11.06.2011

ESSAYI was amused

Eine Verteidigung der Komödie gegen ihre Verächter Von Elke Schmitter
Einmal im Jahr veranstaltet das Deutsche Theater in Berlin seine Autorentheatertage. Dramatiker stellen sich mit ihren unveröffentlichten Stücken dem Urteil einer Ein-Personen-Jury, die zuerst die Ausschreibung - also ihre Idee von gutem Theater - formuliert und dann die besten Texte auswählt. Die diesjährige Juro-rin, SPIEGEL-Redakteurin Elke Schmitter, 50, entschied sich für das Genre Komödie. Am 25. Juni werden vier der ihrer Ansicht nach besten Stücke in einer langen Theaternacht am Deutschen Theater einmalig aufgeführt. Eine fünfte Komödie übernimmt das Haus gar in seinen Spielplan. In ihrer Einführungsrede zu den Autorentheatertagen, hier in Auszügen vorgestellt, spricht Schmitter über ihre leidvollen Erfahrungen mit dem Theater und über das Wesen des Komischen.
Meine Erfahrung mit dem Theater ist lang und überwiegend frustrierend. Als Jugendliche habe ich selbst Theater gespielt - wer nicht -, als Philosophiestudentin habe ich mit echtem Enthusiasmus Regieassistenzen in München gemacht, diesen Weg aber nicht weiterverfolgt, weil ich mich für eine echte Regisseurin für nicht egoman, nicht abgewrackt und nicht männlich genug hielt. In meinem ersten Jahr als Journalistin war ich Theaterredakteurin und habe mir alle Erstaufführungen von Lüdenscheid bis Anklam angesehen, was mein Verhältnis zur Bühne eher nicht verbessert hat. Seitdem gehe ich gern in die Oper, bin glücklich wie ein Kind im Kino und nehme es dem Theater weiterhin übel, dass das Verhältnis zwischen Öde und Verzauberung für mich etwa 80 zu 20 ergibt, was heißt: Von zehn Besuchen haben sich zwei beinahe gelohnt. Und das ist natürlich zu wenig.
Ich habe die Juroren-Aufgabe trotzdem angenommen und mich für das Genre Komödie entschieden. Das hat zwei Gründe: Zum einen amüsiere ich mich gern, und dazu hatte ich bisher im Theater viel zu selten Gelegenheit. Zum anderen habe ich im Lesen von dramatischen Texten keine Übung. Mit einem klammen Gefühl habe ich mich also gefragt, ob ich ein Stück von Tschechow - das ist mein Gott, um es gleich klar zu sagen - eigentlich als das Geniale erkennen würde, das es ist. All die Lücken, die es zu denken, all das Ungesagte, das es zu spielen gilt - würde ich das noch merken, 25 Jahre nach der letzten aktiven Theatererfahrung? Dann habe ich mir gesagt, dass das einzig unanfechtbare Kriterium, auch für mich selbst, das Lachen sein kann, das Amusement, das Vergnügen.
Jelena: "Was für ein schönes Wetter heute ist … Nicht heiß …" (Pause)
Woinizki: "Bei so einem Wetter hängt man sich gerne auf."
(Telegin stimmt die Gitarre. Marina geht ums Haus und lockt die Hühner.)
Marina: "Putt, putt, putt …"
Selbst wenn man "Onkel Wanja" nicht in seiner vollen Größe verstanden hat - dieses Intermezzo entgeht einem nicht. Es ist ja so furchtbar traurig, weil es so komisch ist.
Humor funktioniert, oder er funktioniert eben nicht. Da diese Jury-Tätigkeit den ergreifenden Vor- und Nachteil der radikalen Subjektivität hat, war es mir eine Erleichterung, diesen Aspekt ins Äußerste zu treiben und mich zur Queen zu krönen. I was amused or: I was not amused.
Das ist ein fassbares Kriterium, um die Lektüre von 140 jungfräulichen Stücken, zu denen es keinerlei Zusatzinformationen gibt, seriös zu bewältigen. Eher nebenher war ich gezwungen, über das Wesen des Komischen nachzudenken. Um es kurz zu machen: Humor ist nur bedingt theoriefähig. Er ist stärker als das Tragische an Einzelheiten und ans Banale geknüpft. Lachen ist etwas Spontanes, es passiert sofort oder überhaupt nicht.
Der Witz bereitet sich im Ungesagten vor, und er setzt voraus, dass man ihn unmittelbar versteht; wir wissen alle, dass die Erklärung eines Witzes alle, auch den Erklärenden, in einen Abgrund von Ödnis stürzt.
