22.06.1998

Zwischen Sumo und Selbstmord

Noch vor wenigen Jahren galt Japan als die kommende Nummer eins auf der Welt, wurde als Erfolgsmodell gepriesen. Jetzt steckt die Wirtschaft in einer Rezession, die Politiker zeigen sich ratlos. Aus dem Vorbild wurde eine verwirrte Nation.
Die drei Männer sahen aus wie aus einem Musterkatalog für die Japan AG: frisch gestärkte weiße Hemden, graue Anzüge, gedeckte Krawatten, Firmenabzeichen am Revers. Sie verlangten an der Rezeption des Tokioter Hotels "Le Piano" die vorbestellten Einzelzimmer, den Halbtagestarif bitte - sie wollten nur einige Stunden ausspannen. Doch was die drei in Wahrheit suchten, war die ewige Ruhe.
Sie haben noch gemeinsam ein Bier getrunken, rekonstruiert die Polizei später. Dann schrieb jeder für sich allein in seinem Zimmer einen Abschiedsbrief. Dann zog jeder seinen Anzug aus, faltete ihn sorgfältig über einen Bügel, streifte den Hotelbademantel über. Dann packte jeder seinen mitgebrachten Strick aus, befestigte ihn an dem Ventilator der Zimmerdecke, bestieg einen Stuhl und erhängte sich.
Masaaki Kobayashi, 51, Yoshiharu Shoji, 49, und Masaru Sudo, 49, waren Chefs kleiner Zuliefererbetriebe für die Autoindustrie; sie hatten die Kapazitäten ihrer Firmen in den Zeiten des japanischen Wirtschaftswunders immer weiter ausgebaut und sich hoffnungslos verschuldet. Jetzt, in den Zeiten der Rezession, standen die Freunde vor der Pleite und konnten die Schande nicht ertragen.
Drei mehr für eine Statistik, die traurige Rekorde anzeigt: 16 Prozent mehr Suizide als im letzten vergleichbaren Zeitraum. Immer mehr Geschäftsleute aus dem gehobenen Mittelstand sind darunter, Wirtschaftsbosse, sogar ein prominenter Abgeordneter wie Shokei Arai von der Regierungspartei LDP, früherer Beamter aus dem Finanzministerium. Er nahm sich das Leben, weil seine Verhaftung wegen Korruption unmittelbar bevorstand.
Auch Arai, 50, knüpfte sich in der Anonymität eines Hotelzimmers auf, kein Blut, wenig Aufsehen. Rücksicht gegenüber den Verwandten, der Arbeitsgruppe selbst in der letzten Stunde gilt in Nippon als oberstes Gebot: "Bitte nicht in der Hauptverkehrszeit springen", stand für einige Tage auf einem Schild an den Gleisen der Tokioter U-Bahn-Station Shinjuku, bis ein sensibler Staatsbediensteter es entfernte.
"Es sind katastrophale Zeiten für uns in der Unterhaltungsindustrie", klagt die Barbesitzerin Yoko Shimbo, ganz in bunter Seide, dezent geschminkt und von zeitloser Schönheit - aber traurig wie ein Harlekin.
Vor ihrem kleinen Etablissement im Nobelviertel Ginza, einer Bar von einem Dutzend allein in diesem Hochhaus, stritten sich noch vor wenigen Monaten regelmäßig die Besitzer der Toyota-Lexus und Mazda-Miata um einen Parkplatz: Spitzenindustrielle und ihr Stab trafen sich mit Spitzenbürokraten, um bei sündhaft teuren Drinks und befreienden Scherzen der "mama-san" Beziehungen zu pflegen, Insider-Informationen auszutauschen. Im hochgradig ritualisierten Japan war dieses "Settai"-System die gängige Kunst, Geschäfte zu machen oder vorzubereiten.
Nun arbeitet die Regierung an einem Moralkodex für Bürokraten, das Finanzministerium hat 112 seiner Mitarbeiter wegen "unethischen Verhaltens" abgemahnt: Sie dürfen sich nicht mehr einladen lassen. "Nichts mehr mit Privatclubs und ,no-pan shabu-shabu'", sagt Bardame Yoko. So wird in Japan ein Suppenfondue umschrieben, das Kellnerinnen besonders sexy servieren: "no panty", höschenlos.
Schlimmer noch als der Ausfall der Politiker trifft die Unterhaltungsindustrie der Sparzwang der Industrie: Die Bank of Japan und der kränkelnde Autoriese Nissan haben ihre Angestellten aufgefordert, nicht mehr exzessive Spesen zu machen. Vorbei die Zeiten, in denen Stammkunden an einem durchschnittlichen Abend bei Yoko je 5000 Mark ließen. In den letzten drei Monaten ging ihr Umsatz um 80 Prozent zurück. "Ich werde wohl schließen müssen", sagt die Puppenstuben-Schönheit in ihrer Puppenstuben-Bar.
Von Depression ist im Tokioter Jungeleuteviertel Shibuya nichts zu spüren, nichts zu sehen, auf den ersten Blick zumindest nicht. Da präsentiert sich Japan als reiches Land, als High-Tech-Paradies, als große, glitzernde Party - allerdings nicht für alle.
An den U-Bahn-Stationen versuchen sich Dutzende verwahrloster alter Menschen in Behausungen aus Pappkarton für die Nacht einzurichten. Die Obdachlosen sind kaum zu erkennen, Schatten nur hinter den Sichtblenden, mit denen sie abgeschirmt sind: Schande wird eingezäunt, die Schändlichen werden ausgegrenzt. In Japan, dem Land der zwanghaften Harmonie, darf keiner aus dem Raster fallen.
Selbstmordwelle, Sexabenteuer und Stadtstreicher-Alltag aber zeigen: Der Kitt, der das fernöstliche Inselreich zusammengehalten hat, beginnt zu bröckeln. Die Japaner sind zu einer verirrten, verwirrten Nation geworden - als hätten sie ihre Seele verloren. Die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Erde steckt in einer tiefen Krise, sozial, gesellschaftlich, wirtschaftlich.
Kein Staat hat sich in den letzten Jahrzehnten so über seine ökonomischen Erfolge definiert, deshalb zuckt Japan unter den jetzt fast wöchentlichen Hiobsbotschaften zusammen wie unter Peitschenhieben. Im abgelaufenen Fiskaljahr schrumpfte die Wirtschaft - zum erstenmal seit 23 Jahren. Die Börse hat in den letzten zwei Jahren ein Drittel ihres Werts verloren, die einst so übermächtige Godzilla-Währung gegenüber dem Dollar um 40 Prozent - und der Yen fiel noch Anfang letzter Woche auf den tiefsten Stand seit acht Jahren gegenüber dem Greenback, bevor die amerikanische Notenbank ihn mit Milliarden-Interventionen stützte.
