11.06.2011

JUGENDMan spricht Deutsch

Spaniens junge Generation sucht ihre Zukunft. Die Demonstrationen in den Städten sind ein Anfang, aber sind sie auch die Lösung? Ein Dorf im Süden bietet seinen Bewohnern jetzt kostenlose Sprachkurse - zur Vorbereitung auf ein neues Leben in Deutschland. Von Juan Moreno
Das Wort steht seit ein paar Minuten auf der weißen Tafel, es steht da wie der Beweis, dass sie diese Sprache nie lernen werden. Antonio, Manuel, Francisco, Ana Belén, Mari Carmen, der andere Francisco und die schüchterne Alicia, sie alle schauen nach vorn auf das Wort. Ihre Lippen bewegen sich still.
Es hat etwas mit Bekleidung zu tun, sagt die Lehrerin.
Sie hatte zu Beginn der Unterrichtsstunde ein Buchstabenspiel vorgeschlagen, Galgenmännchen. Heute keine Grammatik, am letzten Unterrichtstag würden sie spielen. Etwas Lockeres zum Abschluss. Deutsche Wörter raten, Wörter, die sie in den letzten drei Monaten im Kurs gelernt haben.
An der Tafel steht in Großbuchstaben: L E _ E R J A C K E. Nur noch ein Buchstabe fehlt.
Die Lehrerin zeigt auf den Mann vor sich im grünen T-Shirt.
"Antonio?"
Antonio sitzt ganz links, er hat müde Augen. Er überlegt.
"Leierjacke?"
"Leierjacke?", fragt die Lehrerin etwas entsetzt.
Das Wort klingt ziemlich deutsch, finden die Leute im Kurs. Die berühmte deutsche Leierjacke.
"Quatsch Leierjacke, es fehlt ein D, es heißt Lederjacke." Die Lehrerin malt einen Strich an die Tafel, den rechten Arm des Galgenmännchens. Es ist tot, das Spiel ist aus, und in der Klasse ist es ruhig geworden.
Deutsch ist eine anstrengende Sprache. Lange Ketten von Konsonanten, in die sich zu selten ein Vokal verirrt. Und unlogisch ist die Sprache auch noch. Vorhin war die Frage, wie man "tio" auf Deutsch sagt. Das war leicht. Onkel. Das haben sie gewusst.
Und die weibliche Form?
"Wie sagt man ,tia'?"
Onkelin, sagt jemand im Kurs.
Die Schüler sitzen in einem kühl gefliesten Versammlungssaal, am Ortsende von Espera, einem kleinen Dorf in der Provinz Cádiz, Südspanien. 4000 Menschen leben in Espera, einem schönen, gepflegten Bergdorf mit Blick auf die Sierra de Cádiz, etwa eine Stunde von Sevilla. Es gibt weißgekalkte Häuser und ein paar Bars, in denen immerzu der Fernseher läuft. Das Klassenzimmer steht weiter unten im Dorf, auf dem neuen Sportgelände, das kürzlich eingeweiht wurde, mit zwei Basketballplätzen, mehreren Tennisplätzen und einem neuen Fußballstadion. Das Gelände wurde fertig, bevor die Krise kam.
Vor ein paar Monaten hat es Espera in die spanischen Abendnachrichten geschafft. Espera war das erste Dorf, das seinen Arbeitslosen Deutschunterricht anbot, kostenlos. Die Idee war, dass die Leute Deutsch lernen und dann gehen. Nach Deutschland. Der Unterricht war eine Art Fluchthilfe.
Über 200 Leute kamen zur Einführungsveranstaltung. Der Gemeindesaal, unweit des Rathauses, war überfüllt. Jeder Zweite in Espera ist arbeitslos, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 80 Prozent. Vor der Krise, es ist noch keine fünf Jahre her, gab es hier noch über 30 Betriebe, die vor allem Beton für die Bauindustrie lieferten. Eine Handvoll davon ist übrig geblieben, festangestellte Mitarbeiter gibt es kaum noch.
Der Name des Dorfes, "Espera", bedeutet übersetzt "warte". Genau das wollen immer weniger, warten. Nicht in Espera, nicht in Spanien.
