27.06.2011

CHINADie schrecklich Erfolgreichen

Pekings KP wird 90 - und feiert, anders als überlebende Kommunisten von Nordkorea bis Kuba, wirtschaftliche Triumphe. Was macht die Partei im Reich der Mitte anders? Kann sie sich reformieren, ohne das Land zu demokratisieren? Von Erich Follath und Wieland Wagner
Helden braucht das Land, strahlende Vorbilder, Muster-Männer, die eine Gesellschaft durch ihr Handeln positiv verändern: Das galt schon zu Zeiten des Konfuzius, das gilt aber besonders, seit es im Reich der Mitte eine Kommunistische Partei gibt. Und weil die KP alles kanalisiert, organisiert und überwacht, hat sie bald nach dem Sieg der Revolution 1949 eine "Stiftung für Selbstlosigkeit und Tapferkeit" gegründet, die Chinas Helden auswählt - die unterschiedlichen Entscheidungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen eine überraschende, ja sensationelle Entwicklung.
In den fünfziger Jahren feierten Pekings Regierende den Modell-Arbeiter Shi Chuanxiang. Der hatte in den vorkommunistischen Zeiten als Tagelöhner geschuftet, gehungert und sich seiner Ausbeutung geschämt. Erst unter der Partei, so geht die Legende, hat er eine selbstbestimmte Arbeit gefunden: als einer, der - im wahrsten Sinn des Wortes - Scheiße für den sozialistischen Aufbau sammelte. Der die Transportkapazitäten pro Kopf von 50 auf 80 Eimer Kot steigern konnte. "Um die Welt sauberer zu machen, nehme ich den Gestank gern in Kauf", sagte Shi. Er nahm, neben dem Staatspräsidenten in der Großen Halle des Volkes stehend, auch die KP-Huldigungen entgegen.
"Den Geist von Shi atmen" galt noch vor wenigen Jahren in Schulen als allgegenwärtige Parole. 2011 aber weht ein neuer Geist. Die verordneten Vorbilder von heute zeigen, wie gründlich sich die Partei den globalisierten Zeiten angepasst hat. Auftritt Duan Wenyin, 27. Er ist der Mann, den die kommunistische Obrigkeit gerade in den Revolutionshimmel hebt.
Herr Duan streicht seinen perfekt sitzenden dunklen Anzug zurecht, die Frisur sitzt gegelt, er wählt geschmeidig und geschickt seine Worte, ein FDP-Lindner auf chinesisch geklont. Dazu gehört, sich angesichts des großen Ganzen beredt in Bescheidenheit zu üben. "Nein, ein Held will ich nicht sein", sagt der Absolvent einer Elite-Universität in dem Dorf Beigou, 60 Kilometer nordöstlich von Peking. "Aber ein Patriot."
Am Eingang des örtlichen Parteigebäudes hängen einträchtig die Porträts von Marx, Lenin, Mao und Deng nebeneinander. "Li dang wei gong - Einsatz der Partei für die Allgemeinheit", steht an der Wand, zu der Duan aufblickt.
Der Pionier ist dem Rat der Regierung an Studienabgänger gefolgt, zunächst drei Jahre lang als Freiwilliger auf dem Land zu dienen. Er hat das Dorf mit seinen Ideen durcheinandergewirbelt, eine kleine Bibliothek mit Werken zur korrekten Familienplanung eingerichtet, einen Wettbewerb um die gepflegtesten Häuser veranstaltet, sogar eine parteiinterne Wahl um den Bürgermeisterposten mitorganisiert. Er machte Beigou so zu einer Modell-Gemeinde, die Touristen anzieht, Geld in die Gemeindekassen spült. Und er kann sich vorstellen, noch länger zu bleiben - als Unternehmer in der Touristikbranche oder als örtlicher Kader.
Sein ganzer Stolz: Er ist in die Partei aufgenommen worden. "Hunderte aus meinem Studienjahrgang haben sich beworben, nur wenige wurden erhört", sagt Duan. Das sei für seinen weiteren beruflichen Lebensweg "extrem förderlich". Und so macht sich Jungfunktionär Duan nützlich, schlichtet Streit um die neue Straße und kompensiert die Bauern für die Landnahme "so fair wie möglich", arbeitet sich in die Probleme der örtlichen Kastanienernte ein, tadelt, lobt, schafft Anreize - ganz im Sinn der "harmonischen Gesellschaft", die von der Partei als höchstes Ziel proklamiert wird. Anders als die "Helden" vergangener Jahrzehnte muss er sich nicht selbst aufopfern: Er darf Initiative zeigen, kapitalistisch handeln, sogar reich werden. Er darf in Verfahrensfragen sogar die Chefs in Peking kritisieren. Nur eines darf er nicht: sich außerhalb des Systems stellen.