Die Arbeitslosigkeit feiert traurige Rekorde (nach deutschen Berechnungen wäre sie weit höher als die offiziellen 4,1 Prozent, in Japan fällt jeder aus der Statistik, der auch nur eine Stunde in der Woche arbeitet), auf 100 Jobsuchende gibt es nur mehr 55 Angebote: ein Alptraum für ein Land, das Vollbeschäftigung jahrzehntelang für eine Art Naturgesetz hielt und in dem sich der Staat entsprechend wenig um soziale Absicherung kümmerte.
Im Januar trat der Finanzminister zurück, im März der Chef der Zentralbank. Die Staatsanwaltschaft hat vier höhere Beamte des Finanzministeriums wegen krimineller Deals festgenommen.
Die Staatsverschuldung liegt im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung bei fast 100 Prozent; die Banken sitzen auf einem Fudschijama fauler Kredite, 500 Milliarden Dollar, womöglich mehr; die Riesensummen im Indonesienhandel, 23 Milliarden Dollar, müssen sie wohl abschreiben. In einer Zeit, in der die Asienkrise dringend Hilfe und Handlungswillen der stärksten Regionalmacht erfordert, ist Japan zum "kranken Mann unter den großen Industriestaaten" geworden, wie das Tokioter Analyseinstitut Technical Data sagt: nicht Teil der Asien-Lösung, sondern Teil des Problems.
Das gewaltige Konjunkturprogramm, mit dem die Regierung Hashimoto im April die stagnierende Ökonomie wieder in Schwung bringen wollte, verhallt ohne großes Echo - die einst so konsumfreudigen Japaner denken nicht daran, erlassene Steuern sofort wieder auszugeben: Sie horten ihre Ersparnisse, zu Hause oder auch bei der als sicher geltenden Postbank, wo sie gerade mal ein halbes Prozent Zinsen pro Jahr auf ihr Geld bekommen.
Und dann noch dieser Gesichtsverlust für das stolze Nippon, das doch gegenüber Demütigungen aus dem Westen so empfindlich ist: Die amerikanische Ratings-Agentur Moody's stufte im April japanische Staatsanleihen von "stabil" auf "negativ" herunter, erklärte dann im Mai die Kreditwürdigkeit von fünf der größten japanischen Banken für fraglich.
Das Land sei wie die "Titanic" auf Katastrophenkurs, warnte die auflagenstärkste Tageszeitung "Yomiuri Shimbun", treibend "in dunkler Nacht auf einem Kurs ohne Seekarte". Sony-Chef Norio Ohga, dessen Elektronikkonzern neben den Autogiganten Toyota und Honda als einer der wenigen Hersteller trotz der Krise Spitzengewinne erzielt, sieht Japan gar "am Rande eines Kollapses". Er vergleicht Tokios glücklosen Regierungschef Ryutaro Hashimoto, 60, mit dem US-Präsidenten Herbert Hoover zu Beginn der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre - der habe in schwierigen Zeiten auch immer alles noch schlimmer gemacht.
Die Haie des internationalen Finanzmarkts, allen voran die Amerikaner, wittern Blut. Sie beißen sich attraktive Happen aus der bisher so abgeschotteten und überteuerten Japan AG. Die US-Investmentbank Merrill Lynch kaufte sich ins pleite gegangene Wertpapierhaus Yamaichi ein, die Travelers Group übertrumpfte bei der drittwichtigsten japanischen Brokerfirma Nikko die mächtige Mitsubishi-Bank und wurde größter Anteilseigner. Gerüchte wollen wissen, Amerikaner seien schon dabei, auch äußerliche Symbole des japanischen Stolzes an sich zu reißen, Tokioter Wahrzeichen wie die Hochhäuser an den Ginza-Kreuzungen.
Verblüfft reiben sich Beobachter in Europa ob dieser Machtverschiebung um 180 Grad die Augen: Noch keine zehn Jahre ist es her, da kauften Japaner, angeführt von Mitsubishi, das prestigeträchtige New Yorker Rockefeller Center. Ihre Shopping-Listen schienen unendlich, ihre Mittel unbegrenzt: Halb Hongkong machten sie zu ihrer Karaoke-Bar, Hawaii zu einem einzigen fernöstlichen Golfplatz, Hollywood wurde sonysiert - aus der Besetzungscouch eine Besatzungscouch japonaise.
In Deutschland gefielen den Nippon-Milliardären das Hamburger Traditionshotel "Vier Jahreszeiten", die Firma Boss, das Schloß Gymnich, also erwarben sie's; und auf dem Kunstmarkt Vincent van Goghs "Sonnenblumen", 72 Millionen Mark teuer (von vielen Experten heute für eine Fälschung gehalten). Kaufte die eine Bank einen Cézanne, mußte die andere schon mit einem Renoir nachlegen. Darf's ein bißchen mehr sein, fragten die Kunsthändler händereibend: noch ein Picasso für die Firmengalerie vielleicht?
Anhand der Grundstückspreise in Zentral-Tokio errechneten Experten 1990, daß allein das Gelände um den Kaiserpalast mehr wert war als ganz Kalifornien. Nippon-Erfolgsbücher hatten Konjunktur: "Japan as Number One" prophezeite der amerikanische Harvard-Professor Ezra Vogel, "Der Taifun" fegte nach Ansicht des deutschen Managers Folker Streib über die hilflos rückständigen westlichen Industrien hinweg.
Hunderte Parlamentariergruppen und Verbandsfunktionäre zogen vom Abendland aus, um bei den Visionären im asiatischen Morgen-Land einen Zipfel Zukunft zu erhaschen. Politiker wie die britische Konservative Margaret Thatcher und der deutsche Liberale Otto Graf Lambsdorff schwärmten nach ihren Japan-Pilgerfahrten von genügsamen Gewerkschaften, großzügigen Firmenchefs, dem paternalistischen Regierungswesen. Und dann erst die Arbeitnehmer! Wie die fernöstlichen Beschäftigten müßten die westlichen werden: so aufopferungsvoll, so anspruchslos, so firmenergeben. Die Japan AG wurde zum Modell stilisiert, dem der Rest der Welt nachzueifern hatte.
