20.06.2011

GESUNDHEITFluchtpunkt Nordkorea

Pharmakonzerne wollen ihre Medikamente nicht wegwerfen, wenn deren Verfallsdatum naht. Deshalb spenden sie ihre Ramschware angeblich für Entwicklungsländer. Tatsächlich landet das meiste aber in deutschen Apotheken. Ein prima Geschäft für alle - außer für die Patienten.
In seinem hauseigenen Kodex versichert der Pharmakonzern Sanofi-Aventis, ein vorbildliches Unternehmen zu sein. "Internationale Vorschriften gegen Korruption und unlautere Zahlungen" müssten die Mitarbeiter strengstens beachten. "Unlautere Geschäftspraktiken sind unvereinbar mit den Werten von Sanofi-Aventis", beteuert die Firma in einer freiwilligen Selbstverpflichtung.
Schöne Worte. Hehre Grundsätze. Doch nun liegt der Verdacht nahe, dass auch bei Sanofi-Aventis die Profitgier größer ist als alle ethischen Schaufensterbekenntnisse.
Am Donnerstag vergangener Woche ließ die Staatsanwaltschaft Verden von 50 Ermittlungsbeamten bundesweit 17 Objekte durchsuchen: die Deutschland-Zentrale ebenso wie etliche Privatwohnungen ehemaliger Top-Manager.
Jahrelang sollen Mitarbeiter des fünftgrößten Pharmaunternehmens der Welt am Standort Deutschland bestochen haben. Im Kern geht es darum, dass Sanofi-Aventis seit 2004 Medikamente, deren Verfallsdatum naht, über Pharmagroßhändler mit Hilfe von Schmiergeldzahlungen in den Markt gedrückt haben soll.
Der Clou: Offiziell wurden die bald verfallenden Präparate in Entwicklungsländer geliefert. Tatsächlich landete das meiste aber in deutschen Apotheken.
Das heimliche Geschäft lief so gut, dass am Ende nicht nur Sanofi-Aventis, sondern womöglich auch Konkurrenzfirmen wie Pfizer, Novartis oder Merck auf diese Weise ihre Restposten loswurden.
Interne E-Mails, Bestellvorgänge und Lieferlisten, die dem SPIEGEL vorliegen, offenbaren das sorgsam gehütete Geschäft und zeigen, wie die verantwortlichen Pharmamanager agierten.
Am 25. Januar 2010 beispielsweise rollte einer dieser Lastwagen mit Ramschware vom Sanofi-Firmengelände in Frankfurt am Main. Das Frachtgut: elf Paletten voller Arzneimittel. Gesamtgewicht: 2398 Kilogramm. Laut Lieferschein transportierte der Lkw 520 Packungen des Blutdrucksenkers Aprovel, 1150 Packungen der Hautcreme Dermatop, 2592 Packungen des Analog-Insulins Lantus und mehr als 10 000 weitere Schachteln mit Sanofi-Präparaten. Die Menge der einzelnen Medikamente entspricht ungefähr dem jeweiligen Jahresbedarf von zehn Apotheken.
Der Laster schaffte die Fracht zu einem Großhändler namens Multi-Trade-International (MTI) mit Sitz in Seevetal bei Hamburg. MTI hatte die Arzneimittel direkt bei Sanofi-Aventis bestellt.
Bei den Medikamenten handelte es sich um sogenannte Lagerware, die nicht mehr ganz so lange haltbar war wie die frisch hergestellten Sanofi-Präparate. Die Ablaufdaten lagen zwischen April und August 2011. MTI bekam für die Restware einen Rabatt in Höhe von 20 bis 50 Prozent pro Packung, plus drei Prozent Skonto für die kurzfristige Bezahlung der Rechnung. Im knapp kalkulierten Großhandelsgeschäft sind bereits 23 Prozent ein sensationeller Nachlass. Für den Konzern indes immer noch besser, als den Kram wegschmeißen zu müssen.
MTI verkaufte die günstig erworbenen Präparate dann weiter, in der Regel an den bundesweit tätigen Pharmagroßhändler Gehe - mit einem Rabatt von 7 Prozent. Gehe schließlich lieferte die Bestände ganz normal an Apotheken, wo Patienten sie auf Rezept bekommen - zum regulären Apothekenverkaufspreis.
