20.06.2011

Die Bengasi-Mission

Während im Westen des Landes gekämpft wird, lassen sich Diplomaten aus aller Welt in der Rebellenhauptstadt nieder. Sie sollen helfen, Gaddafi in die Knie zu zwingen.
Ahmed Dschibril führt den Krieg gegen den Diktator in einem kleinen gelben Haus am Hafen von Bengasi. Sie haben hier keine Waffen, manche haben noch nicht mal einen Computer, sie sitzen an zerkratzten Schreibtischen und auf gewellter Auslegware. Sie sind 14 Mitarbeiter des neuen Außenministeriums, das einst nur Zweigstelle des Ministeriums in Tripolis war, bevor sie geschlossen in den Dienst der Revolution übertraten. Nur einer von ihnen, ihr einstiger Chef, ist nach Ägypten geflüchtet.
Ahmed Dschibril ist der neue Sprecher und Chefstratege der Rebellendiplomaten, und wenn er den Erfolg der Revolution zeigen will, dann braucht er dafür eine Weltkarte. 25 Punkte, grün, rot und gelb, kleben auf dieser Karte im Außenministerium. Grün: Dieser Staat erkennt den Übergangsrat als legitime Vertretung des libyschen Volkes an. Rot: Dieser Staat sieht den Übergangsrat als legitimen Gesprächspartner. Gelb: noch unentschieden.
Grüne Punkte kleben auf Frankreich, Großbritannien, Italien und Malta, Kanada und Katar, selbst auf dem weit entfernten Australien. Seit vorigem Montag hat auch Deutschland einen grünen Punkt, da war Außenminister Guido Westerwelle in Bengasi und eröffnete offiziell ein Verbindungsbüro.
Für Gaddafi war der Diplomat Ahmed Dschibril, 37, in New York und Bosnien im Einsatz; jetzt hetzt er durch Bengasi und versucht, all die Konferenzen, Staatsbesuche und Delegationen zu koordinieren. Seine Welt ist plötzlich groß geworden: Besuche von Außenministern müssen abgestimmt werden. Bengasi muss jene Araber gewinnen, die sich noch nicht entschieden haben, und auch afrikanische Regierungen überzeugen, von denen viele zu Gaddafi halten.
"Fünf Punkte in dieser Woche sind unser Ziel", sagt Dschibril. Vier Monate dauert der Aufstand an, und mit jeder Woche wird deutlicher, dass es eine militärische Lösung nur um den Preis eines Blutbads in Tripolis geben wird, dass Gaddafi also durch politischen Druck zu einem halbwegs friedlichen Rückzug gezwungen werden muss. Und so werden die Anzugträger wichtiger als die jungen Kämpfer.
Es gibt nun einen Außenminister, es gibt neuernannte und altbekannte Gesandte und Würdenträger, und natürlich den allgegenwärtigen und nie zu fassenden Mahmud Dschibril. Der war früher Wirtschaftsberater der Gaddafis, jetzt ist er Premierminister der Übergangsregierung und reist durch die Welt, um für diplomatische Unterstützung zu werben.
Täglich spricht Ahmed Dschibril, der nicht verwandt ist mit dem Premierminister, auch mit Mitarbeitern des Außenministeriums in Tripolis. "Sie sehen Gaddafi inzwischen sehr kritisch, 90 Prozent der Diplomaten dort sind auf unserer Seite, auch viele hochrangige", behauptet er. Direkt telefonieren können sie nicht, sie reden über Skype, aber viel könnten sie nicht erzählen, sagt Dschibril, die Kollegen in Tripolis würden abgehört und erpresst. "Das Regime hält die Familien wichtiger Politiker als Geiseln, damit sie nicht fliehen, etwa die Familie des geschäftsführenden Außenministers."
Unterdessen schickt die Welt ihre Diplomaten nach Bengasi. Hunderte sind oder waren in der Stadt, sie eröffnen neue Konsulate und Verbindungsbüros. Bengasi ist zu einem Labor für das Völkerrecht geworden, denn so etwas gab es noch nie: dass eine Rebellenregierung von der Welt anerkannt und von Politikern besucht wird, während die Aufständischen noch gegen die Armee des Herrschers kämpfen. Es ist eine merkwürdige Gleichzeitigkeit von Regimesturz und Neuaufbau im Bengasi dieser Tage.