Und nun - sind die Söhne der Samurai verweichlicht und haben "verlernt, mit Tränen ins Bett zu gehen", wie die "Japan Times" bekümmert vermutet? Ist das Vorbild zum Versager geworden? Japan 1998, das Land der untergehenden Sonne?
Noch erwirtschaftet dieses Land rund 70 Prozent des gesamten asiatischen Bruttosozialprodukts, gut sechsmal soviel wie die riesige Volksrepublik China. Noch besitzt Nippon die üppigsten Devisenreserven der Welt und ist der größte Gläubiger anderer Nationen - japanische Anleger halten allein staatliche US-amerikanische Schuldverschreibungen in Höhe von rund 300 Milliarden Dollar.
Sollten die Japaner auch nur einen Teil dieser Bonds auf einmal abstoßen, warnen manche Experten, käme es zum GAU: Erst würde die Wall Street einbrechen, dann die gesamte Weltwirtschaft in die Katastrophe stürzen. Den "unergründlichen" Japanern sei alles zuzutrauen, schreibt das "Manager Magazin", Mai 1998: "Das Gefühl überwiegt, daß sie in der Not, und von den anderen Industrienationen isoliert, Entscheidungen treffen, die sich westlicher Ratio entziehen."
Doch die Japaner sind nicht "unergründlich", obwohl sie selbst oft mit dieser Vorstellung kokettieren, das hält den Rest der Welt auf nötiger psychologischer Distanz. Es gibt überzeugende rationale Erklärungen, warum ausgerechnet sie - trotz ihrer Exporterfolge - als Verlierer der Globalisierung dastehen:
Die Japan AG mit ihrer besonderen Form der Abschottung gegenüber der Welt "da draußen" hat sich schlicht überlebt. Unflexibilität und Unfähigkeit, sich aus den historisch gewachsenen Strukturen zu lösen, lassen das einstige Erfolgsmodell an seine Grenzen stoßen. Jahrzehntelang haben die Söhne der Samurai von ihrem insularen Sonderweg profitiert, von ihrer ganz speziellen Form der "Ethno-Ökonomie" ("Atlantic Monthly") - jetzt drohen sie an ebendieser Einmaligkeit zu ersticken.
Auserwählt war Japans Volk in japanischen Augen, von Urzeiten an.
Am Anfang der shintoistischen Schöpfungsgeschichte steht kein Paradies, keine Vertreibung, keine Erbsünde, die den Menschen die Arbeit als Strafe auferlegte. Am Anfang war der Regenbogen. Auf dem saß das Götterpaar Izanagi und Izanami und blickte hinunter auf eine schlammige Flut. Die Welt war noch nicht erschaffen. Die beiden stießen ihren Speer in die Brühe und ließen Tropfen von seiner Spitze fallen. Die verdickten sich zu Land.
Dann stiegen die zwei von ihrem Regenbogen und schauten, was sie angerichtet hatten. Die beiden zeugten Kinder; die Kinder waren Eilande - und summierten sich zum japanischen Inselreich. Pflanzen, Flüsse und Berge erblickten das Licht der Welt. Auch Amaterasu wurde geboren, die Sonnengöttin, und sie bestimmte, daß alle Herrscher aus ihrem Geschlecht hervorgehen sollten: Japans Kaiser, göttlichen Ursprungs.
Das bleibt für viele bis heute die Säule des nationalen Selbstverständnisses - Nippon ist einzigartig, Anfang und Mittelpunkt der Welt; Natur, Staatsgebiet, Volk und Herrscherhaus sind durch die Schöpfung untrennbar miteinander verbunden. Jeder in dieser besonders privilegierten Menschen-Gruppe muß nach den Urgesetzen seine Interessen dem nationalen Konsens unterordnen, loyal dem Gottkaiser gehorchen. Wie bedingungslos, belegt die japanische Sprache: "matsuru", anbeten, und "matsurigoto", Regierung, haben einen verwandten Wortklang.
Der Zusammenhalt der Erwählten war in Vorzeiten mehr als religiöse Pflicht: eine Überlebensfrage. Die Reisbauern auf den größtenteils gebirgigen und unfruchtbaren Inseln lebten, Generationen über Generationen, in bitterer Armut. Auf den terrassenförmigen Feldern war der Bauer der jeweils unteren Stufe vom Wasserfluß der nächsthöheren Anbauebene abhängig. Das zwang zu Disziplin und Gemeinschaftssinn - nur in der Solidarität konnten die Menschen die harten Winter überstehen. Dennoch mußte Japans Bevölkerung noch Ende des 18. Jahrhunderts so sehr Hunger leiden, daß Greise in abgelegenen Tälern ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen wurden.
Da die Japaner die Menschheit lange nicht als Einheit begriffen, sondern sich selbst als Zentrum der Erde und das Maß aller Dinge, blieben sie gern unter sich. Die selbstgewählte Isolation war für das Inselreich lange von Vorteil: Die Japaner mußten sich von Fremden nichts aufzwingen lassen; das Borgen von anderen, die Weiterentwicklung und Verfeinerung fremder Ideen lernten sie bald meisterhaft zu beherrschen.
Von den Chinesen übernahmen sie vom 5. Jahrhundert an die Morallehre des Konfuzius, den Buddhismus, die Pagoden-Bauweise, die Schrift - das Schönheitsideal von den kleinen, verkrüppelten Frauenfüßen lehnten sie ab: Sie sahen keinen Sinn darin. Wohl von den Portugiesen übernahmen sie "Tempura", ein paniertes Gericht, das seither als japanische Spezialität gilt.
Nippon kannte lange Zeit keine massiv einsetzende industrielle Revolution, keinen "Verkauf" von Arbeitskraft: Karl Marx kam nicht bis Kyoto. Viele Landarbeiter hatten sich auch in den schlimmsten Feudalzeiten kaum als geschundene Leibeigene verstanden, sondern als Teil einer "Familie", deren väterlichem Führer es zu dienen galt. Im Handbuch für den Kriegerstand der Samurai klang das so: "Drohen auch Speer und Schwert, mir zuckt keine Wimper. Was gibt es Schöneres, als sein Leben für den Herrn zu opfern?"
