20.07.1998

NIEDERLANDE„Mechanisch brutal“

In Holland entdeckte Pornofotos und -videos offenbaren eine „neue Dimension der Gewalt": den Mißbrauch von Säuglingen und Kleinkindern.
Dem Mann ist eigentlich nichts fremd, schon von Berufs wegen. Wim Wolters, Professor für Kinder- und Jugendpsychologie am Wilhelmina-Kinderkrankenhaus in Utrecht, hat als Gerichtsgutachter schon die perversesten Fälle sexuellen Mißbrauchs von Kindern untersuchen müssen.
Er habe, sagt Wolters, ein eigenes Rezept zur Bewältigung der Scheußlichkeiten entwickelt: "Ich schaue hin und schließe gleichzeitig die Augen." In der vergangenen Woche versagte der Selbstschutz. Nachdem ihm einige Videos vorgespielt worden waren, fragte er entgeistert: "Sind Sie sicher, daß dies alles echt ist?"
Wolters hatte Bilder gesehen, die er als "almost killing" bezeichnet, als "sehr speziell, sehr aggressiv, sehr hart, mechanisch brutal"; Bilder, die für ihn, der glaubte, schon alles gesehen zu haben, "absolut neu" waren.
Er sah auf den Bildern ein Baby, dessen Alter er auf "12 bis 18 Monate" schätzt, dem Kinderschänder ihren Penis als Nuckelersatz in den Mund steckten. Er sah "Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren, die anal penetriert wurden". Er sah Zehnjährige, die gefesselt und mit verklebtem Mund vergewaltigt wurden. Die Horrorvideos waren ohne Ton, die Produzenten hatten sich, so Wolters, "auf den schieren Akt beschränkt".
Der Sachverständige hatte im Auftrag des holländischen Fernsehmagazins Nova pornographische Ware begutachtet, die in einem Hochhaus nahe Haarlem gefunden worden war. Wolters ist sicher, daß die Filme erst in jüngster Zeit entstanden sind. Manche der pervers gequälten Kinder hält er für Osteuropäer.
In der Apartment-Burg an der beschaulichen Strandpromenade des niederländischen Badeortes Zandvoort soll die Zentrale eines weltweit agierenden Kinderporno-Ringes liegen. Von der Wohnung Nr. 76 aus seien nach Angaben der Nova-Journalisten vor allem Kunden in Deutschland, Italien, Portugal, den Beneluxstaaten und den USA beliefert worden.
Die zigtausend Bilder, die in der De Favaugeplein 21 FO76 in Zandvoort gefunden wurden, lösten in der vergangenen Woche in Holland und Deutschland Schockwellen aus. Der Mißbrauch von Babys und Kleinstkindern gab dem schmutzigen Geschäft eine neue, bisher nicht für möglich gehaltene Dimension.
Daß Deutsche als Täter und Opfer eine Hauptrolle im Sexskandal spielen sollen, empörte die Nation. Die Bundesregierung rief zu einer neuen nationalen Anstrengung gegen die "skrupellosen und perversen Täter" auf. Außenminister Klaus Kinkel forderte, an den Tätern "ein Exempel zu statuieren". Der bayerische Justizminister Hermann Leeb verlangte Gesetzesänderungen, um Perverse frühzeitig dingfest machen zu können: Telefonüberwachung müsse auch bei Kinderschändern zugelassen werden.
Bisher sei der Mißbrauch so kleiner Kinder, erklärte der Leiter des Bereichs Sexualstraftaten der Ulmer Kriminalpolizei, Manfred Paulus, "eher selten gewesen". Der holländische Fall habe "ans Tageslicht gebracht, was wir lange vermutet haben". Der Handel mit Kinderpornoware, behauptet die Opferschutzorganisation "Hamburger Aufschrei für Zivilcourage", sei mittlerweile "ebenso lukrativ wie Drogenhandel". Das Kinderhilfswerk "Terre des Hommes" beziffert den Umsatz der Kinderschänder auf weltweit 500 Milliarden Mark, davon allein 1,5 Milliarden in Deutschland.
Da klingt es wie eine matte Ausrede, wenn hierzulande darauf verwiesen wird, daß der Ring ja nicht von ungefähr von Benelux aus operiert habe: Wie schon bei den Drogen hätte die liberale Haltung von Gesellschaft und Polizei ein geradezu ideales Geschäftsklima gedeihen lassen. Nicht einmal die Erkenntnisse über den Belgier Marc Dutroux, der mindestens vier Kinder und Jugendliche auf bestialische Weise umbrachte, hätten die laxe Arbeit der Fahnder intensivieren können.
