04.07.2011

Der Alleinunterhalter

Ortstermin: In Düsseldorf wird aus Hape Kerkeling ein Musical.
Hape Kerkeling lächelt nicht. Vielleicht, weil es so verdammt stickig ist im Tanzsaal des Düsseldorfer Capitol Theaters. Vielleicht, weil er seit einigen Monaten Diät macht. Vielleicht, weil um ihn herum 30 Journalisten stehen und Fragen stellen, die er schon hundertmal beantwortet hat. Warum er jetzt ein Musical macht? (Ich wurde gefragt, sagt er, mochte die Idee, warum auch nicht?) Ob er bald Thomas Gottschalk beerben und "Wetten, dass …?" moderieren werde? (Kein Kommentar.) Ob sein Musical "auch witzisch" werde? (Ja, "urdeutsch" und trotzdem "witzisch".)
Kerkeling dreht sich etwas suchend zu Thomas Hermanns, dem Moderator der TV-Sendung "Quatsch Comedy Club". Hermanns hat das Buch zu "Hape Kerkelings Kein Pardon - Das Musical" geschrieben. 1500 Bewerber haben sich für die 28 Rollen im Ensemble gemeldet. Heute schaut sich die Jury, zu der auch Hermanns und Kerkeling gehören, 16 Tänzerinnen und 10 Tänzer an.
Kerkeling wird nach seiner Meinung zu Showgirls gefragt. Kerkeling sagt: "Wenn die reinkommen, fängt die Show an." Die Journalisten lachen. Sie finden alles lustig, was Kerkeling sagt, sogar wenn es nicht lustig gemeint ist. Einige der Kameraobjektive sind nur noch wenige Zentimeter von seinem Gesicht weg.
Hape Kerkeling ist vermutlich einer der wenigen Menschen, auf die die Deutschen nie böse sind. Der Komiker, den alle liebhaben, der lustigste Deutsche, über den alle lachen. Akademiker, Proleten, Männer, Frauen, Schwule, Ausländer. Der Komiker Olli Dittrich hat mal gesagt, dass man über Menschen, die man nicht mag, nicht lacht. Das sei der Trick. Kerkeling mögen alle, weil er in seinen Rollen immer ein wenig wie jedermann ist, mal Kleingärtner, mal Kleinbürger, mal Herzensbrecher, mal Opfer, mal Schweinehund.
Er ist der deutsche Alleinunterhalter. Es gibt Mario Barth, Anke Engelke, Oliver Pocher, Cindy aus Marzahn, Atze Schröder, alle mehr oder minder lustig, aber es gibt nur einen Alleinunterhalter, nur einen Unterhalter für alle.
Kerkeling setzt sich eine bescheuerte Brille auf und nennt sich Siggi Schwäbli, er winkt sich als Königin-Beatrix-Double bis vors Schloss Bellevue und bekommt den Grimme-Preis, er ergrunzt als Horst Schlämmer Günther Jauchs Respekt bei "Wer wird Millionär?". Jedes Mal so, dass man ihn am Ende in den Arm nehmen möchte.
Die Choreografin, eine dünne, energische Engländerin, klatscht in die Hände. Kerkeling, der an einem langen Tisch sitzt, scheint erleichtert zu sein, dass es losgeht. "So, Ladys", sagt die Choreografin, "in Position und nicht vergessen: lächeln, lächeln, lächeln, but please, please, ein bisschen lyrical."
Kerkeling lächelt. "Please, please, ein bisschen lyrical" scheint ihm zu gefallen. Die 16 Mädchen haben sich vor ihm positioniert. Sie knipsen ein Lächeln an, tragen Tanzschuhe mit hohen Absätzen, knappe Höschen, enge Tops, Schweiß läuft ihnen die Schläfen herunter. Die Musik ertönt. Es sind die ersten Akkorde aus "Witzischkeit kennt keine Grenzen".
Die Idee zum Musical hatte Thomas Hermanns. Er wollte Kerkelings Film "Kein Pardon" von 1993 als Musical auf die Bühne bringen. Kerkeling hatte damals das Filmdrehbuch mitgeschrieben und einen jungen Mann namens Peter Schlönzke gespielt, einen Schnittchenauslieferer, der unerwartet Fernsehstar wird. Hermanns versprach, die Musical-Adaption zu schreiben und einen Produzenten zu suchen. 2009 war das. Im November ist Premiere.
Die Choreografin klatscht wieder in die Hände. Die Frauen heben das rechte, das linke Bein, reißen die Arme hoch, tippeln und springen. Plötzlich stoppt die Musik. Die Frauen bleiben stehen, greifen eine imaginäre Tasse und brüllen: "Käffchen." Die Journalisten lachen.
"Käffchen" ist ein Kerkeling-Wort. Es gibt viele: Schlämmer, Schlönzke, Schwäbli, Schnittchen und Hurz. Kerkeling hat es geschafft, die tägliche Lächerlichkeit zu porträtieren, ohne die Menschen, die er lächerlich macht, zu verärgern. Peter Frankenfeld konnte das, Heinz Erhardt auch. Vermutlich lachen genau die Leute am meisten über "Käffchen", die jeden Tag "Käffchen" sagen.
Das Vortanzen ist vorbei. Kerkelings Name steht auf dem Plakat, er wird bei den Proben vorbeischauen, ein paar Pressetermine wahrnehmen. Er wird keine Rolle spielen, keine Regie führen. Die Leute sollen ins Musical gehen, weil Kerkeling draufsteht. Kerkeling ist in einem Geschäft ohne Sicherheit die größte Sicherheit. Er hat vier Millionen Bücher über den Jakobsweg verkauft, Millionen Zuschauer im Kino gehabt. Warum sollte er nicht nebenbei noch ein Musical retten?
Die Fotografen wollen noch ein paar Fotos. Einige der Showgirls sollen sich zwischen den Komiker Dirk Bach, Thomas Hermanns und Hape Kerkeling setzen. Die Gruppe soll eine Polonaise machen und sich vornüberbeugen. Bach und Hermanns sind begeistert, Kerkeling zögert. Dann singt er: "Witzischkeit kennt keine Grenzen, Witzischkeit kennt kein Pardon …" Großer Jubel. Das reicht schon.
Nach ungefähr einer Stunde verabschiedet sich Hape Kerkeling. Er muss noch zu einem anderen Termin. Eigentlich hat er nichts gemacht. Er war nur da, hat geschaut wie Horst Schlämmer, gelächelt wie Königin Beatrix, gesessen wie Thomas Gottschalk. Er hat nur seinen Segen gegeben.
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 27/2011
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