13.07.1998

RECHTSRADIKALEWie ein Windhund

Als DVU-Spitzenkandidat und Ratgeber rechter Zirkel feiert der frühere Republikanerchef Franz Schönhuber ein Comeback. Getrieben von Rachsucht gegen die Reps, pflegt der schillernde Populist seine Haßliebe zu den Rechten. Von Uwe Klußmann
Nationalistische Gedanken, gepflegt und kultiviert. Rechtsextreme Propagandisten können auch anders. An einem Freitag Anfang Juli versammeln sich ein Dutzend von ihnen in einer rosaroten Backsteinvilla am Starnberger See. Stargast im fast mediterranen Ambiente ist Franz Schönhuber, 75, ehemaliger Unterscharführer der Waffen-SS, früherer Fernsehvize des Bayerischen Rundfunks (BR), Ex-Chef der Republikaner (Rep), jetzt Spitzenkandidat der rechtsextremen Deutschen Volksunion (DVU) zur Bundestagswahl.
Eingeladen hat der bräunliche Verleger Gert Sudholt, 55, Herausgeber ultrarechter Journale wie "Opposition" und "Deutsche Geschichte". Der Mann ist Stief- und Ziehsohn des verstorbenen stellvertretenden NSDAP-Reichspressechefs Helmut Sündermann, der neben Verlag und Vermögen die wegweisende Parole hinterließ: "Wir sind nicht die letzten von Gestern, sondern die ersten von Morgen". In diesem
Sinne umschmeichelt Sudholt den Gast als
* Bei der "Deutschen Liga für Volk und Heimat" (1997).
"elder statesman". Soweit wie Schönhuber, 1989 bis ins Europaparlament, hat es sonst kaum einer der Rechten gebracht.
Die Kameraden in Starnberg schauen fasziniert auf ihn. Schönhuber ist in seinem Element und legt ein amüsiertes Lächeln auf. Derzeit zieht er kleine Foren an runden Tischen bei Saft und Mineralwasser den Bierzelten vor, die er als Republikanerchef füllte, und gibt den nachdenklichen Ratgeber der deutschen Rechten.
Langeweile liebt er nicht, Provokationen dagegen um so mehr. "Wir müssen weg vom klassischen rechten Denken der letzten Jahrzehnte", predigt Schönhuber in Starnberg. Er warnt die Seinen vor "Europafeindlichkeit" und dem "Mythos von Blut und Boden". Nur modern, sozial und europäisch, "mit einem starken linken Flügel" hätten die Rechten eine Chance.
In kleinen Zirkeln intelligenterer Nationalisten bekommt Schönhuber für solche Gedanken Zuspruch. An seiner Seite in der Villa am See sitzen ständige Autoren rechter Strategieblätter wie Karl Richter, 36, Verfasser einer fulminanten Wagner-Biographie, der für einen rechten "Fundamentalismus" wirbt, und Michael Nier, einst SED-Funktionär und Dozent für wissenschaftlichen Kommunismus.
Der rechte Star, dessen Bekenntnisbuch über die Waffen-SS "Ich war dabei" sich als Bestseller rund 220 000mal verkaufte, weiß solch kleine Verschwörerzirkel geschlossen hinter sich. Doch für die Schlacht, in die er zur Bundestagswahl zieht, fehlen ihm Mannschaften samt Offizierskorps.
Schönhuber kann sich diesmal nur auf DVU-Chef Gerhard Frey und dessen halbes Dutzend hauptamtlicher Funktionäre sowie einen Wahlkampffonds von gut zehn Millionen Mark stützen.
Mehr als die sehr vage Aussicht, in den Bundestag einzuziehen, reizt den Spitzenkandidaten die Gelegenheit zur Rache an seinen ehemaligen Parteifreunden. Geradezu lustvoll zitiert er im kleinen Kreis die miserablen Umfragewerte der Reps, die bei einem Prozent liegen.