Diesen Vorwurf, erweitert auf die deutschen Behörden, erhebt auch Marcel Vervloesem, 45, von der belgischen Bürgerinitiative "Werkgroep Morkhoven" in der Nähe von Brüssel. Der Büroangestellte, der sich mittlerweile mit der Berufsbezeichnung Privatdetektiv schmückt, war jedenfalls schneller als die Polizei. Er beschaffte sich in Zandvoort Teile der Pornoware und sorgte für die Veröffentlichung im holländischen Fernsehen.
Warum er vor den Beamten fündig wurde, erklärt Vervloesem mit einer Geschichte, die ihn als unerbittlichen Rechercheur im Rotlichtmilieu ausweisen soll, der auf eigene Kosten die Arbeit der Polizei erledigt. Dieser Selbsteinschätzung widersprechen die gescholtenen Behörden in Belgien, Holland und Deutschland unisono. Eine belgische Ermittlungsrichterin nennt ihn "eine dubiose Informationsquelle"; Berliner Beamte halten ihn für einen "höchst selbstdarstellungsbedürftigen Mann"; die niederländischen Polizisten mochten bisher keine seiner Angaben bestätigen.
Der von einer Versehrtenrente lebende Belgier gibt an, er habe sich seit 1989 die weltweite Bekämpfung der Kinderschänder zur Lebensaufgabe gemacht. Er erzählt, seinen jüngsten Erfolg verdanke er dem 24jährigen Prostituierten Robby van der Plancken, den er auf seinen Streifzügen durch die Sexviertel Europas kennengelernt habe. Über ihn sei er mit dem Computerhändler Gerrit-Jan Ulrich, 49, in Kontakt gekommen.
Ulrich, Mieter der Zandvoorter Wohnung, in der das Pornomaterial gefunden wurde, habe erstaunlich schnell Vertrauen zu ihm gefaßt. Bereits beim ersten Besuch habe er ihm eine verschlüsselte Diskette und Videos übergeben. Seltsame Anrufe aus England hätten ihn beunruhigt. Der schwer Krebskranke habe sich deshalb spontan zum Ausstieg aus der Pornoszene entschieden.
Kurz darauf sei Ulrich mit seinem Freund Robby nach Italien abgereist, drei Wochen später habe ihn Robbys Mutter alarmiert: Ihr Sohn sitze in Pisa in Haft - weil er seinen Freund erschossen habe. Aus Angst, Ulrichs Kumpane könnten die Beweismittel beiseite schaffen, sei er mit zwei Frauen, eine davon die Schwägerin Ulrichs, "in die Wohnung in Zandvoort eingedrungen". Er habe gerade noch rechtzeitig mit Teilen des Materials verschwinden können, nachdem ein Nachbar die Polizei verständigt hätte. Die beiden Frauen seien festgenommen worden.
Letzteres ist unstreitig, den Rest von Vervloesems Geschichte bezeichnet die niederländische Polizei als nur teilweise richtig. Bereits am 16. Juni habe Ulrichs Familie der Polizei mitgeteilt, dieser sei in Italien "verwundet oder verstorben". Weil die Verwandten einen Einbruch befürchteten, begleitete ein Beamter sie in das Apartment - alles schien in Ordnung.
Am 22. Juni teilte das Außenministerium der Polizei mit, Ulrich sei am 19. Juni an der Straße von Volterra nach Pomarance nahe Pisa tot aufgefunden worden. Daraufhin habe die Familie erklärt, daß ihr Verwandter sein Geld mit Kinderpornos verdient habe. Weil man sich davon "distanziere", solle die Polizei Computer, Filme und Disketten beschlagnahmen. Die Fahnder durchsuchten daraufhin das Apartment in Zandvoort.
So richtig gründlich können sie nicht gearbeitet haben. Denn nach dem Einbruch in das Apartment gestanden die festgenommenen Frauen, sie seien auf der Suche nach Kinderpornos gewesen. Als die düpierten Beamten daraufhin die Räume noch einmal filzten, fanden sie kistenweise Material, das ihnen beim erstenmal nicht aufgefallen war. Erschrocken begannen sie, die Disketten zu sichten, und bildeten eilig eine 15köpfige Sonderkommission.
