15.06.1998

DOPINGJobs für Täter

Funktionäre haben Informationen über Doping unterdrückt - wegen Strafvereitelung sollen sie jetzt vor Gericht.
Vor sieben Jahren, am 17. Juli 1991, brach Renate Bauer ihr Schweigen. Den fünf Mitgliedern der "ad-hoc-Kommission" des Deutschen Sportbundes (DSB), die sich in Frankfurt am Main zur Beratung in Dopingfragen zusammengefunden hatten, berichtete die ehemalige Nationalschwimmerin der DDR detailliert über die alltägliche Pillenmast im ostdeutschen Sport. "Es wurde viel mit uns experimentiert", sagte die 36jährige den DSB-Vertretern; manchmal sei sie sich wie ein Versuchskaninchen vorgekommen.
Anschließend nannte die Olympia-Zweite von 1972 die verantwortlichen Ärzte und Betreuer: "Einer der schlimmsten Trainer war Rolf Gläser." Ins Doping verwickelt, so gab sie zu Protokoll, seien neben anderen auch "Neumann, Frischke, Mothes und Lutz Wanja" gewesen. Die anklagenden Aussagen der Brustschwimmerin wurden sorgfältig protokolliert und wanderten ins Archiv des DSB - wo sie fast sieben Jahre unter Aktendeckeln ruhten.
Nun bekommen die Enthüllungen strafrechtliche Relevanz. Der Heidelberger Rechtsanwalt Michael Lehner, der mehrere Opfer und den Dopingfachmann Werner Franke vertritt, hat in der vergangenen Woche drei Mitglieder der DSB-Kommission wegen des Verdachts der Strafvereitelung, Begünstigung und unterlassenen Hilfeleistung angezeigt - an der Spitze Manfred von Richthofen, den Präsidenten des DSB.
Der Dopingausschuß hätte erkennen müssen, so argumentiert Lehner, daß die Hormon-Experimente den Tatbestand der Körperverletzung erfüllten. Besonders das Kommissionsmitglied Harm Beyer, Schwimmfunktionär und im Hauptberuf Richter in Hamburg, sei verpflichtet gewesen, die Straftaten anzuzeigen.
Die Informationen aber seien unterdrückt worden. Mehr noch: Einige der in den Beratungen der ad-hoc-Kommission beschuldigten DDR-Trainer erhielten lukrative Verträge im vereinten Sport.
Niemand ahnte von der Existenz der DSB-Unterlagen. Erst mühselige Ermittlungen der Zentralen Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (Zerv) in Berlin brachten das Wirken der Hormontrainer ans Tageslicht. Von Beyer mußte die Herausgabe von Akten sogar durch richterlichen Beschluß erzwungen werden.
Einige der von Renate Bauer genannten Betreuer stehen derzeit in Berlin wegen des Verdachts der Körperverletzung vor Gericht, andere werden sich in zukünftigen Prozessen verantworten müssen. Die Protokolle, die den Anzeigen zugrunde liegen, spiegeln die ganze Scheinheiligkeit der angeblich so gründlichen Dopingaufarbeitung wider. Interesse, so zeigt sich nun, hatten die Funktionäre nur an den Tätern, gegenüber den Ansprüchen der Opfer waren sie gleichgültig. Bis heute wurde kein mit Hormonen vollgepumpter Sportler medizinisch beraten oder gar entschädigt.
Vertuscht wurde, was den Sportführern nicht ins Konzept paßte. So belastete in der 4. Kommissionssitzung der Leipziger Sportwissenschaftler Eckhard Pallaske den Volleyballtrainer Siegfried Köhler ("der Scharfmacher") schwer, weil er "hart mit Doping gearbeitet" habe - Köhler ist noch heute Trainer der Damen-Nationalmannschaft.
Auch von Bauer und anderen beschuldigte Schwimmtrainer durften weiterwirken - dafür engagierte sich nicht zuletzt Richter Beyer höchstpersönlich. Jochen Kühl, bis 1993 DSB-Justitiar, saß mit am Kommissionstisch und duldete später Verträge mit den belasteten Trainern, in denen diese erklärten, daß sie niemals in Dopingpraktiken verwickelt waren.
Mittlerweile sind nicht nur die für den DSB so peinlichen Protokolle aufgetaucht, kompetente Zeugen packen bei der Zerv aus. Der DDR-Chefmediziner Manfred Höppner hat frühere Kollegen schwer belastet. Mitte Mai erschien der ehemalige Sportmediziner Alwin Sünder aus Berlin bei der Kripo. Selbst als Beschuldigter geführt, legte der Arzt ein umfassendes Geständnis ab. 15 Jahre lang habe er mitgemacht, bekannte Sünder, doch am Ende "bei der Verabreichung" zunehmend Bauchschmerzen gehabt, weil "immer mehr über Nebenwirkungen durchsickerte". Auch die Ärztin Dorit Rösler, die demnächst selbst vor Gericht stehen wird, hat ausführlich über den Pillen-Alltag berichtet.
Eine weitere Aussage vor der Zerv könnte die Karriere der Leipziger Ärztin Gudrun Fröhner bedrohen. Ein ehemaliger Mitarbeiter Höppners, der die Verteilung der Krafttabletten verfolgte, belastete die vom Deutschen Turner-Bund hofierte Medizinerin. Ende April hatte Fröhner in einem Prozeß behauptet, "nicht an Dopingpraktiken gewirkt" zu haben. Nun hat Anwalt Lehner sie wegen Abgabe einer falschen Versicherung an Eides Statt und versuchten Prozeßbetrugs angezeigt.
Während viele Trainer und Ärzte weiter leugnen und die Sportverbände sich unwissend geben, müssen die Gerichte peu à peu Klarheit schaffen. Der nächste Schlag trifft wieder einmal den Deutschen Schwimm-Verband.
In diesen Tagen wird der Abschlußbericht über den SC Magdeburg bei der Staatsanwaltschaft abgegeben. Die Zerv hatte auch etliche Belege gegen Trainer Bernd Henneberg, den Betreuer der Europameisterin Antje Buschschulte, zuammengetragen. Der hatte unter anderem, so weist ein Protokoll des Schwimm-Chefarztes aus, für zwei Sportlerinnen und einen Trainingsabschnitt 210 Tabletten Oral Turinabol bekommen. Der DSV hielt in Nibelungentreue zu seinem Magdeburger Erfolgstrainer, obwohl der seit Jahren als belastet gilt.

DER SPIEGEL 25/1998
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