01.06.1998

VERLAGEFaustschlag auf den Schädel

Streit um Kafka: Nach dem Erfolg des „Process“-Romans möchte der Frankfurter Stroemfeld-Verlag weitere Werke des Prager Dichters publizieren - und darf nicht.
Die Töne klingen martialisch. Ist ein "Kampf um Kafka" entbrannt, wie "Die Tageszeitung" es in einer Überschrift formuliert, gar ein "anglodeutscher Krieg", wie der "Observer" zu beobachten glaubt?
Seit die Rechte am Werk des aus Prag stammenden Juristen und Schriftstellers Franz Kafka (1883 bis 1924) Ende 1994 frei geworden sind und der kleine Frankfurter Verlag Stroemfeld dem traditionellen Kafka-Verlagshaus S. Fischer in derselben Stadt die Ehre einer historisch-kritischen Ausgabe streitig machen will (SPIEGEL 1/1995), gibt es einen offenen Konflikt.
Bis nach England reicht dieser Streit, weil dort, in der berühmten Oxforder Bodleian Library, rund zwei Drittel der Kafka-Handschriften lagern: wahrlich ein Schatz - in Auktionärskategorien gedacht, dürfte er sich zu einem dreistelligen Millionenbetrag addieren lassen. Das Problem, das die Stroemfeld-Leute mit den Türhütern von der Abteilung "Spezialsammlungen" haben, läßt sich auf einen Nenner bringen: Man läßt sie nicht rein und nicht ran.
Für ihre geplante Gesamtedition ist aber nicht nur die Einsicht in die Kafka-Manuskripte unerläßlich, sondern ebenso die Erlaubnis, die Handschriften zu faksimilieren, was durch moderne Scanner-Technik heute problemlos zu bewerkstelligen ist. Das Credo des rebellischen Kafka-Herausgebers Roland Reuß lautet: Wozu eine komplizierte philologische Beschreibung der Handschrift in einem klassischen "Apparate"-Band (wie bei der Fischer-Edition), wenn Kafkas Schrift doch bestens lesbar ist und seine Streichungen, Änderungen und Korrekturen auf einen Blick in einer guten Reproduktion zu erfassen sind?
Diese Überlegung hat viel für sich. Und der erste Band des Stroemfeld-Kafkas, der nach längerer Vorbereitung unlängst endlich erschienen ist und den Roman "Der Process" präsentiert (so die neue Titel-Schreibweise), hat auch Skeptiker überzeugt*. Die Publikation war deswegen möglich, weil die "Process"-Handschrift nicht in Oxford, sondern - seit sie 1988 für mehr als drei Millionen Mark auf einer Auktion erworben wurde - im Deutschen Literaturarchiv in Marbach lagert.
So haben nun mehrere hundert Kafka-Begeisterte - rund 600 Vorbestellungen lagen bei Erscheinen der Edition vor - die Möglichkeit, die einzig sichere Grundlage aller jemals erschienenen Kafka-Publikationen zu studieren: die Schrift selbst. Die "Happy few" erleben dabei manche Überraschung.
Das beginnt schon mit dem legendären ersten Satz, in dem jedes Wort unverrückbar schien. "Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet" - so kennt der gebildete Mensch den berühmtesten Romananfang des 20. Jahrhunderts zumindest aus der Schule (und aus allen bisherigen Editionen). Nun sieht er auf einen Blick, daß Kafka nicht nur in freier Auslegung der Rechtschreibregeln "verläumdet" statt "verleumdet" geschrieben hat, sondern den Satz ursprünglich anders enden lassen wollte, nämlich: "war er eines Morgens gefangen".
Feinheiten? Gewiß, aber gerade bei ihm, Kafka, der Ikone einer sich selbst in Frage stellenden literarischen Moderne, bei dem weltweit bewunderten Dichter, führt die genaue Wahrnehmung solcher Details nicht in die Irre, sondern zu einer ganz neuen Lektüre - weit über bloße Liebha-
* Franz Kafka: "Der Process". Historisch-Kritische Ausgabe, herausgegeben von Roland Reuß in Zusammenarbeit mit Peter Staengle. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main; 16 Hefte mit Begleitheft und CD-Rom; 398 Mark (Subskription: 298 Mark).
berei oder philologische Fliegenbeinzählerei hinaus.