Die geheimen Ermittlungen flogen auf, als der ungeduldige Vervloesem Nova-TV ein Teil der Videos und Disketten übergab. Mittlerweile hat die Polizei den "Privatdetektiv" aufgefordert, endlich die Disketten herauszugeben. Der "Wanderer zwischen den Welten" (Selbsteinschätzung) will am Montag liefern: 90 000 Fotos und 11 000 Seiten belastendes Material hat er angekündigt.
Die anfängliche holländische Lässigkeit ist nicht die einzige Besonderheit dieses Falles: Vervloesem behauptet, er wisse aus Pornokreisen, daß Ulrich liquidiert worden sei. Van der Plancken, der die Geschäfte weiterführen wollte, habe den 49jährigen für seinen Verrat bestraft.
In Italien gibt es jedoch eine andere Version des Mordes. Danach sind Ulrich und van der Plancken mit einer Honda 750 von Frankreich aus nach Italien gereist. Mit einem in Frankreich gekauftem Vorderlader-Nachbau Marke "Black Powder" hätten sie, so der zuständige Carabinieri-Kommandant Marco Rezzonico, in den Hügeln von Volterra auf Dosen geschossen. Dabei sei Ulrich durch einen Schuß in die Aorta tödlich getroffen worden. Die italienischen Ermittler gehen auch dem Verdacht nach, daß es sich um Euthanasie handeln könnte. In Holland soll der todkranke Ulrich ganz offiziell einen Sterbehilfeantrag gestellt haben. Ermittlungsrichter Luca Salutini: "Der Junge wollte den Mann erlösen."
Auch die seit vergangenen Donnerstag immer wieder kolportierte deutsche Hauptrolle im Kinder-Sexskandal basiert allein auf den Erklärungen des belgischen Eiferers Vervloesem. Bis vergangenen Freitag stand lediglich fest, daß unter den bisher gesichteten Adressen von Kunden auch Berliner Anschlüsse zu finden sind. Doch keiner der Inhaber konnte identifiziert werden.
Der Vorwurf, die Scheußlichkeit der neuen Bilder und die Vorstellung, daß diese nicht mehr allein in schmuddeligen Hinterzimmern und dunklen Ecken unterderhand vertrieben werden, sondern klinisch rein per Internet in jedes Wohnzimmer geholt werden können, machten die Deutschen fassungslos.
Doch was ZDF-Moderator Steffen Seibert einen "Quantensprung im Kinderporno-Handel" nannte, ist eher differenziert zu betrachten. Zwar wird Kinderpornographie auch über das Netz verbreitet - aber in der Regel nicht für das Internet hergestellt. Die Ermittler in Bayern oder Berlin, die täglich durch das Netz surfen, finden meist Bilder, die vorher schon in einschlägigen Blättchen abgedruckt waren. Diese Bilder werden via Internet normalerweise nicht verkauft, sondern über sogenannte Chatrooms getauscht, wo die Pädophilen weitgehend anonym bleiben, weil Außenstehende sich nicht ohne weiteres in die Kommunikation einklinken können.
Da bei Kinderpornographie nicht nur die Verbreitung, sondern auch schon der Besitz verboten ist, bedeutet jedes Bild, das auf eine Festplatte heruntergeladen wird, eine strafbare Handlung, die mit bis zu einem Jahr Gefängnis bedroht ist. Die "Arbeitsgruppe Internet-Recherche" beim Landeskriminalamt München hat 1997 in 597 Fällen Anzeige erstattet. Es seien meist "Leichtsinnstäter" gewesen, sagt Kriminalhauptkommissar Heinz Fiehl, "da waren keine echten Kriminellen drunter".
Der Porno-Verkauf übers Internet macht dagegen relativ wenig Sinn. Die meisten Kunden sind nicht an einzelnen Bildern, sondern an ganzen Serien und vor allem an Videos interessiert. Daß kann aber aufgrund der zu übertragenden Datenmengen Probleme bereiten. Auch der Händler läuft Gefahr aufzufliegen. Um an das Geld auswärtiger Kunden heranzukommen, müßte er seine Identität offenbaren, eine Kontonummer angeben oder Kreditkarten akzeptieren - alles Spuren, die leicht zu verfolgen wären.
