15.06.1998

DEUTSCHE NATIONALELF„Ich gucke immer erst, was geht“

Olaf Thon, vor Jahren beim FC Bayern gescheitert, ist die auffälligste Figur im deutschen Team. Trotz der Matthäus-Rückkehr hat er seine Position behauptet. Und statt wie früher altkluge Phrasen zu verbreiten, hält er mit seiner Ironie Distanz zu den braven Mannschaftskollegen.
Es gibt Augenblicke, da wird der lustige Olaf Thon zum Giftzwerg. Wenn er ausgerechnet nach seinen Zweikämpfen mit dem Rivalen Lothar Matthäus gefragt wird, kann das ganz schnell gehen.
Er sehe schon, sagt Olaf Thon, 1,70 Meter groß und 32 Jahre alt, "wir stehen vor einem schweren Gespräch". Er habe da nämlich seine "Richtlinien, und wenn wir uns noch weiter so bewegen, dann stehe ich auf und geh', das ist gar kein Problem". So aggressiv baut der beste Libero der Nation einen Angriff auf.
Aber was macht er dann? Stößt er die Blumenvase um, schlägt zu, rast davon? Nein, fürs Vollstrecken gibt es Stürmer, und deshalb ist Thon schon Sekunden später wieder ein lustiger Gesprächspartner und gibt ein freundliches Interview. Den Ausbruch, sagt der Fußballer, der Reporter duzt wie sonst nur Reporter die Fußballer, "darfst du nicht persönlich nehmen". Er wisse halt, daß da ein "Spiel" der Medien laufe, die ihn auf Matthäus hetzen wollten, doch er persönlich wolle gar keinen Streit.
Denn Olaf Thon ist ein Mann, "der an den Mittelweg glaubt", ganz anders als, nur so zum Beispiel, Matthäus. "Ich bin nicht so der Extreme", sagt der Gelsenkirchener. Darum wurde Thon auch zu einem Vorzeigeangestellten des deutschen Profifußballs, zu jenem Spieler, der seine "ungeheure pädagogische Aufgabe" (Helmut Kohl) am trefflichsten erfüllt.
Thon funktioniert auf dem Platz, pariert abseits des Platzes und scherzt politisch korrekt vor den Kameras. Er beherrscht den Systemfußball, dieses "Zustellen" (Berti Vogts) und Zerstören, und das Umschalten von Abwehr auf Angriff. Und zugleich hat er den Profisport der neunziger Jahre begriffen, diese Mischung aus permanenter Selektion und der nötigen Anpassung.
Daher ist Thon einer, den diese verwirrende Welt nicht überfordert wie den immer so ängstlichen Andreas Möller; er reagiert auch nicht mit Leerformeln darauf wie Jens Jeremies, der sich "in die Mannschaftsleistung einordnen" will, sondern, jedenfalls wenn er "locker" ist, mit seinem etwas eigenwilligen Humor.
Der ist seine Masche, die ihn abhebt von den anderen. Jedes öffentliche Erscheinen gerät ihm zum Auftritt, bei dem er seine Lippen leckt und rollt und dann das tut, was er "zu den Damen und Herren von den Medien sprechen" nennt. Es sei ja besser, so beginnt er, "wenn ihr die Fragen stellt und ich antworte, als umgekehrt"; und wenn sich dann der erste nach Olafs Muskulatur erkundigt, sagt er: "Vielen Dank für die nette Frage." Es gehe ihm wieder gut nach der Verletzung, die er sich einfing, "weil ich an einen Ball rankommen wollte, der für meine Statur nicht möglich war", aber es gehe ihm ohnehin gut, seit Berti Vogts ihn in die Nationalmannschaft zurückgeholt hat: "Das ist ja das Schönste, wenn man belohnt wird, auch im reifen Alter."
Olafs Pressestunde ist die beste Show, die in diesen Tagen in der mit Werbetäfelchen geschmückten Turnhalle in Nizza geboten wird, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gemietet hat - sie ist die einzige Show.
Denn die Nationalspieler wohnen oben in den Bergen in Saint-Paul de Vence, aber was dort passiert, verraten sie hier unten in Nizza nicht. Statt dessen kommen täglich drei Profis vom Trainingsplatz in die Turnhalle und sagen, daß erstens "Fitneß das wichtigste" sei (Thomas Helmer) und zweitens "jede Entscheidung des Trainers akzeptiert" werde (Lothar Matthäus), weil drittens alle "ein riesengroßes Ziel" haben (Andreas Köpke).
Und so vergehen an der Côte d'Azur die Tage mit dem Üben von Standardsituationen, während die Weltmeisterschaft in Paris mit viel zirzensischem Rummel begann und allerorten fortgesetzt wird - nur eben in Nizza nicht, wo die Deutschen "diese wunderbare Ruhe" (Vogts) genießen.
