08.06.1998

STRAFJUSTIZ„Ist das jetzt klar, Thomas?“

Die „Therapie zur Aufdeckung von Erinnerungen“ kam in den USA auf. Dort ebbt die Welle angesichts massiver Kritik bereits ab. Jetzt hat ein deutsches Gericht versucht, Ergebnisse einer solchen Therapie zu nutzen. Von Gisela Friedrichsen
Unschlüssiges Zögern ist die Sache von Thomas Wolf, 45, nicht. Er ist Vorsitzender Richter am Landgericht in Marburg und von vorpreschendem Elan. Also machte er die Presse auf einen Prozeß gegen drei Männer im Alter von 59, 62 und 69 wegen Vergewaltigung aufmerksam, der vor seiner Kammer stattfinden werde: "Das Verfahren gewinnt seine besondere, vermutlich bundesweite Bedeutung daraus, daß die Geschädigte die Geschehnisse zunächst verdrängt hatte und sie erst im Rahmen einer speziellen Therapie wieder erinnerte."
Diese Behandlungsform "beinhaltet ein von dem Therapeuten begleitetes Wiedererleben der verletzenden Situation ... Nach den Berichten der Therapeuten sollen damit sehr gute Heilungserfolge erzielt worden sein". Die Kammer wolle sich durch Anhörung "mehrerer Sachverständiger" ein Bild dieser Methode machen, "um dann die Glaubwürdigkeit der Angaben der Geschädigten beurteilen zu können".
Es geht um Tanja*, 23. Tanja hat ein Leben wie aus einem Horrorfilm hinter sich. Sie wurde 1974 vaterlos in einem Dorf im Hessischen geboren. 1976 bekommt sie einen Stiefvater. Ihre Mutter bringt weitere Kinder zur Welt, gezeugt von anderen Männern. Das Haus, in dem unter katastrophalen Umständen noch andere Verwandte hausen, gilt in der Gegend als übelst beleumundetes Freudenhaus. Sexorgien, Saufereien, Prügeleien, immer vor den Augen der Kinder
Das verwahrloste, in seiner Entwicklung zurückgebliebene Mädchen habe das Essen aus Schweinetrögen holen müssen, erinnert sich einer der Verteidiger in Marburg, der damals in der Nähe seine Kanzlei betrieb: "Sie hat nichts anderes gesehen als Sodom und Gomorrha." Das Jugendamt, auf die Zustände hingewiesen, unternahm nichts.
Die Mutter, bei der die Freier ein und aus gingen, wurde von verschiedenen Männern schwer mißhandelt, die Kinder nicht minder. Auch den Stiefvater schlug man zusammen. Er
* Der Name wurde von der Redaktion geändert.
erlitt im Jahr der Heirat (1976) einen Hodenbruch und ist seitdem zum Beischlaf nicht mehr in der Lage. "Der Herbert, der bringt''s ja nicht", soll die Mutter gesagt haben. Tanja ist häufig krank. Weil sie Linkshänderin ist, schlägt der Stiefvater auf sie ein. Mit dem Lernen tut sie sich sehr schwer. Ihr Intelligenzquotient liegt heute bei 65, das ist weit unter dem Durchschnitt.
Mit 13 wird Tanja schwanger. Ihre Mutter schickt sie zu der Zeit zum Putzen in eine Gastwirtschaft. Vater des Kindes ist der Freund der Wirtin, ein damals 61 Jahre alter Grieche. Trotz des Widerstands ihrer Umwelt bringt sie ein Mädchen zur Welt. Zwei Jahre lang bemüht sie sich, das Baby bei sich zu behalten. Dann willigt sie schweren Herzens in die Adoption ein, aus Sorge, der Aufgabe nicht länger gewachsen zu sein.
Seit 1990 lebt Tanja im Marburger Gertrudisheim der Caritas. Man weiß dort zunächst nur von dem Griechen, von der Vergewaltigung, aus der das Baby stammen soll. Von sonstigem Mißbrauch sagt Tanja nichts. Sie ist ein bis ins Innerste beschädigter Mensch, aggressiv gegen sich und andere. Hedda Gottwald, 55, Psychologin im Heim, stellt "posttraumatische Störungen" fest.
Man versucht, Tanja mit Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskursen zu stabilisieren. Es geht ihr nicht gut. Sie besucht eine Schule für "Praktisch Bildbare", um wenigstens mit Hilfe der Finger rechnen zu lernen. Mittlerweile kann sie auch schon einige Wörter entziffern.
1991 wird der Grieche in Gießen wegen sexuellen Mißbrauchs von Tanja zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Den Vorwurf, vergewaltigt worden zu sein, nimmt Tanja zurück. Zunächst stritt der Grieche ab, mit Tanja Verkehr gehabt zu haben: Dann, als seine Vaterschaft feststand, sagt er, das Mädchen habe ihn verführt, es treibe sich herum. Wie die Mutter.
Hedda Gottwald, in ihrer Jugend selbst sexuell mißbraucht, hat ihre Not mit Tanja. "Mir ging es darum, an ihre Mißbrauchsstory ranzukommen", sagt die Psychologin als Zeugin im Gerichtssaal.
