11.07.2011

KRIMINALITÄTDas Versprechen

Fünf Monate lang blieb der mutmaßliche Mörder des zehnjährigen Mirco unerkannt. 64 Polizisten einer Sonderkommission haben ihn pausenlos gejagt. Wie findet man einen Täter? Das Protokoll einer Fahndung - von der ersten Spur bis zum Geständnis. Von Hauke Goos
Warum dieser Ort? Warum dieser Abend? Warum dieses Kind?
Ein Feldweg im rechten Winkel zur Straße, zwei unbefestigte Fahrspuren; Bauern benutzen ihn, wenn sie mit dem Traktor zu ihren Feldern wollen. Rechts am Wegrand steht ein hölzerner Lichtmast. Etwa zehn Meter davon entfernt verläuft ein Radweg.
Der 3. September 2010 war ein Freitag. Deutschland feierte die Rettung der Kaufhauskette Karstadt, am Abend spielte die Fußball-Nationalmannschaft gegen Belgien, EM-Qualifikation. Gegen 22 Uhr bog ein silberfarbener Kombi von der Landstraße in den Feldweg ein. Am Steuer: Olaf H., 45 Jahre alt, kräftig, Bürstenschnitt, angestellt bei der Telekom. Er hatte zuvor seine Frau angerufen; es werde spät werden. Dann war er umhergefahren. Möglich, dass er dem Jungen gefolgt war, dass er nur auf eine Gelegenheit wartete. Später wird er behaupten, er habe ihn umgebracht, weil er "Stress im Job" hatte.
Der Junge, Mirco, zehn Jahre alt, zweitjüngstes von vier Geschwistern, war an diesem Abend auf dem Heimweg. Er war am Nachmittag mit einem Freund im Kino gewesen, anschließend auf einer Skaterbahn. Seine Mutter hatte ihn angerufen, auf dem Handy, es dämmerte schon. Wo er bleibe.
Er mache sich auf den Weg, hatte Mirco geantwortet. Als er den Feldweg passierte, war es beinahe dunkel. Olaf H. stellte sich dem Jungen in den Weg. Er befahl Mirco, vom Fahrrad zu steigen und sich in den Kombi zu setzen.
Der Kriminalhauptkommissar Ingo Thiel hatte sich am Abend des 3. September mit ein paar Schulfreunden zum Kartenspiel verabredet. Thiel war gleich nach der Schule zur Polizei gegangen, seit 20 Jahren ist er Todesermittler, er hat viele Mordopfer gesehen und viele Mörder aufgespürt. Es gibt nicht viel, was ihn noch überraschen könnte. Und dennoch ist das, was an diesem Spätsommertag geschah, für Thiel und rund 60 weitere Polizeibeamte in Mönchengladbach der Anfang von etwas Unbekanntem: monströs und zugleich auf verstörende Weise erhebend.
Der Täter, sagt Ingo Thiel, sei ein hohes Risiko eingegangen. Am Ortsrand, vom Feldweg aus gut zu erkennen, liegt eine Fabrik, jeden Abend wechselt dort um 22 Uhr die Schicht. Die meisten Arbeiter fahren an dem Feldweg vorbei, es ist eine Tat, so sagt es Ingo Thiel, "im Auge des Orkans".
Am Samstagmorgen bitten Mircos Eltern die Polizei um Hilfe, am Samstagabend ruft Thiel seine Leute zu einer ersten Besprechung zusammen.
"Wer von euch glaubt, dass wir den Jungen lebend finden werden?", fragt Thiel in die Runde.
Niemand sagt etwas. Alle blicken zu Boden. Auch Mario Eckartz sitzt da, er ist Thiels Stellvertreter als Leiter der Sonderkommission (Soko), die beiden sind befreundet. Seit neun Jahren gehört er zu Thiels Truppe, durchtrainiert, freundlicher, offener Blick. Eckartz ist in diesem Moment klar, dass es ein großer Fall werden wird, "ein Fall, an den man mit großem Besteck rangehen muss".