200 Jahre lang war es gewöhnlichen Japanern bei Androhung der Todesstrafe verboten, Kontakt mit Ausländern aufzunehmen. Als Guckloch in die Fremde erlaubten die Regierenden aber selbst im abgeschotteten Nippon des 17. Jahrhunderts einigen Holländern, auf einer Insel vor Nagasaki Geschäfte zu machen. Von den Portugiesen hatten die Japaner vorher Feuerwaffen erworben, die sie wegen ihrer Zweckmäßigkeit nachbauten: 20 000, jede eine exakte Kopie des Originals.
1853 erzwang ein Geschwader "schwarzer Schiffe" des amerikanischen Kommodore Matthew Perry mit militärischen Drohgebärden die Öffnung des Landes. Es war eine beispiellose Demütigung für das Inselreich, als die "barbarischen" Kaufleute ungehindert ins Land strömten: Eine Druckkabine platzte auf.
Mächtige Lehensfürsten nahmen die Herausforderung durch den militärisch und wirtschaftlich überlegenen Westen an; die Meiji-Reformbewegung von 1868 stürzte den Herrscher. Nicht um sich zu "internationalisieren", sondern um Japans Unabhängigkeit zu schützen und um eigene Privilegien zu sichern, katapultierten die neuen Führer das rückständige Inselreich in die Moderne.
Westliche Mode, Gregorianischer Kalender, die erste elektrische Lampe kamen ins Land. Moderne Technik übernahmen die Japaner aus England und Amerika, das Militärwesen, die Schulausbildung, das Zivilrecht sowie die autoritäre Verfassung formten sie nach preußischem Muster. Immerhin stand im Grundgesetz, Novum für Nippon, ein Begriff für Individualrecht; man hatte das Wort in diesem System, das auf den Verpflichtungen des einzelnen gegenüber der Mehrheit basierte, nicht auf seinen Rechten, erst erfinden müssen.
Aus der Isolierung gerissen, machten die Auserwählten sich daran, die Feinde mit deren Mitteln zu schlagen. Shoin Yoshida, geistiger Vater der Modernisierer, hatte es so formuliert: "Am Ende werden wir Amerika, Rußland, England und Frankreich niederwerfen, die kaiserliche Herrschaft über alle Nationen ausdehnen und die Grundlagen des Staates für alle Zeiten sichern."
Mit dem Sieg gegen die Russen im Jahr 1905 gelang den Japanern dann der erste Triumph über eine "weiße" Macht, vielen in Tokio ein Beweis für die Überlegenheit ihrer Rasse. Dieses übersteigerte Selbstbewußtsein führte zu einer ultranationalistischen Herrschaft der Militärs, die sich in den zwanziger Jahren zum Sprachrohr einer verarmten, verbitterten Landbevölkerung machten und zum Staat im Staate wurden. Es gab keine wirksame parlamentarische Kontrolle. So "entführten" die Generäle das Volk in den Krieg, griffen 1931 ohne Rücksprache mit Kaiser und Regierung die Mandschurei an und machten daraus einen Marionettenstaat.
Dieses "Mandschukuo" wurde zum gigantischen Experimentierlabor: Nationalistische Offiziere trieben die Rüstungsbetriebe an; "Zaibatsu"-Konzerne, mit Staatsgeldern gegründete und immer weiter zur Expansion im Ausland aufgepäppelte Wirtschaftsunternehmen, probten industrielle Zwangsentwicklung und neue Management-Techniken. Das Fortschrittsrezept bestand in einer Mischung aus marktwirtschaftlichem Technologieglauben und Sowjetsozialismus.
Dann kam der Wahnsinn des weltweiten Aggressionskriegs, Pearl Harbor, Hiroschima, die Stunde Null. Doch das Experiment von Mandschukuo fand schon unmittelbar nach dem Krieg seinen Nachhall. Es wurde Grundlage für ein einmaliges System des Zusammenspiels zwischen Staatsmacht, Ministerialbürokratie und Unternehmertum - die Basis der Japan AG.
Die Zaibatsu wurden von den amerikanischen Siegern formell zerschlagen ("Sie waren mitverantwortlich für den Militarismus, würde ihre Macht nicht gebrochen, hätten die Japaner geringe Aussichten auf eine wirkliche Demokratie", hieß es in einer US-Studie); ein neues Anti-Monopol-Gesetz verbot im Nachkriegs-Japan den Zusammenschluß von Großfirmen zu marktbeherrschenden Konzernen. Aber ungeachtet der Bemühungen, Aktienverflechtungen zu verhindern, kam es zu Querverbindungen, De-facto-Zusammenschlüssen - und es entstanden neue, noch schwerer zu durchschauende Wirtschaftsgiganten. Allein unter dem losen Verband des Mitsubishi-Konglomerats sind heute über 1400 Firmen verflochten. Mitsubishi produziert Stahl, Schiffe, Autos und betreibt Handels- und Bankgeschäfte.
Aus dem Rüstungsministerium wurde 1949 das Ministerium für Internationalen Handel und Industrie (Miti), das neue Zentrum der Wirtschaftspolitik. Es förderte mit Milliardengeldern gezielt jene Industrien, in denen sich Japan besondere Wettbewerbschancen ausrechnete - die Autoindustrie, dann Computertechnik, Biochemie. Der ehemalige Vizeminister für Handel und Industrie und spätere Premier Nobusuke Kishi verkörperte die Kontinuität: Als japanischer Albert Speer hatte er im Krieg die Rüstungsindustrie koordiniert.
Die amerikanische Besatzungsmacht regierte das Land mit Hilfe der effizienten alten Beamtenschaft - so festigte sie deren ohnehin traditionelle Macht. Politiker waren im Nachkriegs-Japan vor allem zuständig für die Verteilung von Pfründen, viel zu beschäftigt damit, ihre Wahl oder Wiederwahl (viele halten inzwischen Parlamentssitze in der dritten Familiengeneration) zu organisieren und in ihrer Fraktion zu antichambrieren, als daß sie sich mit der Tagespolitik oder der Gesetzgebung ausgiebig hätten beschäftigen können.
Nicht die austauschbaren Vorzeigeminister, über 40 Jahre lang weitgehend von derselben liberaldemokratischen Regierungspartei gestellt, bestimmen die Geschicke der Nation, sondern die Spitzenbeamten der verschiedenen Ministerien. Sie handeln in Hinterzimmern untereinander die Deals aus, sie halten gut geölte Kontakte zur Geschäftswelt. Sie lassen sich oft schon mit 55 Jahren pensionieren, um einen lukrativen Job in ebenden Privatunternehmen zu besetzen, die sie zuvor politisch koordiniert haben: Himmelsboten ("Amakudari") heißen diese Aufsteiger im Volksmund.