73 Prozent der spanischen Architekten würden ins Ausland gehen, am liebsten nach Deutschland. 70 Prozent der Studenten der Complutense-Universität in Madrid ebenfalls, auch am liebsten nach Deutschland. Bei den Juristen sind es über 90 Prozent. Die Ärztegewerkschaft CESM ließ mitteilen, dass rund 200 Ärzte aus der Provinz Valencia nach Deutschland unterwegs seien. Seit Monaten melden Sprachschulen in Madrid und Barcelona Einschreiberekorde für Deutschkurse. Es scheint, als sei Deutschlehrer in Spanien der Beruf der Zukunft.
In Espera ist der Kurs gerade zu Ende gegangen, die Schüler stehen vor der Tür, es gibt zum Abschluss für jeden eine Flasche deutsches Bier, es werden Erinnerungsfotos gemacht.
Antonio Jesús Valle Rodríguez ist im Klassenzimmer und räumt seine Hefte zusammen. Die Leierjacke, das war sein Einfall. Vorhin im Kurs war er sehr ernst, die deutschen Wörter machen ihm Angst. Gerade hat er das Wort Streichholzschachtel zum ersten Mal gehört. Deutsch, sagt er, klingt wie eine Halskrankheit.
Antonio ist ein zurückhaltender Mann, der mit einem starken andalusischen Akzent spricht, so stark, dass man ihn in Madrid kaum noch verstehen würde. Deutschland, sagt Antonio, sei ihm egal. Er will da nicht hin. Aber wahrscheinlich muss er.
"Ich bin die gesamte Küste abgefahren. Ich war in jedem Hotel, in jedem Krankenhaus, in jeder Schule, ich würde als Hausmeister, als Fahrer, als Kellner arbeiten, egal, was. Die Fahrten waren Dieselverschwendung. Es gibt hier keine Arbeit. Nirgends."
Antonio ist 35 Jahre alt, verheiratet und hat eine kleine Tochter, drei Jahre alt. Seine Familie lebt von 426 Euro im Monat. Das Geld steht der Kleinen zu, der Staat überweist es für die Kindererziehung. In Spanien gibt es kein Hartz IV. Im August läuft die Unterstützung aus. Was dann ist, weiß Antonio nicht. Er hat ein paar Ersparnisse, vielleicht geht er damit nach Deutschland.
"Manchmal sitze ich mit meinem Schwager beim Bier, und wir reden über Deutschland", sagt Antonio. Sie reden über deutsche Autos, deutsche Fabriken, deutsche Fußballer. Antonio erklärt seinem Schwager, dass der keinen alten "Wollwagen Gol" hat, wie der immer sagt, sondern einen "VW Golf", das "Vau" wie "Fau" gesprochen. Hat er im Kurs gelernt.
"Siehst du, du kannst ja Deutsch, lass uns gehen", sagt der Schwager dann.
Antonio legt die Hände auf die Schulbank. "Es klingt so leicht, 200 Euro fürs Ticket und weg." Aber wie behandeln die Deutschen einen, der die Sprache nicht spricht? "Wahrscheinlich so, wie wir hier die Marokkaner behandeln."
Der Schwager war die ersten Wochen auch im Kurs, dann hat er aufgegeben. Geht auch ohne Deutsch. Der Schwager findet, die schnellste Art, schwimmen zu lernen, sei, "ins Becken zu springen".
Es ist gerade eine seltsame Zeit in Spanien. Nicht nur wegen der Wirtschaftskrise, der schlimmsten, seit Spanien eine Demokratie ist, nicht nur wegen der immer höheren Arbeitslosenzahlen, 21,3 Prozent ist die Quote derzeit. Was jetzt passiert, schien längst vorbei. In den sechziger und siebziger Jahren kamen eine halbe Million Spanier nach Deutschland, sie waren beliebt, sie arbeiteten gut, und, anders als die Türken, gingen viele später wieder zurück.
"Ich weiß nicht, wie lange ich bleiben würde", sagt Antonio. Am Morgen hat er im Radio gehört, dass es eine neue Prognose gibt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die OECD, hat die spanische Wirtschaft untersucht. Die spanischen Arbeitslosenzahlen werden wohl erst 2026 wieder auf das Niveau von vor der Krise sinken. Auf knapp über acht Prozent. In 15 Jahren also. Dann ist seine Tochter volljährig.