Kürzlich war ein Mädchen aus der 7. Klasse bei mir zu Besuch, auf dessen Stofftasche der Satz geschrieben war: "Ich schmeiß alles hin und werd Prinzessin." Dass das auf Kate Middleton und Prinz William gemünzt war, fiel mir erst nach dem Lachen auf; ich fand den Satz auch vorher schon rasend komisch, aber wahrscheinlich, weil ich kein Junge bin und mich dieser Kommentar zu über 150 Jahren Frauenbewegung, zur Quotendiskussion und Gender-Grübelei in seiner Lässigkeit bezaubert hat. Aber auch mit einer langen Erklärung bringe ich niemanden zum Lachen über diesen Satz, der ihn nicht spontan schon witzig fand.
Damit komme ich, nach Kürze und Kontextabhängigkeit, zum dritten Charakteristikum des Komischen: Es ist heikel, weil es entlarvt. Sage mir, worüber du lachst, und ich sage dir, wer du bist. Kinder unter zehn lachen am liebsten über Witze, in denen gepupst wird. Erwachsene ertappen sich bei Kapazitäten von Schadenfreude, Rassismus und Frauenverachtung, von denen sie nichts geahnt haben, bevor sie über Polen-, Türken- und Blondinenwitze gelacht haben.
Harald Schmidt hat seinen Erfolg der Tatsache zu verdanken, dass man in seiner guten Gesellschaft - implizit links, immer kritisch, immer Bildungsbürgertum - über Pointen lachen kann, die am Familientisch derselben Leute verboten wären. Bei der Regression bleibt man gern unter sich, und deshalb fühlt man sich beim Lachen vor dem Fernseher im Wohnzimmer oder beim "Schuh des Manitu" im Kino wohler als im Theater, wo man unter sozialer Kontrolle steht, weil man von Fremden umgeben ist und es nicht ganz dunkel ist.
Vielleicht hat die organisierte Komik auf dem Theater bei uns in Deutschland auch wegen dieser sozialen Scham keinen guten Ruf. Seit dem Zweiten Weltkrieg führt die Komödie, soweit ich es überblicke, ein schattiges Dasein auf dem Boulevard und im Dialekttheater, also da, wo man offensiv provinziell ist, unter seinesgleichen und vom höheren Anspruch entfesselt. In Frankreich, in Italien und Großbritannien ist das Lachen im Publikum kein Zeichen für gesenktes Niveau, sondern unbekümmerte Selbstverständlichkeit. Und außerdem ein professionelles Mittel der Autoren, das Publikum bei Konzentration und Laune zu halten. Pathos und Trübsinn gelten nicht von vornherein als Ausweis höherer Denkungsart.
Die deutsche Vorliebe für das humorfreie Theater hat, wie alles Soziale, ein Geflecht von Begründungen, dem nachzugehen uns alle herabstimmen würde. Krieg und Holocaust gehören dazu, die Frankfurter Schule mit ihrer Ineinssetzung von Intelligenz und Melancholie, die akademische Gleichsetzung von Intelligenz und Analyse von Fehlern sowie die journalistische Übung, Intelligenz mit Kritik und Entlarvung unbedingt zu verbinden.
Ich bin zwar durch und durch von diesen Traditionen geprägt, aber es setzt sich, je älter ich werde, das innere Kind wieder durch, das staunen will. Und das Lachen ist eine Art von Staunen, sozusagen als Kurzschluss, als blitzlichthafte Erkenntnis oder Erschütterung; das Lächeln ist die verlangsamte, gewissermaßen lyrische Form desselben. Man stürzt ab - weil man etwas anderes erwartet hat als das, was kommt -, aber man fällt eben weich.
So, das war die erzählende Einleitung. Jetzt noch ein paar Thesen zu Humor und Komödie.
These 1, grundsätzlich und deshalb ganz kurz: Es gibt Probleme, die sich nur mit Humor lösen lassen. Wir alle wissen das, machen aber nicht genügend Gebrauch davon. Humor kann man üben, und die Komödie trägt dazu bei.