Auch andere Länder besitzen eine Bürokratie, diese Bürokratie aber besitzt ein Land.
Und die Drahtzieher sahen sich in der Tradition der Samurai, hielten fest an ihrer nationalen Mission. Nachdem der Tenno Hirohito zu Neujahr 1946 auf amerikanischen Druck hin seiner Göttlichkeit entsagt hatte, aber immerhin noch als "Symbol des Staates" im Amt verbleiben durfte, mußten aus den Kriegern des Kaisers eben Soldaten der Wirtschaft werden. Das Ziel: die ökonomische Eroberung der Welt, ausgehend vom Schoße einer intakten nationalen Familie.
Nachkriegs-Japan lag in Ruinen, aber die Menschen glaubten an diesen Zusammenhalt, an die gemeinsame Chance. Das Land besaß Experten für alles oder zumindest Leute, die es unbedingt werden wollten. Die Banken führten der Industrie die ersten Ersparnisse der Bevölkerung als billiges Kapital zu, das Miti besorgte Importlizenzen, die Börsenmakler kungelten mit Großindustriellen. Konzerne versprachen ihren Angestellten lebenslange Arbeitsplatzgarantie und verstärkten das Wir-Gefühl durch die Bemühungen, alle Mitarbeiter in Entscheidungen einzubeziehen.
"Nemawashi" nennt sich der frühzeitige Ausgleich von Interessengegensätzen innerhalb der Großfamilie: Warum streikten japanische Arbeiter in vielen Fällen nicht, sondern arbeiteten mit einer roten Armbinde, auf der "Streik" stand, brav weiter? Aber wer wird denn seiner Verwandtschaft schaden wollen! Mußte man wirklich den gesamten Jahresurlaub in Anspruch nehmen? Wir sind alle zunächst einmal Japaner, Bosse wie Arbeiter! War die Manipulation der Finanzmärkte nicht illegal? Familien werden durch Liebe geprägt, nicht durch Gesetze!
Selbst das Verbrechen blieb innerhalb der Sippe: Die mächtigen "Yakuza"-Gangster gehören für viele Japaner zur staatlichen Ordnungsmacht. "Viele Politiker sind selbst Yakuza", sagt Japans Star-Regisseur Takeshi Kitano (siehe Interview Seite 116).
Frankreichs Staatsmann Charles de Gaulle verspottete die Japaner noch als "Volk von Transistorverkäufern". Die Häme hörte bald auf, als Nippon weltweit eine Industriebranche nach der anderen eroberte: Stahl, Autos, Computerchips. Die Meisterkopierer und begnadeten Produktverbesserer ließen, über Preis und Qualität, ganze Industriezweige im Westen in Bedeutungslosigkeit versinken, etwa die Kamerahersteller.
1965 wies Japan erstmals nach dem Krieg einen Handelsüberschuß aus; 1968 übertraf es mit seinem Bruttosozialprodukt die Bundesrepublik Deutschland. Selbst die beiden großen Ölkrisen in den siebziger Jahren konnten dieser Nation fast ohne Bodenschätze nichts anhaben. Mit drastischen Energieeinsparungen und einer Palette benzinsparender Klein- und Mittelklassewagen baute Japans Industrie ihre Wettbewerbsfähigkeit sogar noch aus.
Für den nationalen Kraftakt zahlte die Bevölkerung einen hohen Preis. Die Industrie zerstörte rücksichtslos die Umwelt. Krankheiten wie die Quecksilbervergiftung Minamata oder das Yokkaichi-Asthma bezogen ihre Namen von Regionen, die sich auf Jahre nicht von der fahrlässigen Verseuchung erholen sollten.
Um aus der betonierten Einöde ihrer Industrieregionen zu fliehen, bauten die Japaner im ganzen Land Vergnügungsparks, künstliche Erlebniswelten, wo sich jeder zu hohen Eintrittspreisen "Bilderbuch-Natur" und ein Stück Weltoffenheit erkaufen konnte. Ansonsten profitierten die japanischen Konsumenten wenig von den weltweiten Exporttriumphen: Da Politiker aus strategischen Gründen billige Einfuhren nicht zuließen, schossen die Verbraucherpreise in die Höhe.
Die Japaner lebten zusammengepfercht, auf so wenigen Quadratmetern und unter Bedingungen, wie sie kein anderes Volk von vergleichbarer Wirtschaftskraft ertragen hätte. Doch noch hielt in den Achtzigern der Familienkonsens unverbrüchlich: Als ein Bericht der Europäischen Kommission japanische Wohnungen mit "Kaninchenställen" verglich, empörten sich die Japaner - über die Unhöflichkeit der Ausländer.
Die zunehmende Bewunderung aus dem Westen für ihr "Wirtschaftswunder" bestärkte die Japaner in ihrer Überzeugung, die Besten zu sein. Und verführte zur Arroganz: "Zusehen zu müssen, wie Amerika ständig an Glanz einbüßt, das ist gerade so, wie man die Schönheit eines früheren Liebhabers dahinwelken sieht", schrieb 1982 die "Asahi Shimbun" in einem Leitartikel. In einer Abhandlung mit dem Titel "Die Fackel der Weltführung weiterreichen" sah Kenjiro Hayashi, ehemals Direktor der Forschungsabteilung beim Brokerhaus Nomura, die amerikanische Wirtschaft hilflos daniederliegen. Die Hoffnung ortete er nur in der "neuen Führungsmacht Japan".
Bei Ausschreibungen für fortgeschrittene Technik könne man "mit Rücksicht auf den japanischen Qualitätsstandard" US-Firmen wohl nicht einbeziehen, antwortete damals eine Tokioter Telefongesellschaft auf eine Offerte; sollten "Plastikeimer oder Putzlumpen" gefragt sein, werde man sich wieder melden.
Auf die Dauer aber ließ sich Japans Exportstrategie gegen den Rest der Welt nicht ungebremst durchhalten: Immer wieder versprach Nippon, das Land für Einfuhren zu öffnen - und schottete sich dann mit neuen Tricks gegen ausländische Wettbewerber ab. Die Spannungen wuchsen, vor allem mit den USA. Demonstrativ zertrümmerten amerikanische Kongreßabgeordnete japanische Autos mit dem Vorschlaghammer. Auf Druck des Westens kam Tokio dann im Plaza-Abkommen von 1985 nicht mehr umhin, die feste Bindung des Yen an den US-Dollar aufzugeben und damit seine Währung - wie seine Exporte - erheblich zu verteuern.