Thiel ist ein kräftiger Mann mit Halbglatze und Kinnbart, er macht nicht viele Worte, in seiner Freizeit geht er am liebsten Wildschweine jagen. Er hat einen Sohn, zehn Jahre alt, ein paar Monate jünger als Mirco. Eltern, die um das Leben ihres Kindes bangen, findet er, haben ein Recht auf die Wahrheit.
Am Montagabend fährt Thiel zu Mircos Eltern. "Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass wir Mirco lebend wiederbringen", sagt er. "Die Umstände sind schlecht. Ich verspreche Ihnen aber: Wir gehen hier nicht eher weg, als bis das Schicksal von Mirco geklärt ist."
Es ist ein heikles Versprechen, es ist immer gefährlich, wenn ein Polizist einen Fall persönlich nimmt. Vielleicht ist es aber auch die Sehnsucht eines jeden Polizeibeamten, einmal in seinem Leben keine Kompromisse machen zu müssen - und zu zeigen, wozu die Polizei, dieser komplizierte Apparat, fähig ist. Einmal mit großem Besteck rangehen.
Am Anfang haben sie nur das Fahrrad, ein Dirt Bike, Mircos Eltern hatten es ihrem Sohn im Sommer geschenkt. Ein Autofahrer hatte das Rad am Feldweg liegen sehen und mitgenommen, für sein eigenes Kind. Erst reinigte er das Fahrrad, aber dann brachte er es doch zur Polizei.
Auch Mircos Hose, die Olaf H. auf einem Parkplatz weggeworfen hatte, ist bald im Besitz der Polizei. Eine Frau hatte sie gefunden und in ihr Auto gelegt, für ihren Enkel, die Hose war kaum getragen, sie musste nur gewaschen werden.
Was sie tut, wird zum Glück für die Fahnder: Ungewollt verhindert die Frau, dass der Starkregen, der in der Nacht zum Sonntag über Grefrath niedergeht, Spuren zerstört. Sie wäscht die Hose auch nicht sofort, sondern lässt sie im Auto liegen. Als sie hört, dass ein Junge vermisst wird, bringt sie ihren Fund zur Polizei. Thiels Leute schicken die Hose sofort ins Labor.
Der Zeitdruck ist enorm: Jeder Tag, der vergeht, verringert die Chance, Mirco lebend zu finden; der nahende Erntebeginn vergrößert das Risiko, ihn niemals zu finden. "Wenn so 'n Maisroder über 'ne Leiche fährt", sagt Eckartz, "da ist nichts mehr." Das Suchgebiet ist 50 Quadratkilometer groß, an manchen Tagen suchen rund tausend Beamte nach Mirco.
Thiel ist seit über zehn Jahren Kommissionsleiter; er weiß, dass es Wochen dauert, bis eine Sonderkommission richtig arbeitet. Datenleitungen müssen verstärkt, Leute angefordert, Arbeitsräume eingerichtet werden.
Aber von Anfang an gehen wertvolle Hinweise ein, 200 am Tag und mehr. Für Ermittlungen dieser Größe wurde vor ein paar Jahren das Rechercheprogramm Case entwickelt; es soll verhindern, dass die Polizei den Überblick verliert. Zunächst muss geklärt werden, welche Rechner überhaupt mit Case bestückt sind. Drei Tage vergehen, bis die richtige Software aufgespielt und das Programm "recherchefähig" ist.
Knapp 9000 Hinweise werden es am Ende sein. Alle Daten müssen korrekt eingegeben, falsche Eingaben berichtigt werden; eine Telefonvorwahl an der falschen Stelle, beispielsweise, und das System verschluckt den Hinweis für immer. Jeder Hinweis bekommt eine eigene Nummer, weil jeder Hinweis jederzeit zum entscheidenden werden kann.
