Streß. Rehe kämpfen im Frühjahr erbittert um ein eigenes Territorium, viele ziehen ruhelos wie heimatlose Flüchtlinge umher. Die Folge: Auf deutschen Straßen kommt es inzwischen fast dreimal häufiger zu Wildunfällen als noch 1977; jedes Jahr sterben dabei über 30 Autofahrer.
Es war Hermann Göring, der die deutschen Jäger auf ihren Irrweg geführt hat. Gleich nach der Machtergreifung erklärte es der jagd- und trophäengeile Nazi zu seinem persönlichen Anliegen, "der deutschen Jagd wieder die Geltung zu verschaffen, die ihr gebührt". Hitler ernannte ihn zum "Reichsjägermeister".
Im Sommer 1934 erließ Göring sein Reichsjagdgesetz. Darin ordnete er umständliche Abschußpläne und Schonzeiten an, verbot den Schrotschuß auf Rehwild (wodurch die bäuerlichen Treibjagden unmöglich wurden) und verpflichtete die Jäger zur Wildfütterung ("Hege"). Auf dem Höhepunkt des Rußlandfeldzuges ließ er für die Herstellung von Babynahrung vorgesehenen Hafer tonnenweise an heranwachsende Geweihträger verfüttern.
Als erster führte Göring den Begriff der "Waidgerechtigkeit" in die Gesetzessprache ein. Gemeint war mit diesem verschrobenen, auch heute noch im Bundesjagdgesetz verankerten Ehrenkodex, daß die Jagd nach fairen, sportlichen Regeln abzulaufen habe; der Kreatur müsse gewissermaßen die Möglichkeit zur Flucht gegeben werden. Verpönt ist seither der Schuß auf einen "Infanteristen", etwa eine auf dem Wasser schwimmende Ente. Auf Vögel darf erst geschossen werden, wenn sie davonflattern. Mit Tierschutz, wie die Jäger gern glauben machen wollen, hat ihre Waidgerechtigkeit nichts zu tun: Schwimmende Enten ließen sich viel sicherer und schneller töten als davonfliegende, die durch Schrotkugeln oft nur schwer verletzt werden und Tage später qualvoll verenden.
Göring teilte auch den Abschuß der Geweihträger nach Güteklassen ein. Auf diese Weise setzte er den - bis dahin bei den Bauernjägern unüblichen - Trophäenkult durch, den er fortan so weihevoll wie einst die Barockfürsten zelebrieren ließ. Ein schaurig-kitschiger Höhepunkt war die Internationale Jagdausstellung 1937; die Knochenolympiade empfand selbst Hitler als unangenehm, mürrisch marschierte er durch die Hallen.
Die von Göring verfochtene Form der Jagd ist bis heute nicht auszurotten. Landauf, landab gibt es regelmäßig Trophäenschauen. Auch im letzten Jahr schrieb das Fachblatt "Jäger" wieder die "Rehbock-Hitparade" aus. Die Teilnahmebedingungen sind einfach: "Bock schießen, Foto machen, Gehörn abkochen, trocknen lassen, Trophäe wiegen." Prämiert wurden die "stärksten und abnormsten Böcke".
Die ländliche Jagd hingegen hat sich bis heute nicht von dem Hieb erholt, den Göring ihr mit einem juristischen Kunstgriff versetzt hat. Zu den wenigen Errungenschaften der bürgerlichen Revolution von 1848 hatte es gehört, daß das Jagdrecht der adligen Feudalherren auf fremdem Boden abgeschafft wurde. Endlich durften die Bauern auf ihrem eigenen Grund jagen und sich gegen das fressende Wild auf ihren Äckern zur Wehr setzen.
Nicht einmal zwei Jahre später schränkte die Obrigkeit die freie Bauernjagd aber schon wieder ein. Alle kleineren Grundeigentümer eines Dorfes mit jeweils weniger als 75 Hektar mußten sich zu einer Jagdgenossenschaft zusammenschließen, die dann das "Jagdausübungsrecht" an der gesamten Fläche verpachtete. Als Pächter traten nun erstmals zahlungskräftige Fabrikanten auf. Aber überwiegend pachteten noch örtliche Jagdvereine die Reviere.