Als Gegenmaßnahme schraubte die Zentralbank die Leitzinsen auf historische Niedrigwerte, die Kapitalkosten der Industrie gingen so gegen Null. Die Börseneinführung des ehemals staatlichen Fernmelderiesen NTT schürte einen Boom im Wertpapierhandel. Die Konzerne entdeckten eine neue Form der kreativen Buchführung: Sie mobilisierten in den Bilanzen ihren Besitz an Grund und Boden - und nutzten ihn als Sicherheit für Milliardenkredite.
Aktienkurse und Immobilienpreise schaukelten sich künstlich hoch. Daß die Werte nur auf dem Papier standen, störte zunächst kaum jemanden. Wie berauscht vom Boom, stürzte sich das Inselvolk auf die Börse: Spekulation als nationale Freizeitbeschäftigung. Allein eine clevere Gastwirtin namens Onoue aus Osaka häufte Kredite von 342 Milliarden Yen an, 4,4 Milliarden Mark - und verzockte einen Großteil beim Aktienkauf.
Der Crash kam, mit der Sicherheit eines wirtschaftlichen Gesetzes: Die Seifenblase platzte, als die Zentralbank 1990 die Zinsen drastisch erhöhte - binnen zehn Monaten fiel die Börse um fast die Hälfte. Mit leichter Verzögerung stürzte auch der Immobilienmarkt: Von 1990 bis heute brachen die Preise für Geschäftsräume in Tokio bis zu 80 Prozent ein.
Die japanische Spielart des Kapitalismus ist in der Sackgasse gelandet, die Kaufkraft geht zurück. Sieben Konjunkturprogramme mit staatlichen Ausgaben für Straßen, Brücken, Hafenanlagen von 1,2 Billionen Mark verpufften seit 1992 fast wirkungslos. Über Nippons viel zu viele, viel zu sorglose Banken schwappte eine Schuldenwelle, ein Tsunami in Rot.
Der katastrophale Niedergang der asiatischen Tigerstaaten seit Mitte letzten Jahres verstärkt den Druck: Japanische Institute halten rund ein Drittel der südkoreanischen, thailändischen und indonesischen Verbindlichkeiten. Das Ausmaß der faulen Kredite haben sie bis heute nicht völlig offengelegt, und doch mußten die neun japanischen Großbanken im Mai 1998 Verluste von fast 25 Milliarden Mark ausweisen.
Das Schlimmste aber für die Japan AG: Die Japaner haben ihren Zukunftsglauben verloren. 72 Prozent fürchten nach den jüngsten Meinungsumfragen, daß sich die Lage ihres Landes weiter verschlechtern werde. Sie erkennen, daß ihre Ethno-Ökonomie nicht mehr zeitgemäß ist: Die langjährige Strategie des nationalistisch motivierten Alleingangs gerät in den Zeiten der Globalisierung zur fundamentalen Schwäche.
Anders als während der Ölkrisen der Siebziger nützt es nichts mehr, einfach nur den Gürtel enger zu schnallen - jetzt wären grundlegende Änderungen an Bord des Ozeanriesen gefragt: Doch auf der "Titanic" verrücken sie nur die Deckstühle.
"Big Bang" heißt großspurig das Regierungsprogramm, das seit dem 1. April 1998 in Kraft ist und das, in verschiedenen Schritten über Jahre hinweg, das japanische Finanzwesen deregulieren soll. Es sind meist kleine Feuerwerkskörper, die da gezündet werden; so wird dieses Jahr die Abhängigkeit der Notenbank von der Regierung etwas gelockert, Wertpapierfirmen brauchen keine besondere Regierungslizenz mehr; im Jahr 2000 werden international übliche Bilanzrichtlinien übernommen.
Zu wenig, zu spät, sagen Landeskenner: Heftpflaster nur für die japanischen Krankheiten - statt eines Bypasses gegen die Arterienverkalkung. Sie verweisen auf die immer noch gängige Praxis mancher Konzerne, Yakuza-Gangster anzuheuern, die kritische Fragensteller bei Aktionärsversammlungen mit Gewalt einschüchtern: Verschleierungstaktik ist ein gängiges Geschäftsprinzip.
Zu den autoritären Familienstrukturen paßt die Pflicht zur Rechenschaft nicht, auch nicht die Chance für Außenseiter: Wenn ein Bill Gates, der aus einer Garage heraus mit einigen "Spinnern" zusammen einen Weltkonzern aufbaut, in Deutschland schwer vorstellbar ist, wäre er im überregulierten Japan schlicht undenkbar: 35 Unterschriften habe er gebraucht, erzählte ein junger Firmengründer kürzlich im japanischen Fernsehen, lediglich um ein Grundstück zu erwerben, und eine Lizenz für seinen Betrieb fehle ihm immer noch.
Das Erziehungssystem, lange Zeit Stolz der Nation, erweist sich jetzt ebenfalls als entwicklungshemmend. Die Schule ist auf Paukhölle getrimmt und vermittelt so viele Fakten, daß Japans Zöglinge bei internationalen Wissensvergleichen immer glänzend dastehen. Kreativität aber läßt sich nicht verordnen, wo Konformität gepflegt wird. Als der japanische Professor Susumu Tonegawa den Nobelpreis für Medizin erhielt, jubelte die Presse - und verstummte dann schnell: Der Wissenschaftler, am MIT im amerikanischen Cambridge tätig, verdankte nach seinen Worten die Auszeichnung der Tatsache, daß er rechtzeitig aus dem heimischen Universitätssystem ausgestiegen war.
Natürlich gibt es die erfinderischen Querköpfe auch in Japan, aber mehr als anderswo haben sie sich außerhalb der Gesellschaft angesiedelt. "Noch immer gilt hierzulande das Sprichwort: Nägel, die herausstehen, muß man einhämmern", sagt Kenji Kawakami.
So hat er sich - Japaner und Anarchist - mit seinen Freunden selbständig gemacht. Er heckt Produkte aus, welche "die klassische Kette konventioneller Nützlichkeit sprengen", die funktionieren, aber niemals in Massenproduktion gehen sollen: eine mechanisch rotierende Spaghettigabel etwa, Weitwinkelbrillen oder einen Regenschirm, der sich gleichzeitig als Krawatte verwenden läßt. Zwei Bücher mit den "unnutzlosen" japanischen Erfindungen wurden zu Kult-Bestsellern - im Ausland.