Zwei Traumata haben Schönhuber in seinem Leben nachhaltig zugesetzt: seine Entlassung beim Bayerischen Rundfunk 1982 wegen seines Waffen-SS-Buches und sein Sturz durch den Rep-Bundesvorstand im Oktober 1994, zwei Wochen vor der Bundestagswahl. Der geschaßte Parteichef läßt keinen Zweifel daran, daß ihn der "Putsch" der eigenen Führung menschlich weit mehr getroffen hat als der Rausschmiß beim BR.
Von seinen einstigen Vorgesetzten in München spricht er mit kühler Herablassung, von den "Putschisten" bei den Reps jedoch mit Verachtung und Haß. "Das waren ehrgeizige Funktionäre außer Rand und Band", resümiert er verbittert, seine innerparteilichen Gegner hätten sich "wie Haie im Blutrausch" verhalten.
Die Reps sind seine Hauptfeinde, so sehr er auch plakativ gegen die "Bonner Politbonzen" und die "Wallstreet als Zwingburg des Kapitals" Front macht. Der Rep-Vorsitzende Rolf Schlierer, so Schönhuber, komme "aus bürgerlichem Hause", so etwas ist dem Populisten von Jugend her verdächtig. Denn Schönhuber ist stark von seinem Vater Xaver geprägt worden, einem Metzger aus dem Chiemgau, NSDAP-Mitglied seit 1931.
Schönhuber senior zählte zu den Anhängern des NSDAP-Reichsorganisationsleiters Gregor Strasser, der die "große antikapitalistische Sehnsucht" beschwor. Wegen Illoyalität gegenüber Hitler wurde der Kopf der NS-Linken 1934 von der SS ermordet.
Strasser-Leute pflegten die Abneigung der kleinen Leute gegen "die da oben", gegen jene, die man heute "Modernisierungsgewinner" nennt. Dem Führer blieben viele dennoch treu - auch Schönhubers Vater Xaver. Er moserte über Parteibonzen und blieb Parteigenosse. Nach Kriegsende meckerte er wieder und verteidigte nun bockig das Bonzenregime der NSDAP. Diese Lebenshaltung hat bei seinem Sohn einen Hang zum Trotz hinterlassen: So schwärmt er vom Kameradschaftsgeist der Waffen-SS, in der viele junge Offiziere "die Europäisierung vorangetrieben" hätten, und rät zur "Prüfung von Sozialmodellen im NS-Deutschland und dem faschistischen Italien".
Seltener spricht er von den NS-Verbrechen. Bei Kriegsende sah Schönhuber auf dem Rückzug bei Neuruppin Kolonnen hohlwangiger KZ-Häftlinge in Holzpantinen, bewacht von SS-Leuten, hörte Hunde bellen und Schüsse peitschen. In lichten Momenten, außerhalb von rechten Versammlungen, beschleicht den einstigen Waffen-SS-Unterscharführer eine Ahnung: "Wenn wir gesiegt hätten, wäre eine Eiseskälte in Europa eingezogen."
Doch solche Einsichten sind ihm offenbar auf Dauer zu langweilig. "Ich schwanke zwischen Romantisieren und Verdammen", sagt der einstige NS-Mitläufer. Ein Anhänger der SS-Rassendoktrin war er angeblich nie, und seine Stimme bekommt einen kalten Ton, wenn von SS-Chef Heinrich Himmler die Rede ist. Der Rassenhaß stößt sich mit Schönhubers sinnlichen Bedürfnissen. Gern und etwas zu oft verweist er darauf, daß er nach dem Krieg mit einer Frau aus einer jüdischen Familie verheiratet war. Das hindert ihn nicht daran, in bierseligen Versammlungen den antisemitischen Ressentiments seines Publikums kräftig Futter zu geben.
"Ich muß Herrn Bubis nicht lieben müssen", tönt er dann, rechtlich unangreifbar, und warnt scheinbar vor dem "verabscheuungswürdigen Antisemitismus". Daran freilich sei vor allem "die nahezu unerträgliche Überpräsenz der Herren Bubis, Friedman und Co. auf den Fernsehschirmen" schuld.
Solcherlei Bocksprunglogik ist sein Markenzeichen. "Jede Form von NS-Nostalgie wäre tödlich", mahnt er die Rechten in Freys "National-Zeitung". An anderer Stelle wettert er im NS-Stil gegen "raffendes Kapital" und ruft zur "Brechung der Zinsknechtschaft" - Punkt 11 des Parteiprogramms der NSDAP.