Hinweise kommen aus ganz Deutschland, aus den Niederlanden und Österreich. Wichtigtuer rufen an, Wahrsager, Pendler, Wünschelrutengänger, die behaupten, sie wüssten, wo Mircos Leiche liege.
Aus Düsseldorf meldet sich eine Frau, die gehört hat, wie in der Nachbarwohnung jemand im Streit gerufen habe: "Und wenn du dich nicht stellst, dann sage ich das der Polizei." Als die Beamten die Frau besuchen, stellt sich heraus, dass die Nachbarn im Fernsehen einen Krimi gesehen haben.
Zu dem internen Druck einer Behörde, die den Aufwand in eine Beziehung zum Ertrag setzen muss, kommt die Erwartung der Öffentlichkeit - und der Druck der Verantwortung gegenüber Mircos Familie, die, ungewöhnlich genug, nicht fordert, sondern ermutigt.
Mircos Eltern sind tief religiös, das Verschwinden ihres Kindes nehmen sie als Prüfung. Am 18. September wäre Mirco elf Jahre alt geworden. Um seinen Geburtstag herum backt die Mutter jeden Tag einen Kuchen. "Stellen Sie sich vor", sagt sie zu den Beamten, "der Mirco steht vor der Tür, und ich habe seinen Lieblingskuchen nicht da."
"Die Mutter hatte immer ein Lächeln im Gesicht", sagt Eckartz. "Das ist schwerer auszuhalten, als wenn mich jemand beschimpft. Das beschämt mich. 143 Tage sind unvorstellbar lang."
Anfang Dezember, Mirco ist seit mehr als zwölf Wochen verschwunden, bringt Mircos Mutter zusammen mit seiner Großmutter Schokoladennikolause für die Soko vorbei. Sie haben Tannenbäume aus Pappe ausgeschnitten und auf die Rückseite für jeden Beamten einen Weihnachtsgruß geschrieben.
Einen einzigen Vorteil hat die Polizei, und er wird größer mit jedem Tag, der vergeht. Mit der Tat verschafft sich jeder Täter zunächst einen Vorsprung; er bestimmt den Ort, den Zeitpunkt, das Opfer. Wenn die Polizei erst einmal ermittelt, kann er nur noch reagieren.
Thiel ist zur Polizei gegangen, weil er gern im Team arbeitet. Er weiß, dass er einen Fall wie diesen nur mit anderen lösen kann. Jeder darf deshalb Vorschläge machen, auch die Schreibkräfte. Alle in der Kommission haben den gleichen Ermittlungsstand.
Durch den Fund des Fahrrads kennen Thiel und seine Leute den Feldweg, an dem der Täter auf Mirco gewartet hatte.
Schon am zweiten Tag meldet sich ein Zeuge, der an jenem Freitagabend dort vorbeigefahren ist. Er habe da einen Kombi stehen sehen, mit auffälligen runden Rückleuchten, quer angeordnet, einen VW Passat der Baureihe B6.
Der Zeuge ist jung, er interessiert sich für Autos. Den Beamten erscheint er als "modellsicher". Der ideale Zeuge.
Trotzdem müssen die Ermittler sicher sein. Hat nicht der Golf plus die gleichen Rückleuchten?, halten sie dem Zeugen vor. Im Prinzip ja, sagt der Mann, allerdings sei der Golf plus höher und schlanker. "Wenn ich einen Golf plus gesehen hätte, hatte ich auch Golf plus gesagt."
Als die Soko überzeugt ist, dass der Zeuge sich nicht getäuscht hat, bitten sie den VW-Konzern um Hilfe.
Die Labortechniker haben mittlerweile Mircos Hose untersucht und, neben Hautschuppen sowie Spuren "aus dem Lebensbereich des Täters", zwei unterschiedliche Fasern gefunden, die von einem Autositz stammen, "ein kleines, aber feines Spurenpaket", sagt Thiel.