Kreative wie Kawakami glauben nicht, daß die japanischen Politiker die Kraft zu wirklichen Reformen haben. Manche Wirtschaftsbosse und Journalisten fordern Premier Hashimoto jetzt wegen seiner Entschlußlosigkeit zum Rücktritt auf; um den Mann mit dem Spitznamen "Einsamer Wolf" ist es sehr einsam geworden. Doch überzeugende Alternativen gibt es weder in der eigenen Partei noch in der zersplitterten, ideenlosen Opposition. Bei den Oberhauswahlen im Juli könnte die Wahlbeteiligung deshalb einen neuen Tiefststand erreichen.
Shintaro Ishihara, der glühende Nationalist und Autor des Bestsellers "The Japan That Can Say No", nannte Japan "eine kastrierte Nation", als er 1995 - nach einem Vierteljahrhundert im Parlament - mitten in der Legislaturperiode seinen Abgeordnetensitz aufgab. "Alle politischen Parteien hierzulande und fast alle Politiker handeln nur aus einem egoistischen, höchst unehrenwerten Selbsterhaltungstrieb."
Die meisten versuchen noch immer das Ausmaß der Krise zu vertuschen, den Niedergang der Elitebürokratie mit ihren unsäglichen Skandalen - viele Söhne der Samurai nichts anderes als Spesenritter - schönzureden, den Werteverfall der klassischen japanischen Institutionen zu leugnen. Aus Angst vor fundamentalen Änderungen, die auch ihre Privilegien antasten müßten, pflegen sie die Mär von der ewig glücklichen nationalen Familie. "Wir brauchen nicht unsere ganze Philosophie zu ändern", sagt etwa der einflußreiche Vize-Finanzminister Eisuke Sakakibara (siehe Interview Seite 112).
Der alte Mythos von der rassischen Reinheit der Japaner (auf den Inseln der 126 Millionen leben immerhin knapp eine Million Koreaner und Chinesen) und gesellschaftlichen Homogenität schwelt im verborgenen weiter, etwa durch die Behauptung des damaligen Ministerpräsidenten Yasuhiro Nakasone, wegen ihrer schwarzen und hispanischen Minderheiten seien die USA eine "weniger intelligente Gesellschaft". Der mit Staatsgeldern geförderte Nippon-Forscher Tsunoda Tadanobu legte einen "wissenschaftlichen Beweis" für die japanische Einzigartigkeit vor: Westler nehmen demnach mehr Dinge mit der rechten Hirnhälfte wahr, Japaner mit der linken.
Je ultimativer die USA jetzt eine Änderung der japanischen Politik fordern, desto gereizter verbitten sich Tokios Verantwortliche Ratschläge von außen. "Unsere Regierung ist doch keine Versammlung von Dummköpfen", empörte sich vor einigen Wochen Kunihiko Saito, Japans Botschafter in Washington.
Auch der eben angelaufene Film "Stolz", der den japanischen Kriegspremier Hideki Tojo als sympathischen Familienmenschen und den Kriegsverbrecherprozeß als amerikanische "Siegerjustiz" zeigt, appelliert an das Selbstwertgefühl und schürt Fremdenhaß. "Bungei Shunju", das Intelligenzblatt der Konservativen, spricht sogar schon chauvinistisch von einem "neuen Krieg zwischen den USA und Japan".
Die Haltung gegenüber Amerikanischem war in Japan immer schon ambivalent: zwischen Bewunderung und Verachtung schwankend. Der US-Nationalsport Baseball wird begeistert gespielt. Japanische "Love Hotels" nutzen kein Motiv häufiger als die Freiheitsstatue, noch vor Schloß Neuschwanstein. Times Square heißt eines der besten Kaufhäuser, Disneyland ist der beliebteste Freizeitpark, und der Big Mac hat in Shinjuku sogar sein eigenes Museum. In Japans geborgten Wirklichkeiten, abfotografiert für Cafés und Kaufhäuser, schlägt der Cowboyhut Kuckucksuhr und Baskenmütze.
Lange hatten Japaner Schwierigkeiten, in ihrem Nationalsport Sumo Fremde zu akzeptieren, hielten sie diesen ritualisierten Ringer-Kampfstil doch für einen weiteren Garanten ihrer Unerreichtheit.
Zwei Hawaiianer, Kampfnamen Takamiyama und Konishiki, brachen ein in die fernöstliche Phalanx der verblüffend beweglichen Halbgötter in Fett.
"Kunstgattungen wie das Noh-Theater oder Sumo haben eine tiefe japanische Bedeutung, die Ausländer nicht verstehen können - sie dürfen nicht internationalisiert werden", beschwor der Schriftsteller Naruo Morita seine Landsleute. Die Fans aber zeigten Fairneß: Inzwischen hat der gebürtige Amerikaner Akebono die Position eines "Yokozuna"-Großmeisters erobert und gehört zu den populärsten Sportlern im Land.
Und so ist Japan sehr langsam - und schmerzlich, fast unerträglich für seine Bewohner - dabei, sich der Welt anzupassen: Niemand kann heute mehr eine Insel sein, politisch und kulturell abgeschirmt vom Rest der Menschheit.
Großunternehmen wie Sony sind dazu übergegangen, Angestellte nach individueller Leistung, nicht mehr nach Dauer der Betriebszugehörigkeit zu bezahlen. Die lebenslange Arbeitsplatzgarantie hat ausgedient. Die Industrie wird in Sieger und Verlierer zerfallen, in gutgeführte, international wettbewerbsfähige Firmen und in die anderen, die Vorgestrigen - womöglich wird der Schnitt noch radikaler als im Westen. Doch während Deutschland und Frankreich für einen "sanfteren" Kapitalismus stehen, der dem amerikanischen Turbomodell wenigstens noch in einigen Bereichen entgegentritt - steht Japan, wie immer, für nichts anderes als: Japan.
Von einem reformerischen Aufbruch, einer so nötigen sozialen Revolution, ist nichts zu spüren. So spricht viel dafür, daß die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Erde in den nächsten Jahren über ein Durchlavieren, ein Weiterdümpeln nicht hinauskommt.
Den besten Hinweis dafür liefert das weite Land. Kamitsue auf der südlichen Insel Kyushu ist eines jener verschlafenen Dörfer, wie es sie tausendfach im bergigen Japan gibt. An den Hängen kriechen greise Bäuerinnen mit wettergegerbten Gesichtern und groben Baumwolltüchern um den Kopf durch die Beete und zupfen Unkraut. Abwechslung bringt hier nur der rauhe Wind, der nachmittags aufbrausend vom hohen Vulkan Aso herabweht. Junge Leute gibt es in dem 1800-Seelen-Dorf kaum. Es ist über die Jahre immer mehr "ergraut" - wie die gesamte Nation.
