11.06.2011

THAILAND„Wir wollen keine Rache“

Der frühere Premierminister Thaksin Shinawatra über die Kandidatur seiner Schwester bei der Parlamentswahl im Juli und den schwierigen Versöhnungsprozess
SPIEGEL: Herr Thaksin, die politischen Fronten in Ihrer Heimat scheinen unverändert. Auf der einen Seite stehen die sogenannten Gelbhemden, die Anhänger der Regierung, auf der anderen die Rothemden, deren Gegner. Und die haben zur bevorstehenden Parlamentswahl Ihre Schwester Yingluck Shinawatra als Spitzenkandidatin aufgestellt. Wird sie demnächst das Land regieren?
Thaksin: Alle Umfragen sehen sie vorn. Aber ich mache mir Sorgen um sie. Die politische Kultur in Thailand ist sehr gewalttätig. Die Regierung wird versuchen, die Wahl zu fälschen, um zu verhindern, dass sie gewinnt.
SPIEGEL: Wer ist denn auf die Idee gekommen, ausgerechnet Ihre Schwester ins Rennen zu schicken?
Thaksin: Das haben wir gemeinsam beschlossen, die ganze Familie, die Partei und sie selbst. Wir haben uns das Hirn zermartert, wer die richtige Person ist, unsere Pheu-Thai-Partei in die Wahl zu führen - und sind am Ende immer wieder auf sie gekommen.
SPIEGEL: Viele glauben, Sie allein hätten das entschieden und würden Ihre Schwester nur als Werkzeug benutzen.
Thaksin: Meine Gegner würden jedem Kandidaten unterstellen, er sei mein Werkzeug. Träte Premierminister Abhisit plötzlich in unsere Partei ein, würden sie behaupten, auch den hätte ich instrumentalisiert.
SPIEGEL: Was zeichnet denn Yingluck für dieses Amt aus? Politische Erfahrung hat sie nicht.
Thaksin: Das ist doch gerade ihr Vorteil. Das Land braucht nach dem Militärputsch 2006 und dem Militäreinsatz gegen die Opposition mit mehr als 90 Toten im vergangenen Jahr in erster Linie Versöhnung. Eine Person, die bislang nichts mit Politik zu tun hatte, ist dafür besonders gut geeignet. Yingluck schleppt keine politische Last mit sich herum. Außerdem ist sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die es gewohnt ist, eine große Organisation zu leiten.
SPIEGEL: Sie haben acht Geschwister, aber Yingluck soll Ihnen besonders nahestehen.
Thaksin: Das stimmt. Sie ist meine jüngste Schwester. Schon meine Mutter hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihr, leider starb sie früh. Vor ihrem Tod bat sie mich, auf Yingluck besonders achtzugeben. Und das tat ich. Ich zog sie auf wie meine Tochter, schickte sie in den USA auf die Schule, und als sie nach dem Studium nach Thailand zurückkehrte, fing sie als kleine Mitarbeiterin in einer meiner Firmen an. Sie machte sich hervorragend und wurde schnell Chefin eines meiner Telekommunikationsunternehmen. Wir haben die gleiche Art zu denken, die gleiche DNA.
SPIEGEL: Für den Fall, dass Ihre Schwester gewinnt, wird ein erneuter Militärputsch befürchtet.
Thaksin: Ich hoffe, dass die Wahl frei und fair ist, auch wenn die Einflussnahme des Militärs schon jetzt immens ist. Unser Vorsprung wird hoffentlich so groß sein, dass es selbst dieser Regierung unmöglich ist, die Wahlen zu manipulieren.
SPIEGEL: Werden Sie andernfalls Ihre Anhänger erneut zum Widerstand aufrufen?
Thaksin: Das wollen wir verhindern. Wir wollen keine Rache, sondern der Gegenseite Versöhnung anbieten. Das Land muss wieder vereinigt werden. Darum hat sich die jetzige Regierung nicht gekümmert, und deshalb hat sie auch keine Chance auf einen Wahlsieg.
