22.06.1998

RECHTSRADIKALE„Mit aller Härte“

Mit ehemaligen Republikanerführern auf den vorderen Listenplätzen und Schützenhilfe durch einen Ex-MdB der Grünen zieht die DVU in den Bundestagswahlkampf. Auf Erfolg hoffen die Rechten jedoch eher bei der zeitgleichen Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern.
Wahlsieger wirken anziehend. Seit dem Einzug der Deutschen Volksunion (DVU) ins sachsenanhaltinische Landesparlament klingelt das Telefon in der Münchner Zentrale des rechtsextremen Verlegers und DVU-Chefs Gerhard Frey öfter als sonst.
Meist sind altgediente Funktionäre der Republikaner (Rep), die jahrelang mit der DVU um die Vorherrschaft im rechten Lager rivalisierten, am anderen Ende der Leitung. Seit ihre Partei bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit einem Ergebnis von 0,7 Prozent der Zweitstimmen ein Debakel erlebte, gilt Frey vielen als der Mann, der Deutschlands zerstrittene Rechte in die Parlamente führen kann. Einen "NS-Devotionalienhändler", mit dem er nichts zu tun haben wolle, nannte ihn Franz Schönhuber, als er noch Rep-Chef war.
Jetzt tritt der ehemalige Waffen-SS-Unterscharführer als parteiloser Spitzenkandidat der DVU zur Bundestagswahl an.
* In Anklam am 13. Juni.
Schönhuber, der sich als "linker Rechter" präsentiert und mit national-sozialen Parolen Wahlkampf macht, will den DVU-Vormarsch als Teil des "Rechtsrucks in ganz Europa" beschleunigen.
Umfragen, nach denen sich acht Prozent der Wähler im Westen und zwölf Prozent im Osten vorstellen können, eine rechtsradikale Partei zu wählen, treiben so manchen Rep zur Konkurrenz.
Auf den vorderen Listenplätzen der Frey-Partei für die Bundestagswahl am 27. September finden sich zwei weitere Kameraden, die jahrelang zum Führungskern der Schönhuber-Truppe gehörten: Rudolf Krause, ehemaliges CDU-MdB, und Otmar Wallner, Hotelier aus dem bayerischen Bodenmais, beide bis vor kurzem stellvertretende Bundesvorsitzende der Republikaner.
Das Duo galt selbst bei den Reps als ultrarechts. Krause, ein vierschrötiger Tierarzt aus der Altmark bei Magdeburg, der inzwischen den gesamten Rep-Landesverband Sachsen-Anhalt zur DVU hinübergezogen hat, rief seine Parteifreunde auf Versammlungen immer wieder dazu auf, sie müßten "hartgesottene Männer" sammeln und "unerbittlich werden".
Wallner drohte nach wiederholten antisemitischen Ausfällen bei den Reps der Parteiausschluß, dem er im vergangenen Jahr durch seinen Austritt zuvorkam. Auf Versammlungen hatte der Hotelier, der "die Reichsidee" für das "einzig sinnvolle Moment der Ordnung" hält, getönt, er werde stets "mit aller Härte für Deutschland kämpfen", es gebe schließlich "kein Leben ohne Kampf".
Für einen solchen Feldzug hat die DVU auch einen Hilfswilligen gewonnen, der bis 1990 als Vertreter der Friedensbewegung für die Grünen im Bundestag saß: den Oberstleutnant a. D. Alfred Mechtersheimer. Der "Friedensforscher", dessen Lieblingsthema stets die Knechtung Deutschlands durch fremde Mächte war, rühmt in seinem Rundbrief "Frieden 2000" die DVU, weil sie "die wachsende Wut in der Bevölkerung gegen soziales Unrecht" artikuliere.
Bei der "Revitalisierung des Nationalen", die sich auch in DVU-Wahlerfolgen ausdrücke, will Mechtersheimer, der sich als "nationalen Erneuerer" sieht, Schützenhilfe leisten.
Bereits im Januar vorigen Jahres hatte Mechtersheimer ein erstes freundliches Tête-à-tête mit Frey. Auch wenn er sich Freys Kommando einstweilen nicht unterordnen will und das Angebot, für die DVU zu kandidieren, abgelehnt hat, hofft er doch auf eine "Systemkrise" durch rechte Wahlerfolge. Ähnlich wie Frey trommelt der Oberstleutnant a. D. für eine "neue Republik", in der "nationales Interesse den Staat und die Gesellschaft durchdringen".