Muster-Chinese Duan aus seinem Muster-Dorf mit seiner Muster-Karriere fest im Blick hat das auch nicht vor. Er winkt zum Abschied, zufrieden mit sich und der Welt und seiner Partei, die er vielleicht nicht liebt, die er aber braucht, weil mit ihr vielleicht nicht alles, aber ohne sie gar nichts geht.
Diese Woche ist eine besondere chinesische Woche: Am Montag kommt der Pekinger Premier Wen Jiabao, 68, mit gleich 13 seiner Minister nach Berlin - im Gepäck ein eher fragwürdiges "Geschenk", die an einen Maulkorb gebundene Freilassung des berühmtesten Künstler-Dissidenten der Volksrepublik, Ai Weiwei (siehe Seite 82). Und Chinas KP feiert ihren 90. Geburtstag, am Freitag, dem 1. Juli, ist es so weit.
Das große Ereignis hat seine Schatten schon vorausgeworfen. Die Vorfreude soll geschürt werden, die KP bedient sich dazu durchaus origineller Methoden. So fanden Zigtausende Pekinger dieser Tage auf ihrem Handy mehrere klassische kommunistische Songs vor - mit der Aufforderung, sie weiterzuleiten. Wer nachweisen kann, mindestens zehn seiner Bekannten so eingestimmt zu haben, nimmt an einem Preisausschreiben teil: Bahn frei für den Konsumismus-Kommunismus.
Das Fernsehprogramm wurde jetzt von allen auch nur im Ansatz sozialkritischen Programmen entschärft; keine Krimis, keine Familiendramen mehr. Gefragt sind "rote" Sendungen, die von den Fortschritten der Volksrepublik künden. Höhepunkt der KP-Kulturwochen ist der aufwendig produzierte Kinofilm "Die Gründung einer Partei"; er wird zu großen Teilen von General Motors finanziert, die amerikanische Autofirma stellte auch sicher, dass die Schauspieler am Set des Rührstücks über die Entbehrungen der revolutionären Frühzeit immer ihre Cadillacs zur Verfügung hatten.
Berührungsängste kennen Chinas Kommunisten nicht. Wenig ist heilig, käuflich fast alles - selbst die Große Halle des Volkes. Wenn in dem Prachtbau mit den über 300 Räumen und riesigen Gemälden nicht die Partei tagt, darf sich, gegen fürstliches Honorar, auch Ford oder Kentucky Fried Chicken einmieten.
Die KP Chinas hat fast so viele Mitglieder wie Deutschland Einwohner, 78 Millionen Genossinnen und Genossen machen sie zur größten Partei der Welt - zu einer sehr erfolgreichen; zu einer schrecklich erfolgreichen Partei, sagen viele verunsicherte westliche Beobachter. Der Kommunismus der Sowjetunion ist im Mülleimer der Geschichte gelandet. Die Parteien Nordkoreas und Kubas haben ihre Völker in den wirtschaftlichen Untergang geführt und gelten als diskreditiert. KPs standen - und stehen - für unheilbare Sklerose, ihre Herrscher gelten als Dinosaurier: Die sozialistische Idee hat hinreichend bewiesen, dass sie in der Praxis nicht funktionieren kann.
In China wirkt dieses Quasi-Naturgesetz wie aufgehoben. Da schaffen die Dinos die Evolution, da prägt Anpassung statt Agonie das Bild. Zumindest wirtschaftlich eilt Peking von Erfolg zu Erfolg. China hat sein Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen 30 Jahren ungefähr verdreißigfacht, hat Deutschland und Japan als Wirtschaftsmacht überholt und wird wohl bis spätestens 2020 auch die USA hinter sich lassen und zur Nummer eins werden. Kein Staat hat so viele Devisenreserven angehäuft wie die Volksrepublik. Wenn Peking wollte, könnte es mit einem Drittel seiner Drei-Billionen-Dollar-Rücklagen sämtliche Dax-Unternehmen aufkaufen.