7 Prozent Rabatt bedeuteten für Gehe mehr als eine Verdoppelung des eigenen Gewinns. Denn die Margen in Deutschland sind streng reguliert.
Ein Beispiel: Wenn eine Pharmafirma ein Präparat für 50 Euro an einen Großhändler verkauft, darf der exakt 5,15 Prozent draufschlagen und es für 52,57 Euro an die Apotheke verkaufen. Wenn der Großhändler das Präparat jedoch 7 Prozent günstiger erhält, also nur 46,50 Euro dafür bezahlt, es aber regulär für 52,57 Euro an die Apotheke verkauft, macht er pro Packung statt 2,57 Euro 6,07 Euro Gewinn - mithin ein Sprung um 136 Prozent gegenüber den regulären Konditionen.
Derlei Rabatt-Deals der Pharmahersteller haben nur einen Schönheitsfehler: Sie sind verboten.
Jeder Pharmamanager und jeder Großhändler kennt Paragraf 78, Absatz 3 des Arzneimittelgesetzes: "Die pharmazeutischen Unternehmer haben einen einheitlichen Abgabepreis sicherzustellen."
Ein Pharmakonzern wie Sanofi-Aventis darf MTI also gar keinen Rabatt einräumen, selbst wenn die Präparate nur noch wenige Wochen haltbar wären. Auch das Berliner Gesundheitsministerium versichert auf Anfrage: "Die Gewährung von Rabatten auf den Abgabepreis an den Großhandel oder Apotheken ist unzulässig." Dass es an dieser Auslegung nichts zu deuteln gibt, hat der Bundesgerichtshof erst 2010 bestätigt.
Sanofi-Aventis hat sich allerdings schon vor Jahren etwas einfallen lassen, um die lukrativen Deals zu tarnen. Ein System, das es erlaubt, Medikamente weiter mit Rabatt an MTI zu liefern.
Um eine Lösung dieses Problems kümmerte sich schon im Jahr 2004 der Manager Erich Dambacher. Er gilt als einer der erfahrensten Pharmamanager der Republik und war damals Cheflobbyist von Sanofi-Aventis in Deutschland. Dambacher schloss einen Vertrag mit MTI, der den Rabattgeschäften einen legalen Mantel gab. Der Zweck der Kooperation wird darin wie folgt beschrieben.
MTI ist daran interessiert, Arzneimittel für Nichtregierungsorganisationen ... zu kaufen und diese ausschließlich im Rahmen von Hilfslieferungen (an) entsprechende Empfänger außerhalb der EU abzugeben ... Aventis erklärt sich bereit, MTI mit Arzneimitteln gemäß diesem Vertrag zu beliefern.
Die Lösung schien raffiniert, denn an NGOs kann ein Pharmaunternehmen seine Medikamente ganz nach Belieben mit 20, 50 oder sogar 80 Prozent Rabatt abgeben. Hauptsache, die Präparate werden tatsächlich zu humanitären Zwecken ins Ausland gebracht.
Bereits im Jahr 2004 lieferte Sanofi Medikamente im Wert von 3 Millionen Euro an MTI, 2010 waren es schon mehr als 22 Millionen - angeblich ausschließlich zur Weiterlieferung an Hilfsorganisationen.
Damit das Märchen aber wirklich glaubhaft erschien, brauchte es eine real existierende Hilfsorganisation, mit der man kooperieren konnte. Dazu bediente sich Sanofi-Manager Dambacher eines alten Bekannten: Wolfgang Tietze.
Tietze war früher selbst Chef einer Pharmafirma, heute leitet er offiziell die Hilfsorganisation "Viva Westfalen hilft e. V.". Auf seiner Homepage behauptet Viva, man organisiere unter anderem "Medikamente für Nordkorea".
Doch die Präparate, die MTI mit Hilfe von Tietze bei Sanofi einkauft, richten sich gar nicht nach den Bedürfnissen in der Dritten Welt. Die Bestellungen entsprechen zufällig meist genau dem, was Gehe bei MTI ordert. Am 7. Dezember 2009 zum Beispiel schickte der Gehe-Einkäufer Ulrich Pings eine E-Mail in Kopie an MTI-Chef Carl-Heinz Richter. Darin heißt es:
Hier wie besprochen ein Mengengerüst zur Auslieferung Ende Januar und Ende Februar. Wir freuen uns auf Ihre Angebote, besten Dank für Ihre Bemühungen. Viele Grüße, Ulrich Pings, Gehe Pharma Handel GmbH.
