08.06.1998

„Ich will meine Gefühle pur“

Der Chemiker Carl Djerassi über die Potenzpille Viagra, die Zukunft von Sex und Fortpflanzung und seine Romane aus der Welt der Wissenschaft
SPIEGEL: Professor Djerassi, in Ihrem Anfang dieses Jahres erschienenen Roman "NO" prophezeiten Sie die Erfindung eines Potenzmittels. Mit Viagra ist Ihre Fiktion von den Fakten eingeholt worden. War die Zeit reif für solch ein Präparat?
Djerassi: Na ja, reine Fiktion war es nicht. Viagra ist bereits das zweite Produkt auf dem Markt. Ich habe mich von einem Potenzmittel inspirieren lassen, das eine Firma hier in der Nähe, in Palo Alto, entwickelt hat. "NO" steht für "nitric oxide", zu deutsch: Stickoxid - ein wichtiger Botenstoff im Körper, der auch eine wesentliche Rolle bei der Erektion spielt. Das "Muse" genannte Mittel wird nicht als Pille verabreicht, sondern als kleiner Katheter, der vor dem Sex kurz in den Penis geschoben wird, damit der Wirkstoff durch die Schleimhaut der Harnröhre dringt.
SPIEGEL: Verglichen mit dem Schlucken einer Pille nicht gerade eine angenehme Vorstellung ...
Djerassi: Dachte ich auch: Welcher Mann wird das tun? Dann habe ich es ausprobiert, und es ist sogar lustig. Am besten, die Frau macht es. Das ist natürlich mehr etwas für bewußte Paare. Für die wurde es auch entwickelt, und zwar gezielt und vor Viagra, das ja nur zufällig entdeckt wurde.
SPIEGEL: Trotzdem wurde Viagra in Rekordzeit zu einem Medikament, um das sich in aller Welt die Männer reißen.
Djerassi: Ja, weil die Viagra-Leute sich die Vorarbeit anderer zunutze machen konnten: Der Mechanismus, Blut in den Penis hineinzubekommen, ist mehr oder weniger derselbe ebenso wie das Testen auf Nebenwirkungen, das Design klinischer Versuche, das Vermessen der Erektion ...
SPIEGEL: Wie haben wir uns das denn vorzustellen?
Djerassi: Wenn man den steifen Penis mit Gewichten nach unten zieht, knickt er irgendwann ab. Für den Steifheitsgrad gibt es Werte zwischen eins und fünf. Vier und fünf sind gute Werte. Können Sie übrigens alles in meinem Roman nachlesen.
SPIEGEL: Über gesellschaftliche Folgen ist darin aber nichts zu finden.
Das Gespräch führte Redakteur Jürgen Neffe in San Francisco.
Djerassi: Den Entwicklern von Muse ging es - neben dem Geschäft natürlich - um die Behandlung von Leiden. Betroffen sind immerhin 20 bis 30 Millionen Männer mit Erektionsproblemen allein in den USA. Für die bedeutet Viagra oder Muse wirklich eine Befreiung. Für den Rest, von dem sich die Hersteller einen Milliardenmarkt versprechen, ist es mehr eine Spielerei.
SPIEGEL: Sie glauben also nicht an einen langfristigen Erfolg?
Djerassi: In einem Jahr wird die Welt schon ganz anders aussehen. Wie seinerzeit beim Kortison: Da redeten anfangs auch alle von einem Wundermittel - bis die Probleme mit den Nebenwirkungen kamen. Und ob man die in Kauf nimmt, wenn es nur um die Verbesserung der sexuellen Performance geht - das bezweifle ich.
SPIEGEL: Prompte Erektionen scheinen aber mindestens ebenso gefragt zu sein wie die qualitative Seite des Sex.
Djerassi: Leider haben Männer den Koitus immer vor allem als mechanischen Akt verstanden. Und der wird durch Viagra jetzt lenkbar - ein Traum für jüngere Kerle, die Viagra nur aus sportlichen Gründen nehmen. Aber ist das nicht schnell langweilig?
SPIEGEL: Auch viele Frauen scheinen die Vorteile der Potenzpille zu schätzen.
Djerassi: Wenn ihre Partner Probleme hatten und jetzt plötzlich wieder können, gewiß. Sex bringt Menschen zusammen, Viagra ist also eine Pille für Paare. Das trifft besonders auf ältere Leute zu.