Antonio hat 1997 eine Ausbildung als Automechaniker gemacht, aber nie Autos repariert. Es war lukrativer, auf dem Bau zu arbeiten. Zwölf Jahre lang hat er als Betonbauer gearbeitet. Er hat den spanischen Bauboom erlebt. Er war dabei, als sich nach und nach der Wahnsinn die Mittelmeerküste entlangfraß. Málaga, Almería, Alicante, Valencia, endlose Reihen zweigeschossiger Ferienkäfige, teilweise schon verkauft, bevor der Grundstein gelegt wurde. Eine Million Immobilien gibt es derzeit in Spanien, die keinen Käufer finden. In mehr als 1,3 Millionen Haushalten waren im letzten Jahr alle Familienmitglieder ohne Arbeit.
Antonio fragte sich manchmal, ob das immer so weitergehen würde. Immer mehr Häuser, immer höhere Preise. Er hatte Zweifel, aber als der Chef für eine 12-Stunden-Schicht 180 Euro zahlte, die Hälfte davon schwarz, wurden die Zweifel geringer. Auch er ließ sich anstecken. Er kaufte sich ein Haus. Zwei Etagen mit einem winzigen Garten im Westen von Espera, in einer Reihenhaussiedlung, die an eine Legebatterie erinnert. Antonio zahlt 200 Euro im Monat für seinen Kredit ab. Er überlegt, einen Gemüsegarten anzulegen, um Geld zu sparen, sagt er.
"Einen Gemüsegarten", wiederholt Antonio. Er kann nicht fassen, dass er das gerade gesagt hat. "Einen Scheißgemüsegarten. Das kann doch nicht sein, nach 13 Jahren, keinen Tag ohne Arbeit, und jetzt wieder auf null, an den Anfang."
Der Anfang, den Antonio meint, liegt gut 40 Jahre zurück. Damals gingen viele Leute weg, auch aus Espera. Sie gingen nach Madrid, nach Barcelona, nach Frankreich, Belgien und Deutschland. Doch während sie dort arbeiteten, veränderte sich das Land. Diktator Franco starb, die Demokratie kam, der EU-Beitritt, die Olympischen Spiele in Barcelona, der Bauboom, die Arbeitslosenquote sank auf deutsche Werte, zuletzt gewannen spanische Nationalmannschaften sogar Fußballturniere.
Das alte Spanien, das Siesta hält, das sich zu laut unterhält, das keine Autos baut, sondern Seats, das Spanien der kleinwüchsigen, unrasierten Kellner, die bei der Rechnung tricksen, dieses Spanien hatte die Zeit verschluckt. "Spain rocks" titelte das "Time"-Magazin vor sieben Jahren. Schwule durften heiraten, illegalen Einwanderern wurde Arbeitserlaubnis erteilt, spanische Politiker fragten, warum das träge Italien zu den G8 gehören durfte und nicht das moderne Spanien. Bekannte Spanier hießen nicht mehr Sancho Panza und Julio Iglesias. Sie hießen Antonio Banderas, Santiago Calatrava, Ferran Adrià. Schauspieler, Architekten, Köche. Sogar der Sänger Enrique Iglesias war nicht mehr ganz so peinlich wie sein Vater.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen den spanischen Verzweifelten, die früher gingen, und denen, die heute gehen wollen. Die Leute früher lebten in einer Diktatur, das Sagen hatten die Kirche, die Guardia Civil, hässliche, reaktionäre Männer in Madrid.
Die neuen Gastarbeiter kennen dieses Spanien aus den Erzählungen ihrer Eltern. Bis vor drei Jahren lebten sie das europäische Versprechen, Wohlstand und Arbeit. Die Spanier gehörten zu Europa, in Barcelona und Madrid fingen sie an, Fahrradwege durch die Stadt zu ziehen, sogar Müll soll gelegentlich getrennt worden sein. Der Spanier verreiste wie der Deutsche, kaufte Immobilien wie der Engländer, schätzte Essen wie der Franzose. Audi, Ferienhaus in Conil, mit Easyjet nach London. Und jetzt soll alles weg sein. Alles wieder auf Anfang? Und ausgerechnet Deutschland soll die Rettung sein?
Mónica Lozano Valverde sitzt in ihrer schmalen Küche, an der Plaza Muñoz, und macht das, was sie schon seit gut drei Monaten macht. Sie dämpft die Erwartungen an Deutschland. Mónica ist die Deutschlehrerin von Espera. Sie ist 25 Jahre alt, in Wuppertal geboren, hat Germanistik studiert und ist vermutlich die Einzige in der Gegend, die zwei reguläre Jobs hat. Vormittags der Deutschkurs, am Nachmittag arbeitet sie als Rezeptionistin in einem Hotel in Chiclana, an der Küste.
