13.07.1998

„Die nächste Erniedrigung“

Die Gebeine der 1918 ermordeten Zarenfamilie werden diese Woche in St. Petersburg bestattet. Statt die gespaltene Nation mit ihrer Geschichte zu versöhnen, wühlt der Staatsakt neue Emotionen auf: Die orthodoxe Kirche verweigert ihren Segen.
Das Galadiner an jenem Februartag 1917 war überraschend dürftig: keine Horsd'oeuvres, keine süßen Desserts, mäkelte der Besseres gewohnte französische Gesandte, nur Gerstenschleimsuppe, Forelle in Aspik, Kalbsbraten, Huhn mit Gurkensalat und Mandarineneiscreme. Die jungen Großfürstinnen saßen einsilbig, wie in düsterer Vorahnung, an der Tafel, und auch die Gastgeber schwiegen meistens - Zar Nikolai II. und Gattin Alexandra.
Es war der letzte Empfang, den das russische Kaiserpaar im Alexanderpalais von Zarskoje Selo (Zarendorf) gab, der Landresidenz 25 Kilometer vor der Hauptstadt St. Petersburg, die zu Kriegsbeginn patriotisch in Petrograd umbenannt worden war.
Tage später fegte die Februarrevolution die Monarchie hinweg. Die Provisorische Regierung stellte den Zaren, der nunmehr schlicht als Oberst Romanow angeredet wurde, in Zarskoje Selo unter Hausarrest, bevor sie ihn im August - aus Sicherheitsgründen - nach Sibirien evakuierte.
Knapp ein Jahr darauf war er tot, ermordet von den Kommunisten, die sich im Oktober an die Macht geputscht hatten und schon bald den "Roten Terror" ausriefen. Die neuen Herrscher erschossen Nikolai samt Familie, Arzt und Dienern am 17. Juli 1918 in der Uralstadt Jekaterinburg, die Gebeine verscharrten sie im Wald.
Genau 80 Jahre nach der Bluttat soll das düstere Kapitel russischer Geschichte abgeschlossen werden: Am Donnerstag kehren die 1991 wiederausgegrabenen Zarenknochen zur feierlichen Bestattung nach St. Petersburg heim. Führung und Volk wollen des letzten Romanow gedenken, der wohl tragischsten Gestalt unter den europäischen Monarchen der Neuzeit.
Professor Iwan Sautow hat alles für die Rückkehr des Gemeuchelten vorbereitet. Für 200 000 Dollar ließ der Generaldirektor des Museumsparks "Zarskoje Selo" (zu dem auch der Katharinenpalast mit dem nachgemachten Bernsteinzimmer gehört) Nikolais Arbeitskabinett und das ovale Wohnzimmer im Alexanderpalais wiederherrichten. In ihm hatten die Romanows im August 1917 schlaflos die letzte Nacht verbracht, bevor es morgens um sechs nach Sibirien ging.
Der Salon, wie der gesamte Palast vor kurzem noch von einem Militärinstitut genutzt, präsentiert sich wieder ganz so, wie Nikolai ihn zur Jahrhundertwende umbauen ließ. Sautow erinnert an den russischen Brauch, wonach ein Verstorbener den Weg zur Beisetzung von seinem letzten Haus aus antreten soll: Von diesem Salon aus müßte mithin Rußlands letzter Zar nach St. Petersburg überführt werden, in die Peter-und-Pauls-Kathedrale, die Familienkirche der Romanows.
Daraus wird nichts werden. Der für den 17. Juli vorbereitete Staatsakt, nach Ansicht des Petersburger Gouverneurs Wladimir Jakowlew eine Zeremonie von "zutiefst symbolischem Charakter", droht zur politischen Farce zu verkommen. Sollte die Veranstaltung ablaufen wie derzeit geplant, bringe sie Rußland "die nächste Erniedrigung", warnte der Petersburger Ex-Bürgermeister Anatolij Sobtschak in einem Brief an Vizepremier Boris Nemzow, den Chef der staatlichen Beisetzungskommission: "Und das zu einer Zeit, da unser Ansehen in der Welt auf dem Tiefpunkt angelangt ist." Sobtschak muß es wissen: Daheim unter Korruptionsverdacht, hält er sich derzeit in Paris auf.
Das Gezerre um die kaiserlichen Knochen hat Alexij II., Patriarch von Moskau und ganz Rußland, ausgelöst. Wenige Wochen vor dem Begräbnis, das von St. Petersburg bis New York live über die Bildschirme gehen sollte, verweigerte das Oberhaupt der orthodoxen Kirche seinen Segen und sagte seine Teilnahme ab: Die "Jekaterinburger Gebeine", so die Begründung, seien nicht mit letzter Gewißheit als die der Zarenfamilie identifiziert.
Das klang nach Ausrede. Mit Eilbriefen mühten sich Regierungschef Kirijenko und der russische Generalstaatsanwalt, die kirchlichen Bedenken zu zerstreuen. Jahrelang hatten russische, amerikanische und englische Gerichtsmediziner die gefundenen Überreste genetisch untersucht, unabhängig voneinander kamen sie in 22 Gutachten zur selben Schlußfolgerung: Die Knochen seien "mit hundertprozentiger Sicherheit" echt. Freilich: Die Skelette von Kronprinz Alexej und der vierten Zarentochter Marija gelten als verschollen.
Der Patriarch blieb hart, und das zwang auch Boris Jelzin zum Verzicht. Dabei hätte der Präsident gern höchstselbst vor großer Kulisse den historischen Akt zelebriert, um sich in die Tradition der Herrscher einzufügen und eine eigene Untat wiedergutzumachen: Als Parteichef von Swerdlowsk, wie Jekaterinburg damals hieß, hatte er 1977 das Sterbehaus der Zarenfamilie schleifen lassen, weil es zum Pilgerziel russischer Patrioten geworden war.
Den ermordeten Zaren jedoch ohne Beistand des Patriarchen zu bestatten wäre Jelzins Absichten nicht dienlich, weil weltliche und geistliche Macht seit Ende des Sowjetreichs erneut aufs engste verbunden sind. Der Rückzieher der beiden wichtigsten russischen Autoritäten hat mißliche Folgen. Gäste aus 114 Ländern hatte die Regierung in die frühere Hauptstadt geladen, darunter Vertreter aller europäischen Königshäuser - Verwandte des Zaren herrschten in England, Dänemark, Griechenland und Deutschland.
Nun erscheint bestenfalls die zweite Garnitur. Die meisten Staaten, auch Deutschland, lassen sich durch ihre Moskauer Botschafter vertreten, die britische Monarchie wird durch Prince Michael of Kent repräsentiert, aber auch der kommt nur inoffiziell.