These 2: Es gibt Probleme, die man nur mit Humor erkennen kann. Indem man sie übertreibt, indem man eine paradoxe Lösung empfiehlt, indem man sie metaphorisch noch einmal erzählt, indem man sie mit neuem Personal durchspielt; kurz: indem man sie gerade so stark entfremdet, dass man sie schärfer und besser oder sogar zum ersten Mal sieht. Hier reden wir nicht über Einfühlung - wie bei der Tragödie -, sondern über ein Gedankenspiel, das gerade deshalb befreiend wirkt, weil es von den Verstrickungen der erlebten Gegenwart abstrahiert.
Die kürzeste Form dieser Erkenntnisübung ist der Witz, die längste ist die Komödie.
These 3: Es gibt Probleme, die man ohne Humor erkennen, aber nicht lösen kann. Hier unterscheide ich, einfach aufgrund meiner Lebenserfahrung, zwei Gruppen.
Typ A nenne ich den Cluster-Typ. Er hat damit zu tun, dass unterschiedliche Klassen von Problemen - praktische, strategische, gruppendynamische und innerpsychische beispielswei-se - in einer einzigen Situation aufeinanderstoßen; sie entstehen gemeinsam oder in Reaktion aufeinander, und sie bil-den schließlich ein unentwirrbares Knäuel. Sagen wir: Eine fünfköpfige Familie bricht in den Urlaub auf; die Koffer sind gepackt, aber für den Gepäckraum zu groß, alle sind zu früh aufgestanden, damit man am Brenner nicht in den Stau gerät, die Eltern sind sich nicht einig über die Route, der 15-Jährige findet sein Handy-Aufladegerät nicht, die 6-Jährige vermisst ihr Kuscheltier, und dem 12-Jährigen ist schlecht. All diese Einzelprobleme kann man theoretisch nacheinander lösen, dann ist der Urlaub aber schon halb vorbei. Außerdem ist allen klar, dass ein großer Teil der Probleme erst durch die anderen Probleme entstanden ist. Die einzig konstruktive Möglichkeit, mit der Situation umzugehen, heißt: Stressreduktion. Ideales Vorgehen hierbei: die paradoxe Intervention. Geht nur und ausschließlich über Humor. Kann man in der Komödie üben.
Die andere Sorte Probleme, die sich überhaupt nicht lösen lässt, ist existentieller Natur und nicht über-, sondern unterkomplex: Wir fühlen uns zu jung, wenn wir jung sind; wir fühlen uns zu alt, wenn wir alt sind; wir sind Frauen, wir sind Männer; wir sind sterblich. Diese Probleme verschwinden nicht. Es lässt sich nur demonstrieren, dass man damit leben kann - mit dem Alter, mit der Jugend, mit der Angst vor dem Tod. Wenn man damit leben kann, verschwinden diese Probleme - zumindest vorübergehend. Sie treten ab in den Hintergrund; sie werden weniger wichtig, oder sie werden adoptiert. Das geht praktisch nur mit Humor.
Ich habe eigentlich erst in den Gesprächen mit den Profis vom Deutschen Theater begriffen, als wie spießig, ausgelaugt und vorgestrig die Komödie offenbar gilt. Ich bin natürlich auch deshalb besonders froh, dass am Ende fünf Stücke stehen, die so gut sind, dass das Deutsche Theater auf keines verzichten wollte: Judith Kuckarts "Paradiesvögel" über zehn Amateure, die in einem pleitegegangenen Reisebüro in der Provinz ein Musical proben, findet für den Problem-Typ Cluster eine komödiantische Lösung, in der Alltag und Poesie verschwistert sind.
"Ein Mädchen namens Elvis", das Kammerspiel von Juli Wolf, verhandelt das existentielle Drama von Alter und Jugend als eine Groteske mit Überraschungen auch im Gefühlsbereich. David Lindemanns "Getränk Hoffnung" erklärt uns die Finanzkrise satirisch und analytisch; hier wirkt der Humor als politischer Brandbeschleuniger. "Krauses Erzählungen" von Daniel Gurnhofer ist brachial, archaisch und von regressiver Pracht und bringt die Welt von Hartz IV komisch, aber ohne Schadenfreude auf die Bühne. Mathilda Onurs "Blinde Punkte, Sterne" schließlich gibt der hoffnungslosen ersten Liebe und dem Wahnsinn der Einbildungskraft ein rührend komisches Gesicht.
Jedes Stück zielt auf unsere Gegenwart. Alle fünf zusammen schreiten den Raum des theatralisch Komischen ab - von der analytischen Satire über die Groteske und das archaische Volksschauspiel ins weite Land des Lächelns. Es steht also nicht so schlecht um die deutsche Komödie im Jahr 2011. ◆
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 24/2011
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