01.06.1998

WÄHRUNGGut für Gauner

Mafiosi dürfen sich auf den Euro freuen: Die 500er-Note erleichtert für Kuriere, die bisher mit Koffern voll Dollar reisen, den Transport enorm.
Stolz präsentierten sich die amerikanischen Zollfahnder den Fotografen. 35 Millionen Greenbacks hatten sie in der vorigen Woche südamerikanischen Drogenbaronen entrissen. Nun stellten sie in San Diego aus, welche ungeheure Menge Bargeld sie da erbeutet hatten.
Für amerikanische Heroinfahnder werden solche Fahndungserfolge mit Einführung des Euro deutlich unbefriedigender ausfallen. Der Berg der Scheine schrumpft, statt des vertrauten Grüns taucht immer häufiger die Farbe Lila und eine geheimnisvolle Chiffre auf: 500 Euro.
Das ist zumindest die Prognose des Princeton-Ökonomen Kenneth Rogoff. Der Geldexperte fürchtet, daß Mafia-Bosse, Drogenschmuggler und Steuerhinterzieher aller Länder sehnlicher auf das neue Geld warten als die Bürger der Euro-Zone. Der Grund: Sie wickeln ihre dunklen Geschäfte vor allem in bar ab. Die neue Währung ist als Schmiermittel der Unterwelt-Ökonomie kostengünstiger als der Dollar.
Denn der 500-Euro-Schein ist über fünfmal soviel wert wie die 100-Dollar-Note. Also reduziert sich das Transportvolumen auf weniger als ein Fünftel. Entsprechend sinken die Kosten der Bargeldschieber bei ihren weltweiten Transaktionen. Ökonom Rogoff: "Man kann dann eine Million in der Geldbörse außer Landes schmuggeln, bisher brauchte man einen Koffer."
Weil der Euro, anders als die europäischen Einzelwährungen, dem Dollar weltweit Konkurrenz macht, ist ein Euro-Riese für Gangsterbosse in Amerika und Asien eine verlockende Alternative zum soviel kleineren 100-Dollar-Schein.
Die vermutete Gier der Gangster nach dem Euro ist nicht nur Objekt akademischer Spekulation. Bevor 1995 die Entscheidung für einen 500-Euro-Schein fiel, wehrten sich viele Experten gegen die Ausgabe einer Geldnote im Gegenwert von 1000 Mark. Einhellige Begründung: ein stabiler Euro in so hoher Stückelung werde der Unterwelt das bisher in Dollar betriebene Geschäft noch leichter machen. Für den täglichen Geldverkehr der Normalbürger dagegen würden so große Scheine nicht benötigt.
Das Argument leuchtet sofort ein. 1000-Mark-Scheine tauchen im Alltag der Bundesrepublik kaum auf. Wer damit im Kaufhaus oder Restaurant bezahlt, muß sich häufig gedulden, bis der Schein im Hinterzimmer auf seine Echtheit durchleuchtet ist. Merkwürdig nur: Trotzdem entfallen 45 Prozent des umlaufenden Geldwertes auf 500- und 1000-Mark-Scheine.
Selbst in Spanien findet sich die 10 000-Peseta-Note (118 Mark) selten in den Kassen. Auf den großen Schein entfällt aber über die Hälfte des umlaufenden Bargelds. Vor dem Europäischen Parlament bestätigte der designierte Präsident der Europäischen Zentralbank und frühere niederländische Notenbankgouverneur Wim Duisenberg dies Phänomen auch für den 1000-Gulden-Schein.
Die wertvollste gängige Dollar-Note trägt die Zahl 100. Doch die cash-scheuen, kreditkartenverliebten Amerikaner haben nur wenig Bares in der Tasche. Trotzdem sind über 60 Prozent der umlaufenden Dollar Hunderter.
Obwohl die Mehrheit der EU-Zentralbanker die Warnung vor den Riesenscheinen teilt, konnte sich die Deutsche Bundesbank im entscheidenden Gremium, dem Rat des Europäischen Währungsinstituts in Frankfurt, vor drei Jahren durchsetzen.
Das Hauptargument war politisch: die Deutschen hätten nun einmal einen 1000-Mark-Schein. Wenn die höchste Euro-Note künftig weniger wert sei, würden die Euro-Skeptiker womöglich glauben, der Tausch der Scheine komme einer Abwertung gleich. Das aber würde die Akzeptanz der neuen Währung noch weiter schwächen.
