27.06.2011

KERNKRAFTBacillus teutonicus

Seit Fukushima lehnt die Mehrheit der Menschheit die Atomkraft ab. In Wien diskutierten Politiker und Experten, wie sie trotzdem weitermachen können wie bisher.
Markige Worte sind nicht die Spezialität von Yukiya Amano, dem schmächtigen Japaner an der Spitze der internationalen Atomenergiebehörde IAEA. Umso erstaunlicher, was er vergangenen Montag zur Eröffnung der Konferenz seiner Behörde ins Mikrofon rief: Nach Fukushima gehe es bei dem Treffen in Wien nun um nichts Geringeres als die Zukunft der Atomenergie.
Überwachungsbehörden, Katastrophenschutz, Informationspolitik - alles müsse besser werden. Amano verlangte verbindliche IAEA-Kontrollen für Kraftwerke weltweit: Nach dem Zufallsprinzip, so seine Idee, wolle die IAEA innerhalb der nächsten drei Jahre ein Zehntel der weltweit 440 Reaktoren auswählen und bei Blitzbesuchen überprüfen. Außerdem sollten die Betreiber bei Unfällen künftig stärker haften. "Business as usual ist keine Option", rief Amano den Delegierten auf ihren Uno-blauen Sitzen zu.
Die allerdings wussten die Worte des Japaners richtig zu deuten. "In Wirklichkeit lautet die Botschaft: Bitte weiter business as usual", spottete einer von ihnen. Atomexperten und Politiker aus rund 150 Ländern hatten sich in Wien versammelt. Und fast alle waren sich einig: Die Lehren aus Fukushima haben die Atomenergie nur noch sicherer gemacht.
Nach der dreifachen Kernschmelze in Japan wollen die zuständigen Minister vieler Länder möglichst geräuschlos zur Tagesordnung übergehen. Dass die Menschheit die Kernenergie inzwischen überwiegend ablehnt, schert sie wenig.
Mehrheiten für die Atomkraft gibt es einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos zufolge nur noch in Indien, Polen und den USA (siehe Grafik). Sogar in der Atomnation Frankreich sprachen sich zwei Drittel der Befragten gegen die Kernkraft aus. In Japan waren es 58 Prozent, die meisten von ihnen hatten erst nach der Nuklearkatastrophe ihre Einstellung geändert.
Die Energiepolitiker debattierten in Wien zwar pflichtgemäß Amanos Vorschlag, Kontrollen verbindlich zu machen - Chancen allerdings hatte die Idee nicht: Die USA, Großbritannien und Japan lehnen sie kategorisch ab.
Zudem wäre es nicht ohne Ironie, ausgerechnet die IAEA zur weltweit höchsten Kontrollbehörde zu erklären. Denn laut Statut soll sie die friedliche Nutzung der Atomenergie fördern. Wie kann sie da deren strenger Kontrolleur sein?
Frei von Selbstzweifeln traten unterdessen die Delegierten auf. "Wir werden die Nuklearenergie ausbauen", verkündete der Vertreter Russlands. Auch werde sein Land den Schnellen Brüter fortentwickeln. "Atomenergie ist eine saubere Energie, die vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern das Wachstum fördert, ohne dem Klima zu schaden", lobte der Delegierte aus Indien. Sein Land werde die Menge seines Atomstroms in den kommenden 20 Jahren verzwölffachen. Malaysia und Vietnam bekräftigten, bald in die Nukleartechnik einzusteigen.
Wenig Verständnis gab es dagegen für den deutschen Ausstieg. Lob für Angela Merkel oder den österreichischen Anti-Atom-Kurs kam hauptsächlich aus der Mongolei und El Salvador.
Der britische Energieminister Christopher Huhne klagte, der deutsche Atomkurs treibe die Gaspreise in die Höhe. Kürzlich, erzählt er, habe er sich mit RWE-Chef Jürgen Großmann unterhalten: "Wenn der keine Atomkraftwerke zu Hause betreiben oder bauen kann, wird er vielleicht mehr in Großbritannien bauen." Vor allem aber regte sich in Wien die Angst, der "Bacillus teutonicus", wie es ein Delegierter formulierte, könne nach der Schweiz und Italien auch andere Länder befallen.
Die Katastrophe in Fukushima selbst trat in den Hintergrund, auch wenn ein Teilnehmer sagt: "Es sieht so aus, als ob die Japaner gravierende Fehler gemacht haben." Die Tsunami-Schutzmauer sei zu niedrig gewesen, auch Überdruckventile hätten versagt. Zudem hätten die Leute der Katastrophen-Firma Tepco nie sogenannte Rekombinatoren eingebaut, die den explosiven Wasserstoff hätten binden können.
Außerdem leisteten sich die Japaner schwere Versäumnisse beim Strahlenschutz: Das Notfallzentrum der Regierung nutzte in den ersten Wochen keine Wettermodellrechnungen. Deshalb erkannten die Offiziellen viel zu spät, dass es nordwestlich des Kraftwerks eine stark belastete Zone gab. Nach dem Unfall fehlte es an Dosimetern, auch wurden die Arbeiter im Kraftwerk viel zu spät auf innerliche Verstrahlung hin untersucht: Die Geräte waren kaputt.
All das aber schmälert nicht das Lob, mit dem der Chef der IAEA-Untersuchungskommission die Japaner bedachte: "Alles, was gemacht werden konnte, wurde gemacht."
Ganz ähnlich hatte die IAEA schon einmal geurteilt: Damals, vor 25 Jahren, ging es um Tschernobyl. Wenige Monate nach der Katastrophe hatte die Atombehörde zu einer großen Konferenz in Wien geladen. Der damalige Chef Hans Blix forderte: verbindlichere IAEA-Kontrollen und eine bessere Schadenshaftung.
Von Cordula Meyer

DER SPIEGEL 26/2011
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