Für die Händler macht das Internet nur insoweit Sinn, als sie dort mit ihren Angeboten einen größeren Kundenkreis erreichen als mit einem zwielichtigen Laden an der Ecke. So hat sich in Nordrhein-Westfalen die Zahl der Kinderpornographie-Fälle im letzten Zahl verdreifacht, von 141 im Jahr 1996 auf 458. Bei rund 300 Fällen spielte das Internet eine Rolle. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 1628 Fälle des "Besitzes und der Beschaffung von Kinderpornographie" gezählt.
Neu ist, daß Pädophile immer häufiger versuchen, die Computerbegeisterung von Kindern und Jugendlichen auszunutzen und übers Internet mit ihnen in Kontakt zu kommen. Fiehl: "Dann treffen sie sich womöglich irgendwann im Englischen Garten, und eine mögliche Vergewaltigung ist nicht mehr auszuschließen."
Für den Sachverständigen Wolters steht zweifelsfrei fest, daß sich die Produzenten der Hardcore-Videos "einen neuen Markt erschließen wollen". Die Gesellschaft bringe immer mehr Menschen hervor, die unter Identitätsproblemen litten und sich nur noch auf diese Weise einen Ekstase-Kick verschaffen könnten. Der niederländische Professor hatte dafür plädiert, auch die härtesten Szenen zu zeigen, um klarzu-
* Auf einer Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag.
machen, welch traumatische Qualen die Opfer zu erleiden hätten: "Die Kinder sind auf jeden Fall für immer geschädigt."
Schon die vergleichsweise harmlosen, im holländischen Fernsehen gezeigten Bilder schürten die Wut auf die zögerliche Polizei. Holländische Zeitungen warfen der Polizei vor, schon seit einem Jahr von den Aktivitäten Ulrichs gewußt zu haben. Nachdem der ihnen Pornofotos von Erwachsenen vorgelegt habe, hätten die Beamten die Ermittlungen eingestellt - was die Ermittler bestreiten.
Gegen die angebliche Tatenlosigkeit deutscher Ermittlungsbehörden zieht vor allem Vervloesem zu Felde. In der deutschen Hauptstadt will er ein Netzwerk von Dunkelmännern ausgemacht haben, die kleine Kinder und Jugendliche in holländische Knabenbordelle vermitteln oder sogar entführen. In der Szene, so Vervloesem, kursierten regelrechte Bestellkataloge. Kinder würden heimlich fotografiert und mit Lichtbild offeriert. Zeige ein Kunde Interesse, würden die Knaben auf offener Straße abgefangen und verschleppt.
Diese Theorie verfolgt der selbsternannte Kinderschützer auch im Fall des Berliner Jungen Manuel Schadwald. Der damals 12jährige war im Juli 1993 spurlos verschwunden. Die Suche nach Schadwald hat Vervloesem zu seinem wichtigsten Fall erklärt - die Jagd nach Hinweisen auf den Berliner habe ihn auch auf die Spur der holländischen Bande geführt.
Die Berliner Ermittler, die Vervloesem im April zwei Tage anhörten, behaupten, daß die vom Belgier gemachten Angaben sich bislang "samt und sonders als nicht verifizierbar erwiesen" haben. Der Pornobekämpfer vermische Fakten und Emotionen und ziehe dann Schlußfolgerungen, die "entweder überzogen oder überspitzt sind".
Den Beschuldigungen Vervloesems geht die Staatsanwaltschaft seit 1997 nach: Gegen den Berliner Ludwig A. und drei Ausländer wird wegen des Verdachts des Menschenhandels ermittelt. Rechtshilfeersuchen nach Holland und Belgien wurden gestellt.
Dem Justizsenator hat die Staatsanwaltschaft noch im Mai versichert, daß es für die Existenz eines "Verschleppernetzwerkes" in Berlin keine Hinweise gebe. Dafür ist allerdings aktenkundig, daß Knaben via Deutschland auf den holländischen Porno-Markt vermittelt werden. In einem anderen Verfahren vernahm die Berliner Staatsanwaltschaft "fünf Jugendliche bzw. Heranwachsende". Die Akten wurden geschlossen, es gab keinen "hinreichenden Tatverdacht". Die Jungen, heißt es lakonisch in einem Vermerk, seien "freiwillig und in Kenntnis dessen, was sie in Holland erwartete, mitgefahren".
* Auf einer Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag.

DER SPIEGEL 30/1998
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