Auch politisch und militärisch spielt China seine Rolle als einzige Großmacht neben den USA zunehmend selbstbewusst aus. Mit neuen Waffensystemen zu Land und zu Wasser schüchtert Peking seine pazifischen Nachbarn ein, stellt von Japan über Vietnam bis zu den Philippinen Territorialansprüche.
Was für ein Weg: Bei der Gründung im Untergrund von Shanghai 1921 waren sie gerade 57 Mann; 1927 standen ihre Brigaden, aufgerieben von einem übermächtigen Gegner und auf der Flucht, vor dem Untergang; 1949 triumphierten sie dann auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking und hatten das Riesenreich geeint. Jetzt sind sie die einzige Kraft, die es mit den USA aufnehmen kann - verständlich, dass die KP zumindest nach außen hin vor Selbstbewusstsein strotzt. Den Wirtschaftskurs permanent korrigieren, dabei nicht abweichen vom rigiden Einparteiensystem - pragmatisch und professionell will das Geburtstagskind sein, 90 Jahre und (mindestens) ein bisschen weise.
Kann dieser Spagat über alle ideologischen Grand Canyons hinweg funktionieren? Was machen Chinas Kader richtig, welche Signale haben sie gehört, die anderen Völkern verborgen geblieben sind? Wie sieht es aus im Innenleben der größten Partei der Welt, regiert da eine Meritokratie, in der es die Besten nach oben schaffen, oder sind Verwandtschaftsbeziehungen wichtiger - und wieso kann sie so flexibel und modern sein und doch gegenüber ihren Kritikern so unsouverän und oft mit stalinistischer Härte operieren?
Einige Staaten in Asien und Afrika haben aufgehört, die westliche Demokratie für das Maß aller Dinge zu halten und versuchen stattdessen das "Pekinger Modell" mit kapitalistischer Wirtschaft und autoritärer Politik nachzuahmen. China ist die entscheidende Herausforderung unserer Zeit und stellt zentrale Fragen: ob die Partei das Riesenreich langfristig an der Spitze der Weltwirtschaft halten kann, ohne es auch politisch zu öffnen. Oder ob die Kommunisten irgendwann an den Widersprüchen scheitern, die ihr rasanter und von keiner Opposition kontrollierter Aufstieg mit sich gebracht hat: den extremen Unterschieden zwischen Arm und Reich, der grassierenden Korruption, den Umweltzerstörungen, den brutalen Auseinandersetzungen mit tibetischen, uigurischen und mongolischen Minderheiten.
Auf die Widersprüche weist etwa die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton hin, die gerade im US-Magazin "The Atlantic" zornige Blitze Richtung Peking geschleudert hat. "Chinas System ist dem Untergang geweiht", behauptet sie. "Die KP-Führer versuchen den Gang der Geschichte aufzuhalten - eine vergebliche Mühe."
Wirklich?
Amerika hat das Weiße Haus, Frankreich den Elysée-Palast, Deutschland das Bundeskanzleramt - die Volksrepublik hat ein Geheimnis.
China wird von einem mysteriösen Ort aus regiert, den nur wenige Ausländer je von innen gesehen haben: Rote, hohe Mauern schirmen die Staatslenker ab, einige Gebäude in dem Komplex stammen noch aus feudalen Zeiten, graue Zweckbauten kamen nach dem Sieg der Kommunisten und dem Ausrufen der Volksrepublik 1949 dazu. Zhongnanhai, "Mittlerer und Südlicher See", heißt der verschwiegene, gutbewachte Ort in der Mitte von Peking, der einst zur Verbotenen Stadt gehörte und an dem früher Kaiser, Konkubinen und Eunuchen höfische Intrigen gesponnen haben.
Im südlichen Teil dieses Refugiums tagen die Top Neun, der Ständige Ausschuss des Politbüros der KP, die mächtigste Instanz im Reich der Mitte. Die Beratungen laufen geschäftsmäßig ab und unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit. Kein Lächeln für die Kameras der Abendnachrichten, gemeinsame Auftritte nur bei sehr besonderen Anlässen und selten länger als ein paar Minuten.
Neun Männer in dunklen Anzügen, die Krawatten gedeckt und in ihrem Design so ähnlich, als kauften sie wegen Mengenrabatts en gros, die Haare ganz offensichtlich gefärbt: Durch Charisma fällt keiner in der Riege der stocksteifen Technokraten auf, die sich bei offiziellen Anlässen gern selbst rhythmisch zuklatschen. Staats- und Parteichef Hu Jintao, 68, ist gelernter Wasserkraftwerksbauer, alle bis auf einen aus der Spitzenmannschaft haben ein Ingenieurdiplom. Und ausnahmslos sind sie schon über mehrere Jahrzehnte Berufspolitiker. Ihre Karrieren wirken fast so austauschbar wie ihr äußeres Erscheinungsbild.