Schon jeder siebte Japaner ist über 65, bis zum Jahr 2025 dürfte es jeder vierte sein; immer weniger Geburten, immer höhere Lebenserwartung. Wenn Deutschland ein Rentenloch hat, gähnt in Japan ein Rentenkrater: Ersparnisse sind für viele die einzige Alterssicherung, die einzige Garantie, wenigstens in etwa den Lebensstandard zu halten. Und so denken, handeln und wählen die Menschen von Kamitsue konservativ.
In diesem Dorf haben sie dazu noch mehr Anlaß als sonst auf dem Land: Die Kamitsuer haben den Reichtum gesehen, auch erlebt, wie schnell er zerronnen ist. Mitten im grünen Tal glänzt noch eine gigantische Betonpiste - einst die größte für die Formel 1 ausgelegte Rennstrecke Japans, errichtet für fast eine Milliarde Mark Ende der achtziger Jahre vom Multimillionär und Kunstsammler Tomonori Tsurumaki, Ex-Chef der Autorenn-Gesellschaft Nippon Autopolis.
Der Bauherr hatte sich übernommen, war 1992 pleite gegangen. In dem großangekündigten "Mekka des Rennsports" fanden nur wenige Rennen statt. Das futuristische Hotel "Bela Vista", 28 Suiten nur vom Feinsten, sollte die Renngäste beherbergen. Längst frißt sich Schimmel an den Wänden hoch - Hotel geschlossen; das Kunstmuseum, auf eine grüne Wiese geklotzt - nie eingeweiht. Die Dorfjugend ist in die Großstädte aufgebrochen, auf der Suche nach neuen Chancen, nach neuem Zeitvertreib.
Tausende treffen sich in Tokios Modevierteln Shibuya und Shinjuku vor riesigen Bildschirmen, auf denen die Industrie in grellen Videos ihre neuesten Produkte preist. Gel-gestylte Boys besetzen die eine Seite der Straße, genormte Girlies mit Plateauschuhen, Designer-T-Shirts, Ringelsöckchen und Faltenröckchen die andere. Der Lolita-Look ist der letzte Schrei bei den jungen Japanerinnen, dazu muß der poppige Rucksack von Versace sein - und das allgegenwärtige Handy am Ohr.
Telefoniert wird permanent, meist kichernd mit Freundinnen. Immer häufiger sind aber auch ältere Herren in der Leitung, die auf Schulmädchensex stehen und die Kontaktnummern über einen Dating-Club bekommen haben. Mit Einwilligung der Mädchen: Fünf Prozent der japanischen Teenies, darunter manche nicht älter als 14 oder 15, bekennen sich bei Meinungsumfragen offen zum "enjo kosai", der Verabredung gegen Entgelt.
Gar keine moralischen Bedenken? "Girls just wanna have fun", trällert als Antwort ein Girl namens Reiko den Hit, der ihre Hymne ist, "aber bitte nennen Sie nicht meinen Nachnamen, ich wohne noch bei meinen Eltern." Nur die reichen älteren Herren könnten ihr die Kleider, die Accessoires kaufen, die man heute unbedingt brauche: "Ich will alles, und ich will es jetzt." Meist bleibe es beim Flirt, aber gelegentlich sei Sex mit Sugar Daddies aufregend, sagt Alleskonsumentin Reiko: Sie steht auf Kamikaze-Affären.
Vorbilder kennt Reiko nicht, Politik interessiert sie nicht, "die gesamte Obrigkeit in diesem Land ist korrupt". Zwei Studentinnen aus ihrer Nachbarschaft hätten sich der Aum-Sekte angeschlossen, die am 20. März 1995 durch ihre schrecklichen Giftgas-Anschläge in der U-Bahn berühmt wurde. Ihrem Anführer droht der Galgen. Die Sekte hält sich zum Thema Gewalt zurück; ihre dubiosen Allmachtsphantasien hat sie nicht abgelegt. Gerade diese "Suche nach der höchsten Wahrheit" zieht jetzt wieder neue Mitglieder an.
Realität ist out, virtuelle Welten sind in. Die Helden der Heranwachsenden sind computergesteuerte Popsänger und Videospiel-Figuren wie der künstliche Star "Kyoko Date". Ihre Pflegeinstinkte konzentrieren sie auf "Tamagotchi"-Küken. Ihre Kämpfe führen sie über ihre interaktiven "Digital-Monster".
Und wenn die Jugendlichen abends unterwegs sind, tragen Zehntausende den neuesten Hit mit sich herum: "Lovegety", den 40 Mark teuren Beeper, der elektronisch die Leute zusammenbringt, die sonst nicht mehr zu kommunizieren wagen. Man stellt ihn auf "Karaoke" oder auf "Liebe" ein, je nachdem, was man sucht. Und dann piept es oder flackert, wenn jemand vom anderen Geschlecht auf der gleichen künstlichen Wellenlänge liegt und in die Nähe kommt.
Verkuppelte früher die Familie, macht das heute die Technik - wer die Sprachlosen beim Dialog beobachtet, ahnt: mit geringerem Erfolg.
"Wir Japaner sind alle Spieler", meint Kichinosuke Sasaki, der frühere Arzt und Immobilienzar, dem in Tokio einmal über hundert Objekte gehörten. Er hat mit seinem Imperium eine Milliardenpleite hingelegt, wurde vor laufenden Kameras wegen Betrugs verhaftet, auf Kaution wieder freigelassen. Jetzt wartet Sasaki, 65, in seinem großen, verwaisten Tokioter Büro auf die Zwangsversteigerung und beklagt ein "System, das eine ganze Nation betrügt".
Früher seien ihm alle nachgelaufen, die Bürokraten, die Politiker, sogar der Sekretär des damaligen Finanzministers, der heute Ministerpräsident ist. Plötzlich wolle keiner mehr etwas von ihm wissen, plötzlich sei er eine Unperson. "Gute Nacht, Japan", sagt Herr Sasaki.
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Japans Wirtschaft in der Krise
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Japans Wirtschaft in der Krise
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Von Erich Follath, , Wieland Wagner und

DER SPIEGEL 26/1998
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Zwischen Sumo und Selbstmord