Richter schickte die Gehe-Liste weiter an Viva-Mann Tietze, der nun mit Sanofi abklärte, welche Präparate aus der Gehe-Wunschliste mit Rabatt lieferbar sind.
Tietze kannte sich mit den Medikamentennamen und den Gepflogenheiten bei Sanofi besser aus als Richter, deshalb war er für die Medikamentenbestellungen zuständig. Offiziell wurden die Präparate von MTI geordert, ohne dass Viva als Empfänger in Erscheinung trat. Laut einem Brief von MTI an Tietzes Büro aus dem Jahr 2004 erhielt der honorige Viva-Chef dafür 50 Prozent des Gewinns.
Doch Tietze kassierte offenbar zweimal: Er ließ sich für die Bestellungen auch noch von Sanofi direkt bezahlen. So soll er nach Informationen des SPIEGEL von 2008 an umsatzabhängig ein Prozent der Bestellsumme als Provision erhalten haben. Im Jahr 2008 waren das 201 000 Euro, 2009 flossen 223 000 Euro an Tietze, im Jahr 2010 zahlte ihm der Pharmakonzern 201 000 Euro.
Die Rechnungen für diese angeblichen "Provisionszahlungen" schickte er direkt an die Sanofi-Aventis-Abteilung Business Development/Spezialgeschäft in Frankfurt. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass es sich bei diesen Zahlungen um Schmiergeld handeln könnte. Sie verdächtigt den Chef von "Viva Westfalen hilft", dass er seit Jahren von Sanofi-Aventis geschmiert wurde. Nur: Wieso sollte Sanofi-Aventis so hohe Summen an Tietze zahlen, wenn es sich nur um Ware handelt, die Viva in Entwicklungsländer schickt?
Der Pharmakonzern hat detaillierte Fragen zu den Vorwürfen nicht beantwortet. Lediglich ganz allgemein teilt die Firma am Freitag per Fax mit: "Von 2004 bis 2010 hat Sanofi-Aventis Hilfslieferungen von Arzneimitteln über die Nicht-Regierungsorganisation ,Viva Westfalen hilft' vorgenommen. Bestimmungsland war Nordkorea. Diese Lieferungen wurden von MTI im Rahmen eines für Hilfslieferungen zweckgebundenen Liefervertrags abgewickelt." Kein Wort zum Schmiergeldvorwurf.
Der Beschuldigte Wolfgang Tietze ließ über seinen Anwalt lediglich mitteilen, dass er sich innerhalb der gesetzen Frist nicht in der Lage sehe, die Fragen zu beantworten.
In seinem Umfeld gilt Tietze bis heute als Ehrenmann. 2003 hatte ihm der damalige SPD-Ministerpräsident Peer Steinbrück den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen. Tietze - ein Mann, der viel reist, viele kennt, viel weiß, viel hilft.
Das Merkwürdige ist: In einer Imagebroschüre listet Sanofi-Aventis seine humanitären Projekte in Dritte-Welt-Ländern stolz auf. Aber obwohl Sanofi über die Jahre Medikamente im Wert von rund hundert Millionen Euro angeblich für "Viva Westfalen hilft" geliefert hat, findet sich in der Broschüre nirgends ein Hinweis auf dieses außerordentliche Engagement.
Wie absurd das Viva-Märchen ist, wird vollends deutlich, wenn man Tietzes Verein mit einer seriösen Hilfsorganisation vergleicht: der Action Medeor.
Sie gilt als größtes Medikamenten-Hilfswerk in Europa und liefert seit mehr als 40 Jahren dringend benötigte Arzneimittel in mehr als 100 Länder. Action-Medeor-Vorstand Bernd Pastors sagt, dass sein Verein so gut wie nie Medikamente von Sanofi, Pfizer oder Novartis kaufe. "Die sind schlicht zu teuer."