"Die Leute stellen sich das zu leicht vor. Einige denken, sie machen den Kurs und dann ab, ,Vente a Alemania, Pepe'", sagt Mónica.
"Vente a Alemania, Pepe", "Komm nach Deutschland, Pepe", ist ein spanischer Film aus dem Jahr 1971. Alfredo Landa spielt einen liebenswürdigen Dorftrottel, den das Geld und langbeinige deutsche Blondinen nach München locken. Dort merkt er, dass die Deutschen immerzu arbeiten, komische Sachen essen und langweilige Blondinen haben, die höchstens im Urlaub mal wild werden.
"Heute geht ohne Sprache nichts", sagt Mónica. Sie hat einen schönen spanischen Akzent, wenn sie Deutsch spricht, und war bis zur siebten Klasse in Deutschland, lange genug, um deutsche Bedenken mitzubringen.
Mónica hat die Schüler gedrängt, eine anerkannte Prüfung zu machen. Im September werden sich einige am Goethe-Institut in Sevilla zu einem Test anmelden. Niveau A1. Sehr einfache Sätze, die Zahlen, die Uhrzeit, ein paar Verben, Artikel, Präpositionen, auf keinen Fall genug, um in Deutschland Arbeit zu finden, sagt Mónica. "B1 muss es schon sein." B1 heißt, dass man sich halbwegs unterhalten kann.
In den ersten Wochen waren es über 120 Leute im Kurs, doch je mehr Mónica über die deutsche Sprache erzählte, desto weniger wurden es. Am Ende waren es noch knapp 30. Heute Morgen, zum Abschluss, sind nur 7 gekommen, diejenigen, die den Test beim Goethe-Institut machen wollen. Die anderen wollen auch nach Deutschland, nur ohne Prüfung. Einfach ins Becken springen.
"Früher ging das", sagt Mónica. Ihr Vater, Antonio Lozano, konnte weder lesen noch schreiben, als er 1971 nach Deutschland ging. Er fand Arbeit beim Diehl-Konzern in Remscheid, später bei der Post in einem Lager. Es war eine andere Zeit. Deutschland brauchte die Hände seiner Gastarbeiter, nicht ihre Köpfe. Man konnte als andalusischer Analphabet für ein paar Jahre nach Deutschland gehen, Geld sparen, zurückkehren und ein Haus bauen oder eine Bar eröffnen. Es gibt in fast jedem spanischen Dorf eine Kneipe, die "Frankfurt" oder "Munich" heißt. Deutschland war das schnelle Glück.
Mónica versucht ihren Schülern klarzumachen, dass derjenige, der ein paar Jahre lang als Bauhelfer für irgendeine deutsche Zeitarbeitsfirma schuftet, am Ende nicht mal genug Geld für eine Garage in Espera hat. Nicht nur Spanien hat sich geändert. Deutschland ist in gewisser Weise auch spanischer geworden.
Um kurz nach eins packt die Deutschlehrerin Mónica Lozano Valverde ihre Tasche, sie muss sich für den Job im Hotel fertigmachen. Sie fährt jeden Nachmittag rund hundert Kilometer zum Hotel, um Mitternacht wieder zurück. Sie ist seit 2002 zurück in Spanien und möchte in Cádiz bleiben. Sie mag Deutschland, vor allem die Sprache, ihr Lieblingsbuch ist "Tod in Venedig" von Thomas Mann, aber solange sie Arbeit hat, wird sie bleiben. Für sie ist das eine komische Situation. Sie spricht Deutsch, könnte somit zurück, kann aber bleiben, eben weil sie Deutsch spricht. Ihren Schülern bringt sie Deutsch bei, damit sie gehen, aber sie hat Zweifel, ob das immer richtig ist. Sie sagt, der Einzige, der einem erklären könne, was hier gerade passiert, sei Pedro Romero, der Bürgermeister.
Pedro Romero ist ihr Cousin. Er hat damals den Kurs ins Leben gerufen. Sie wird am Nachmittag mit ihm sprechen, es ist seit einiger Zeit schwer möglich, einen Termin bei ihm zu bekommen.
Am 22. Mai waren Kommunal- und Regionalwahlen in Spanien. In Espera hat Romero gewonnen, ein gemütlicher, kräftiger Mann mit breitem Kreuz, Mitglied bei Izquierda Unida, der Vereinigten Linken, einem sozialistischen Parteienbündnis, in dem sich Kommunisten, Trotzkisten, Anarchisten und Grüne finden.
