11.06.2011

BIOGRAFIENSehnsucht nach dem Ende

Kein zweiter Journalist hatte so engen Umgang mit Hannelore Kohl wie der Filmautor Heribert Schwan, ihm vertraute sie Dinge an, die sie selbst Freunden vorenthielt. Jetzt hat er daraus ein Buch gemacht - über das Leben, vor allem aber das Leiden der Kanzlergattin. Von Jan Fleischhauer
Einmal füllte das Leben von Hannelore Kohl noch die Zeitungen, aber da war sie schon tot.
Irgendwann in den Abendstunden des 4. Juli 2001 hatte sie eine Überdosis Schlaftabletten genommen, dazu Morphinsulfat, das ihr vom Hausarzt gegen ihre Schmerzen verschrieben worden war. Dann legte sie sich regungslos auf den Rücken, so wie sie es sich als junges Mädchen nach der Flucht aus Sachsen angewöhnt hatte, um den Schlaf der anderen nicht zu stören.
Der Tod kam schmerzlos, zwischen 22 und 23 Uhr, ihr Mann war in Berlin, wo er einen Prozess geführt hatte. Die Haushälterin Hilde Seeber, die über einen Schlüssel zum Haus in Ludwigshafen verfügte, fand die Leiche am nächsten Vormittag im Schlafzimmer. An der Tür hing ein Zettel: "Ich schlafe und will später spazieren gehen." Auch im Tod war Hannelore Kohl noch ein umsichtiger Mensch.
Zu ihrer Trauerfeier kamen über 6000 Menschen. "Bild" hatte auf die Nachricht vom Selbstmord hin die erste Seite schwarz eingefärbt, der "Stern" seinen Andruck und Erstverkaufstag vorgezogen. Überall erschienen lange, respektvolle Nachrufe, aber schon das wäre der Toten nicht mehr recht gewesen, hätte man sie noch fragen können. Jede Form von Unehrlichkeit oder Verstellung war ihr unangenehm; nicht wenige von denen, die nun anerkennende Worte fanden, hatten ein paar Jahre zuvor noch ganz anders geurteilt.
Vieles war Spekulation, manches der Versuch, noch einmal ihrem Mann zu schaden. Wie ihr Leben vor dem Tod ausgesehen hatte, das wussten nur ganz wenige Menschen. Einer ist der Filmemacher Heribert Schwan, den Hannelore Kohl Mitte der Achtziger über die Arbeit für ein WDR-Porträt kennenlernte und dem sie in den Jahren vor ihrem Tod Dinge anvertraute, die sie noch nie einem Menschen von der Presse erzählt hatte. Auch Schwan bekam zunächst ihr "abgrundtiefes Misstrauen Journalisten gegenüber zu spüren", wie er sich im Gespräch erinnert, aber das Verhältnis wurde schnell enger, dabei half schon seine häufige Anwesenheit im Hause Kohl.
Nach der Abwahl von Helmut Kohl im Herbst 1998 gehörte Schwan zu einem kleinen Team von Mitarbeitern, die den Kanzler beim Schreiben seiner Memoiren unterstützten. Der mehrfach ausgezeichnete WDR-Redakteur nutzte die Zeit für ausgiebige Gespräche mit der Kanzlergattin, später begleitete er sie häufig auf ihren nächtlichen Wanderungen im Maudacher Bruch in Ludwigshafen, als eine schwere Lichtallergie keine normalen Spaziergänge mehr zuließ.
Aus den Begegnungen ist nun, gut ein Jahrzehnt später, ein Buch entstanden(*). "Die Frau an seiner Seite - Leben und Leiden der Hannelore Kohl" hat es Schwan genannt. Der Autor versteht es als "Vermächtnis", nicht als Vertrauensbruch, das werden Teile der Familie mutmaßlich anders sehen. Es sei Hannelore
Kohl immer klar gewesen, dass die wichtigste Funktion des Journalisten im Publizieren liege, sagt er zu seiner Verteidigung. "Deshalb durfte ich ihre ungewohnte Offenheit als ein Einverständnis verstehen, eines Tages das zu veröffentlichen, was sie mir in den vielen Monaten und Wochen vor ihrem Tod anvertraute."
Es ist ein entbehrungsreiches Leben, das Schwan noch einmal aufblättert, typisch für eine Generation von Frauen, die sich noch ganz den Bedürfnissen des Mannes unterordneten und ihr Glück an seinem ausrichteten. Vor allem aber ist es ein Kanzlerfrauenleben. Das verlangt noch einmal ein ganz anderes, mitunter selbstzerstörerisches Maß an Wunschverleugnung und Disziplin.