Selbst wenn die Firmen ihm 50 oder 80 Prozent Rabatt gewähren würden, wäre es ihm zu kostspielig. "Wir bekommen unsere Pillen noch günstiger." Mit den Spenden und Einnahmen, die Action Medeor zur Verfügung stehen, bestellt Pastors Generikamedikamente bei Lohnherstellern, also bei den gleichen Firmen im Ausland, bei denen auch Hexal, Stada oder Ratiopharm ihre Nachahmerpillen beziehen - allerdings in Plastikbehältern mit je rund 5000 Tabletten. Pastors bezahlt für seine Pillen ganz regulär nur etwa fünf Prozent des deutschen Apothekenverkaufspreises.
Von Pharmafirmen nimmt er allenfalls Gratismedikamente an. Auf die Idee, Pillen für 80 Prozent ihres Wertes großen Unternehmen abzukaufen, wie Viva es angeblich tut, käme er nie. "Das wäre völliger Unsinn."
Im vergangenen Jahr haben deutsche Pharmafirmen an Action Medeor Medikamente im Wert von 4,5 Millionen Euro gespendet. Zum Vergleich: Für Tietzes Viva-Verein wurden im selben Jahr Arzneimittel im Wert von 39 Millionen Euro gekauft. Viva wäre demnach für die Pharmakonzerne wichtiger als das größte europäische Medikamentenhilfswerk. Dabei kennt Viva in der Fachwelt fast niemand.
Bei "Ärzte ohne Grenzen" hat man noch nie etwas von dem Verein gehört. Das Entwicklungshilfeministerium teilt auf Anfrage mit: "Der Verein ist dem Ministerium nicht bekannt."
Wer die offizielle Adresse von "Viva Westfalen hilft" aufsucht, findet lediglich das Privathaus von Wolfgang Tietze. Keine Spur von einer Lagerhalle oder Mitarbeitern. Nicht mal auf dem Briefkasten oder auf dem Klingelschild existiert ein Hinweis auf die Nordkorea-Connection.
Zweifel an der Glaubwürdigkeit drängen sich auch angesichts der Präparate auf, die Viva bestellt. Seriöse Hilfsorganisationen halten sich bei ihrer Medikamentenauswahl meist an die "WHO Model List of Essential Medicines", die die wichtigsten Wirkstoffe auflistet. Viva dagegen ordert überwiegend genau die Packungen, die der Großhändler Gehe will.
Nimmt man allein die Präparate, die im Januar 2010 von Sanofi zu MTI geschafft wurden, findet man 27 verschiedene Wirkstoffe, darunter aber nur 6, die auch auf der WHO-Liste stehen. Stattdessen orderte Viva mehrere tausend Packungen Blutdrucksenker, Fußpilzsalben und Antidepressiva - allesamt Schachteln mit deutscher Beschriftung, die in Nordkorea kaum entziffert werden könnten.
Nichts bei Viva passt so recht zur Legende eines reinen Hilfsvereins. Eine echte Hilfe ist der Verein dagegen für die Pharmaindustrie.
Blättert man in den Lieferscheinen von Sanofi an MTI, findet sich dort überraschenderweise auch jede Menge Fremdware. Am 19. Januar 2010 etwa schickte Tietze eine E-Mail an MTI: "… als Anhang die Aufträge 005 bis 011/2010 über Fremdpräparate von Sanofi-Aventis".
In dem erwähnten Anhang tauchen dann Bestellungen über mehrere tausend Medikamente der Firmen Astellas, Boehringer-Ingelheim, Janssen-Cilag, Merck-Serono, Mundipharma, Novartis, Nycomed und Pfizer auf. Auch diese Medikamente bot Sanofi jeweils 20 Prozent unter dem Listenpreis an.
Haben also auch Pfizer, Novartis und Co. die Legende gekannt und nur zum Schein an eine Hilfsorganisation geliefert?
Pfizer räumt ein, Medikamente unterhalb des Listenpreises an Sanofi-Aventis geliefert zu haben. "Der Vertrag regelt die Weitergabe dieser Medikamente an Nicht-Regierungsorganisationen." Es seien jene Medikamente geliefert worden, die Sanofi bestellt habe.