Auf dem Weg nach oben half manchen, dass sie als "Prinzlinge" in einflussreiche Familien hineingeboren wurden. Aber um an die absolute Spitze zu kommen und sich dort zu behaupten, mussten sie sich als fähige Bürokraten beweisen. Und sie lernten, innerparteiliche Koalitionen zu schmieden, konsensfähige Positionen vorauszuahnen. Die im Westen weitverbreitete Meinung einer monolithischen chinesischen KP ist nach Ansicht führender China-Experten falsch: Die KP-Oberen streiten demnach ziemlich häufig ziemlich heftig über den richtigen Weg. Intern gefundene Kompromisse werden dann allerdings von allen Führungskadern meist loyal und deckungsgleich nach außen vertreten.
Auch im erweiterten Politbüro aus 24 Männern und einer Frau herrscht laut US-Diplomaten, deren Geheimdepeschen aus Peking über WikiLeaks öffentlich wurden, ein "Konsenssystem, in dem Mitglieder das Recht haben, ein Veto einzulegen". Dort soll sogar "wahre Demokratie" herrschen.
Wahr ist, dass die glänzenden Wirtschaftszahlen alles überstrahlen können. Kaum ein Tag vergeht, an dem die Rotchina AG keine neuen Rekordzahlen vermeldet. Und je hilfloser Staats- und Regierungschefs von Barack Obama bis Angela Merkel sich abmühen, ihre traditionellen Marktwirtschaften zu reformieren, die USA zu entschulden, Europa flüssigzuhalten, desto neidischer blickt der Westen auf Chinas rasendes Wachstum.
Auf den ersten Blick sind es Rezepte, die nach der reinen Lehre gar nicht greifen dürfen: Fünfjahrespläne. Manipulierte Wechselkurse. Kein Privateigentum an Grund und Boden. Aber das ist eben nur die eine Seite des Riesenreichs China. Die andere ist ein entfesselter Kapitalismus, den die Partei durchaus unideologisch managt - auch mit Investitionen in die Zukunft: Pekings Ausgaben für Forschung und in Entwicklung beispielsweise sind seit 2000 um durchschnittlich 21 Prozent pro Jahr gestiegen (USA: plus 4 Prozent). "Sozialistische Marktwirtschaft mit chinesischen Merkmalen" - schon der Begriff zeigt die Biegsamkeit der KP. Denn eine Marktwirtschaft kann eigentlich nicht gleichzeitig sozialistisch sein. Und was sich hinter den "chinesischen Merkmalen" verbirgt, ist vage - und je nach Bedarf dehnbar.
"Zou Chuqu", frei übersetzt mit "schwärmt aus", lautet die Parole, mit der die Partei die Wirtschaft ermutigt, im Ausland Know-how zu erwerben und Firmen aufzukaufen. Es ist die beste von beiden Welten: Manager dürfen mit Krediten staatlicher Banken auf Shopping-Touren gehen. Und im Riesenreich selbst spielt die KP einen "Barbaren" gegen den anderen aus. Wie ein mächtiger Platzwart weist die Partei ausländischen Firmen lokale Partner zu, mit denen sie Chinas Industrie zu modernisieren haben.
Vom alleinigen politischen Führungsanspruch weicht die Partei dabei keinen Zentimeter ab. China, mahnt Parteichef Hu, ist und bleibt eine "demokratische Diktatur des Volkes". Die Krakenarme der Partei umschließen weit mehr als nur Regierungsfunktionen. Durch ihre "Organisationsabteilung" bestimmt die KP so gut wie jede wichtige Position im Land - sie ist, in den Worten eines Professors in Peking, "allgegenwärtig wie Gott". Sie kontrolliert die Armee, den Geheimdienst, die Presse, die Gerichte; und die Staatsunternehmen, die durchaus privilegiert mit den privaten konkurrieren.