"Keine Angst, ich bin nur ein Linker, moderat", sagt Romero zur Begrüßung. Er ist ein lustiger Kerl, der gern und häufig lacht. Er ist Kommunist, der einen Anhänger mit Hammer und Sichel am Schlüsselbund trägt, aber am Handgelenk hängt eine Rolex. Er ist ein sehr spanischer Kommunist.
Romero sitzt in seinem Bürgermeis-terbüro im ersten Stock des Rathauses. Es ist ein großer Raum mit Flügelfenstern bis zu Decke. Die Regale sind mit alten Büchern vollgestellt. Man hat einen schönen Blick auf das Dorf von hier aus.
Auf seinem Schreibtisch liegt eine Liste mit Leuten, die Romero noch anrufen muss. Sie wollen ihm gratulieren. Zum dritten Mal hat er die absolute Mehrheit in Espera geholt. Ihm ist das gelungen, was die Regierung in Madrid nicht schafft. Er hat die Bürger davon überzeugt, dass die Krise nicht seine Schuld ist.
Die Idee mit dem Deutschkurs kam Anfang Februar auf. Angela Merkel hatte sich zu deutsch-spanischen Konsultationen in Madrid angekündigt, und im Vorfeld berichteten die Zeitungen über einen gewissen deutschen Politiker namens Michael Fuchs, Fraktionsvize der Christdemokraten im Bundestag. Fuchs hatte gesagt, dass Deutschland langfristig Fachkräfte brauche. Die könne man im Süden und Osten Europas suchen, da gebe es Arbeitslose, die dringend einen Job suchten. Vermutlich ahnte Fuchs nicht, was er in Espera damit auslöste.
Einen Tag später standen die Bürger vor dem Rathaus und forderten von Romero Deutschunterricht. "Ich fand den Gedanken anfangs seltsam." Ein Bürgermeister, der seine Wähler wegschickt. "Aber der Kurs schien der einzige Ausweg zu sein."
Romero setzt sich an seinen Schreibtisch, der Bildschirmschoner seines Rechners zeigt das Wappen des Cádiz C. F., daneben ein Foto mit Freunden. Sie sind damals zu einem Aufstiegsspiel nach San Sebastián in den Norden gefahren. Quer durchs Land für ein Spiel. Irgendwie findet Romero das gerade unpassend und macht den Rechner aus.
"So eine Reise, das kann sich heute kaum einer leisten", sagt er. "Die Unterschiede werden größer. Von den 4000 Einwohnern haben fast 1200 keine Stelle, das kann nicht lange gutgehen." Die Leute mit Arbeit fangen an, sich zu fragen, warum die ohne Arbeit in der Kneipe sitzen. Die in der Kneipe fragen sich, warum andere Arbeit haben und sie selbst nicht. "Irgendwas kippt gerade, nicht nur hier, im ganzen Land."
Jeden Tag wehen neue Nachrichten in sein schönes Amtszimmer, die davon zeugen, dass das Land kippt. In vielen Städten haben die Immobilienbüros geschlossen. Eingezogen sind Goldhändler, die Omis Schmuck ankaufen. Händler der letzten Reserven. Die Banken werben nicht mehr mit Hypothekenzinsen, sie verschenken Reisen, wenn man sein Gehaltskonto bei ihnen eröffnet. In den Buchhandlungen verkaufen sich Krisenbücher. Ein Bestseller heißt gerade "Overbooking en el nido", "Überbuchung im Nest". Ein Elternratgeber. Was tun, wenn die erwachsenen Kinder einfach nicht ausziehen, weil sie sich keine eigene Wohnung leisten können?
Bürgermeister Romero schließt das Fenster, er muss zu einem Termin. Seine Erfolge haben sich herumgesprochen. Die Partei möchte ihm einen Sitz in der Provinzdeputation anbieten. Ein Mann, der in der Krise wiedergewählt wird, könnte für größere Aufgaben gebraucht werden. Immerhin hat er Lösungen angeboten.
Pedro Romero denkt darüber nach, das Modell Espera auf die ganze Region zu übertragen. Ein Bürgermeister, der sein Volk vertreibt.
Vor kurzem, erzählt er, sei María, eine der ersten Deutschschülerinnen des Dorfes, in Hannover angekommen. Sie hat eine Stelle an einer Sprachschule gefunden, sie lehrt Spanisch für Fortgeschrittene. ◆
(*) Bei der Ankunft in Hannover, um 1967.
Von Juan Moreno

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