22.06.1998

DEMOSKOPIEKohl im Dauertief

Vierzehn Wochen vor der Bundestagswahl steckt die Union nach wie vor im Stimmungstief. Doch der Hinweis von CDU-Generalsekretär Peter Hintze auf angeblich ähnliche schlechte Werte vor der letzten Wahl zieht nicht mehr. Schon im Mai 1994 hatten die Demoskopen einen Meinungsumschwung zugunsten Helmut Kohls festgestellt. Eine solche Wende will sich nun, 1998, offenbar nicht einstellen.
Nach der wöchentlichen Umfrage des Emnid-Instituts für den SPIEGEL erreicht Rot-Grün derzeit 48 Prozent, die christ-liberale Koalition dagegen nur 43 Prozent. Für die SPD allein würden sich bereits 42 Prozent entscheiden, für die Union 37 Prozent. Im Osten votierten sogar nur noch 28 Prozent für die Kohl-Partei.
Während heute die Streitereien um Rote-Hände-Plakate und die Tölpeleien des Regierungssprechers Otto Hauser die Chancen des Herausforderers Gerhard Schröder befördern, leisteten sich 1994 Rudolf Scharping und Genossen Patzer in Folge: Im März, kurz nach der Niedersachsenwahl '94, verwechselte Scharping die Begriffe Brutto und Netto in der Steuerdebatte - die Meinungsforscher meldeten sofort Verluste bei der SPD. Unter die Unionswerte rutschten die Genossen erstmals im Umfeld der Bundespräsidentenwahl, als sie den aussichtslosen Kandidaten Johannes Rau gegen Roman Herzog ins Feld schickten. Mit dem Sieg der Union bei der Europawahl Anfang Juni '94 war dann das Schicksal der Bonner Opposition fast besiegelt.
Heute sieht nicht nur Emnid die SPD eindeutig vor CDU und CSU: Forsa ermittelte zuletzt 43 Prozent für die SPD und 36 Prozent für die Union, die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen notiert im neuesten ZDF-Politbarometer 42 Prozent für die SPD und 36 Prozent für die CDU/CSU. Allensbach bescheinigt den Sozialdemokraten mit 44,4 Prozent sogar einen Vorsprung von 13 Prozentpunkten vor der Union. Und die Meinungsforscher glauben kaum, daß die Koalition den Rückstand noch wettmachen kann. Forsa-Chef Manfred Güllner hält die Wahl jetzt schon für nahezu entschieden. Etwas vorsichtiger argumentiert Dieter Walz von Emnid: Anders als die SPD, die ihr Wählerpotential derzeit voll ausgeschöpft habe, könne die CDU/CSU noch unter den Unentschiedenen und den zu Schröder übergelaufenen ehemaligen CDU-Anhängern Wähler gewinnen.
Gefahr droht Schröders Ambitionen durch die Grünen: Die Polemik des Parteisprechers Jürgen Trittin gegen die Bundeswehr kostet die Alternativen womöglich entscheidende Stimmen. Scheitern die Grünen an der Fünf-Prozent-Hürde, könnte es für die Koalition am Ende doch noch reichen.
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Bundestagswahlen - Sonntagsfrage
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DER SPIEGEL 26/1998
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