Wer die wahre Hierarchie etwa in Shanghai kennenlernen will, muss nur einen Blick auf die Autonummernschilder werfen: Der örtliche Parteiboss hat die 00001, der Bürgermeister und Vizeparteichef die 00002. Noch entscheidender sind andere Insignien der Macht: Etwa 300 Chinesen, alle hochrangige Parteimitglieder, besitzen die "rote Maschine", ein privilegiertes Telefon, mit dem die Top-Elite über eine geheime, abhörsichere Leitung untereinander verbunden ist.
"Würde Lenin ins Peking des 21. Jahrhunders hineinkatapultiert und könnte er seine Augen von all dem Glitzer der Wolkenkratzer und dem Konsum abwenden, er sähe Chinas KP als Abbild des Systems, das er für die Sieger der bolschewistischen Revolution aufgebaut hat", meint der australische Kommunismus-Forscher Richard McGregor in der US-Fachzeitschrift "Foreign Policy".
Vergleiche mit der untergegangenen Sowjetunion sind in Peking allerdings so unerwünscht wie Verweise auf die arabischen Umwälzungen dieser Tage. Die Aufrufe zu einer chinesischen "Jasmin-Revolution" übers Internet haben die sonst äußerst selbstbewussten Machthaber so nervös gemacht, dass sie das Wort im Internet auf den Index setzten.
Über Empfindlichkeiten der KP weiß kaum einer so gut Bescheid wie Professor Xie Chuntao, 48, Ausbilder der Pekinger Kader-Schule. Nachdenklich nippt er an seinem Cappuccino in einem Café in Xidan, einem der beliebtesten Treffpunkte der Hauptstadt-Schickeria. "13 Fragen an die Partei" beantwortet er in seinem neuen Buch. Xie gibt zu, dass die KP wesentliche soziale Fragen nicht im Griff hat.
Der Nepotismus kommt für ihn an erster Stelle, gerade hat die Zentralbank eine verblüffende Zahl genannt: 800 Milliarden Yuan (etwa 85 Milliarden Euro) hätten korrupte Funktionäre in den letzten beiden Jahrzehnten illegal ins Ausland geschafft; dann die zunehmenden Unterschiede in den Lebensverhältnissen zwischen Reich und Arm, Stadt und Land, die dramatische Überalterung der Gesellschaft. Auch die Privilegien von Kindern führender Parteigrößen sind nicht tabu. "Die Kader, die ich unterrichte, wollen, dass ich all das frei anspreche. Sie kennen die Probleme."
Und die Lösungen? Da windet sich der gewandte Intellektuelle. "In Singapur gibt es keine Korruption, das sollten wir uns zum Vorbild nehmen."
Einschließlich der dortigen Wahlen mit Oppositionsparteien?
Langfristig kann sich der Professor das vorstellen; seine Tochter jedenfalls hat er schon mal zum Studium nach Singapur geschickt. Und was die weitere Wirtschaftsentwicklung angeht, sind auch Ratschläge westlicher Experten mehr als willkommen. "Ich versuche, die besten Professoren von Harvard und Yale als Gastdozenten zu gewinnen."
Nicht verhandelbar sind für den Kader-Ausbilder allerdings die Ansichten von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und Künstler Ai Weiwei. "Wer die Partei so frontal angreift, wer ein ganz anderes System will, der stellt sich außerhalb der Gesellschaft." Die KP muss laut Xie für die Deutung der Geschichte verantwortlich bleiben. Und am Bild des Großen Vorsitzenden darf nicht gekratzt werden. Das Urteil, das Chinas Reformer Deng Xiaoping über den Diktator-Revolutionär gefällt hat, soll für alle Zeiten gelten: "70 Prozent positiv".
Zwei Ausflüge in unterschiedliche Regionen Chinas, zwei Zeitreisen in das historische Herz des chinesischen Kommunismus.
Erste Station Shanghai, 23-Millionen-Einwohner-Stadt, Museum des Gründungskongresses der Partei. Ein Backsteinhaus in einem ehemaligen Arbeiterviertel der von fremden Mächten geknechteten Metropole. Rückblick in die zwanziger Jahre, als Shanghai ein Synonym für Sünde war, ein Paradies für Handelshäuser aus dem Westen, eine Hölle für die meisten Einheimischen, in der Kinderarbeit, Prostitution, Bandenkriminalität und Opiumhöhlen das Leben bestimmten.