Sie hat Tanja seit 1993 in 200 Sitzungen mit Hilfe einer sogenannten Wiedererlebenstherapie behandelt. Als Erfinder dieser Methode sieht sich Siegfried Petry, 70, ein ehemaliger Fachhochschulprofessor für Mathematik und Physik im Ruhestand - er nennt sich nun "Traumtherapeut". Das Marburger Gericht hat ihn neben Frau Gottwald und einer Verhaltenstherapeutin der Marburger Universität, Crista Schulze, die sich als Schülerin Petrys zu erkennen gab, als Sachverständigen geladen.
Die Wiedererlebenstherapie ist keine deutsche Erfindung. Bereits Mitte der achtziger Jahre kam die "Recovered Memory Therapy" (die Therapie zur Aufdeckung von Erinnerungen) in den Vereinigten Staaten in Mode. Diese Behandlungsform behauptet, verdrängte Erinnerungen - bis in den Mutterleib zurück - hervorholen und dadurch nahezu jede körperliche oder seelische Störung heilen zu können. Für die Medien, von der Talkshow bis zur Filmindustrie, war die neue Therapie ein begeistert aufgenommenes neues Thema.
Inzwischen hat sich in den USA wissenschaftlicher Widerstand geregt, die Welle ebbt ab. Die Frage, ob die neue Therapie nicht zunächst das Trauma suggestiv stiftet, das sie anschließend aufdeckt, wird immer eindeutiger begründet und überzeugend beantwortet: Diese Therapie heilt nicht. Sie ist vor allem für jene ein blendendes Geschäft, die sie propagieren und betreiben. Und die amerikanische Justiz beginnt damit, Straf- und Schadensersatzurteile zu revidieren, zu denen sie sich hatte hinreißen lassen.
Der Marburger Vorsitzende ist mit der Therapeutin Gottwald per du, aus alter "Sängertradition", wie er sagt, denn vor Jahren sang man im Marburger Bach-Chor. Beim Du bleibt es auch vor Gericht.
Frau Gottwald soll sich zu der "Therapie" äußern und zu ihren Erlebnissen mit Tanja. Es gelingt ihr nicht, einen angemessenen Ton zu finden: "Also Thomas, du stellst dir das nicht vor, wie in den Sitzungen ein wahrer Vulkan losbrach! Die Tanja ist ein wahres Naturtalent im Wiedererleben!" Der Vorsitzende fragt nach, die Psychologin erläutert. "Hast du das jetzt verstanden? Ist das jetzt klar?" bekommt er zu hören oder: "Du hast es ja immer noch nicht kapiert!"
Frau Gottwald läßt sich nicht so leicht bremsen. "Die Therapie ist kinderleicht. Bei sexuell mißbrauchten Kindern ist das gar keine Kunst. Wir waren zum Beispiel bei Tanjas Geburt dabei, bei ihr im Mutterleib. Weißt du, da hat der Vater die Mutter so traktiert, daß unsere Tanja mit einer Narbe am Knie auf die Welt kam!"
Der "Sachverständige" Petry gibt sich vor Gericht zuerst als "Hochschullehrer im Ruhestand" aus. Dann muß er einräumen, an einer Fachhochschule gewesen zu sein. Die erste "Patientin" will er 1987 "therapiert" haben. Das Gericht wirft die Frage nicht auf, ob Petry nach dem Heilpraktikergesetz dazu überhaupt berechtigt ist oder ob er illegal praktiziert.
Seine Therapie fußt auf der Behauptung, daß Traumata, von denen man nichts mehr wisse, weil sie verdrängt seien, wiedererlebt werden könnten. Durch mehrfaches Wiederholen der verdrängten Gefühle und Bilder, die sich dabei einstellten, komplettierten sich die Details. Anschließend verblasse die Episode. Das Trauma sei "aufgelöst". Der Mensch ist erlöst.
Er trägt allen Ernstes vor: "Jeder neunte Mensch war im Mutterleib ein Zwilling. Diese überlebenden Menschen leiden lebenslang unter Depressionen und diffusen Schuldgefühlen. Als Säuglinge schreien sie und wollen nicht essen. Ich habe eine Frau behandelt, die hatte immer Pech mit Männern. Dann erinnerte sie sich, daß sie ein Zwilling ist."
Tanja, die seit fünf Jahren einer solchen Behandlung unterzogen wird, hat in ihrer Kindheit Schreckliches erlebt. In den Sitzungen erlebte sie wiederum Schreckliches. Petry und Gottwald geben zu, daß diese Therapie eine grausame Qual ist. Doch sie sehen die Tortur für gerechtfertigt an, weil sie ja angeblich heilt. Sie sind "hundertprozentig" davon überzeugt, daß alles authentisch ist, was Tanja in den Sitzungen hervorbringt. Die Frage, ob sie nicht zunächst in die junge Frau hineinbringen, was sie anschließend triumphierend von ihr erfahren, beschäftigt sie nicht. Ihre Methode zeichnet aus, so behaupten sie, daß sie frei von jeder Suggestion sei.
Tanja erinnert sich heute, im Alter von zwei, drei Jahren von ihrem Stiefvater und ihrem Großonkel vergewaltigt worden zu sein. Tanja weiß plötzlich, daß sie auch von dem Griechen nach seiner Verurteilung im Februar 1991 erneut vergewaltigt wurde. Zwei Wochen danach, dann Mitte März, dann noch einmal in der zweiten Märzhälfte und wieder Anfang April. Nur: Der Grieche hielt sich seit dem 5. März 1991 nicht mehr in Deutschland auf.
Tanja ist eine rundliche junge Frau mit roten Löckchen. So, wie das Schicksal sie ausgestattet und behandelt hat, bietet sie sich als Opfer an: auch für die Petry-Therapie. Sie ist von ihren Vergewaltigungen überzeugt: "Ich hab'' ja die Therapie bei Frau Gottwald gemacht."
Der Prozeß endet mit drei Schuldsprüchen. Der Stiefvater, ein Mann "mit großer Schlichtheit im Gemüt", wie selbst das Gericht einräumt, kommt mit der geringsten Strafe davon: zwei Jahre wegen fünf versuchter Vergewaltigungen, ohne Bewährung. Sein Anwalt hatte dem Gericht eine Art Erklärung zukommen lassen - ohne die es nicht zu einer Verurteilung gekommen wäre, wie der Vorsitzende sagt -, daß der Mandant vor 19 Jahren an der Fünfjährigen einige Male herumgespielt habe. In der Meinung, wenn keine Gewalt angewendet wurde, sei die Sache verjährt.
Der Vorsitzende fragt den Angeklagten: "Das hat dem Kind nicht weh getan?" "Doch", sagt der Unbedarfte, "ich habe dann aufgehört." Damit war die Sache nicht mehr verjährt. Dieser Angeklagte, nicht nur von Schlichtheit im Gemüt, sondern auch beschränkt im Verstand, hat seinem Anwalt vertraut.
Der Großonkel wird mit einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren belegt. Nicht wegen Tanjas "Erinnerungen" an die siebziger Jahre, sondern wegen einer (ohne Therapie erinnerten) Vergewaltigung 1992.
Am härtesten trifft es den Griechen, fast 70 Jahre alt inzwischen, der schwer herzkrank ist und eine Krebsoperation hinter sich hat. Er wird zu sechs Jahren verurteilt. "Er befindet sich durchaus in der Nähe des Todes", sagt der Vorsitzende.
Man hält ihn nicht für glaubwürdig. Tanja dagegen: nicht intelligent genug, um zu lügen. Nicht raffiniert genug, um andere hereinzulegen. Der Gutachter der Marburger Kinder- und Jugendpsychiatrie bestätigt der Kammer, daß Tanjas Angaben bezüglich des Griechen glaubhaft seien. Denn sie sind konstant. Bei der Polizei, beim Gutachter, in der Hauptverhandlung sagte sie immer wieder das gleiche: Der Grieche habe sie vergewaltigt, vergewaltigt, vergewaltigt.
Tanja lernt vieles auswendig, das ist auch dem Glaubwürdigkeitsgutachter aufgefallen. Er schließt Beeinflussung durch die Therapeuten nicht aus. Doch dem Gericht hilft er nicht, wenn er sagt: "Ich bin kein Fachmann für Wiedererlebenstherapie. Ich halte mich hier zurück." Hier verläßt "der Gehilfe des Gerichts" seine Rolle.
Wie mögen all die Sitzungen verlaufen sein, die Tanja durchmachte? Die ständigen Einwirkungen der Umgebung auf das "Naturtalent im Wiedererleben", das so wunderbar bestätigte, daß man auf dem richtigen Wege ist mit der Petry-Methode? Tanja lügt nicht. Aber in ihrer Beschränktheit, und so beschädigt, wie sie ist, ist sie leicht zu lenken, zu trainieren, ja abzurichten.
Der Vorsitzende verkündet ein Urteil, das sorgfältig vermeidet, der Petry-Methode den Ritterschlag zu verleihen. Sie sei noch nicht ausgereift, noch nicht gesichert. Auch sei das ja Therapie. Doch: "Die therapeutische und die justizförmige Wahrheit schließen sich nicht in jedem Fall aus", sagt der forsche Vorsitzende. Und damit kann das Gericht die Behauptungen Tanjas getrost übernehmen.
So hat man nicht völlig von der großmäuligen Ankündigung eines Verfahrens von "vermutlich bundesweiter Bedeutung" abrücken müssen. Denn es ist schon bedeutsam, daß sich ein Gericht bereitgefunden hat, populistisch aufzugreifen, was der graue Markt der Therapie- und Lebenshilfeszene bietet.
Wenn dieses Urteil Bestand hat, steht den Strafgerichten der Bundesrepublik eine Flut ins Haus.
* Der Name wurde von der Redaktion geändert.
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 24/1998
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