Doch für die große bundespolitische Initiative ist die DVU nicht gerüstet. Zwar kann Frey die vorderen Listenplätze bei der Bundestagswahl mit bewährten Bierzeltdemagogen aus dem Dunstkreis Schönhubers besetzen, für einen flächendeckenden Wahlkampf von Flensburg bis Füssen fehlen der Partei jedoch auch nur halbwegs qualifizierte Aktivisten. Zur Landtagswahl in Bayern am 13. September tritt die DVU deshalb gar nicht erst an. Sie setzt, ebenso wie die mit ihr rivalisierende NPD, auf einen Schwerpunktwahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern, wo am 27. September, zeitgleich mit der Bundestagswahl, Landtagswahlen stattfinden. Im Armenhaus der Republik hoffen die Rechten auf ähnliche Ergebnisse wie in Sachsen-Anhalt.
Mit einer ersten Briefsendung hat die DVU die heiße Wahlkampfphase im Nordosten der Republik bereits eröffnet. Parole: "Nur wer Protest wählt, also DVU", verpasse "den für unsere Misere in Bonn und Schwerin Verantwortlichen den angemessenen Schock".
Bei der Suche nach geeigneten Landtagskandidaten bemühen sich Freys Mannen derzeit unter anderem um frühere Mitstreiter der einstigen ostdeutschen CSU-Schwesterpartei Deutsche Soziale Union, die sich 1993 aus der bayerischen Umarmung gelöst hatte und bedeutungslos geworden war.
Bis Anfang des Jahres hatte die DVU in Mecklenburg-Vorpommern nur rund 70 Mitglieder, jetzt sollen es angeblich 300 sein.
Ein Büro haben die Marionetten des Münchner Verlegers in Mecklenburg-Vorpommern nicht. Der DVU-Landesvorsitzende Birger Fust, ein arbeitsloser Metzger, wohnt in einem Plattenbau in Güstrow. Journalisten wimmelt er mit der Bemerkung ab, er habe "nichts zu sagen". Daß dies der Wahrheit entspricht, wissen all jene, die schon mal miterlebt haben, wenn der 27jährige sich der Mühe unterzieht, drei zusammenhängende Sätze zu formulieren.
Auch am DVU-Wahlprogramm für Mecklenburg-Vorpommern, das einmal mehr mit Ängsten vor Ausländern, Kriminalität und Arbeitslosigkeit jongliert, arbeiten mangels sprachlicher Masse kaum lokale Parteigenossen, sondern vorwiegend DVU-Funktionäre in der Münchner Parteizentrale.
Der einzige Anlaufpunkt für Anhänger des Frey-Korps zwischen Usedom und Lübecker Bucht ist das Gaststättenschiff "Pommerania" in Greifswald. Neben einer mit DVU-Aufklebern verzierten hölzernen Wendeltreppe führt der Ex-Seemann und DVU-Kreisvorständler Jupp Fink am Tresen das Kommando. Mit Bier, Schnaps und patriotischen Parolen hält er eine trinkfreudige Gemeinde von jungen Skinheads und Dauerarbeitslosen der reiferen Jahrgänge bei Laune.
Seine Kämpfer vom Kreisverband Greifswald sind bislang nur für sich selbst eine Gefahr. Bei Fahrten zu Kundgebungen hatten sie häufig ernste Probleme, den Bus, aufrecht gehend, in Richtung Versammlungssaal zu verlassen. Stammtisch-Parolen machen durstig.
Einer der DVU-Funktionäre, die den Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern maßgeblich vorbereiten, ist Olaf Herrmann, 23, jugendpolitischer Sprecher der Partei. Der angehende Student der Politikwissenschaft reist derzeit durchs Land, um potentielle Kandidaten in Augenschein zu nehmen.
Der Jungfunktionär unterscheidet sich vom DVU-Fußvolk durch rhetorisches und organisatorisches Talent. Er will vor allem ehemalige SED-Mitglieder als Kandidaten gewinnen. Sein Plus: Er war Mitglied der SED-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) und nahm noch 1989 im Blauhemd begeistert am letzten Pfingsttreffen der FDJ in Ost-Berlin teil.
Die DVU, die in Sachsen-Anhalt rund 30 Prozent der Jungwähler überzeugen konnte, schielt auch in Mecklenburg-Vorpommern in erster Linie auf Wähler zwischen 18 und 30 Jahren. Im Bundesland mit der zweithöchsten Arbeitslosenquote der Republik (19,3 Prozent) soll, wie schon in Sachsen-Anhalt, eine Mischung von sozialen und nationalistischen Parolen den Erfolg garantieren. "Arbeit für Deutsche" heißt der Slogan, der bei Wendeverlierern auf fruchtbaren Boden fällt.