Kafka ist der Inbegriff des skrupulösen, an sich zweifelnden Schriftstellers, der nicht allein - wie andere Autoren ebenfalls - manches umschrieb, änderte und verwarf, sondern am Ende alles, was er produziert hatte, in Frage stellte, eine umfassende Rücknahme, die in dem gegenüber dem Bewunderer und Freund Max Brod auch schriftlich geäußerten Wunsch gipfelte, der gesamte Nachlaß sei "restlos und ungelesen zu verbrennen".
Warum Kafka überhaupt seine drei Romane so weit vorantreiben, daraus vorlesen und sie, unfertig, wie sie waren, gar aus der Hand geben konnte (und nicht selbst vernichtete), bleibt sein Geheimnis. "Gestern und heute 4 Seiten geschrieben, schwer zu überbietende Geringfügigkeiten" oder: "In gänzlicher Hilflosigkeit kaum 2 Seiten geschrieben" - typische Tagebuchnotizen aus dem Sommer 1914.
Sein Anspruch war mächtig und die eigene Verzagtheit schon daher verständlich: "Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?" Schreibend wollte Kafka die Welt "ins Reine, Wahre, Unveränderliche" heben.
Er überließ das unvollendete "Process"-Manuskript 1920 seinem Freund Brod (1884 bis 1968). Der weigerte sich, Kafkas Hang zur "Selbstsabotage" zu unterstützen. Er widerstand auch nach dessen Tod der "einschmeichelnden Verlockung des Zartsinns" - zumal er beizeiten Kafka deutlich gemacht hatte, seiner Bitte nicht entsprechen zu wollen.
Dieser Eigensinn war das erste Wunder: Schon acht Tage nach Kafkas Beerdigung hatte Brod einen Vertrag mit den Hinterbliebenen ausgehandelt und sich nach Verlegern umgesehen. "Der Prozeß" erschien erstmals 1925, wobei Brod alles vermied, "was das Fragmenthafte betont hätte". Schließlich war Kafka, bis dahin nur wenigen Kennern vertraut, einem größeren Publikum überhaupt erst nahezubringen.
Das zweite Wunder war die Rettung der Handschrift, nicht nur dieses Romans. Kafkas Gesamtwerk war 1935 von den Nazis auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" geraten, Thomas Mann hatte drei Jahre später vergeblich versucht, Brod samt Kafka-Nachlaß in die USA zu holen. Der machte sich im März 1939 von Prag aus nach Palästina auf den Weg, im Koffer sämtliche Kafka-Handschriften. Keinen Tag zu früh: Am nächsten Morgen schon fahndete die Gestapo nach ihm. Kafkas Urtexte wären um ein Haar für immer verloren gewesen.
Der Weg führte zunächst per Eisenbahn und Schiff nach Istanbul. Dort lag im Hafen neben dem rettenden Dampfer nach Tel Aviv ein "Nazischiff", wie Brod später beschrieben hat. Da er als einziger Passagier den mit den Deutschen sympathisierenden Türken seinen Paß zeigen sollte, fürchtete er um sich und die Ware im Koffer: "Doch es geschah nichts, ich bangte eine Viertelstunde lang, dann ist auch diese Gefahr an mir und den Manuskripten Kafkas vorbeigegangen."
Die Suez-Krise bewies später, wie gefährdet eine Handschrift immer wieder sein kann. Von Jerusalem aus gelangten die Manuskripte 1956 vorerst in einen Schweizer Banksafe und von dort zum größten Teil 1961 nach Oxford.