Hierher ist Mao Zedong, ältester Sohn einer relativ wohlhabenden Bauernfamilie, Rebell gegen Autoritäten, im Juli 1921 gekommen, um gemeinsam mit zwölf anderen heimlich die KP aus der Taufe zu heben. Das Hauptexponat der Gedenkstätte, ein mit "originalgetreuen" Revolutionären nachgestellter Raum, suggeriert, dass Mao schon damals der Wortführer war: Alle sitzen, er steht als Einziger am Tisch, eine Lichtgestalt, ein Jesus unter Jüngern. Dabei war der ehrgeizige Delegierte aus Hunan anfangs eher ein Mitläufer - was sich freilich bald ändern sollte. Als er sich in die Berge zurückzog und mit seinem Charisma, aber auch mit handfesten Drohungen die Bauern zu Aufständen führte.
Das Museum in der Xingye-Straße ist nur spärlich besucht, wirkt wie ein übrig- gebliebener sozialistischer Fremdkörper inmitten einer kapitalistischen Glitzerwelt. Um das Relikt herum tobt das Leben des heute sehr schicken Stadtteils Xintiandi ("Neue Welt"), Bars, Boutiquen und Paulaner locken die Reichen und Schönen. Es geht wieder alles. Nicht weit entfernt unten an der Uferstraße Bund ist die "Bar Rouge" der Anziehungspunkt, in der Nähe des Showrooms ei-nes italienischen Rennwagenherstellers. Shanghai 2011, Renaissance der "Hure Asiens". Der Osten ist rot, ferrarirot.
Zweite Station Yan'an, Zweimillionenstadt in der Nähe des Gelben Flusses, Shaanxi-Provinz, Mittelchina - wenn die Religion des chinesischen Kommunismus ein Mekka hat, dann liegt es an den gelblichen Lößfelsen mit ihren geheimnisvollen Höhlen. Hier, am Endpunkt des legendären "Langen Marsches", der Maos Truppen auf der Flucht vor der rivalisierenden Kuomintang in 370 Tagen über 10 000 Kilometer weit durchs Land führte.
Dass Mao die Strapazen überlebte und hier die uneingeschränkte Führung der KP erringen sollte, lag allerdings auch daran, dass er immer ein Pferd zur Verfügung hatte, sogar eine Sänfte in Anspruch nahm. Mao, der die Gleichheit predigte, hatte nie Probleme damit, dass einige gleicher waren als die anderen. Von den 86 000 Mitstreitern, die mit ihm losgezogen waren und, oft barfuß und ohne Nahrung, fürchterliche Not zu durchleiden hatten, überlebte kaum jeder Zehnte.
Der Machtmensch schlug in den Höhlen von Yan'an von Oktober 1935 sein Hauptquartier auf, blieb ein Jahrzehnt, um die Kräfte zu sammeln. Er fand auch nichts dabei, seine Bewegung durch Mohn-Anbau zu finanzieren und nahm die Hilfe der Sowjetunion gern in Anspruch. Sein kommunistisches Projekt war aber immer primär ein nationales, eigenständiges: Mao orientierte sich mehr an den chinesischen Kaisern, die das Reich durch diktatorische Härte geeint hatten, als an Marx und Lenin.
Heute gleichen die festlich herausgeputzten Yan'an-Höhlen mit ihren weißgetünchten Wänden und den bunten Lichterketten einem revolutionären Disneyland. In der einstigen Mao-Wohnung überlässt die Fremdenführerin einem achtjährigen Mädchen in Pionier-Uniform die Führung. Es hat einen Schülerwettbewerb gewonnen und darf Auswendiggelerntes aufsagen: "Der Große Vorsitzende war sehr aufrichtig und bescheiden. Er hat unsere Nation geeint und lebt für immer in unseren Herzen."
Zweimal täglich werden unter freiem Himmel Kämpfe zwischen der Roten Armee und der Kuomintang nachgestellt. Geschützlärm dröhnt, Rauch steigt auf: Chiangs Truppen überfallen heimtückisch eine Bauernhochzeit, Maos Guerilla siegt mit List und überlegener Kampfmoral. Karl-May-Spiele der KP. Der Hintergrund aber ist todernst. "Die Erziehung zum Patriotismus ist für uns alle überlebenswichtig, im Geist von Yan'an liegt die Zukunft der Partei", formuliert mit fester Stimme Wang Yimei, die Direktorin des brandneuen Geschichtsmuseums. Vor dem architektonisch eindrucksvollen Rundbau wacht eine riesige Mao-Statue, trotzig wirkt das, als wollte es der Alte in Sachen Gigantomanie mit den hypermodernen Fernsehtürmen und Wolkenkratzern des Chinas von heute aufnehmen.