Politik erlebte Hannelore Kohl zunächst als fremde, dann als feindliche Welt. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ihr Mann nie eine politische Karriere anstreben müssen; ein Familienleben abseits der Öffentlichkeit mit einem bescheidenen, aber dafür verlässlichen Auskommen wäre ihr genug gewesen. Doch das war mit Kohl nicht zu haben, dafür war er schon als junger Mensch von dieser Welt zu eingenommen.
Je höher ihr Mann stieg, desto mehr verfestigte sich bei Hannelore Kohl die Abneigung gegen alles Politische. Das Desinteresse bekam etwas Demonstratives, ihre Missbilligung färbte auf die Familie ab. Die beiden Söhne Peter und Walter wurden konsequent vom Parteiengeschäft ferngehalten. Wenn der Vater nicht im Hause war, und das war ja meist der Fall, unterband die Mutter alle Gespräche über Politik. Kam er dann am Wochenende, schlich er auf leisen Sohlen ins Arbeitszimmer, wo er ungestört telefonieren und Akten sichten konnte.
So blieb auch den Kindern die Welt der Politik fremd und bedrohlich. Niemand erklärte ihnen, warum ihr Leben so anders verlief als das der Mitschüler und Spielkameraden. Als Heranwachsende wussten sie weniger über die Arbeit des Vaters als der befreundete Sohn eines Fernfahrers, der in der Nachbarschaft wohnte, wie Walter Kohl selbst in seinen Erinnerungen festhielt. "Wer sich während der Zeit von Helmut Kohls Kanzlerschaft mit den Söhnen etwa über die Bedeutung von Parteien für die Stabilität der Demokratie unterhalten wollte, stieß auf Unkenntnis, Unverständnis oder gar Ablehnung", schreibt Schwan. Kohl hat sich später öfter über die mangelnde politische Bildung seiner Kinder beklagt. Natürlich hätte es der Vater in der Hand gehabt, dies zu ändern, aber das unterließ er - aus Bequemlichkeit, aber wohl auch, um Streit mit der Mutter zu vermeiden.
Der Versuch, in Oggersheim eine Gegenwelt zu dem Bonner Politikbetrieb zu errichten, stieß naturgemäß an Grenzen. Der Bungalow, den die Familie 1971 bezogen hatte, glich bald einer Festung; der Architekt, der ihn zum Schutz gegen Anschläge umgebaut hatte, nannte ihn einen "Gefängnishof". In der Schule wurden Walter und Peter gehänselt, davor konnte sie auch kein Begleitkommando des BKA schützen.
Ein besonderer Graus waren Hannelore Kohl die rituellen Ferien am Wolfgangsee. Kaum etwas habe sie so gefürchtet wie diese Urlaube in Österreich, gestand sie Schwan in einem ihrer Gespräche. Urlaub konnte man es ja auch kaum nennen: Vom ersten Tag an hing ihr Mann am Telefon, dazu kamen Besprechungen mit Leuten aus dem Apparat, unterbrochen von einem endlosen Strom von Besuchern. Viel lieber wäre Hannelore Kohl ans Meer gereist oder in den Süden, wo wenigstens das Wetter verlässlich gewesen wäre.
Auch die Mediensperre, auf die sie ansonsten strikt achtete, war in Österreich durchbrochen. Zur Urlaubsroutine zählten Familienfotos am See, der Kanzlervater mit den Söhnen beim Baden oder im Schlauchboot, später, als er dann älter war, beim Stelldichein auf einer Bank am Ufer. Vor jedem Urlaub habe es Streit gegeben, schreibt Schwan, aber am Ende setzte sich Helmut Kohl durch, wie fast immer, wenn es um ihn und seine Interessen ging.
Einmal, zum Ende der Kanzlerschaft hin, saß Hannelore Kohl an einem Tisch und sah zu, wie die Menschen zu ihrem Mann drängten, Parteivolk, das ihm seine Bewunderung aussprechen wollte, die Funktionäre, die sich zu empfehlen suchten. "Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich das alles hasse", sagte sie leise zu einem Bekannten, der neben ihr saß. Manchmal machte sie sich auch über die Fresssucht ihres Mannes lustig, aber das waren schon die äußersten Formen des Aufbegehrens.
