11.07.2011

MOBILFUNKFälschung an der Charité

An der Berliner Charité ist eine Doktorarbeit zur Wirkung von Handy-Strahlen entstanden, die offenbar auf manipulierten Daten beruht. Die Studie hatte ein beunruhigendes Ergebnis erbracht: Funkwellen von Handys könnten angeblich sogenannte Strangbrüche im Erbgut verursachen. Mobilfunkkritiker zehren seit Jahren von solchen und ähnlichen Befunden. Die meisten entstammen dem berüchtigten "Reflex"-Projekt, das 2004 abgeschlossen wurde: Labore mehrerer europäischer Universitäten hatten, finanziert mit EU-Mitteln, die Wirkung von Funkwellen auf Zellpräparate untersucht - seltsam nur, dass die dabei gefundenen bedenklichen Strangbrüche nie von anderen Forschern reproduziert werden konnten. Auch ein Labor der Charité steuerte einige Studien bei; die Leitung hatte der heutige Prodekan Rudolf Tauber. Die Berliner Doktorarbeit, die nun unter dringendem Betrugsverdacht steht, entstammt ebenfalls seinem Institut; Tauber selbst hat die junge Doktorandin betreut. Dass an deren Befunden etwas faul war, fiel jedoch erst dem Bremer Biologieprofessor Alexander Lerchl auf. Das war vor knapp einem Jahr - und seither drängt Lerchl, der auch Mitglied der Strahlenschutzkommission ist, auf Klärung des Verdachts. Doktorvater Tauber hingegen versuchte, die Sache mit immer neuen Erklärungen - von Software-Fehlern bis hin zu vertauschten Messwerten - als Versehen abzutun. Nach langem Hin und Her forderte Lerchl kürzlich ultimativ die Originaldaten der Experimente ein. Darin fand er gleich etliche Belege für vorsätzlichen Schwindel. Ganze Datenreihen waren grobschlächtig passend gerechnet worden; Aufnahmen von Zellen unter dem Mikroskop erwiesen sich als plumpe Fälschungen. Und nun kommt die Sache plötzlich voran: "Alle unsere Beiträge zum 'Reflex'-Projekt müssen jetzt auf den Prüfstand", räumt Tauber ein. Von einem Versäumnis bei der Aufklärung aber könne keine Rede sein: "Wir haben von Anfang an mit Professor Lerchl kooperiert." Der streitbare Gelehrte sieht das anders: "Ich wurde hingehalten und abgespeist, solange es nur irgend ging. Man darf die Aufklärung nicht einfach den betroffenen Universitäten überlassen. Zumindest müsste ein unabhängiger Experte von außerhalb hinzugezogen werden."

DER SPIEGEL 28/2011
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