Die Euphorie der ersten Wochen ist vorüber, in der die Menschen ihre Autos, Gartentore, ganze Häuser in das Rot-Schwarz-Grün der Revolution getaucht haben. Die Geschäfte haben wieder geöffnet, mitten in der Nacht bilden sich Verkehrsstaus, und Freiwillige flicken Löcher im Asphalt. Das Leben hinter der Front ist fast heiter, und die Bilder der Bombardements und der Kämpfe im Westen wirken von hier aus so weit weg wie die Revolte in Syrien.
Die Revolution ist in eine neue Phase getreten. Die Rebellenposten an der Grenze zu Ägypten stempeln jetzt Einreiseformulare. Der Übergangsrat hat die Gründung einer Nachrichtenagentur, einer Flughafenbehörde und eines Geheimdienstes beschlossen. Die Freiwilligenmilizen heißen jetzt "Nationale Befreiungsarmee". Mehrere Kommissionen arbeiten an einer Verfassung.
Es geht jetzt nicht mehr um die Frage, ob Gaddafi stürzt, sondern darum, was nach seinem Sturz passiert. "Ein Machtvakuum am Tag nach Gaddafis Rücktritt ist unsere größte Sorge", sagt ein europäischer Diplomat. Daher versuchen internationale Experten, den Regimewechsel so gut wie möglich vorzubereiten. Sie arbeiten an Szenarien für die Einnahme von Tripolis. Sie überlegen, wie ein Massaker durch Gaddafis Truppen, aber auch eine humanitäre Katastrophe durch den Ausfall von Wasser und Elektrizität vermieden werden können. Gleichzeitig laufen Gespräche mit Gaddafis Umfeld, denn immer mehr Mitglieder des Übergangsrates sind inzwischen zu Verhandlungen bereit. Sogar ein Hausarrest des Diktators im Land ist vorstellbar.
Das Zentrum der Übergangsdiplomatie ist in diesen Wochen das Hotel Tibesti, ein Betonbunker an der Uferstraße, durch dessen Foyer die Portiers jetzt Gepäckwagen mit Nespresso-Maschinen schieben. Zeitweilig hatten sich hier die Vertretungen von neun EU-Mitgliedstaaten einquartiert. Die Europäische Union selbst hat einen Hotelflügel gemietet, bisher allerdings nur einen einzigen Diplomaten entsandt, den Polen Jeremy Nagoda, der hinter einem Rokokotisch sitzt, zwischen geschwungenen Sesseln mit Blumenornamenten, Schalen und Vasen.
Nagoda ist seit mehr als drei Wochen in Bengasi, auf seinem Bürotisch liegen ein Libyen-Bildband, eine Landkarte und das Buch "Arab Media". Seine Mission beschreibt er so: "Wir versuchen festzustellen, was hier passiert, und dann versuchen wir, eine Situation herzustellen, mit der wir leben können." Eine Situation, mit der Europa leben kann, das heißt vor allem: ein Ende des Kriegs, eine gewählte Regierung, die ihrem Volk Freiheit gewährt, die Islamisten unter Kontrolle hält und die Afrikaner davon abhält, übers Meer zu fahren. So sagt Nagoda das natürlich nicht, und man soll ihn auch nicht zitieren, so wie all die anderen Diplomaten hier. Offiziell hat der Nato-Einsatz in Libyen den Schutz der Zivilbevölkerung zum Ziel. Die Mission der Diplomaten aber ist der Regimewechsel.
Was genau die Rolle der EU in Bengasi ist, bleibt unklar, vielleicht auch für Nagoda selbst; jedes Mitgliedsland hat seine eigene Position, schließlich geht es in diesem Krieg auch um nationale Interessen.
Da ist der Vertreter Italiens, der als einer der Ersten vor drei Monaten mit einem Schlauchboot anlandete und hofft, Roms Einfluss wieder ausbauen zu können. Italiens Eni ist der größte ausländische Ölkonzern in Libyen, fast ein Viertel des in Italien verbrauchten Erdöls kommt von hier.
Da ist Malta, das seine guten Verbindungen zu Gaddafi jetzt auf die Rebellen übertragen will, und da sind Frankreich und Großbritannien, die den Nato-Einsatz anführen. Beide Länder wollen vermeiden, dass ein Irak vor Europas Haustür entsteht. Auch Deutschland ist da, als Untermieter im schwedischen Generalkonsulat. Das neue Verbindungsbüro ist die kleinste diplomatische Einheit, die anzutreffen ist: Repräsentant, Fahrer und Übersetzer. Einfach ist es nicht für Missionschef Dietrich Becker, denn in Bengasi wehen jetzt überall französische Flaggen, aber keine einzige deutsche.