Dem Reichsjägermeister Göring waren die geselligen Bauernjäger ein Graus. Sein Reichsjagdgesetz ließ nur noch "natürliche Personen" als Pächter zu, nicht dagegen Jäger, die sich zu einem rechtsfähigen Verein zusammengeschlossen hatten. Damit hatte er den wichtigsten Schritt getan, um die dörflichen Jagdgemeinschaften zu zerschlagen. Beim Verpachten der Reviere an den Meistbietenden, erhielten immer öfter die Begüterten den Zuschlag.
Nach dem Krieg verstärkte sich der Trend von der Bauern- zur Bonzenjagd noch. Die Regelungen von Görings Reichsjagdgesetz - darunter auch das Verbot, an Jagdvereine zu verpachten - wurden nahezu unverändert in das neue Bundesjagdgesetz übernommen. Mit dem wachsenden Wohlstand geriet das eigene Jagdrevier zum Prestigeobjekt. Die Pachtpreise stiegen rapide, seit den siebziger Jahren haben sie sich schätzungsweise versechsfacht.
Eine günstige Gelegenheit, die volksnähere Vereinsjagd erneut einzuführen, bot sich bei der Wiedervereinigung. In der DDR gab es nicht nur sozialistische Feudalherren wie Erich Honecker, der sich in der Schorfheide die Hirsche dutzendweise vor die Büchse treiben ließ und seinen Leibwächter als Gewehrstütze mißbrauchte. Neben der SED-Bonzenjagd existierten auf dem flachen Land gut funktionierende Jagdgesellschaften, denen jeder ortsansässige Schütze beitreten konnte.
Forstmann Bode saß 1990 in der deutschdeutschen Kommission, die über das künftige Jagdrecht verhandelte. "Dort waren wir uns einig, daß die Tradition der DDR-Jagdgesellschaften bewahrt werden sollte", erinnert er sich. "Doch wenige Tage vor Unterzeichnung hat die westdeutsche Herrenjagd-Lobby die Vereinsjagd wieder aus dem Einigungsvertrag gekegelt."
An ihrer Linie halten die führenden Jagdfunktionäre (alle mit eigenem Revier) stur fest. "Eine Vereinsjagd ist mit uns derzeit nicht zu machen", erklärt Oberjäger Heereman kategorisch. "An der Entnazifizierung des deutschen Jagdrechts führt kein Weg vorbei", widersprechen Bode und Emmert. Ginge es nach ihnen, würde die Wildfütterung verboten, der Trophäenkult abgeschafft und der Nahkampf-Schrotschuß auf Rehe wieder erlaubt. Zudem empfehlen sie ihren Jägerkollegen, nicht länger sportlich-waidgerecht zu töten, sondern handwerklich-perfekt, damit ihre Opfer kurz und schmerzlos in die ewigen Jagdgründe eingehen.
Bis ins Strafgesetzbuch haben die Jagdrebellen die feudalen Wurzeln des Jagdrechts verfolgt. Um ihren Machtanspruch auf den Wald durchzusetzen, bestraften die Feudalherren Wilddiebe stets härter als gewöhnliche Räuber. Noch im letzten Jahrhundert wurde schon der Versuch der Wilderei mit bis zu sechs Monaten Zwangsarbeit geahndet.
Dieses Grundprinzip gilt noch heute: "Angenommen, Kleinbauern bringen ein Wildschwein zur Strecke, das ihre Äcker durchpflügt, also ihr Eigentum beschädigt", erläutert Bode, so begehen sie damit "eine schwerere Straftat, als wenn sie ihrem Nachbarn eine Kuh aus dem Stall klauen".
* Vor einer Kronenhirsch-Jagdstrecke auf dem Jägerhof Rominten 1942. * * Wilhelm Bode und Elisabeth Emmert: "Jagdwende". Verlag C. H. Beck, München; 320 Seiten; 24 Mark. * Karikatur aus der "Illustrierten Jagdzeitung" 1876/77.

DER SPIEGEL 21/1998
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