27.06.2011

FDPWissenschaftler attackieren Koch-Mehrin

Die Plagiatsaffäre der einstigen liberalen Vorzeigefrau Silvana Koch-Mehrin wird zur Belastung für die FDP. Koch-Mehrins Entscheidung, ihr Mandat im Europa-Parlament trotz der Aberkennung ihres Doktortitels zu behalten, stößt in der Parteispitze auf Unverständnis. In Erklärungsnot fühlt sich Parteichef Philipp Rösler vor allem, nachdem sich Koch-Mehrin vergangene Woche zum Vollmitglied des Forschungsausschusses des Europa-Parlaments küren ließ. Rösler hat Koch-Mehrin in einem Gespräch zugesichert, dass es vor einer schriftlichen Stellungnahme der Universität Heidelberg keinerlei öffentliche Bewertung des Falls seitens der FDP geben werde. Der Bescheid ist nach Informationen des SPIEGEL bereits verschickt und wird vermutlich Anfang dieser Woche die FDP-Frau in Brüssel erreichen. In der Parteispitze hofft man noch auf einen freiwilligen Mandatsverzicht Koch-Mehrins, ansonsten, so ein Führungsmitglied, müsse man sie "an ihre Verantwortung als Parlamentarierin erinnern". Viele liberale Europa-Parlamentarier sind ebenfalls verärgert. "Frau Koch-Mehrin hat nicht die nötige Sensibilität aufgebracht, um ihre geplante Mitgliedschaft im Forschungsausschuss rückgängig zu machen", sagt der FDP-Abgeordnete Holger Krahmer. "Die Situation belastet die Arbeit der anderen liberalen Abgeordneten." Scharfe Kritik kommt von führenden deutschen Wissenschaftlern. Plagiate seien kein Kavaliersdelikt, sagt der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Karl-Ulrich Mayer, Koch-Mehrins neue Rolle sei "unglücklich". Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, spricht von einem "verheerenden Signal, wenn sich jemand für die Belange der Forschung politisch einsetzen soll, der selbst Prinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens verletzt und das geistige Eigentum anderer nicht achtet". Es gebe, so Gruss, eine "unselige Titelhuberei". Koch-Mehrin habe sich in "jedweder Weise disqualifiziert, für die Forschung zu sprechen".

"Frau Koch-Mehrin hat mit ihrer Doktorarbeit die Grundprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens wie Wahrhaftigkeit und Redlichkeit verletzt und sollte daher als Mitglied des EU-Parlaments zurücktreten." Matthias Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft

DER SPIEGEL 26/2011
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