SPIEGEL: Schließt Versöhnung eine Amnestie derjenigen ein, die für die Toten vom vergangenen Frühjahr verantwortlich sind?
Thaksin: Wenn es entsprechende Beweise gibt, sollten auch faire Gerichtsverfahren stattfinden. Zunächst einmal müssen alle Fakten auf den Tisch - und zwar unabhängig von der Frage, wer welcher Partei angehört. Das betrifft Rot- oder Gelbhemden ebenso wie Militärangehörige.
SPIEGEL: Hat Sie damals die zurückhaltende internationale Reaktion auf den Militäreinsatz gewundert? Es gab doch jede Menge Beweise, dass Soldaten mit scharfer Munition auf unbewaffnete Demonstranten geschossen haben.
Thaksin: Ich habe neulich gelesen, dass im Haftbefehl gegen Gaddafi steht, er habe mit scharfer Munition schießen lassen und Scharfschützen wie Panzer gegen Demonstranten eingesetzt. Das hat Abhisit auch alles getan. Aber Thailand hat kein Öl, und die Regierung kann gut lügen.
SPIEGEL: Sie selbst waren als Premierminister auch kein Musterdemokrat. Ihnen werden schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.
Thaksin: Wir haben Fehler gemacht, besonders im Anti-Drogen-Krieg …
SPIEGEL: … in dem Tausende Menschen starben.
Thaksin: Vielleicht war mein Vorgehen zu drastisch. Ich wollte, dass etwas geschieht, ich wollte diesen Verbrechern Angst einjagen und sie warnen. Aber ich habe nie persönlich angeordnet, dass jemand getötet wird. Ich bin Buddhist und glaube, dass derjenige, der jemanden tötet, im nächsten Leben selbst getötet wird. Als ich noch Premierminister war, sind Leute auf mich zugekommen und haben mich gefragt, ob sie meinen Gegner Sondhi Limthongkul aus dem Weg räumen sollen. Ich war sehr mächtig damals, aber ich habe gesagt: kommt nicht in Frage. Ich will nicht, dass jemand umgebracht wird, selbst wenn es sich um Sondhi Limthongkul handelt.
SPIEGEL: Sie sollen Stimmen gekauft haben.
Thaksin: Stimmen kann man überhaupt nicht kaufen. Geben Sie jemandem 500 Baht (etwa 11 Euro -Red.), und fordern Sie ihn auf, für Sie zu stimmen. Wenn er Sie nicht mag, geht er in die Wahlkabine und macht sein Kreuz einfach woanders. Von 500 Baht kann man sich keine vier Jahre lang satt essen. Als Politiker muss man seine Versprechen halten, sonst wird man nicht wiedergewählt. Ich bin immer wiedergewählt worden.
SPIEGEL: Und was ist an den Vorwürfen dran, dass Sie im vorigen Jahr die Rothemden dafür bezahlt haben, dass sie auf die Straße gingen?
Thaksin: Sie können mit Geld niemanden dazu bringen, sich erschießen zu lassen. Das ist Unsinn. Außerdem habe ich heute nicht mehr halb so viel Geld wie Anfang der neunziger Jahre: sogar weniger als eine Milliarde. Ein bisschen ist allerdings noch vom Verkauf meines Fußballclubs Manchester City übrig geblieben.
SPIEGEL: Sie finanzieren die Pheu-Thai-Partei nicht, die politische Heimat der Rothemden?
Thaksin: Nein. Ich habe Freunde, die machen das. Ich kann gar kein Geld von hier aus in meine Heimat transferieren. Unterschätzen Sie die Spendenbereitschaft der einfachen Thais nicht.
SPIEGEL: Majestätsbeleidigung - das ist gegenwärtig in Thailand der wohl beliebteste Vorwurf, um politische Gegner der Regierung zu verfolgen …
Thaksin: Viele Menschen kommen ins Gefängnis, sogar Ausländer werden angeklagt.
SPIEGEL: Allerdings wurden in Ihrer Amtszeit Kritiker der Monarchie ebenso verurteilt.
Thaksin: Wenn man an der Macht ist, erliegt man manchmal der Versuchung, diese Macht auch auszunutzen. Der König selbst hat mich mitunter gebremst.
SPIEGEL: Dann verwundert es umso mehr, dass er jetzt nicht einschreitet.
Thaksin: Er ist alt und krank und von den falschen Menschen umgeben.
SPIEGEL: Warum kehren Sie nicht nach Thailand zurück und stellen sich einem Prozess?
Thaksin: Wenn es dort ein faires Verfahren geben würde, dann täte ich das. Für mich, meine Familie und meine Anhänger gibt es derzeit jedoch keine Gerechtigkeit.
SPIEGEL: Deswegen genießen Sie lieber das sichere Exil, schlecht scheint es Ihnen hier in Dubai ja nicht zu gehen.
Thaksin: Ich widme mich jetzt anderen Geschäften. Ich bin häufig in Afrika, ich habe in Goldminen in Uganda investiert sowie in Platin und Kohle - in Südafrika, Simbabwe und Tansania. Ich kaufe Konzessionen und lasse auch nach Bodenschätzen suchen. Viele große Investoren haben Angst vor der politischen Instabilität und der Kriminalität dort, darum halten sie sich zurück. Ich bin in Sachen Bodenschätze ein Newcomer, da ist der afrikanische Kontinent ideal.
SPIEGEL: Sie spekulieren mit Rohstoffen …
Thaksin: Ich bin hyperaktiv, ich kann nicht an einem Ort bleiben. Vor zehn Monaten habe ich mir ein Flugzeug gekauft, im Schnitt verbringe ich jeden Tag zweieinhalb Stunden in der Luft. Gerade erst war ich in Genf, um ein paar Freunde zu treffen und gut zu essen, und auch nach Russland reise ich sehr oft, um meinen alten Freund Putin zu sehen. Im Flugzeug skype ich dann und organisiere meine Geschäfte.
SPIEGEL: Thailand vermissen Sie offenbar nicht sonderlich.
Thaksin: Im ersten Jahr habe ich die Heimat sehr vermisst. Es kommen mich aber mittlerweile sehr viele Menschen hier in Dubai besuchen. Die bringen mir Wurst aus Chiang Mai und Curry aus Chonburi mit. So lässt es sich leben. Aber im Dezember würde ich gern wieder in Thailand sein, dann regiert vielleicht meine Schwester das Land.

Thaksin Shinawatra
gilt vielen als Phantom. Lange Zeit wusste kaum jemand, wo Thailands früherer Regierungschef sich aufhielt. Mal wurde der 62-Jährige auf dem Balkan gesichtet, dann wieder in Russland, in Uganda und Südafrika, und immer wieder auch in der Schweiz. Doch die meiste Zeit verbringt Thaksin, inzwischen Staatsbürger Montenegros und Inhaber eines nicaraguanischen Diplomatenpasses, offenbar in Dubai. Dort hat er sich im Nobelviertel Emirates Hills ein Anwesen gekauft; vor der Tür der schneeweißen Villa parken ein Jaguar und ein Lexus. Die thailändische Armeeführung und die ihr nahestehende Regierung von Premierminister Abhisit Vejjajiva würden Thaksin lieber heute als morgen festnehmen lassen. Das Militär hatte den populären Politiker, der dreimal die Wahlen in seinem Heimatland gewann, 2006 aus dem Amt gejagt. Er wurde später wegen Amtsmissbrauchs zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt, rund eine Milliarde Euro seines Vermögens konfiszierte der Staat. Doch Thaksin entzog sich einer Verhaftung und setzte sich nach London ab. Am 3. Juli wird Thailand nun das nächste Parlament wählen. Gute Chancen auf den Posten des Premierministers hat diesmal Thaksins Schwester Yingluck, 43 - wenn nicht erneut das Militär eingreift.
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 24/2011
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