VW hat in der Fahrgestellnummer seiner Fahrzeuge unter anderem Informationen über die Farbe des Wagens und die Polsterausstattung codiert. Von den zwölf Polstervarianten, die beim B6 verwendet wurden, kommt aufgrund der beiden Fasern nur die Variante AR in Fra-ge. AR, das ist beim Passat die billigste Ausstattungsvariante, ein Wagen ohne Chromleisten. Ein Vertreterauto.
Die Polizisten sind davon überzeugt, dass der Täter aus der Gegend stammt. Dass er viel unterwegs ist, dass er ein Leben führt, das nicht auffällt. Ein Vertreterleben.
Mit der Polstervariante ist Thiel einen großen Schritt weitergekommen. Doch allein von dieser Ausstattungsvariante hat VW in den letzten Jahren rund 155 000 Fahrzeuge ausgeliefert, etwa 105 000 sind zum Zeitpunkt der Tat in Deutschland zugelassen.
Am 29. Oktober ruft die Polizei die Öffentlichkeit auf, alle Passats im Kreis Viersen und in den angrenzenden Kreisen zu melden. Alle Fasern der Sitzpolster sollen auf einer Trägerfolie gesichert werden. "Abkleben" heißt das im Polizeijargon. Die Ergebnisse werden im Labor mit den Fasern von Mircos Hose verglichen.
Thiel weist seine Leute an, alle Passats dieses Typs zu überprüfen, auch die von Kollegen, auch die Dienstwagen der Polizei, und gleichzeitig von den Haltern eine Speichelprobe zu nehmen.
Die öffentliche Reaktion auf diesen Aufruf ist überwältigend. Kinder laufen nach der Schule los, um die Kennzeichen von Passats zu notieren, Erwachsene mailen Listen an die Polizei, manche schicken Excel-Dateien.
Eines Tages kommt ein Mann ins Präsidium. So eine Fahndung sei bestimmt teuer, sagt er. Er habe gerade eine Steuerrückzahlung bekommen, rund 3500 Euro; die Soko könne über das Geld verfügen.
Um möglichst viele Passats zu erfassen, baut die Soko an der Landstraße 39 eine Radarfalle auf. Der Täter hatte Mircos Kleidung entlang dieser Landstraße entsorgt, vielleicht, hoffen sie, nimmt er diesen Weg häufiger. Auf dieser Strecke darf man höchstens 70 fahren, die Beamten stellen das Messlevel auf 25 ein, damit auch wirklich jedes Auto geblitzt wird.
Die Radarfalle, sagt Eckartz, war ein starkes Signal an den Täter, sie sollte den Druck erhöhen. "Wir sind noch da, hieß das. Wir sind mit einer Truppe von 60 Leuten da, und es geht weiter. Und es wird immer besser."
Insgesamt werden rund 2500 Passats überprüft. Ein Auto abkleben, das bedeutet: 27 einzelne Folien, auf denen alle Sitzflächen, Rücklehnen, Armlehnen erfasst werden müssen.
Thiel und Eckartz versuchen, ihre Arbeit mit den Augen des Täters zu sehen. Was macht ein Kindermörder mit seinem Auto, wenn der Fahndungsdruck wächst? Weil die Beamten annehmen, dass er versuchen wird, das Auto loszuwerden, untersuchen sie Verkehrsunfälle und Autobrände in den umliegenden Kreisen.
Immer wieder fährt Thiel zu jenem Feldweg hinaus, an dem Mircos Fahrrad gefunden wurde. Jeder, der hier vorbeifährt, ist verdächtig. Zieht es den Täter zum Tatort zurück? Macht es ihm Spaß, die Polizei bei der Suche zu sehen, rastlos, ratlos, vertieft in das Rätsel, das er ihnen aufgegeben hat?