Nach außen behielt Hannelore Kohl immer die Fassung. Dass es im Leben darum gehe, unter allen Umständen Disziplin zu wahren, war ihr schon als Kind eingeimpft worden. Ihre Züge haben auf Fotos oft etwas Maskenhaftes; man sieht die Anstrengung, die es sie gekostet haben muss, dem Bild der glücklichen Ehefrau zu entsprechen.
Am liebsten hätte sich Hannelore Kohl der Öffentlichkeit ganz entzogen, aber das ließen die Verpflichtungen als Politikerehefrau nicht zu. Keinen Berufsstand habe sie so verachtet wie den des Journalisten, weiß Schwan zu berichten. Ihre Abneigung bekam mit der Zeit fast etwas Pathologisches, die Medien erlebt sie vor allem als negative Macht.
Solange Helmut Kohl noch in Rheinland-Pfalz regierte, hatte er nicht viel auszuhalten gehabt, er galt als etwas biederer, aber weithin geschätzter Ministerpräsident, der seine Partei verlässlich an der Regierung hielt. Mit dem Wechsel nach Bonn, wo er 1976 den Posten des Oppositionsführers übernahm, änderte sich das schlagartig: Hier war er der Provinzdepp, die Birne, der Gimpel, im direkten Vergleich mit dem Weltökonomen Helmut Schmidt nach Meinung der meisten Beobachter in jeder Hinsicht ungeeignet für das wichtigste Regierungsamt.
Während ihr Mann die Feindseligkeiten scheinbar ungerührt ertrug - er war nicht nur physisch immer schon eine robuste Natur -, litt Hannelore Kohl geradezu körperlich unter der Dauerverächtlichmachung, zumal sie nicht verschont blieb. Wer sie näher kennenlernte, erlebte eine wache, aufgeschlossene, durchaus schlagfertige Frau. Überhaupt war sie viel gebildeter, als dies in weiten Teilen der Öffentlichkeit zu lesen war.
In der Schule hatte das stille Mädchen immer zu den Jahrgangsbesten gehört; dass nach dem Abitur kein Studium folgte, lag nicht an mangelndem Interesse, sondern an der prekären Finanzsituation der Eltern. Eine Ausbildung zur Dolmetscherin musste sie nach dem Tod des Vaters abbrechen, um sich und die Mutter durchzubringen, dabei war sie ungemein sprachbegabt. Wenn sie später im Ausland unterwegs war, überraschte sie ihre Gesprächspartner mit ihren vorzüglichen Englisch- und Französischkenntnissen. Aber all das zählte nicht richtig. Für viele, die ihren Mann nicht leiden konnten, blieb sie das "blonde Dummchen" beziehungsweise die "Barbie aus der Pfalz", wie sie im Nachhinein einmal mit einer gewissen Verbitterung feststellte.
Wer Schwans Buch liest, begegnet darin einem Kanzler, der alles der Politik und dem Parteiengeschäft unterordnet. Vieles ist dabei dem Amt geschuldet; wer ins Kanzleramt einzieht, gibt als Erstes die Hoheit über seinen Terminkalender ab. Aber manche Entscheidung zeigt im Rückblick einen Mangel an Einfühlungsvermögen, der sich nicht einfach mit den Belastungen des Amtes erklären lässt. Selbst über Pläne, die auch unmittelbar ihre Zukunft betrafen, informierte er seine Frau entweder gar nicht oder erst dann, wenn jeder Einwand zu spät kam.
Von seinem Entschluss, nach 16 Jahren Kanzlerschaft noch einmal anzutreten, erfuhr Hannelore Kohl aus dem Fernsehen, dabei hatten sie am Vormittag noch miteinander telefoniert. Freunde berichteten später, sie habe vor Wut geschrien. Sie empfand den einsamen Entschluss als Verrat, zumal die Eheleute anderes verabredet hatten. Aber als es dann gegen Gerhard Schröder ging, im Sommer und Herbst 1998, stand sie wieder im Wahlkampf neben ihrem Mann und versuchte, das Volk für ihn zu gewinnen, auch wenn sie früher als er wusste, dass die Sache aussichtslos war.
Andere Frauen in ihrer Lage hätten möglicherweise irgendwann die Scheidung gesucht, aber das war für Hannelore Kohl ausgeschlossen. Aufzugeben sei das Schlimmste, hat sie in einem ihrer seltenen Interviews gesagt, das galt ohne Zweifel auch für das eigene Leben.