Jeder Versuch zu klären, ob Schönhuber nicht doch im Kern ein Nazi ist, geht am Wesen seiner gespaltenen Persönlichkeit vorbei. Schönhuber ist Schönhuberist, kein Nazi, sondern ein Narziß. Für ihn gilt, was Lenin einst über Trotzki sagte: Mit ihm kann man nicht prinzipiell diskutieren, er hat keine prinzipiellen Anschauungen.
Wenn der Ex-Ober-Rep sich häufig respektvoll über Benito Mussolini äußert, gilt seine Zuneigung weniger der Doktrin vom "totalen Staat" als den bohemienhaften Zügen im Leben des sinnenfrohen Duce. Mussolinis Hinrichtung durch Partisanen fasziniert ihn als romantisch-tragisches Ende eines rauschhaften Lebens.
Verlierer haben es ihm angetan. Neben Strasser und Mussolini verehrt er etwa den russischen Nationalbolschewisten Karl Radek und den französischen Schriftsteller und NS-Kollaborateur Pierre Drieu La Rochelle, die allesamt ihre Überzeugung mit dem Leben bezahlten.
Schönhubers Schwäche für gescheiterte Idealisten hat etwas Bizarres. So wie sie wäre er gern, aber er ist es nicht. Bei den Reps sorgte er immer wieder für Verwirrung, wenn deutlich wurde, daß der Vorsitzende im Zweifel Austern, Rotwein und schillernden weiblichen Anhang mehr schätzte als den straffen Aufbau der Organisation.
Des Führers Appell an die Hitlerjugend, sie möge flink sein wie die Windhunde, lag ihm sehr. Doch "hart wie Kruppstahl", wie Hitler den Nachwuchs wollte, war Franz Schönhuber nie. Als der Führer im April 1945 junge Soldaten zum Endkampf an die Oder befahl, hätte Schönhubers Leben in der Schlacht bei den Seelower Höhen ein jähes Ende finden können.
Doch schon damals siegten beim späteren Republikaner-Vorsitzenden sinnliche Schwächen über die Endkampf-Ideologie. Bevor er an die Front geschickt werden konnte, lernte er am Bahnhof Berlin-Pankow eine lebenslustige junge Kriegerwitwe kennen. Die junge Frau murmelte dem Unterscharführer nicht nur "obszöne Worte" ins Ohr, sie setzte ihn auch mit einem Tripper außer Gefecht.
Bei der Suche nach Notausgängen erwies sich der Metzgerssohn aus Trostberg auch später als phantasievolles Naturtalent. Flink wie ein Windhund wechselte er die Fronten, wenn es langweilig zu werden drohte. Und diese Gefahr bestand oft.
Anfang der siebziger Jahre, die 68er hatten gerade die westdeutsche Gesellschaft durchgerüttelt, galt Schönhuber als strammer Linker. In der Münchner "Abendzeitung" pries er 1970/71 die Jusos als "belebend" und rühmte die "ideologische Dynamik der jungen Linken". Mit dem SPD-Nachwuchs verband ihn die Abneigung gegen die "Spießer", gegen "die da oben", und ein "Gefühl der Kameradschaft - ein bißchen wie bei der Waffen-SS".
Als der Stern der Jusos Mitte der siebziger Jahre sank, legte Schönhuber die Rolle des linken Vorreiters ab und fand sich schnell im CSU-Umfeld ein. Sein Aufstieg zum stellvertretenden Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens war der Lohn. Mit seiner wirtshauspopulistischen Sendung "Jetzt red i" erreichte er beträchtliche Einschalt- und Sympathiequoten. In Franz Josef Strauß fand er einen Förderer; mit dessen Troß, genannt "Franzensklub", bereiste er die Welt.
Doch die Rolle als staatstragender Konservativer vertrug sich nicht mit seinem rebellischen Impetus. "Es gibt irgend etwas in meinem Wesen, das schwer zu kontrollieren ist", gesteht Schönhuber. Der Gefahr, sich als Fernsehmann und CSU-Hofschranze zu langweilen, entging Schönhuber durch sein Buch "Ich war dabei". Nun konnte er die Rolle spielen, die ihn schon immer fasziniert hatte, die des Märtyrers und Sprachrohrs der Verlierer.