Thiel hat Sorge, dass ein Riesensack Spuren, aber nur eine Handvoll Leute übrig bleiben, dass der Fall sich monatelang schleppen wird. Und dass irgendwann noch ein Kind verschwindet.
Um den Druck zu erhöhen, wendet sich Thiel an die Eltern von Mirco. Sie sollen den Täter im Fernsehen bitten, ihnen ihr Kind zurückzugeben.
Mircos Mutter ist unsicher. Was sagt man einem Menschen, der einem das Kind weggenommen hat? Thiel bittet seine Freundin um Hilfe, sie ist selbst Mutter.
"Ich weiß, dass Mirco etwas Schlimmes zugestoßen ist", schreibt die Freundin. "Das fühlt eine Mutter. Ich mache mir Gedanken, ob er friert, hungrig ist, ob er Schmerzen hat, nach mir ruft." Als Mircos Mutter den Text vorträgt, hat sie Tränen in den Augen.
Längst arbeiten die Beamten an den Wochenenden, an Weihnachten, an Silvester, an Neujahr. Der Fall ist so kraftraubend wie kaum ein Fall zuvor, aber die Arbeit euphorisiert auch. Sie sind Gefangene ihres Versprechens, aber es macht ihnen nichts aus, im Gegenteil.
Inzwischen suchen Thiels Leute in ganz Deutschland nach VW Passats mit der Ausstattungsvariante AR. Mircos Kleidungsstücke und sein Handy, das später an der L39 gefunden wird, lassen den Schluss zu, dass sich der Täter in der Gegend gut auskannte - er wählte Straßen, die ein Ortsfremder, zumal bei Dunkelheit, gemieden hätte.
Offensichtlich hat der Täter einen Bezug in die Region, die nächtliche Fahrt über die Landstraße deutet auf eine "Handlungsroutine" hin, so nennen es die Spezialisten der Polizei. Natürlich kann es sein, dass er irgendwann weggezogen ist, aber noch Verwandte in der Gegend hat. Um auch jene zu erfassen, die hier nicht wohnen, aber gelegentlich unterwegs sind, machen sich die Beamten daran, auch die Autos zu überprüfen, die wegen eines Verkehrsverstoßes in ihrer Datei sind.
Es sind Hunderte, Tausende. Einer davon ereignete sich im Juni 2010, in einem Dorf nicht weit von Grefrath entfernt. Ein Passat Kombi war geblitzt worden, in einer verkehrsberuhigten Zone, in der Tempo 30 gilt, das Radargerät hatte 40 Stundenkilometer gemessen. Ein kleiner Verstoß nur, 15 Euro Bußgeld. Am Steuer saß Olaf H.
Durch den Datenbanktreffer wird aus H. ein Verdächtiger, wie Hunderte andere Passat-Fahrer auch. Seine Daten landen im Rechercheprogramm Case, er wird, so nennen es die Spezialisten in der Soko, "verspurt".
Er arbeitete im Juni 2010 zwar bei der Telekom in Bonn, fuhr aber einen Dienstwagen, einen Passat mit einem Kennzeichen, das mit MS beginnt, zugelassen auf eine Flotten-Consulting-Firma im westfälischen Münster.
Beinahe rutscht Olaf H. später aus dem Kreis der Verdächtigen wieder heraus, weil er, als seine Daten im November überprüft werden, bereits einen Renault Megane als Dienstwagen fährt, er war befördert worden.
Sein Passat ist inzwischen verkauft, der Leasing-Vertrag war ausgelaufen. Der neue Besitzer ist nicht erreichbar, er macht Urlaub auf Bali, der Wagen steht in Frankfurt am Flughafen. So verrinnen wertvolle Tage.
Thiel und seine Leute setzen große Hoffnungen in diesen Passat. Inzwischen haben sie Hinweise darauf, dass Olaf H. am 3. September 2010 in der Nähe des Feldwegs war. "Für diesen Wagen wären wir auch nach Mexiko geflogen", sagt Thiel.
Am Abend des 24. Januar bekommt Thiel einen Anruf vom LKA. Ein Mitarbeiter aus dem Labor ist dran, er bittet die Soko-Beamten, in Düsseldorf vorbeizukommen.
"Zieh deine Jacke an", sagt Thiel zu Eckartz. "Die haben das Auto."
Gemeinsam fahren Thiel und Eckartz nach Düsseldorf. 140 Tage sind vergangen, seit Thiel Mircos Eltern das Versprechen gegeben hat. Während der Fahrt reden sie nicht viel.
Als Thiel und Eckartz den anderen nach ihrer Rückkehr von dem Erfolg berichten, liegen sich die Beamten in den Armen. Thiel lässt Bier besorgen.
Wir fangen den, sagen einige. Wir nehmen den jetzt.
Eckartz bleibt ganz ruhig. "Warum sollen wir uns das Leben schwermachen, indem wir den überhastet festnehmen?", fragt er.
Sie haben immer noch keine Spur von Mircos Leiche. Der Täter führt uns zur Leiche, sagt Eckartz. "Die Krone der Ermittlungsarbeit ist das Geständnis."
"Das ist das, was viele Polizisten nicht können", sagt Eckartz und lächelt. "Am Teich sitzen und gucken. Die meisten schmeißen Steine rein. Am Teich sitzen und keine Steine werfen, darum geht es - die Fische kommen auch so nach oben."
Also sammeln sie erst einmal Informationen über Olaf H., 60 Beamte machen sich daran, sein Leben auszuforschen. Wo arbeitet er? Hat er Familie? Wo kommt er her?
Olaf H. ist verheiratet, zum dritten Mal bereits, seine Frau ist 19 Jahre jünger als er. Er hat zwei Kinder aus einer früheren und ein kleines Kind aus seiner jetzigen Ehe; er ist nicht vorbestraft.
Thiel ist Mitglied im Schützenverein seines Ortes, 2010 war er beim Schützenfest im Zug mitgelaufen. Der Weg hatte ihn auch am Haus von Olaf H. vorbeigeführt.
Es ist ein gelbgestrichenes Haus, es fügt sich ein in diese Spielstraße mit ihren gestutzten Hecken und dem pflegeleichten Mulch auf den Beeten. Über der Tür haben Sternsinger mit Kreide die Segensbitte angebracht. Der Ort, an dem Olaf H. sein Opfer in seine Gewalt gebracht hat, liegt etwa 14 Kilometer Luftlinie entfernt.
Zu dem Haus gehört ein großer Garten, es gibt eine Sandkiste und einen Teich, auf der Terrasse liegt ein Fußball. Es ist das Haus eines Mannes, der sich einfügen möchte.
Sie haben jemanden erwartet, dessen Phantasien so sehr von der Norm abweichen, dass er vielleicht gerade deswegen das Normale sucht.
Das Haus, sagt Thiel, entspricht dem Bild, das er sich von H. gemacht hat, normal, bieder, ein Wohnstraßenidyll.
Direkt neben Olaf H. wohnt ein Kollege der Bereitschaftspolizei. Einen Tag vor der Festnahme weiht Eckartz ihn ein. Gibt es eine Klingel? Eine Gegensprechanlage?
Eckartz entscheidet sich dagegen, Olaf H. durch das Sondereinsatzkommando aus seinem Haus zu holen. Die SEK-Leute, sagt er, handeln nach dem Motto "Der Letzte klingelt". "Wer mit der Polizei noch nichts zu tun hatte, der ist vom SEK so beeindruckt, dass in der Vernehmung nicht mehr viel kommt."
Sie werden sich stattdessen beide vor die Tür stellen, entscheidet Eckartz, Olaf H. soll ein bekanntes Gesicht sehen, wenn er öffnet. "Sobald er aufmacht", sagt Eckartz zu dem Kollegen, "schiebe ich dich zur Seite, dann übernehme ich."
Gegen sechs Uhr früh klingelt Eckartz, es ist der 26. Januar. Olaf H. öffnet im Bademantel. "Sie stehen im dringenden Verdacht, mit dem Verschwinden von Mirco etwas zu tun zu haben", das ist Eckartz' erster Satz.
H. geht durchs Haus, seine Hose hängt noch über dem Treppengeländer. Den Durchsuchungsbeschluss überfliegt er nur. Eckartz beobachtet ihn. Wie reagiert ein Mensch, der frühmorgens von der Polizei geweckt wird?
Als Olaf H. angezogen ist, stellt er sich vor den Spiegel, bürstet sich eine Igelfrisur, sprüht Haarspray rein, wortlos.
Ob er Mirco kenne, will Eckartz wissen.
Nee, antwortet H. Ich weiß, worum es geht, aber ich kenne den nicht.
Mittlerweile ist auch die Ehefrau wach geworden. Da sind Herren von der Soko Mirco, sagt H., die haben einige Fragen, weil ich auch mal einen Passat gefahren habe.
Sie blickt ihn sehr lange an.
Anschließend fahren sie zur Vernehmung. H. sitzt hinten, er blickt aus dem Fenster, scheinbar unbeteiligt. Er sagt nichts, stellt keine Fragen.
Um sieben Uhr morgens beginnt Mario Eckartz die Vernehmung. Ein kleiner Raum, zwei Schreibtische, die sich gegenüberstehen, ein Regal, ein Fenster. Und zwei Beamte: Einer redet, der andere achtet darauf, wie H. reagiert. Zeigt er Mitleid? Oder nur Selbstmitleid? Was macht er, beispielsweise, wenn man ihm die Hand auf die Schulter legt, nah rangeht?
Olaf H. ist einverstanden, die Fragen der Beamten zu beantworten, ohne Anwalt. Er darf rauchen, sie wollen verhindern, dass das Gespräch ständig durch Rauchpausen unterbrochen wird. H. sitzt meistens leicht nach vorn gebeugt, wegen des Aschenbechers, der vor ihm auf dem Tisch steht, er raucht beinahe ohne Pause. Er blickt den Polizisten in die Augen, wenn er spricht.
Eckartz und Olaf H., stellt sich heraus, haben beide in Mönchengladbach die Städtische Realschule besucht, Eckartz eine Klasse über H. Das erleichtert es, Nähe herzustellen, eine arbeitsfähige Beziehung, so nennt es Eckartz. Am Morgen hat er sich gründlich in H.s Wohnung umgesehen, als der nach seinen Kleidungsstücken suchte. Welche Zeitschriften liest er? Welche Fotos stehen auf dem Tisch?
Eckartz fielen die üblichen Kinderfotos auf, die auf den üblichen Ikea-Möbeln stehen. Die Wohnung sah aus, als habe jemand versucht, den Geschmack einer durchschnittlichen deutschen Familie nachzubauen.
Eckartz braucht Gesprächsstoff, besonders am Anfang. Ein Verhör, sagt er, ist immer Geben und Nehmen. "Ich muss ein paar Karten auf der Hand haben, gleichzeitig bin ich sein Beichtvater."
Es sei nicht einfach, einen Mord zu gestehen, hatte ihm ein alter Ermittler am Anfang seiner Karriere gesagt. Drei Hürden gibt es für jeden Täter: Zuzugeben: Ich war's. Zu sagen: So hab ich's gemacht. Und, das Schwerste von allem: warum?
Olaf H. antwortet umständlich, er achtet auf seine Worte. Offenbar ist er es gewohnt, unangenehme Gespräche zu führen. Eckartz weiß, dass kaum jemand die Wahrheit sofort gesteht, jedes Geständnis ist eine tastende Annäherung an die Wahrheit.