Ein 500-Euro-Schein dagegen, argumentiert Edgar Meister, Mitglied im Direktorium der Bundesbank, begründe Vertrauen in das neue Geld. "Eine Währung, die es sich leisten kann, mit so hohen Noten herauszukommen", sagte der Zentralbanker, "muß wertbeständig sein."
Meister bestreitet nicht, daß Kriminelle vom Hang zur Größe profitieren könnten. Schätzungen, bis zu 75 Prozent des Bar-
* Justizministerin Janet Reno, Finanzminister Robert Rubin bei einer Pressekonferenz in Washington.
gelds tauchten in finsteren Geschäften auf, tut er jedoch ab: "Das wird immer wieder behauptet, Beweise existieren aber nicht."
Große Scheine würden in zahlreichen Ländern auch von ehrenwerten Bürgern gebraucht. In vielen Regionen sei es Tradition, Autos nur gegen Cash vom Hof fahren zu lassen. Auch Immobilien würden häufig zu einem Teil in bar bezahlt. In Krisengebieten hielten die Menschen vielfach Reserven in fremder, stabiler Währung. Es gebe also durchaus eine legale Nachfrage nach großen Scheinen.
Die Beispiele überzeugen nicht, denn die Alltagserfahrung lehrt: Gehen große Bargeldsummen über den Tisch, ist leicht etwas nicht ganz in Ordnung an dem Deal, auch wenn es sich nicht um Organisierte Kriminalität handelt. Wird ein Teil des Kaufpreises für ein Wohnhaus bar übergeben, hat das meist zwei Gründe: den offiziellen Kaufpreis zu senken, um Gebühren und Grunderwerbsteuer zu sparen, und vielleicht zugleich Schwarzgeld in den offiziellen Geldkreislauf zurückzuschleusen.
Diese Nachfrage ist für den Ökonomen Rogoff kein ausreichender Grund für die Einführung eines 500-Euro-Scheins. Europas Notenbankpräsidenten, vermutet er, wollten aus eigenem Interesse auf die großen Scheine nicht verzichten.
Denn alle Zentralbanken, die ihre Regierungen mit Milliardengewinnen beliefern, verdienen am hohen Bargeldumlauf. Jeder, der im In- oder Ausland 1000 Mark im Portemonnaie hält oder 100 000 Dollar in der Matratze versteckt, gibt damit, ob er will oder nicht, der jeweiligen Zentralbank ein zinsloses Darlehen.
Denn alles Bargeld der Bürger muß von den Banken gegen Entgelt bei der Notenbank beschafft werden. Die Kalkulation ist simpel: Je mehr Bargeld im Umlauf ist, desto höher der Gewinn für die Notenbank.
Es geht nicht um Peanuts. Auf der Welt kursieren Mark-Scheine im Wert von etwa 261 Milliarden Mark. Bei einem Zinsertrag von fünf Prozent - soviel müssen die privaten Banken der Bundesbank de facto zahlen - häufen sich jährlich 13,1 Milliarden Mark an, die - nach Abzug der Kosten - zu einem guten Teil als Bundesbank-Gewinn das Herz des Bonner Finanzministers erfreuen. Da etwa 30 Prozent des Bargelds von Ausländern gehalten werden, steuern die etwa 4 Milliarden Mark zum Wohlstand der Deutschen bei. In den USA liegen die Bruttoeinnahmen der Notenbank bei etwa 28 Milliarden Dollar.
Kenneth Rogoff vermutet hinter der Ausgabe hoher Banknoten durch die Europäische Zentralbank eine ausgeklügelte Strategie. Die Notenbank wolle die Dominanz des Dollar brechen. Sein Fazit: "Das ist ein aggressiver Schritt."
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Was an Geldscheinen in einen Aktenkoffer paßt
Bargeldumlauf in Banknoten
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Was an Geldscheinen in einen Aktenkoffer paßt
Bargeldumlauf in Banknoten
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* Justizministerin Janet Reno, Finanzminister Robert Rubin bei einer Pressekonferenz in Washington.

DER SPIEGEL 23/1998
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