Am Vorabend des Jubiläumsfeuerwerks sind sich Chinas Kommunisten in manchem einig: Die KP schiebt "Rückschläge" beiseite, Maos "Großen Sprung nach vorn" etwa. Diese Kampagne, die Ende der fünfziger Jahre Bauern in Volkskommunen zwängte und die das Leben von wohl 45 Millionen Menschen forderte, wird bis heute nicht ernsthaft aufgearbeitet. Genauso wenig wie die Hexenjagden der Kulturrevolution Ende der sechziger Jahre.
Die Partei verweist vielmehr stolz auf das Positive. Auf die nationale Einheit, die Befreiung von mehr als 300 Millionen Chinesen aus der Armut, die weitgehende Stabilität in einem modernisierten autokratischen System. Sie glaubt, ohne ihren zupackenden Griff würde das Land auseinanderdriften und im Chaos versinken.
Doch über das Wichtigste sind Teile der KP-Führung und die intellektuelle Elite tief gespalten: den Weg der Partei in die Zukunft. Darüber, wie sie auf die täglich schärfer auftretenden Widersprüche reagieren soll, welche die Modernisierung des Landes hervorruft.
Die beiden prominentesten Vertreter der unterschiedlichen Denkschulen sind Premier Wen, der zumindest gegenüber ausländischen Medien für eine Öffnung des Systems eintritt ("Die Wünsche nach Demokratie sind unaufhaltsam, Meinungsfreiheit ist unabdingbar."). Und auf der anderen Seite Wu Bangguo, 69, der Vorsitzende des Nationalen Volkskongresses, formal zweiter Mann im Staat: "Wenn wir wanken, werden alle unsere Errungenschaften verlorengehen - ein Mehrparteiensystem kommt für China nicht in Frage."
Wu und die Hardliner in der Partei, wie beispielsweise der höchste Sicherheitspolitiker Zhou Yongkang, geben im Moment den Ton an. Sie sorgen für die extremen Steigerungen beim Militäretat und den Ausgaben für nationale Sicherheit. "Das Volk muss die Regierung fürchten, sonst zerfällt das Land", zitiert China-Kenner McGregor einen hohen Kader. Aber gleichzeitig ist auch klar, dass das System mehr noch auf Verführung und auf Karriere-chancen setzt denn auf nackte Repression.
Die neue städtische Mittelklasse hat inzwischen eine Menge zu verlieren: Die Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, die Freiheiten, einzukaufen und auszugehen, scheinen vielen attraktiver als das vage Versprechen von Demokratie und Gewaltenteilung. Solange die Partei ein Wirtschaftswachstum um 8 Prozent schafft, solange sich die Inflation (gegenwärtig 5,5 Prozent) einigermaßen in Grenzen hält, sind in China kaum mehr als regional begrenzte Unruhen zu erwarten.
Die Reichsten sollen in der KP eine herausragende Rolle spielen - erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Unternehmer, die einstigen "Klassenfeinde", erst seit 2002 ein Parteibuch besitzen dürfen. Etwa jeder Dritte der 189 chinesischen Dollar-Milliardäre ist inzwischen KP-Mitglied, jeder Achte der Superreichen hat einen "signifikanten" politischen Beraterposten inne; 83 sind Mitglieder des Nationalen Volkskongresses, Tendenz steigend; 38 chinesische "Parlamentarier" sind wohlhabender als das wohlhabendste amerikanische Kongress-Mitglied. Dazu gehört auch der Abgeordnete Zong Qinghou - er ist mit einem Vermögen von zwölf Milliarden Dollar der reichste Mann der Volksrepublik China.
Herr Zong empfängt in Hangzhou, seiner Heimatstadt, die mit ihrer idyllischen Lage am West-See für viele Chinesen der Traumort schlechthin ist. Er trägt ein blaues Allerweltshemd, eine einfache dunkle Hose, Billigleinenschuhe. Schlicht ist auch sein Büro, in dessen Regalen fast nur Management-Literatur steht, allerdings aus aller Herren Länder.
So viel Bescheidenheit ist demonstrativ: Nur nicht mit Reichtum protzen, heißt die Devise des Chefs. Zong Qinghou, 65, hat die rund 30 000 Mitarbeiter seiner 58 Produktionsstätten schon lange zu Aktionären gemacht, als beispielhaft will er auch seine Arbeitsmoral verstanden wissen: 14 Stunden am Tag, einziger Luxus Rauchen und Teetrinken, nicht mehr als 20 US-Dollar pro Tag ausgeben.