SPIEGEL: Die Pharmaindustrie hat ihr Herz für die Senioren entdeckt?
Djerassi: Nicht erst jetzt. Angesichts des Ergrauens der westlichen Welt unterscheide ich mittlerweile nicht mehr eine arme und eine reiche, sondern eine geriatrische und eine pädiatrische Welt. In den geriatrischen Ländern - Japan, Europa und Nordamerika - werden bald 20 oder mehr Prozent der Menschen über 60 sein, in den pädiatrischen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens dagegen bis zu 50 Prozent der Bevölkerung unter 15. Die pharmazeutische Industrie interessiert sich vor allem für die Alten in den wohlhabenden Ländern - denn da steckt das Geld.
SPIEGEL: Was wird denn die nächste große Pharma-Neuheit auf dem Sex-Markt sein: eine Orgasmuspille für die Frau?
Djerassi: Die würde ich mir jedenfalls sehr viel wohlwollender anschauen, weil das etwas mit der Qualität des Geschlechtsgefühls zu tun hätte. Für Männer ist Erektion die Alles-oder-nichts-Frage. Die Sexualität von Frauen ist viel komplizierter.
SPIEGEL: Wie werden die Frauen auf das Pharmadoping für den Mann reagieren?
Djerassi: Ich glaube, sie werden bald begreifen, daß sich dadurch ihre Rolle als Sexobjekt nur noch verstärkt. Es wird ja kaum einen Mann geben, der das nur nimmt, um ununterbrochen zu onanieren ...
SPIEGEL: Haben Sie selbst Viagra schon ausprobiert?
Djerassi: Das würde ich höchstens mal aus Witz und Tollerei tun. Aber viele machen es wie mein Freund aus London, der mich gerade per E-mail gebeten hat, ihm eine Packung von hier mitzubringen. Der will nur sehen, ob er mit Pille noch besser kann. Ich finde, der soll selber zum Arzt gehen und sich ein Rezept besorgen.
SPIEGEL: Wie hält es denn der Pharmaforscher Djerassi generell mit der Lebenshilfe aus dem Reagenzglas?
Djerassi: Ich habe als Chemiker stets an neuen Pharmazeutika und Drogen gearbeitet, und doch bin ich wahrscheinlich der einzige Mensch im nördlichen Kalifornien, der nie Marihuana angerührt hat. Einmal habe ich Meskalin ausprobiert, weil ich daran forschte. Das war''s. Ich nehme nicht einmal Schlafmittel, weil ich meine Gefühle, sexuelle oder im Traum, pur haben will und nicht chemisch verändert.
SPIEGEL: Und das sagen Sie, der als Vater der Anti-Baby-Pille die Welt veränderte?
Djerassi: An dieser Formulierung gefällt mir gleich zweierlei nicht: Erstens ist das nicht eine Pille gegen Babys, sondern eine Pille für Frauen. Und außerdem ist für mich ein Chemiker, der mit der Idee einer neuen Substanz schwanger geht, immer die Mutter einer Pille. Der Biologe ist der Vater, und die Mediziner sind die Geburtshelfer.
SPIEGEL: Also gut: Als "Mutter der Pille" haben Sie einen Stoff geboren, der die sexuelle Revolution möglich gemacht hat. Jetzt ist eine Pille für den Mann auf dem Markt, der eine ähnlich monumentale Bedeutung prophezeit wird.
Djerassi: Daran glaube ich nicht. In den neunziger Jahren wird längst nicht mehr so viel herumgeschlafen wie in den Sechzigern und Siebzigern. Und warum? Vor allem wegen Aids. Ohne die Krankheit hätte sich die sexuelle Revolution in den Achtzigern vermutlich stabilisiert.
SPIEGEL: Infolge von Viagra erwarten Sie nun ein Rollback bei den HIV-Infektionen?
Djerassi: Nehmen Sie zum Beispiel Japan, das in dieser Hinsicht rückständigste unter den modernen Ländern. Dort haben Eheleute weniger Sex als irgendwo sonst. Die Männer gehen auf Bums-Touren nach Thailand oder auf die Philippinen, und so ist Aids nach Japan gekommen. Sex ist eine unsaubere Sache, und durch Viagra wird er eher noch unsauberer werden. Die Pille hat die Sexualität damals vor allem deshalb befreit, weil sie Frauen die Angst vor Schwangerschaften genommen hat...