Zu der Einsamkeit kamen die Gerüchte über Affären. Schwan streift dieses Thema nur, dabei war es in Bonn eine Quelle ständigen Geredes und Gemurmels, als der Kanzler mit seiner Büroleiterin Juliane Weber gemeinsam ein Haus bezog. Dass auch Hannelore Kohl dort offiziell wohnte, machte die Sache nach Meinung derjenigen, die sich dafür interessierten, nicht weniger verfänglich. Am Ende sah sich Kohl gezwungen, die Wohngemeinschaft aufzulösen, auch weil ihm Freunde energisch ins Gewissen redeten. Überliefert ist die Ermahnung von Hanns Martin Schleyer: "Das Zigeunerlager muss weg, einschließlich der Marketenderin."
Man darf davon ausgehen, dass Hannelore Kohl auch frühzeitig über das Interesse ihres Mannes an einer jungen Referentin im Kanzleramt informiert war, die sich auffallend oft in seiner Nähe aufhielt. Aus dem Umfeld des Altkanzlers hieß es später immer, die Beziehung zu Maike Richter habe nach dem Selbstmord begonnen, aber Getuschel gab es schon vorher.
Das Ende der Kanzlerschaft, das Hannelore Kohl so lange herbeigesehnt hatte, brachte nur kurz die erhoffte Erholung. Mitte 1999 hatte das Ehepaar im Berliner Stadtteil Wilmersdorf zwei Etagenwohnungen gekauft, die es zu einer großen zusammenlegen ließ. Die Kinder waren aus dem Haus, alles sollte jetzt anders werden, aber dann kam die Spendenaffäre, und der ganze elende Trubel fing wieder von vorne an: die Nachstellungen durch die Presse, die Angriffe auf den abgewählten Kanzler, die sich Hannelore Kohl nur als bösartige Verleumdung erklären konnte, weil ihr Mann auch ihr gegenüber nicht mit der ganzen Wahrheit herausrückte.
Wie tief verzweifelt die Kanzlergattin in dieser Zeit war, bekam Schwan gut mit. Er hatte wenige Monate zuvor seine Arbeit an den Memoiren aufgenommen, mehrfach wurde er nun Zeuge häuslicher Debatten. Hannelore Kohl konnte nicht verstehen, warum sich ihr Mann hartnäckig weigerte, die Namen der in Frage stehenden Spender zu nennen.
Noch einmal erwies sie sich als seine treueste Stütze: Als der Bundestag eine Strafzahlung in Höhe von 6,3 Millionen Mark für die CDU verfügte, setzte sie sich ans Telefon und bettelte das Geld in unzähligen, oft erniedrigenden Bittgesprächen wieder herbei. Diesmal ließ sie es sich auch nicht nehmen, bei der Verteidigung ihres Mannes mitzureden. Nächtelang saß sie über den Fahnen des "Tagebuchs", das als Rechtfertigungsschrift gedacht war, korrigierte, redigierte und schwächte dabei immer wieder Passagen ab, in denen der Altkanzler nach ihrem Gefühl mit seinen Kritikern, namentlich der Parteivorsitzenden Angela Merkel, zu scharf ins Gericht ging.
Für Hannelore Kohl war die Spendenaffäre wohl auch deshalb so belastend, weil sich mit ihr ein Familienschicksal zu wiederholen schien. Schon einmal hatte sie einen Fall aus großer Höhe erlebt, nach Ende des Krieges, als ihr Vater, der im Dritten Reich eine beachtliche Karriere als Fabrikdirektor gemacht hatte, plötzlich mittellos war und die Familie mit einem Hilfsarbeiterjob über Wasser zu halten versuchte.
Wie tief der Vater in die NS-Barbarei verstrickt war, lässt sich ebenfalls bei Schwan nachlesen. Bislang war kaum mehr bekannt, als dass Wilhelm Renner ein treues NSDAP-Mitglied gewesen war. Tatsächlich leitete der Ingenieur eine der größten Rüstungsfabriken des Reichs, die Leipziger HASAG, die zwischenzeitlich bis zu 60 000 KZ-Häftlinge und "Arbeitsjuden" beschäftigte. Von Schwan ausgewertete Dokumente legen den Verdacht nahe, dass Renner für den Tod vieler Zwangsarbeiter zumindest mitverantwortlich war. Als Direktor für Soziales übersah er auch deren Lebens- und Arbeitsbedingungen, die im Fall der HASAG besonders mörderisch waren.