Die Republikaner, als rechte Sammlungsbewegung ursprünglich gegründet von zwei Ex-CSU-MdBs, machte er zu seinem Forum. Die Reps waren unter seiner Führung mehr eine Schönhuber-Show mit angeschlossenem Fan-Klub als eine Partei im üblichen Sinne. Zeitweilige Erfolge, etwa ein Ergebnis von 7,1 Prozent bei den Europawahlen 1989 (in Bayern sogar 14,6 Prozent), verdeckten diesen Umstand nur kurzfristig.
Er verschliß in atemraubender Folge Dutzende von Landesvorsitzenden und Stellvertretern und sorgte für zahlreiche Säuberungswellen. Blitzkarrieren gescheiterter Existenzen, die sich an Schönhubers grobem Charme berauschten, endeten oft abrupt, wenn der Chef sich von seinem Personal gestört fühlte.
Daß Schönhuber das Treiben seiner Anhänger bei Großkundgebungen meist mit einem spöttischen Zug in den Mundwinkeln betrachtete, fiel kaum jemandem auf. In klarer Erinnerung ist früheren Mitstreitern jedoch die Standardfrage nach jedem Auftritt: "War ich gut?"
Sein Hang zur Egomanie verschlimmerte sich mit den rauschartigen Auftritten bei Rep-Kundgebungen vor Tausenden von fanatisierten Teilnehmern. Dem Publikumssüchtigen ging es durch stärkere Dosierung nicht besser. "Je näher mir die Masse kam, desto mehr wollte ich allein sein", sagt er heute über seine Bierzelt-Erfahrungen.
Denn er liebt sie nicht, seine Rechten. Es schwingt Verachtung mit, wenn er, der mehrere Fremdsprachen spricht, über ihre "Deutschtümelei" spottet und die rechte Szene als "ein neurotisches Feld" beschreibt. Doch genau deshalb zieht es ihn dorthin. Neurotische Verlierer brauchen Stars.
Über den DVU-Chef Frey, für den er jetzt in den Bundestagswahlkampf zieht, hat Schönhuber vor einigen Jahren geschrieben, der Mann habe einen "beschränkten, von Geldgier und Haß umnebelten Horizont", seine Zeitungen seien "eine unerträgliche Belastung für die deutsche Rechte". Die Begründung könnte er, flink wie ein Windhund, jederzeit wieder aus der Tasche ziehen.
Zwar öffnet Frey derzeit clever seine "Deutsche National-Zeitung" für Schönhubers Aufsätze. Doch dessen sozialer Populismus ist die absehbare Bruchlinie zwischen dem Metzgerssohn Schönhuber und dem Kaufmannssproß Frey, einem bürgerlich-deutschnationalen Rechten alter Schule. Wenn die gemeinsamen Feinde, die Reps, niedergerungen sind, dürfte der Vorrat an Einigkeit schnell erschöpft sein.
Karl Richter, loyal neben Schönhuber auf der Konferenz am Starnberger See, war als Chefredakteur des Parteiblatts "Der Republikaner" 1990 selbst einmal Opfer einer Säuberung geworden. Inzwischen hat er sich mit seinem Ex-Chef offiziell wieder versöhnt. Nach dem damaligen Bruch hatte Richter in einem Pamphlet geschrieben, Schönhuber sei ein "Chamäleon" und hinterlasse stets "einen Trümmerhaufen enttäuschter Hoffnungen". Er verkörpere eine "Mischung aus Wandlungsfähigkeit und Gesinnungslosigkeit, die den Schmierenschauspieler charakterisiert".
An so einem kann auch DVU-Chef Frey nicht lange Freude haben.
Polit-Chamäleon Schönhuber: "Wenn wir gesiegt hätten, wäre eine Eiseskälte in Europa eingezogen"
* Bei der "Deutschen Liga für Volk und Heimat" (1997).
Von Uwe Klußmann

DER SPIEGEL 29/1998
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