Die Freude, die der Kafka-Begeisterte heute angesichts des "Process"-Faksimiles verspürt, hat auch mit dieser Geschichte zu tun: Diese eine Handschrift wenigstens ist jetzt nicht nur gesichert, sondern gewissermaßen jedem zugänglich.
Nicht nur ist dafür gesorgt, daß jedes einzelne Blatt paßgenau mit Vorder- und Rückseite im Verhältnis eins zu eins wiedergegeben wird (so daß man es wie beim Original durchschimmern sieht, wenn man die gedruckte Seite gegen das Licht hält), sondern man hat sich auch zu einem geradezu revolutionären Schritt entschlossen: nämlich darauf verzichtet, aus den einzelnen "Process"-Fragmenten ein Buch zu komponieren, wie alle Ausgaben zuvor. Die Stroemfeld-Edition wird im Schuber mit 16 Heften geliefert - sogar eine ordnende Numerierung haben Reuß und sein Mitarbeiter Peter Staengle unterlassen: "Wir wollten nicht schlauer sein als Kafka zum Zeitpunkt, wo er das Manuskript aus der Hand legte."
Die "optimale Lösung aller editorischen Probleme" nannte das "Die Zeit", von "genial einfacher Einsicht" sprach die "Süddeutsche Zeitung", von "editorischer Großtat" die "Neue Zürcher Zeitung", und die "Frankfurter Allgemeine" lobte: "Dank der faksimilierten, erstaunlich gut lesbaren Manuskriptseiten und ihrer hervorragenden Transkription" lasse sich nun "jede Streichung und jeder Strich" rekonstruieren.
Kein Wunder, daß Reuß und sein Verleger KD Wolff nun bald das nächste Kafka-Werk angehen wollen, am liebsten den Roman "Das Schloß", mit dem auch die kritische Fischer-Gesamtausgabe 1982 gestartet wurde. Doch im Namen der Eigentümer verweigerte Malcolm Pasley, einer der Herausgeber der Fischer-Edition, erstmals Ende 1994 die Erlaubnis zur Reproduktion der dortigen Kafka-Manuskripte. Als Wolff kurz darauf den Einleitungsband zur geplanten eigenen Edition schickte, erhielt er die britisch knappe Antwort, die Korrespondenz sei als beendet zu betrachten.
Jetzt hat der Stroemfeld-Verlag den Antrag "auf Faksimilierung der Kafka-Handschriften in Oxford" erneuert, unterstützt von einzelnen Schriftstellern und dem deutschen Pen-Zentrum (Ost). Mittlerweile ist auch der Adressat klar: Nicht mehr der schwerkranke Pasley, sondern die Bibliothek selber und drei Nichten Kafkas (eine in London, zwei in Prag lebend) sind - als Handschriften-Eigentümer - die Türhüter.
Die Korrespondenz ist zögernd wieder in Gang gekommen, und es steht zu hoffen, daß ein Gerede wie das vom "anglogerman war" die deutsch-britische Verständigung nicht wieder trübt. Immerhin hat Mary Clapinson, die verantwortliche Abteilungsleiterin der Bibliothek, in einem Schreiben an Wolff kürzlich zugesagt, daß es zu einer Faksimile-Edition des Oxford-Bestands auf jeden Fall kommen werde - ohne sich freilich auf den Zeitpunkt oder einen Verlag festzulegen. "Das ist ein Fortschritt", sagt Wolff, der auf die Möglichkeit einer kostensparenden Kooperation hofft.
Alle Seiten beschwören, daß es ihnen um Sicherung und Zugänglichkeit des Kafka-Werks geht. Die heutigen Querelen wirken fast wie die Verlängerung der Qualen des Autors beim Schreiben - sie scheinen zur Eigenart dieser Dichtung zu passen: keine Ruhe zu geben.
* Franz Kafka: "Der Process". Historisch-Kritische Ausgabe, herausgegeben von Roland Reuß in Zusammenarbeit mit Peter Staengle. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main; 16 Hefte mit Begleitheft und CD-Rom; 398 Mark (Subskription: 298 Mark).
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 23/1998
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