Überhaupt scheint Renner ein überzeugter Nazi gewesen zu sein. Er war Mitglied in einer ganzen Reihe nationalsozialistischer Organisationen, sein direkter Vorgesetzter, der SS-Mann Paul Budin, war ein fanatischer Antisemit, was das Ehepaar Renner nicht daran hinderte, mit diesem auch freundschaftlich aufs engste zu verkehren. Wie viel die Tochter davon wusste, ist ungewiss, in jedem Fall zog man es vor, über das Vergangene nicht zu reden, so wie in vielen deutschen Familien. Nach der Kapitulation traten andere Sorgen in den Vordergrund, die Mangelerfahrungen der Nachkriegszeit dürften alles andere überlagert haben.
In die letzten Kriegstage fällt auch eine traumatische Erfahrung, über die Hannelore Kohl ihr Leben lang nie mehr wirklich hinwegfinden sollte. Im Mai 1945 hatten sich Mutter und Tochter, die Wilhelm Renner Monate zuvor vorsorglich ins sächsische Döbeln umquartiert hatte, auf den Weg nach Westen gemacht. Irgendwo auf dem Weg wurde die damals zwölfjährige Hannelore von russischen Soldaten aufgegriffen und mehrfach vergewaltigt, so steht es jetzt erstmals offen bei Schwan.
Hannelore Kohl trug dabei neben der seelischen Wunde auch eine schwere Wirbelverletzung davon, die sie Zeit ihres Lebens quälen sollte. Ein Freund der Familie Kohl, dem sie sich später anvertraute, berichtet, das Mädchen sei bei der Vergewaltigung auf einem Stein zu liegen gekommen, der einen Wirbel gequetscht habe. Schwan schreibt, sie sei von den Soldaten "wie ein Zementsack" aus einem Fenster geworfen worden, so habe Hannelore Kohl es ihm geschildert. Ob sich dieser Sturz nach der Vergewaltigung ereignete oder möglicherweise später, blieb dabei offen. Schon der Geruch von Männerschweiß, Knoblauch und Alkohol, so berichtete sie noch Jahrzehnte danach, konnte in ihr die Erinnerung wecken, manchmal reichte der Klang russischer Stimmen.
Die letzten Jahre im Leben der Hannelore Kohl waren ein Martyrium, anders lässt es sich nicht sagen. Im Februar 1993 war sie mit starken Schmerzen ins Krankenhaus eingeliefert worden, Folge eines Antibiotikums, das sie gegen eine fiebrige Erkältung eingenommen hatte. In der Klinik verschlimmerten sich die Symptome der Unverträglichkeit so dramatisch, dass die Ärzte um das Leben ihrer Patientin fürchteten. Als Helmut Kohl 14 Tage später, nach dem Ende einer Asien-Reise, ans Bett seiner Frau trat, war er entsetzt. Die Haut war angeschwollen und verfärbt, alle Nägel waren ausgefallen, auch die schönen blonden Haare, auf die sie immer so stolz gewesen war.
Normalerweise heilen die Symptome eines anaphylaktischen Schocks, wie ihn Hannelore Kohl erlitten hatte, nach einiger Zeit gut aus, doch die Kanzlergattin entwickelte nach dem Allergieschub eine seltene Lichtempfindlichkeit. Schon bei der geringsten Sonnenstrahlung reagierte ihre Haut mit Rötungen, Quaddeln und unerträglichem Juckreiz. Später kamen Schmerzen in den Schleimhäuten und im Zahnfleisch hinzu.
Zunächst genügten einfache Vorsichtsmaßnahmen. Auf Ausflügen trug Hannelore Kohl nun dickes Make-up, dazu auch bei größter Hitze langärmlige Kleidung und eine Perücke, die sie gleich morgens aufsetzte und erst zum Schlafen wieder ablegte. Aber dann verschlimmerte sich das Leiden, überall im Haus mussten die Birnen ausgetauscht werden, weil schon normales Kunstlicht unerträgliche Qualen verursachen konnte. Als auch das nichts mehr nützte, behalf sie sich mit Kerzen; die Klimaanlage war auf äußerste Kälte eingestellt, um die Schmerzen zu lindern.
Am Ende konnte die Allergiepatientin nicht einmal mehr das Leuchten eines Fernsehgeräts ertragen. So saß sie stundenlang hinter geschlossenen Rollläden im Dunkeln, umgeben von ihren Möbeln und ein paar Pflanzen, die auch ohne Licht auskamen, wie der große Gummibaum im Wohnzimmer. Der einzige Kontakt zur Außenwelt waren nun das Telefon und Besuche von Freundinnen, die sich bis zum Schluss rührend um sie kümmerten. Manchmal ließ sie sich mit Einbruch der Dunkelheit in den nahegelegenen Maudacher Bruch fahren, vor dem Gesicht eine große Sonnenbrille, aber auch diese Ausflüge wurden mit der Zeit immer seltener.