Jordanien, Griechenland, die Türkei und die Afrikanische Union - selbst Russland und China haben eine Vorhut nach Bengasi geschickt, obwohl sie fürchten, dass hier ein Völkerrecht Wurzeln schlagen könnte, das die staatliche Souveränität aufweicht und eines Tages gegen sie selbst angewandt werden könnte. Auch die USA haben eine Suite im Tibesti, wobei sich die Weltmacht so unauffällig verhält, dass man sie fast übersehen könnte: Nicht einmal eine Flagge hängt am Eingang.
Im Tibesti treffen sich die Vereinten Nationen von Bengasi, und damit ist das Hotel Ziel auch all jener Kräfte, die noch zu Gaddafi halten. Nagoda, der EU-Mann, klappt seinen Laptop auf und zeigt Fotos von verkohlten Autos vor dem Hotel, das war nach einem Anschlag Anfang Juni. Er fürchtet, es werde wohl nicht mehr lange ruhig bleiben in Bengasi.
Die Rebellen stellen jetzt Bewaffnete vor die Tür, die Hotelauffahrt wurde gesperrt, Betonbarrieren wurden angebracht. In der Lobby dreht ein Roboter zur Bombenentschärfung seine Runden und draußen ein Sprengstoffhund. Drinnen in der Tibesti-Lobby trinken Politiker, Diplomaten und Abenteurer bis tief in die Nacht Tee und rauchen, um sie herum schleichen Geheimdienstler und Leibwächter. Die Zimmer werden abgehört, sagt ein Diplomat. Von wem? "Alle großen Dienste sind hier", flüstert er. Die Gerüchte hängen so schwer in der Luft wie der Zigarettenqualm. Ein Libyer erzählt, dass man sich jetzt in Tripolis für ein paar tausend Dinar aus dem Gefängnis freikaufen könne. Andere behaupten, Shell habe bereits einen ersten Deal mit dem Übergangsrat gemacht. Ein Diplomat will wissen, dass Katar auch Waffen an fundamentalistische Milizen liefere.
Zu Katar hat auch Mahmud Schammam etwas zu sagen. Er sitzt tief eingesunken auf einem der Sofas, ein 200-Kilo-Mann, über den ein breitschultriger Bodyguard wacht. Schammam hat Libyen vor 35 Jahren verlassen, Anfang Mai ist er zurückgekehrt. In Doha saß er im Verwaltungsrat von al-Dschasira, in Bengasi ist er jetzt Minister für Medien. "Wir kriegen alles von Katar", sagt er und lacht dröhnend. "Kein anderes Land unterstützt uns so." Hunderte Millionen Dollar hat Katar bereits ausgegeben, für Benzin, Hilfsgüter und Waffen; noch einmal 300 Millionen Dollar will Doha auf das Rebellenkonto überweisen, das natürlich auch in Katar eröffnet wurde. Es gibt einen täglichen Direktflug von Doha abwechselnd nach Bengasi und Tobruk.
Warum das kleine Golf-Emirat, eine Monarchie, die Revolution unterstützt? Katar wolle seinen Einfluss in Nordafrika ausbauen, meint Schammam. Andere spekulieren, Katar denke daran, libysches Erdgas nach Europa zu bringen und Russland Konkurrenz zu machen.
In Bengasi gibt sich Katar jedenfalls Mühe, unsichtbar zu bleiben. Der Empfangschef des Tibesti behauptet, es gebe gar keine Katarer im Hotel. Dabei haben sie die ganze zehnte Etage gemietet, auf dem Gang joggen Muskelmänner. Erkundigt man sich nach ihren Aufgaben, dann sind sie wortkarg: Man habe nur eine humanitäre Mission, sagen sie, man fliege Medikamente ein und Verletzte aus.
Die Souvenirhändler in der Altstadt wissen am besten, welches Land hier derzeit am beliebtesten ist. Ein Junge verkauft Revolutionsarmbänder, Taschen und Sonnenschirme und daneben handgenähte Flaggen von Frankreich, Großbritannien und den USA. Die laufen gut, sagt er. Und Katar? Er grinst: ausverkauft.
Von Juliane von Mittelstaedt und Volkhard Windfuhr

DER SPIEGEL 25/2011
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