Es ist ein Bollwerk der Belanglosigkeit, das der Bundestrainer aufgebaut hat, um nicht wieder so ein Desaster wie 1994 in Chicago zu erleben, wo ihm einige Spieler den Gehorsam verweigerten. Diesmal hat er einen "brutalen Konkurrenzkampf entfacht" (Möller); er läßt alle im unklaren über ihre Rollen und erwirkt dadurch ihre Loyalität und Hingabe. Die deutsche Nationalelf ist bei der letzten WM des Jahrhunderts ungefähr so jung und wild wie ein Grüppchen von Bibliothekaren auf Betriebsausflug.
Selbst Matthäus, 37, der mit Thon um den Libero-Posten wetteifert, pflegt nur vorsichtig sein Ego. Wenn er nach dem Training nicht von jedem Boulevard-Journalisten angesprochen werden will, sagt er zwar mutig: "Ich habe keinen Bock auf so einen Deppen." Und solange er in der Pressekonferenz schweigen muß, weil vor ihm noch Oliver Bierhoff dran ist, demonstriert er Unangreifbarkeit, indem er von den Kameraden wegrutscht, sein Bein auf die Tischkante legt, alle 30 Sekunden zur Uhr schaut und von ganz oben guckt - doch wenn er dann endlich etwas sagen darf, sagt auch er bloß noch, daß er seine "Rolle kenne" und sich "anbieten" werde. Denn der Chef auf dem Platz, das ist Matthäus nicht entgangen, wird am Montag im ersten Spiel gegen die USA wohl Olaf Thon sein.
Aber dieser Thon, der sich so gern mit Immobilien und Aktien beschäftigt, ist kein Haudegen wie Matthäus oder Jürgen Kohler; er sagt sehr leise: "Niemand ist perfekt, auch der Ball nicht." Und mit solchen Scherzchen macht er sich zu einer Art Hofnarr des Bundestrainers.
Daß Ironie eine heikle Sache ist, weiß Thon. Fußball ist ein Spiel der Machos und des Imponiergehabes, und obwohl Berti Vogts selbst hin und wieder einen Witz versucht, scheint auch er den Scherzkeks aus Schalke für ein bißchen unseriös zu halten. Der konnte noch so klug spielen und seinen Club zum Uefa-Cup-Sieg führen; in die ernste Nationalmannschaft durfte er erst wieder einrücken, nachdem sich Matthias Sammer verletzt hatte. Und auch danach gab es diese Abende, an denen Thon in einem Fußballspiel etwas Surreales entdeckt. Da war beispielsweise "der abenteuerliche Kick" gegen Albanien (4:3): Das Spiel "lief von allein, man konnte es nicht beeinflussen, das gab's gar nicht". Solch übersinnliche Erfahrungen sind dem einstigen Terrier Vogts eher fremd.
Ja, ja, der Olaf, sagt Vogts daher, und dann atmet er erst einmal ein und wieder aus. Er hatte halt keine Wahl, er mußte dem Olaf, der "wie kein anderer den Ball führen kann, ohne auf seine Füße zu gucken" (Jürgen Klinsmann), die Abwehr und den Aufbau anvertrauen und setzt nun darauf, daß dieses Genie zugleich "ein besessener Typ ist, der unbedingt den Erfolg will".
Das Genie gibt sich da zurückhaltender und wartet erst einmal ab, "wie ich mich aufführe". Er ist allerdings optimistisch, weil er neuerdings versucht, "immer so zu sein, wie das Gefühl von mir in dem Moment ist", und daß er dabei "gereift" ist, erscheint nur logisch: "Das kommt automatisch, wenn man beim Sprechen mehr nachdenkt." Besonders weit bringe man es nämlich, "wenn man schlau ist und sich dumm stellt".
Das Vertrackte ist nur, daß Olaf Thon etwa zehn Jahre lang so wirkte, als wäre es bei ihm eher andersherum: als wäre keiner so dämlich und altklug wie er.
Das begann zu der Zeit, als der Junge aus dem Ruhrpott in das Glitzergeschäft Bundesliga einstieg. Thon legte damals los wie Boris Becker, und sein Wimbledon war eines der größten Fußballspiele, die jemals in deutschen Stadien stattgefunden haben: das 6:6 zwischen Schalke 04 und Bayern München; der Kleine, der am Tag zuvor 18 geworden war, schoß drei Tore für Schalke. Von da an galt Thon als letzter Straßenfußballer und Erbe von Beckenbauer und Seeler. Natürlich wechselte er bald zu den Bayern, und natürlich wurde er mit denen auch dreimal Meister.
Es kam aber dennoch ganz anders als geplant. Der kleine Olaf, Sohn eines Angestellten der Gelsenkirchener Stadtwerke und ganz Papas Filius, blieb auch in der Bundesliga erst einmal so spießig, wie Fußballer damals waren, die vom STV Horst-Emscher kamen: Er trug einen dünnen Oberlippenbart, spielte in knappen Sporthosen Golf und redete so komisch daher, daß der Torwart Harald Schumacher ihn das "Paradebeispiel" für die sträfliche Dummheit junger Spieler nannte.