Er ist einer von ganz unten. Kind armer Leute, nur Mittelschulbildung. Er arbeitete als Jugendlicher auf einem Salzfeld. Zusammen mit zwei pensionierten Lehrern gelang es ihm schließlich, mit geborgten 14 000 Euro Softdrinks auf Milchbasis zu produzieren.
Daraus entstand die Firma Wahaha, die später mit dem Danone-Konzern eine Kooperation einging. Als die Franzosen ihm vorwarfen, das Joint Venture unter der Hand mit Parallelprodukten zu untergraben, kamen die Angestellten Zong mit Streiks und Protestaktionen zu Hilfe. In einer Kampagne, die stark nationalistische Züge trug, wurden die Ausländer so lange auf Schmähplakaten beschimpft und ausgebuht, bis sie entnervt aufgaben und sich herauskaufen ließen.
Sieht sich KP-Mitglied Zong eher als Kommunist oder als Kapitalist?
Da muss er lächeln. "Eine sehr deutsche Frage", sagt er. "Ich bin Pragmatiker." Und als solcher kämpfe er für Unternehmer- wie für Arbeiterrechte. "Wenn irgendwo auf der Welt Sozialismus herrscht, dann ist das in Europa", sagt er. Europa mit den hohen Steuern und seinem Wohlfahrtsstaat - seiner Meinung nach eine Sackgasse. "Die Menschen bei Ihnen müssten härter arbeiten", sagt der reichste Mann Chinas fast mitfühlend.
"Atrophy and Adaption" heißt der Untertitel des neuen Buches, das der amerikanische Politikwissenschaftler David Shambaugh über Chinas KP geschrieben hat, und das Verblüffende daran ist: Das Arterioskleroseleiden und die Anpassungskunst der Partei sind gegensätzliche Tendenzen - und schreiten doch gleichzeitig voran. "Manche Beobachter sagen langfristig einen Kollaps des Systems voraus, einige prophezeien eine längere Stagnation, wieder andere glauben, Zeichen eines echten Reformprozesses zu sehen." Shambaugh hält ein erfolgreiches Durchlavieren der Partei für die wahrscheinlichste Zukunftsentwicklung.
Wenn es so kommt, wird sich die KP aber weit jenseits der gerade wieder angelaufenen Mao-Nostalgie bewegen müssen. Möglicherweise lässt sich mit einem gesteigerten Patriotismus ein neuer, allerdings kaum zu kontrollierender ideologischer Kitt für die Gesellschaft finden. Die Regierenden sehen sich nach der Saturierung mit Konsumgütern mit gänzlich neuen Problemen konfrontiert. Sie müssen einer Bevölkerung, deren Altersstruktur sich dramatisch ändert, bisher kaum bekannte Leistungen bereitstellen: ausreichende Renten, Versicherungen, Gesundheitsvorsorge.
Dass sie dafür gewappnet sind, erscheint sehr fraglich. Aber die Skeptiker, die der KP Chinas das Unmögliche nie zutrauten, haben sich bis jetzt immer eines Besseren belehren lassen müssen. Die Partei-Bosse schaffen noch jede Volte, Mao paradox: Der Große Vorsitzende des Kommunismus wird einfach umfunktioniert - zum Vorbild der Globalisierung, zum Großen Vorstandsvorsitzenden.
Womit lässt sich diese seltsame chinesische Partei, diese bewunderswerte, hassenswerte Institution mit quasi religiösem Anspruch, teils verknöchert, teils reformwillig, zwischen totaler Repression und Anerkennung von Pluralismus schwankend, denn überhaupt vergleichen?
Am ehesten mit der katholischen Kirche - fand jedenfalls ein inoffizieller Abgesandter der chinesischen KP bei seinem Besuch im Vatikan 2008. "Wir haben die Propagandaabteilung, und ihr habt die Verkünder des Evangeliums. Wir haben unser Organisationsabteilung, ihr das Kardinalskollegium." Worin er denn die Unterschiede sehe, fragte der Vatikan-Vertreter dann den KP-Mann. Worauf der zur allgemeinen Erheiterung entgegnete: "Euch hat Gott geschickt, uns der Teufel."
Von Erich Follath und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 26/2011
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