Novartis versichert auf Anfrage, "grundsätzlich nur Geschäfte" zu machen, "die geltendem Recht entsprechen". Für Medikamente die für NGOs bestimmt sind werde eine Weiterveräußerung im Inland vertraglich ausgeschlossen. Konkrete Fragen zu den zweifelhaften Lieferungen an Sanofi-Aventis beantwortete das Unternehmen aber nicht.
Nycomed bittet "um Verständnis dafür, dass wir zu unseren Kundenbeziehungen keine Angaben machen".
Mundipharma teilt nur knapp mit: "Die Lieferungen folgten im Rahmen eines Vertrages zwischen Sanofi-Aventis und Mundipharma." Die Firmen Astellas, Boehringer-Ingelheim, Janssen-Cilag und Merck Serono beantworteten keine der an sie gestellten Fragen.
Gehe versicherte derweil, nichts über die Hintergründe der Rabattarzneimittel gewusst zu haben. "Sollte es sich dabei um Produkte gehandelt haben, die vom Hersteller zur Weitergabe an NGOs für deren Auslandshilfe bestimmt waren, dann möchten wir betonen, dass Gehe davon keine Kenntnis vorlag und Gehe solche Produkte auch nicht kaufen würde", erklärt die Firma per E-Mail.
MTI-Geschäftsführer Richter räumt gegenüber dem SPIEGEL ein, den größten Teil der Arzneimittel tatsächlich an Gehe und einen zweiten Großhändler verkauft zu haben. "Wir waren schlicht der verlängerte Arm der Hersteller", sagt Richter. Das sei sowohl dem Viva-Vertreter Tietze als auch Sanofi-Aventis völlig klar gewesen. "Sanofi hat uns nur deutsch beschriftete Packungen verkauft und wollte nicht mal Exportgenehmigungen von uns sehen."
Erich Dambacher, der langjährige Sanofi-Aventis-Manager, behauptet dagegen auch heute noch, dass er davon ausgegangen sei, MTI habe die Arzneimittel an Hilfsorganisationen geliefert, dazu liegen sogar "Nachweise vor". Deshalb seien die Rabatte auch kein Problem, denn "für Lieferungen ins Ausland gilt § 78 des Arzneimittelgesetzes nicht".
Laut Richter ging aber nur ein kleiner Teil der Medikamente, meist geringwertige oder ganz kurz vor dem Verfall stehende Präparate, tatsächlich nach Nordkorea. Für diese Arzneimittel, die MTI in Deutschland kaum mehr loswerden konnte, wollte Sanofi-Aventis dann oft nur einen Cent pro Packung.
Für Richter war die Zusammenarbeit mit Sanofi-Aventis und Tietze aufgrund der Rabatte über die Jahre ein prima Geschäft. Deshalb verstand er auch die Welt nicht mehr, als ausgerechnet Sanofi-Aventis im vergangenen Juli plötzlich Strafanzeige gegen ihn erstattete, angeblich "im Zusammenhang mit vorgetäuschten Ausfuhren von Arzneimitteln für Hilfszwecke nach Nordkorea".
Richter habe Medikamente, die für Entwicklungsländer bestimmt gewesen seien, gar nicht exportiert, sondern in Deutschland verkauft, so der Vorwurf des Konzerns. "Ja, natürlich war das so", sagt Richter, "aber das wussten doch alle Beteiligten, das war der einzige Grund, weshalb Sanofi an uns geliefert hat."
Was den Pharmariesen zu seiner Strafanzeige gegen MTI bewog, ist bis heute nicht klar. Das Ergebnis jedenfalls fällt für den Konzern nun verheerend aus: Gegen MTI-Chef Richter hat, nach Angaben von dessen Anwalt Oliver Pragal, die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen in der vergangenen Woche mangels Tatverdachts eingestellt. Stattdessen beschuldigt sie nun die verantwortlichen Sanofi-Aventis-Mitarbeiter und Viva-Mann Tietze.
Plötzlich stehen die angeblichen Opfer als potentielle Täter im Visier der Ermittler. Doch auch dafür gibt es in den "Unternehmensgrundsätzen" des Pharmakonzerns klare Regeln. Wenn die Staatsanwaltschaft kommt, heißt es dort, "ist es Politik von Sanofi-Aventis, rückhaltlos zu kooperieren".
Von Markus Grill

DER SPIEGEL 25/2011
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