Vom Münchner Trainer Erich Ribbeck forderte Thon zwar einmal den Libero-Posten und vom Manager Uli Hoeneß eine Vertragsverlängerung, "nur zwei Jahre zu meiner Sicherheit" - aber als beide kalt lächelten, entschuldigte er sich und war wieder still. Und weil er wegen eines Muskelfaserrisses von der WM 1986 vorzeitig abgereist war und weil er sich 1990 im Endspiel "45 Minuten lang 10 Zentimeter vor der Nase von Franz Beckenbauer" aufwärmte und trotzdem nicht mitspielen durfte, galt er irgendwann auch noch als zu weich, zu schwach, zu mädchenmäßig.
Denn schon damals gab es Matthäus, den ewigen Gegenspieler, der sich von Annie Leibovitz im Unterhemd fotografieren ließ. Matthäus hat seine ganze Existenz zur Inszenierung von Kraft und Männlichkeit gemacht; außer Dienst ist er nie. Als die Mannschaft vor dem Abflug nach Frankreich vier freie Tage hatte, flog Matthäus wegen privater Geschäfte zwischen München und Marseille hin und her. Da raste er dann in schwarzen Versace-Jeans, schwarzem Hemd und mit schwarzer Sonnenbrille durch die Flughäfen und hielt sein schwarzes Handy ans Ohr und schrie "Matthäus" hinein. Denn nur ein Leben ohne Pausen ist cool; Thon aber liebt seine Pausen und verschläft sie.
Daß Thon und Matthäus befreundet seien, weil sie früher mal das Hotelzimmer geteilt haben, ist eine von beiden gepflegte Legende und trotzdem nicht wahr. Wegen Matthäus glaubte der häufig verletzte Thon, daß er keine Chance haben würde in München, und darum ließ er sich zurückverkaufen nach Schalke. Schalke war Heimat, da durfte er leben wie alle, die "auf Kohle geboren sind". Zugleich war es das Eingeständnis, in der Fremde gescheitert zu sein.
Doch als Vogts vor fünf Wochen ausgerechnet Matthäus nominierte, weil Thon sich erneut leicht verletzt hatte, war der nur kurzfristig verunsichert. Er hatte es sich ja längst bequem gemacht in seiner Nische: jener Ironie, die ihm in der Mannschaft den Spitznamen "Prof" eingebracht hat.
Seine Frau, "dafür sind Ehepartner doch da", hat Thon vor Jahren mal gesagt, er solle "nicht immer so geschwollen daherreden"; damit fing seine Wandlung an. Thon übte das Sprechen, er machte sich Pläne, wenn er knifflige Situationen kommen sah, und natürlich hat er sich auch überlegt, wie er bei der Nationalmannschaft überleben und einen Posten in der Stammelf ergattern könnte.
Mann sein, das war ein Punkt, und das heißt: "Kämpfen und arbeiten, in jedem Training". Souverän sein, das war der zweite Punkt, und nichts, so glaubt er, verleiht soviel Souveränität wie Ironie.
"Schleichend" sei ihm sein Humor gekommen, sagt Thon, "wie eine Krankheit". Früher habe er wohl Angst vor Blamagen gehabt, und vielleicht sei deshalb sein "schlaues Gequatsche" ja lediglich gespielt und "so eine Art Selbstschutz". Aber auch diese Bemerkung möchte er mit einem Grinsen wieder verniedlichen, als ob sie nicht stimmte.
Auf diese Weise kann man sogar sagen, daß der Trainer es schon merken werde, wenn einer im Training überragend sei - meint Thon damit sich? Es sei ja so, daß man mit Erfolgen "irgendwann eine Aura bekommt" und damit automatisch einen "höheren Stellenwert" - fordert er auf einmal die Macht? Ach nein, er meint so etwas "ganz neutral".
Manchmal, sagt Thon, wäre es vermutlich besser, "geradeaus zu gehen, aber ich sage mir, das muß man sich nicht antun, da reibt man sich zu sehr an den Ecken und Kanten". Er sei zwar "nicht gerade wie eine Schlange", aber irgendwie eben doch: "Ich gucke immer erst, was gerade geht."
Und darum ist Thon weder Rebell noch Künstler, kein Volksheld und schon gar kein Weltstar. Wenn er ganz selbstbewußt ist, hält er sich immerhin für einen "Karajan des Fußballs". Andere halten ihn auch dann noch für einen kickenden Prinz Karneval.
Aber er hat sich eingerichtet. Und es könnte so kommen, daß am Ende der beiden Karrieren die Methode Thon das System Matthäus endlich überholt.
"Diese Offenheit", sagt Olaf Thon, "daß nicht geklärt ist, wer von uns nun spielt, das heizt ganz Deutschland ein, und so sollte es sein." Dann lächelt er und fragt: "Das war doch ein schöner Satz, sollen wir damit aufhören?"
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 25/1998
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