27.06.2011

AFFÄRENFranzbranntwein für Kim Jong Il

Der Schmiergeldverdacht gegen den Chef einer Hilfsorganisation erhärtet sich. Zu den Pharmafirmen, die ihn beliefert haben, gehörte auch Klosterfrau.
Im Jahr 2006 wagte die Kölner Firma Klosterfrau etwas, das deutlich dynamischer wirkte als ihr angejahrter Melissengeist: Sie schloss einen Vertrag mit dem Pharmagroßhändler Multi-Trade International (MTI) und sicherte darin zu, eigene Präparate, aber auch die anderer Pharmafirmen, "21 Prozent unter dem Herstellerabgabepreis" zu liefern.
Ein sensationelles Angebot im streng regulierten Pharmageschäft. Laut Vertrag wurden die Klosterfrau-Schachteln "für humanitäre Hilfssendungen" geliefert. Tatsächlich aber landeten sie zum allergrößten Teil in deutschen Apotheken.
MTI arbeitete ohnehin nur mit einer einzigen Hilfsorganisation zusammen, der "Viva Westfalen hilft", einem Verein, der von dem ehemaligen Pharmamanager Wolfgang Tietze geleitet wird. Der Legende nach lieferte Viva die Präparate vor allem ins kommunistische Nordkorea. Kaum war der Vertrag zwischen Klosterfrau und MTI geschlossen, expandierte das Geschäft: 2007 lieferten die Kölner Ware im Wert von 4 Millionen Euro, im vergangenen Jahr waren es dann schon 17 Millionen. Darunter Tausende Packungen Franzbranntwein, Vaginalringe und Nasensprays. Alles für den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il und seine Untertanen?
Seit gut einer Woche muss sich der Vereinsvorsitzende Wolfgang Tietze vor der Staatsanwaltschaft rechtfertigen. Das Duo MTI/Viva hatte nicht nur von Klosterfrau Arzneien im Wert von 56 Millionen Euro bezogen, sondern auch von Sanofi-Aventis für über 95 Millionen Euro, wie der SPIEGEL vergangene Woche berichtete. Es sind abenteuerliche Summen, wenn man sie vergleicht mit dem, was seriöse Hilfsorganisationen leisten.
Ersonnen wurde das Nordkorea-Märchen womöglich in der Deutschland-Zentrale des Pharmamultis Sanofi-Aventis. Dessen Cheflobbyist Erich Dambacher unterzeichnete im Jahr 2004 einen Vertrag mit MTI über die Belieferung von "Nicht-Regierungsorganisationen" für "humanitäre Hilfssendungen". Der Vertrag ist nahezu identisch mit dem zwei Jahre später von Klosterfrau unterzeichneten. Selbst die Rechtschreibfehler wurden übernommen.
Bei beiden Verträgen handelte es sich nach Angaben von MTI-Chef Carl-Heinz Richter aber um "Scheinverträge", die den Rabattdeals nur einen legalen Mantel geben sollten.
"Das wussten auch alle Beteiligten", sagt Richter mittlerweile. Die Pharmaunternehmen seien so ihre Überproduktion losgeworden, die sich nicht mehr zu regulären Preisen an andere Großhändler verkaufen ließ.
Also kaufte Richter die Ware mit 20 Prozent Rabatt und gab sie - wiederum mit 7 Prozent Nachlass - an den Branchenriesen Gehe weiter, der damit bundesweit Apotheken belieferte.
Organisiert wurden die einzelnen Bestellungen vom Chef der Viva-Hilfsorganisation, der für seine Arbeit von MTI fürstlich entlohnt wurde. Laut einer internen Abmachung durfte Tietzes Firma die Hälfte des Gewinns behalten. Dennoch kassierte er auch noch eine "Vermittlungsprovision" von Sanofi-Aventis über ein Prozent der Bestellsumme. Im Lauf der Jahre kamen so 766 000 Euro zusammen.
Sanofi-Aventis räumte die Vermittlungsprovision vergangene Woche ein. Die Staatsanwaltschaft Verden, spezialisiert auf Korruptionsermittlungen, verdächtigt Mitarbeiter von Sanofi-Aventis deshalb aber der Bestechung. Viva-Chef Tietze will sich zu den Vorwürfen nicht äußern, sein Anwalt teilt lediglich mit, nach Akteneinsicht "werden wir voraussichtlich auch die Presse informieren".
Als Cheflobbyist Dambacher Sanofi-Aventis im Jahr 2007 verließ, führte er die Deals einfach über die familieneigene Firma Floki weiter. Die Medikamente vermittelte er dabei aber von Klosterfrau. Laut den Kontoauszügen, die die Ermittler fanden, zahlte Dambacher für die Geschäfte an seinen alten Bekannten Tietze ebenfalls "Vermittlungsprovisionen" - und zwar deutlich mehr als Sanofi.
Demnach hat Tietze von 2007 bis 2010 rund 1,05 Millionen Euro von der Floki GmbH der Dambachers erhalten. Die Staatsanwaltschaft geht dem Verdacht nach, dass es sich dabei ebenfalls um Schmiergeld handelt. Per Fax teilte Dambacher dazu nur mit: "Die gezahlten Provisionen sind keine Schmiergelder gewesen."
Doch die angebliche Nordkorea-Hilfe entpuppt sich zunehmend als Farce. Die meisten Präparate, die geliefert wurden, finden sich nicht auf der Essential Drug List der WHO, an der sich Hilfsorganisationen orientieren. Außerdem waren die Packungen nur deutsch beschriftet, hätten in Nordkorea also kaum von einem Arzt gelesen werden können. Vor allem aber sprechen die hohen Preise gegen eine Hilfslieferung: Keine Hilfsorganisation kauft von Herstellern wie Sanofi-Aventis Originalpräparate für 80 Prozent des deutschen Listenpreises, um sie dann in Entwicklungsländer zu exportieren.
Im firmeneigenen Intranet beteuerte Sanofi-Aventis vergangene Woche, man habe "Patienten in Nordkorea helfen wollen und ist betrogen worden". Klosterfrau versichert, nur "reiner Logistikpartner" gewesen zu sein. Gegen das Unternehmen werde nicht ermittelt, aber man "kooperiert mit den Ermittlungsbehörden".
Auf die Frage, ob der Kölner Franzbranntwein ein in Nordkorea dringend benötigtes Präparat sei, blieb Klosterfrau eine Antwort schuldig.
Von Markus Grill

DER SPIEGEL 26/2011
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