Selbst der Gemahl der Königin, Prinz Philip, bleibt fern, obwohl er als Verwandter Blut für die DNA-Analyse der Zarenknochen zur Verfügung gestellt hatte. Auch in der vielköpfigen Familie der Romanow-Nachfahren wogte Streit, ob die abgewertete Zeremonie mit eigener Anwesenheit zu schmücken sei oder nicht.
Ein Aufschub aber - oder, wie die Kirche fordert, die Beisetzung der Gebeine in einer "symbolischen Ruhestätte, bis alle Zweifel beseitigt sind" - wäre eine Vertagung der Angelegenheit auf unbestimmte Zeit. In Wahrheit scheuen die Kirchenfürsten davor zurück, das Ende der fast 400jährigen russischen Monarchie offiziell zu deuten.
Vom Patriarchen erhoffte sich das Volk ein klares Wort, welches Gewicht dem letzten Zaren beizumessen und wer verantwortlich für dessen Ermordung sei. Für Alexij II. aber wäre das ein gewagter Spagat: Das Eingeständnis, daß Nikolai ein volksferner, zaudernder und überforderter Herrscher war, der auf seiner Autokratie bestand, aber das Land in die Katastrophe führte, würde zwar die Linken befriedigen. Die Verurteilung bolschewistischer Gewalt jedoch wäre Lenin-Erben wie heutigen Machthabern gleichermaßen unangenehm, weil ihre Biographien - wie die mancher Popen - eng mit den Zeiten kommunistischer Gott- und Gesetzlosigkeit verbunden sind.
So hält sich die Kirche offiziell heraus und schiebt die Entscheidung, ob ihr ehemaliges geistliches Oberhaupt Nikolai als Märtyrer heiligzusprechen sei oder nicht, weiter vor sich her. In den Gotteshäusern läßt sie gleichzeitig Messen für jene lesen, die "im Glauben an Christus in einer Zeit grausamer Verfolgung ermordet worden sind".
Auch Verschwörungstheorien und persönliche Eitelkeiten überschatten den Tag der Zarenheimkehr. Einen "Staatsakt der Stellvertreter und Subalternen" statt der erhofften Geste landesweiter Reue werde das Volk niemals hinnehmen, frohlockten Monarchisten, die hinter der "voreiligen Beisetzung" ein Manöver zur Vertuschung der historischen Wahrheit sehen. Moskaus Oberbürgermeister Jurij Luschkow, der Nikolais letzte Ruhestätte gern in seiner Stadt gesehen hätte, war zu Jahresbeginn noch völlig von der Echtheit der Zarenknochen überzeugt. Jetzt schloß er sich den Zweiflern an - um es sich als möglicher Jelzin-Nachfolger nicht mit der Kirche zu verderben.
Rußland sei noch immer "unfähig, sich geistige Denkmäler zu setzen", sagt Iwan Sautow, als Nachlaßverwalter von Zarskoje Selo gleichzeitig Mitglied der Beisetzungskommission. Für Jelzin, meint er, wäre die Teilnahme in St. Petersburg trotz allem "schlichte Bürgerpflicht".
Die Renovierung des Alexanderpalais war jedenfalls verlorene Mühe: Weil es an hochrangigen Gästen mangelt, hat die Regierung das Drehbuch für das Schauspiel kraß vereinfacht. Ursprünglich sollten die Gebeine mit dem Zug von Jekaterinburg via Zarskoje Selo nach St. Petersburg reisen - über jene Strecke, die damals die Zarenfamilie nahm. Der Plan sah auf jeder Station Gedenkfeiern vor, alle Glocken sollten läuten, die Werkssirenen heulen.
Nun werden die neun kleinen Särge aus kaukasischer Eiche mit dem Flugzeug in die Newa-Stadt gebracht. Ohne Halt geht es quer durch St. Petersburg, erst am Winterpalais, dem alten Zarenpalast, stößt eine Ehrenwache dazu.
Ganz im Familienkreis beginnt dann am Freitag um elf Uhr vormittags in der Kathedrale der Peter-und-Pauls-Festung die Bestattungszeremonie. Den Salut aus den Festungshaubitzen hat die Staatskommission mit protokollarischer Pedanterie von 21 auf 19 Schüsse reduziert - weil Nikolai kurz vor der Verhaftung auf den Thron verzichtet hatte.
Die Gruft, in der er nun mit Frau, Kindern und Bediensteten zur Ruhe kommen soll, liegt weit von den Prachtsarkophagen Peters des Großen und Katharinas II. entfernt, hinter einer verschlossenen Tür. Bisher wurde die kleine Kapelle, in der seit 282 Jahren allein Zarin Marfa Matwejewna ruht - zweite Gattin des bereits 21jährig verstorbenen Reformers Fjodor III. -, als Lager und Dienstlokal für das Wachpersonal genutzt.
Für eine siebenstellige Rubelsumme ließ die Verwaltung den Raum originalgetreu wiederherstellen. Die Regierung, die mindestens weitere fünf Millionen Rubel für die Zeremonie braucht (rund 1,5 Millionen Mark), hat die Rechnung bis heute nicht bezahlt. Dabei befindet sich die zum Museum umgestaltete Festungsinsel am Rande des Bankrotts: Der wertvolle Kirchenaltar ist noch immer nicht restauriert, in der Kathedrale fallen wegen Feuchtigkeit regelmäßig Stuckverzierungen ab. Helfen könne hier nur noch die wohlhabende, im Ausland lebende Romanow-Familie, glaubt Kirchenkustos Irina Bobrowa.
Das wird sie nur tun, wenn nach dem 17. Juli niemand mehr die Identität der Bestatteten in Frage stellt. Um den Patriarchen zufriedenzustellen, hat die Regierung jedoch noch kurz vor dem Verplomben der Särge Knochenproben "für weitere Forschungen" entnommen - laut Sautow "eine irre Geschichte, die offenbar nie zu Ende geht".
Die Stadtverwaltung tröstete per Rundschreiben alle Petersburger: An den Widrigkeiten seien allein "engstirnige Politiker" schuld, der 17. Juli werde trotzdem ein historischer Tag.
Auch der frühere Bürgermeister Sobtschak richtete seine Landsleute auf. Ob Patriarch und Präsident teilnähmen oder nicht, sei "geschichtlich ohne Belang": Die Überführung der Asche Napoleons von Sankt Helena nach Paris werde noch heute in jedem französischen Geschichtsbuch beschrieben. Wer dabei Augenzeuge war, wisse inzwischen niemand mehr.