SPIEGEL: ... und heute nimmt Viagra den Männern die Angst vor dem Versagen.
Djerassi: Interessant ist höchstens, daß Männer plötzlich über ihre Ängste reden. Bislang sprach darüber niemand, weil er sonst als Halbmann dagestanden hätte. Der einzige Mensch, der von den Problemen eines Mannes wußte, war seine Frau.
SPIEGEL: Wird die neue Omnipotenz das Muster "alter Mann - junge Frau" noch weiter festigen?
Djerassi: Vorhersagen sind etwas für Propheten oder Astrologen. Aber wenn Sie mich schon fragen: Ich glaube, die Prognose für die Frauen sieht gar nicht so schlecht aus, gerade für die älteren.
SPIEGEL: Bisher ist es der Medizin noch nicht gelungen, die Wechseljahre hinauszuzögern.
Djerassi: Das haben die Leute übrigens anfangs der Pille zugetraut. Schließlich, so dachten sie damals, würden Frauen mit all ihren Eiern geboren. Wenn sie nun 20 Jahre lang die Pille nähmen und so den Eisprung unterdrückten, würden die Eier dann nicht konserviert? Würden die Frauen folglich nicht mit 60 noch menstruieren und empfangen können? Das war, wie wir heute wissen, ein Irrtum. Aber statt dessen gibt es die Reproduktionsmedizin - eine große Chance für die Frauen. Sie können sich, was die Fortpflanzung betrifft, von der biologischen Uhr befreien. Ich glaube, daß zumindest in der Mittelschicht Sex und Befruchtung bald völlig voneinander getrennt sein werden. Sex wird man nur noch aus Spaß, Liebe oder Lust machen, die Reproduktion findet unter dem Mikroskop statt.
SPIEGEL: Ihre Version von "Schöner Neuer Welt"?
Djerassi: Warum nicht? Frauen und Männer werden sich zwischen 20 und 30, wenn die Qualität ihrer Eier und Spermien noch gut ist, Keime entnehmen und einfrieren lassen. Nicht nur der Mann, auch die Frau wird dann bis ins Alter Kinder haben können - und zwar wann und mit wem sie will.
SPIEGEL: Das klingt nach Science-fiction. Sie haben sich als Erfinder der literarischen Gattung "Science in fiction" einen Namen gemacht, wo es nicht um Spekulation geht, sondern um harte Erkenntnisse.
Djerassi: Ich erzähle Wissenschaft in fiktiver Handlung, nicht fiktive Wissenschaft. Dabei spielen ethische Erwägungen von Anfang an eine große Rolle. Mein erstes Theaterstück, das demnächst beim Edinburgh Festival uraufgeführt wird, handelt von moralischen Konflikten bei der Entwicklung der ICSI-Methode, des inzwischen erfolgreichsten Verfahrens zur Behandlung männlicher Unfruchtbarkeit. Es bietet enorme Möglichkeiten, aber es kann auch mißbraucht werden: Wenn nur genetisch überprüfte Embryos ausgetragen werden, wollen sich Eltern womöglich Eigenschaften wie Körpergröße oder Sportlichkeit aussuchen.
SPIEGEL: Literatur hat ihre dramatischsten Stoffe immer aus den Nöten der Menschen bezogen: Krankheit, Kindstod, Depression, Unfruchtbarkeit, ungeklärte Vaterschaft. Raubt die Wissenschaft, indem sie all dieses Leid bekämpft, der Kunst auf Dauer die Basis ihrer Kreativität?
Djerassi: Früher haben wir viel mehr über schwarz-weiße Probleme gesprochen und geschrieben. Kinder starben oder überlebten, dazwischen gab es nichts. Alle großen sozialen und sogar kulturellen Probleme der jetzigen Welt sind graue Probleme. Auf graue Fragen kriegt man aber meist graue Antworten, so sehr man sich auch schwarz-weiße wünschen mag. Meist geht es nicht mehr um das Überleben, sondern um die Lebensqualität, und die ist nicht phantastisch gut oder fürchterlich, sie ist ein wenig besser oder ein wenig schlechter.
SPIEGEL: Professor Djerassi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Redakteur Jürgen Neffe in San Francisco.
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 24/1998
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