Bis heute ist die Natur der Erkrankung ungeklärt, die das Leben Hannelore Kohls immer weiter verdüsterte. Die Ärzte, die sie zu Rate zog, konnten nicht helfen. Einmal versuchte sie es in der Klinik mit einer sogenannten Hyposensibilisierung, der langsamen Gewöhnung an allergieauslösende Faktoren, doch das Ergebnis war desaströs. Einige Spezialisten rieten ihr zu einer Psychotherapie, sie vermuteten hinter den extremen Körperreaktionen ein Kindheitstrauma, das nie adäquat bearbeitet worden war - wie nahe sie damit der Wahrheit kamen, konnten sie nicht ahnen. Aber von solchen Nachforschungen wollte Hannelore Kohl nichts wissen, dafür war ihre Angst, am Ende werde alles doch irgendwie in den Zeitungen stehen, zu groß. So landete sie immer wieder bei Ärzten, die sie in ihrer Diagnose bestärkten, dass sie an einer Lichtallergie leide und an nichts anderem.
Drei Tage vor ihrem Selbstmord war Schwan ein letztes Mal in Oggersheim zu Besuch. Helmut Kohl war, wie so oft in dieser Zeit, in Berlin - es war auch für den Altkanzler schwer geworden, die Atmosphäre im verdunkelten Bungalow über längere Zeit zu ertragen. Sie sprachen über die Besetzung für einen Spielfilm, den das ZDF über ihren Mann plante, aber da hatte sie schon lange den Entschluss gefasst, aus dem Leben zu scheiden, wie Schwan glaubt.
Seine Gesprächspartnerin hatte sich in den zurückliegenden Monaten sehr verändert. Statt sich am Telefon wie sonst immer mit Namen zu nennen, beließ sie es jetzt bei einem fragenden "Ja" und bat die Anrufer, auch sie am Telefon nicht mehr mit Namen anzureden - sie fürchtete, abgehört zu werden, wie sie Schwan sagte. "Irritierend war für die meisten Freundinnen auch, dass sie nicht nur am Ende eines jeden Telefonats fragte: ,Hast du mich noch lieb?' Immer und immer wieder."
Hannelore Kohl hinterließ 20 Abschiedsbriefe. So ordentlich und gewissenhaft, wie sie ihr Leben geführt hatte, verließ sie es auch. Auf den Umschlägen standen die Namen der Freundinnen, die ihr bis zum Schluss beigestanden hatten, von engen Mitarbeitern aus der Stiftung für Hirnverletzte, die sie über Jahre aufgebaut hatte, ihrer Söhne natürlich und der Name ihres Mannes.
Später wurde gemutmaßt, sie habe ihm Vorwürfe gemacht, sich über die Einsamkeit an seiner Seite beklagt und die Vernachlässigung in der Ehe. Aber das ist nicht wahr, wie man am Ende von Schwans Buch nachlesen kann, das den vollständigen Wortlaut des Abschiedsbriefs an Helmut Kohl wiedergibt.
"Es fällt mir sehr schwer, Dich nach 41 Jahren zu verlassen. Aber ein langes Siechtum in Dunkelheit will ich mir und Dir ersparen", heißt es darin. "Ich habe viele Jahre um das Natürlichste von der Welt, um Licht und Sonne, gekämpft, leider vergebens. Es wird immer schlechter, und meine Kraft ist nun zu Ende … Ich danke Dir für ein Leben mit Dir und an Deiner Seite - voller Ereignisse, Liebe, Glück und Zufriedenheit. Ich liebe Dich und bewundere Deine Kraft. Möge sie Dir erhalten bleiben. Du hast noch viel zu tun. Dein Schlänglein." Das letzte Wort war der Kosename aus ihrer Ehe; es war, wie zwischen den beiden üblich, nicht geschrieben, sondern als Schlangenlinie gemalt.
Man kann diese versöhnlichen Abschiedsworte als Geste der Liebe und Wertschätzung lesen, die Hannelore Kohl bis zuletzt für ihren Mann empfand. Oder als letzten Akt der Selbstverleugnung. ◆
(*) Heribert Schwan: "Die Frau an seiner Seite: Leben und Leiden der Hannelore Kohl". Heyne Verlag, München; 320 Seiten; 19,99 Euro.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 24/2011
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