DER SPIEGEL 29/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Die nächste Erniedrigung“

Video 00:45

Warschau Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt

  • Video "Jungfernflug in Kanada: Erstes E-Verkehrsflugzeug hebt ab" Video 01:16
    Jungfernflug in Kanada: Erstes E-Verkehrsflugzeug hebt ab
  • Video "Dartford bei London: Der Wahlkreis, der immer recht hat" Video 02:56
    Dartford bei London: Der Wahlkreis, der immer recht hat
  • Video "Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer: Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt" Video 01:30
    Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer: "Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt"
  • Video "Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa" Video 00:38
    Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa
  • Video "Frust vor Großbritannien-Wahl: Keiner von denen sagt die Wahrheit" Video 01:24
    Frust vor Großbritannien-Wahl: "Keiner von denen sagt die Wahrheit"
  • Video "Greta Thunberg beim Klimagipfel: Man rennt sofort los und rettet das Kind" Video 01:52
    Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"
  • Video "Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: Ich war ein Idiot" Video 01:25
    Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: "Ich war ein Idiot"
  • Video "Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung" Video 01:26
    Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung
  • Video "Vertikale Stadt: Öko-Wohnzylinder fürs Emirat" Video 02:00
    "Vertikale Stadt": Öko-Wohnzylinder fürs Emirat
  • Video "Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug" Video 00:50
    Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug
  • Video "Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?" Video 02:06
    Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?
  • Video "Nach Vulkanausbruch auf White Island: Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt" Video 02:10
    Nach Vulkanausbruch auf White Island: "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"
  • Video "Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit" Video 01:41
    Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit
  • Video "Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus" Video 01:27
    Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus
  • Video "Warschau: Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt" Video 00:45
    Warschau: Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt