11.07.2011

„Herr über Leben und Tod“

Nahlah Saimeh, 44, Ärztliche Direktorin des Zentrums für Forensische Psychiatrie Lippstadt-Eickelborn, über die Verwandlung von Menschen zu Monstern
SPIEGEL: Nach der Festnahme von Olaf H. hieß es wieder einmal: Er war normal, absolut unauffällig. Warum wird das Umfeld von Mördern jedes Mal von der Tat überrascht?
Saimeh: Weil solche Täter im Regelfall unauffällig und normal leben - was immer auch "normal" heißt. Vor allem Täter, die sexuell motivierte Tötungsdelikte begehen, sind oft zurückhaltende, angepasste, höfliche Nachbarn. Sie können keinem Menschen ansehen, wozu er in der Lage ist.
SPIEGEL: Ist ihre Unauffälligkeit beabsichtigt, eine Art Tarnung?
Saimeh: Nein, sie leben, wie sie sind. Das, was sich in der Tat ausdrückt, ist etwas Abgespaltenes. Darin kommen Aspekte und Konflikte der Persönlichkeit, Probleme und auch Sehnsüchte im sexuellen Bereich zum Ausdruck, die im Alltagsleben verschlossen sind. In der Tat manifestiert sich etwas, was in der Persönlichkeit schon vorhanden ist, aber im Alltagsleben keinen Platz findet.
SPIEGEL: Warum suchen sich solche Menschen Kinder als Opfer?
Saimeh: Viele dieser Täter sind nicht primär pädophil veranlagt, sie haben eigentlich kein sexuelles Interesse an Kindern. Aber Kinder sind als Opfer einfach verfügbar, und sie sind manipulierbar. Man kann sie leicht von A nach B bringen. Praktisch gesprochen: Sie passen in den Kofferraum.
SPIEGEL: Worum geht es dem Täter bei seiner Tat?
Saimeh: In jedem sexuellen Gewaltdelikt gibt es eine Machtkomponente: Die Sexualität wird die Bühne, auf der Macht ausgelebt wird. Plötzlich sind sie etwas, was sie im Alltag nicht sind. Sie sind normalerweise nicht mächtig, nicht dominant, sie fallen eigentlich gar nicht auf. Im Grunde guckt man über sie hinweg. In ihrer Tat jedoch sind sie plötzlich Herr über Leben und Tod.
SPIEGEL: In seiner ersten Vernehmung hatte Olaf H. angegeben, Stress mit seinem Vorgesetzten habe ihn zur Tat getrieben.
Saimeh: Es ist typisch, dass Täter erst einmal Begründungen vorgeben, die sie in der Umwelt suchen - auch wenn diese nicht stichhaltig sind. Diese Täter bekommen es nicht hin, Erwachsenen zu widersprechen. In meiner Arbeit sitze ich vielen Gewalttätern gegenüber. In ihren Taten erscheinen sie stark. In dem, was wir Ich-Stärke nennen, sind sie aber eher klein und schwach und hilflos. In vielen Bereichen ihres Lebens sind sie eher inkompetent, selbstunsicher, fühlen sich unwohl. Der Sexualstraftäter ist im Grunde das absolute Zerrbild von einem "starken Mann".
SPIEGEL: Das Gefühl, frustriert zu sein, kennen viele Menschen. Aber kaum jemand bringt deshalb ein Kind um.
Saimeh: In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl von Sexualmorden an Kindern gesunken. In Deutschland gibt es pro Jahr weniger als zehn Fälle. Häufig haben diese Täter Persönlichkeitsstörungen. Es gibt narzisstische Täter, die sehr stark das Bedürfnis haben, innere Macht, Dominanz zu spüren. Wenn es all das im Alltag nicht gibt, suchen sie sich das in einem anderen Bereich. Man kann im Destruktiven Außergewöhnliches tun.
SPIEGEL: Ist es plausibel, dass jemand mit Mitte vierzig zum ersten Mal auffällig wird, wie Olaf H., und dann gleich einen Mord begeht?
Saimeh: Das ist denkbar. Wir wissen nichts über die Vorgeschichte. Es kann sein, dass er gedanklich vorgestaltet hat, wie es ist, sexuelle Handlungen an einem Jungen zu begehen, dass er auf diese Vorstellungen zurückgreift, wenn er innerlich besonders angespannt oder frustriert ist. Immer, wenn er in einer bestimmten persönlichen Konfliktsituation ist, bei Anspannung oder Stress, dann holt er diese Phantasien hervor. Er merkt, dass er sexuelle Lust dabei verspürt, das ist ein Belohnungsreiz, den er sich zusammensetzt.
SPIEGEL: Das, was die Polizei "Kopfkino" nennt.
Saimeh: Exakt. Die wiederholte Beschäftigung damit dient der Selbstberuhigung, der Selbstwertstabilisierung, der Entspannung. Möglicherweise fangen solche Leute auch an, Kinder zu beobachten. Sie fahren mit dem Auto durch die Gegend. Sie beschäftigen sich mit dem Reiz, dass das Kind in ihrem Visier ist. Sie sagen sich: Ich könnte es nehmen, aber ich lasse es mal. Sie erleben eine Vorfreude, aber auch ein Suchen nach Gelegenheit. Irgendwann kommt der Tag, an dem es passt. Wo das Kind passt und die Situation passt. Dann kommt es zur Tat.
SPIEGEL: Und dann muss die Tat erfüllen, was die Phantasie versprochen hat. Laut Anklage war Olaf H. verärgert, weil er keine Erektion bekam.
Saimeh: Die Tat ist fast immer anders als die Phantasie. Weil das Kind sich wehrt, vielleicht schreit und etwas tut, was nicht zur Phantasie passt. Oder weil die Erektion ausbleibt. In der Phantasie hat es immer eine Erektion gegeben; jetzt in der Tat, endlich mit diesem Kind, klappt das nicht. Dann ist es eine Enttäuschung, eine unglaubliche Wut, denn der Preis für das Ausleben der Phantasie ist gewaltig.
SPIEGEL: Heißt das, dass solche Täter es noch einmal probieren, wenn man sie nicht fasst - um Wirklichkeit und Phantasie in Deckung zu bringen?
Saimeh: Ja. Wenn es ein fester Bestandteil der sexuellen Phantasie ist. Wenn man von sexuell abweichenden Tätern ausgeht, ist genau das das Problem. Da können Zeiträume von mehreren Jahren dazwischenliegen, aber die Wiederholungswahrscheinlichkeit ergibt sich genau aus diesem Muster.
SPIEGEL: Weiß der Täter, dass er eine Grenze überschreitet, dass es kein Zurück gibt?
Saimeh: Häufig sind bei Tötungsdelikten die Phantasien über Jahre ausgefeilt worden. Und häufig gibt es lange innere Hemm-Mechanismen. Der Täter beruhigt sich: Es ist ja nur eine Phantasie. Andere gucken schließlich blutrünstige Horrorfilme. Es wird als Freizeitvariante abgetan, nicht als bedrohliches Erleben, als Erkenntnis: Ich bin mir selber unheimlich.
SPIEGEL: Weiß der Persönlichkeitsgestörte, dass er persönlichkeitsgestört ist?
Saimeh: Überspitzt gesagt: Den Persönlichkeitsgestörten stört es nicht, dass er persönlichkeitsgestört ist. Er ist mit sich im Reinen und denkt, die anderen seien eigentlich die Gestörten. Die Störung stört die anderen, aber nicht den Gestörten selbst. Er fängt an, sich Kinderpornos runterzuladen und dazu zu masturbieren. Das ist der nächste Schritt, aber auch da sagt er sich: Das sind ja nur Bilder. Dann fängt er an, tatsächlich herumzufahren. Es weitet sich aus, und es wird immer reizvoller. Es nimmt auch mehr Zeit in Anspruch. Vielleicht ist es am Anfang eine Stunde am Tag, dann gibt es irgendwann Abende, wo es zwei oder drei Stunden sind. Irgendwann reift ein innerer Entschluss. Ich habe Täter erlebt, die sagten: Es war mir klar, dass ich das würde tun wollen. Dass ich das mal tun muss.
SPIEGEL: Ein Mann, der ein Kind beobachtet und nach der perfekten Gelegenheit sucht, dann aber nach der Tat die Kleidung einfach aus dem Auto wirft: Wie passt das zusammen?
Saimeh: Wenn jemand Kleidung mitnimmt, kann das eine Souvenirbedeutung haben. Es kann sein, dass er sich dann anders entscheidet und sagt: Was soll ich mit dem Zeug? Und es dann wirklich als Müll entsorgt. Das ist ja auch eine sehr respektlose Geste. Das ist völlig irrational, kriminalistisch gedacht nicht sehr schlau. Aber das spielt dann keine Rolle mehr. Er ist sowieso über die Schwelle gegangen, das Kind ist tot. Das Kind liegt dort nackt.
SPIEGEL: Im Kopfkino ist die Phase, in der der Täter den Tatort aufräumt, gar nicht vorhanden?
Saimeh: Nein, die ist häufig überhaupt nicht da. Nach der Tat ist der Film zu Ende, im Regelfall.
SPIEGEL: Jemand wie Olaf H., der sich jahrelang abmüht, um dieses Häuschen zu haben, diese Nachbarschaftsfeste, dieses Leben: Der muss doch wissen, dass er alles aufs Spiel setzt.
Saimeh: Die Frage ist: Inwieweit ist das eine Fassade? Denken Sie an den Fall Ronny Rieken, der ein ganz normales Familienleben führte und nebenher vergewaltigte und zwei Kinder tötete. Es geht darum: In welchem Maß fühle ich mich in der Welt, die man am Tag sieht, wohl, inwieweit fülle ich das aus? Ist das Häuschen mit den Krediten, die ich abzubezahlen habe, eigentlich eine Belastung? Will ich das wirklich, oder will ich das eigentlich nicht? Ist es ein Leben, das nicht meins ist?
SPIEGEL: Der Täter flüchtet also aus der Wirklichkeit in eine Phantasiewelt?
Saimeh: Diese Phantasiewelt ist hochgradig antisozial und eine Art Freiraum: nachts oder auch tagsüber im Auto zu sitzen und nach Kindern Ausschau zu halten. Das ist der Thrill, die Insel meiner devianten Glückseligkeit in einem Meer von Konformität. Das Häuschen und die Frau und die Kinder, das ist der Zwang. Die Belastung. Das, was ich nicht will. Was ich nicht bin. Das ist aber das, was ich von mir verlange. Was zum normalen Leben gehört. Und ein bisschen normal sein will ich auch. Aber eigentlich ist es anstrengend. Eigentlich erfülle ich es nicht.
SPIEGEL: Wie kann jemand, der selbst Kinder hat, ein Kind töten? Oder sind seine Kinder und Familie der Preis, den er zahlt, um sein Kopfkino zu betreiben?
Saimeh: Für ihn spielt sich das Destruktive in einer Parallelwelt ab. Es gibt keine Verbindung zum eigenen Elternsein, er fühlt nicht mit den Eltern des Kindes, das er tötet. Das ist es doch, das die Leute verblüfft: Wie kann ein Vater, der abends beim Gute-Nacht-Sagen in die Augen seines Kindes blickt, einem anderen Kind Gewalt antun? Da wird übrigens auch nicht an das andere Kind gedacht. Es ist Objekt, Lustobjekt, Sexualobjekt.
SPIEGEL: Wo kommt eine solche Persönlichkeitsstörung her?
Saimeh: Das ist eine komplizierte, noch nicht vollständig erforschte Wechselwirkung aus genetischer Prädisposition, frühkindlicher Beziehungserfahrung und Erziehungseinflüssen. Ein Kind kommt mit einer gewissen genetischen Prädisposition auf die Welt, es entwickelt neuronale Verknüpfungen im Gehirn, die Emotionen steuern, die kognitive Prozesse steuern: die Art und Weise, wie die Beziehungen zu anderen Menschen empfunden werden.
SPIEGEL: Warum sind Sexualmörder fast immer Männer?
Saimeh: Die neuronalen Strukturen, die für die Aggression zuständig sind, sind im männlichen Gehirn enger mit der Sexualität verknüpft als im weiblichen Gehirn. Es gibt eine engere funktionale Verzahnung zwischen Aggressivität und Sexualität beim Mann als bei der Frau. Das ist evolutionshistorisch bedingt.
SPIEGEL: Hat ein Mensch die Möglichkeit, diesen Anlagen zu widerstehen?
Saimeh: Zunächst einmal muss der Täter eine Motivation entwickeln, diese Gedanken, die für ihn selbst ja angenehm sind, steuern zu wollen. Es ist wie ein Alkoholiker, der irgendwann, wenn es gut läuft, entscheiden kann: Trinke ich, oder trinke ich nicht. Es ist das Üben einer dauerhaften Abstinenz bei einem stabilen Bedürfnis. Das Kopfkino als Leitmotiv können Sie nicht ändern, sexuelle Phantasien bleiben bei jedem Menschen zeitlebens sehr stabil.
SPIEGEL: Ein amerikanischer Serienmörder hat im Gefängnis einmal gesagt: Ihr könnt mir alles nehmen, nur nicht meine Phantasie.
Saimeh: Das trifft genauso auch auf den deutschen Serienmörder Frank Gust zu.
SPIEGEL: Gust hat im Rhein-Ruhr-Gebiet vor ein paar Jahren Pferde aufgeschlitzt und irgendwann vier Frauen grausam ermordet und die Leichen zerstückelt.
Saimeh: Meiner Kenntnis nach hat Gust im Gefängnis gesagt: Meine Phantasien gehen weiter. Er spricht von einem "sich ausdehnenden Universum der Gewalt". Das ist eine absolute Autonomie, und das hat eine solche Wichtigkeit, dem ist nichts anderes entgegenzusetzen.
SPIEGEL: Olaf H. soll sein Opfer getötet haben, damit der sexuelle Missbrauch nicht rauskommt, ein sogenannter Verdeckungsmord.
Saimeh: Ob es wirklich einer war, wissen wir im Zweifel erst viele Jahre später. Das Töten eines Menschen ist die exklusivste Lebenserfahrung - das gilt für Soldaten im Krieg, das gilt aber auch für unsere zivile Gesellschaft. Exklusiv meine ich im neutralen Sinn. Im Sinn davon, dass ich etwas tue, was andere nicht tun. Ich weiß etwas, was andere nie wissen werden. Ich habe etwas erfahren, was andere nie erfahren werden. Das hat mir ein Täter mal gesagt: Ich habe hinter einen Vorhang geschaut, hinter den Sie nicht schauen werden.
Von Hauke Goos und Cordula Meyer

DER SPIEGEL 28/2011
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