Doch die DVU-Klientel der Ausgegrenzten und Abgewickelten wird in Mecklenburg-Vorpommern auch von der NPD umworben, die vor allem bei Jugendlichen wachsenden Zulauf hat. Angeführt wird der Landesverband vom stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Partei, Hans Günter Eisenecker, einem Rechtsanwalt aus Westdeutschland, der seinen Wohnsitz nach Mecklenburg verlegt hat.
Auf mehreren Dutzend Veranstaltungen wollen die Nationaldemokraten, einst fanatische Mahner gegen die bolschewistische Gefahr, demonstrieren, daß sie die traditionellen Bahnen der alten Rechten verlassen haben. Eisenecker rät seinen Parteifreunden, sie sollten im Wahlkampf "an positive Traditionen der DDR anknüpfen", Arbeit für alle fordern und preußische Tugenden hochhalten. Mit taktischem Blick auf alte Genossen propagiert der NPD-Funktionär gar einen "Abschied vom Antikommunismus".
"Sozialismus ist machbar", lautet dazu die Schlagzeile des NPD-Zentralorgans "Deutsche Stimme", das die Kameraden Mathias Meier, 24, Rettungssanitäter, und Axel Möller, 34, Bürokaufmann, vom Kreisverband Stralsund unters Jungvolk bringen.
Sprüche gegen den "Kapitalismus" haben die beiden Jungnationalisten nicht erst bei der NPD gelernt. Als Erich Honecker noch in Amt und Würden war, dienten Möller und Meier der FDJ als "Schulagitatoren". "Zu DDR-Zeiten gab es geregelte Arbeit und ausreichenden Verdienst", sagt Möller, der die DVU-Parole "Arbeit für Deutsche" um das Wort "zuerst" ergänzt hat.
An Disziplin und Fleiß fehlt es dem schneidigen Populisten, der bei der DDR-Volksmarine als Stabsmatrose diente, nicht. Nur "einen gewissen Mangel an Funktionären" beklagt er gelegentlich im Kameradenkreis. Da müssen Importe aus den alten Bundesländern helfen, etwa Peter Stöckicht, 67, von 1968 bis 1972 NPD-Abgeordneter im baden-württembergischen Landtag.
Stöckicht, gebürtiger Pommer, 1951 in den Westen geflüchtet, wettert geschickt gegen "Wessis, Absahner und Abzocker" und will "von Sturm und Drang beseelte junge Leute in die NPD integrieren".
Mit "neuem Stil und neuem Schwung", sprich: einem nationalen Sozialismus, sieht Stöckicht für die NPD im Osten eine große Zukunft. Die DVU, so Stöckicht, habe im Unterschied zur NPD "keine Kader" und keine präsentablen Nachwuchskräfte wie Möller. Der wiederum weiß, daß DVU-Anhänger leicht für die NPD zu gewinnen sind. Mit Kameradschaftsabenden und Schulungen bietet sie Neuzugängen weit mehr eine Heimat als die strukturschwache Frey-Partei.
Deshalb sind sich NPD-Funktionäre auch sicher, daß die DVU "keine ernsthafte Kooperationskraft" ist, wie es in einem Vorstandsschreiben heißt.
Die Republikaner, einst Marktführer im Segment rechter Protestwähler, scheiden nicht nur als Kooperationspartner aus, sie werden auch als Konkurrenten von der NPD kaum noch ernst genommen. Die 1983 vom DVU-Spitzenkandidaten Schönhuber mitgegründete Partei kann weder mit den Finanzen der DVU noch mit dem jungen Fußvolk der NPD mithalten. Entgegen einer Empfehlung der Parteispitze und ohne jede Aussicht auf Erfolg wollen die Reps zwar zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern kandidieren. Rep-Chef Rolf Schlierer, der die Kräfte auf die Landtagswahl in Bayern konzentrieren will, ahnt bereits Schlimmes: "Wenn wir uns wieder verzetteln, werden wir nichts erreichen."
Weil sie wissen, daß die Reps sich selbst erledigen, konzentrieren sich die NPD-Kader Möller und Meier auf die DVU, die sie durch Infiltration bekämpfen wollen. Auch wenn das Frey-Korps durch Geldeinsatz mehr Wähler erreiche als die NPD, so Möller listig, könnten Abgeordnete einer DVU-Fraktion im Landtag sich überraschend als NPD-Mitglieder outen.
* In Anklam am 13. Juni.

DER SPIEGEL 26/1998
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