Wie genau er Olaf H. dazu brachte, ein Geständnis abzulegen, wird Eckartz berichten, wenn er vor Gericht als Zeuge aussagt, der Prozess beginnt in dieser Woche.
Als Olaf H. den Tathergang schildert, wirkt er ruhig. Nur unter seinen Achseln bilden sich kleine Schweißflecken.
Irgendwann fragt Eckartz, wo Mirco ist. "Sie haben einen Jungen umgebracht. Der fehlt in seiner Familie, ich war da. Wenn Sie noch ein bisschen Anstand besitzen - und ich hoffe, Sie enttäuschen mich nicht -, dann geben Sie der Mutter ihren Jungen zurück."
Gegen elf Uhr ruft er Thiel an. Er werde das Verhör unterbrechen. "Der zeigt uns jetzt, wo der Junge liegt."
Eckartz hört einen Knall, Thiel ist der Hörer aus der Hand gefallen.
Ob er Verstärkung brauche?
Nee, sagt Eckartz, "H. möchte uns das allein zeigen, es ist ihm unangenehm".
Zuerst wollte er den Beamten nur auf der Karte zeigen, wo er Mircos Leiche abgelegt hat. Er sei kein Kartenmensch, hatte Eckartz geantwortet. "Wir fahren da hin."
Sie wissen jetzt, dass Olaf H. der Mörder von Mirco ist. Aber wie hat er ihn getötet? Und vor allem: warum?
Eckartz hat zehn Jahre beim Zoll gearbeitet, bevor er zur Polizei kam, er war 27 Jahre alt, als er die Polizeiausbildung begann. Es macht ihm nichts aus, intime Fragen zu stellen, und er hat gelernt, dass das Schweigen eine Waffe sein kann, dass ein Wort, zu früh gesprochen, viel zerstören kann.
Welchen Sex er mit einer Frau am liebsten habe, will er von H. wissen. Welchen Frauentyp er bevorzuge? Ob er ins Bordell gehe?
Wo Mirco gesessen habe, will Eckartz wissen. Haben sie geredet im Passat - Olaf H., der gerade sein "Kopfkino" in die Tat umsetzt, wie Eckartz das nennt, und der Junge, der um sein Leben bangt?
Irgendwann hat H. seine Schachtel aufgeraucht. Er drückt Eckartz seine Girokarte und die PIN in die Hand, Eckartz geht für ihn Zigaretten holen, blaue Pall Mall in der Big Box.
Er gestattet H. auch, mit seiner Frau zu reden, im Beisein der Polizei. "Die Täter müssen merken, dass sie bei der Polizei anständig behandelt werden", sagt Eckartz.
Am Ende weiß er, auf welche Weise Olaf H. sein Opfer getötet hat. Über sein Motiv allerdings schweigt H., bis heute.
Als Thiel zwei Tage später eine Pressekonferenz gibt, hat sich die komplette Sonderkommission hinten im Raum aufgebaut, hinter den Fernsehkameras. Als Thiel reinkommt, applaudieren die Journalisten.
"Wir haben immer gesagt, wir kriegen ihn", sagt Thiel.
Zu den Eltern hatte er vorher gesagt: "Sie sind die Ersten und Einzigen, denen wir erzählen, wie Mirco starb. Wenn Sie es wollen."
Die Eltern bitten um Bedenkzeit, dann sind sie so weit.
Am Ende lautet die Anklage auf Mord, Freiheitsberaubung, sexuellen Missbrauch von Kindern und sexuelle Nötigung.
"Der Junge", sagt Thiel, "hat wirklich gelitten."
Am Tag nach der Pressekonferenz fährt auch Eckartz noch einmal zu Mircos Eltern. Er klingelt, Mircos Mutter öffnet, sie geben sich die Hand. Stehen im Hausflur. Sie nimmt ihn in den Arm und sagt: "Versprechen gehalten. Danke."
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 28/2011
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