27.07.1998

„Ringo ist nur eine Puppe“

Der britische Popmusiker Ringo Starr über seine Anfänge als Schlagzeuger der Beatles, sein neues Soloalbum und die Kunst, im Popgeschäft zu überleben
SPIEGEL: Mr. Starr, Ihr neues Album heißt "Vertical Man". Handelt es sich bei diesem Titel um eine Art Lob des aufrechten Gangs?
Starr: Nein. Der Begriff stammt aus einem Reim des großen Dichters W. H. Auden, der so lautet: "Let us honour if we can / the vertical man / though we value none / but the horizontal one." Ich fand das großartig. Es wird viel zuviel geredet über die Musiker, die waagrecht unter der Erde liegen. Mein Album ist den Überlebenden, den Vertikalen, gewidmet.
SPIEGEL: Sie selbst waren oft in Gefahr, zu den Horizontalen überzuwechseln. Auf Ihrem neuen Album singen Sie: "Man muß zusammenbrechen, um durchzukommen." Ist das autobiographisch?
Starr: Ja. Ich bin von der Wahrheit des Satzes tief überzeugt. Ich war ganz unten, ich war alkoholkrank, und ich mußte eine Menge Zeug einwerfen, um durch den Tag zu kommen. Ich habe großes Glück, daß ich mich noch in der Senkrechten bewege.
SPIEGEL: Warum haben Sie dem amerikanischen Musikmagazin "Rolling Stone" geklagt, Sie hätten es satt, berühmt zu sein?
Starr: Weil es stimmt. Bis heute möchte ich an manchen Tagen einfach nur ich sein, Richard Starkey. Zum Beispiel war ich nach meiner letzten Tournee gerade dabei, den ganzen Krempel, der sich während der Reise so angesammelt hatte, zu sortieren und wegzuräumen, als ein Freund anrief und fragte, was ich gerade tue. Und ich sagte: "Ich bringe die Puppe ins Bett." Mit Puppe meine ich Ringo Starr: Nach einer Tournee packe ich die wieder ein und den guten alten Richard Starkey wieder aus.
SPIEGEL: Mit wem sprechen wir gerade?
Starr: Mit Richard. Natürlich glaubt jeder, der mit mir spricht, er rede mit Ringo. Diese Ringo-Richard-Trennung ist meine persönliche Schizophrenie. Das hat mich auf die Idee gebracht, für das neue Album ein Lied über Selbsttäuschungen zu schreiben, es heißt "Puppet".
SPIEGEL: Ist Ihre Schizophrenie nicht noch komplizierter? Neben dem Solokünstler Ringo Starr und dem Privatmann Richard Starkey gibt es den ewigen Beatle Ringo - getreu der Regel: einmal Beatle, immer Beatle.
Starr: Stimmt. Aber inzwischen wehre ich mich nicht mehr so dagegen, wie ich das früher getan habe. Deshalb ist auch die alte Beatles-Nummer "Love Me Do" auf dem neuen Album. Warum sollte ich als einziger der Ex-Beatles keine alten Beatles-Songs spielen? Aber ich gebe zu: Es war verdammt hart, mich zu dieser Haltung durchzukämpfen.
SPIEGEL: Bis heute hält sich das Gerücht, es seien gar nicht Sie gewesen, der auf der ersten Beatles-Single "Love Me Do" Schlagzeug spielt. Haben Sie den Song vielleicht auch deshalb noch mal aufgenommen?
Starr: Nein, ich sage Ihnen die Wahrheit: Eines Morgens vernahm ich diese tiefe, sehr sehr tiefe Stimme. Die kam direkt aus dem Himmel durch ein Ozonloch und sprach zu mir: "Ringo, du wirst heute ,Love Me Do' aufnehmen, kapiert?" Und ich entgegnete demütig: "Okay, okay." Im Ernst, ich bin einfach eines Morgens mit dieser Melodie im Kopf aufgewacht: Love, love me do, you know I love you ...
SPIEGEL: Können Sie sich heute gutgelaunt eine Beatles-CD anhören?
Starr: Ja, aber noch nicht so lange. Jahrelang habe ich zu Hause keinen Ton von den Beatles zugelassen. Eine Ewigkeit war es fast unmöglich, Freunde und Bekannte zu besuchen. Es war immer der gleiche Mist: Kaum kam ich durch die Tür, lief schon die erste Beatles-Platte. Das war nicht böse gemeint, sondern im Gegenteil meistens als ein Akt des Respekts. Aber wenn du nur ein wenig Spaß haben möchtest und dich alle ehrfurchtsvoll anstarren, dann bekommst du irgendwann schlechte Laune.
SPIEGEL: Wie haben Sie das Problem gelöst?
Starr: Ich bin einfach entspannter geworden. Eines Tages hörte ich zufällig im Haus von Freunden eine Beatles-Platte und dachte: Hey, das ist ja richtig gute Musik. Zum erstenmal konnte ich die Musik ganz einfach als gelungene Arbeit betrachten. Das war wie Anfang der Sechziger, als ich Otis-Redding-Platten hörte und überlegte, was daran gelungen ist und was nicht. Seitdem habe ich die Blockade überwunden.
SPIEGEL: Also spielen Sie, wenn Sie nun auch in Deutschland auf Tournee gehen, wieder Beatles-Stücke?
Starr: Wer zu meinen Konzerten kommt, erwartet "Yellow Submarine" oder "With A Little Help From My Friends". Na und?
SPIEGEL: John Lennon hat behauptet, Ringo sei schon vor den Beatles ein Star gewesen, zumindest in Liverpool.
Starr: Tja, so war's. Ich hab' damals wirklich in allen bekannten Bands der Stadt getrommelt. Deshalb lautete meine Devise: Wenn man es in Liverpool geschafft hat, schafft man es vielleicht auch in London. Und in Europa. Und in Amerika. Die Beatles haben das erreicht. Aber es war viel Arbeit.
SPIEGEL: Stimmt es, daß Sie niemals Schlagzeugunterricht hatten?
Starr: Nicht ganz. Ich hatte eine Stunde. Und was für eine. Meine Mutter hatte damals einen Musiker kennengelernt. Der hat mich eines Abends zu einer Probe mitgenommen, um mir ein paar Tricks zu zeigen. Ich hab' mich dazugesetzt und ein bißchen mitgetrommelt. Aber, na ja, es war eine Marschkapelle - nicht ganz das Richtige für mich.
SPIEGEL: Sie haben den Job des Schlagzeugers ziemlich populär gemacht.
Starr: Und das, obwohl ich einen sehr primitiven Stil habe. Ich dachte, daß sich ein Rock-Schlagzeuger an keine Regeln halten braucht, und hielt sogar die Sticks falsch - ganz im Gegensatz zu Charlie Watts von den Rolling Stones zum Beispiel, einem Gentleman, der absolut korrekt spielt. Ich habe auf diesem Instrument so seltsam herumgewirbelt, daß viele un-
terstellten, daß so was nicht in Ordnung sein kann. Aber das war eben meine Art, und jetzt spielen alle Drummer so.
SPIEGEL: Und Sie waren damals stolz darauf, gegen alle Konventionen zu spielen?
Starr: Natürlich, dieses Spiel war schließlich auch der Grund, warum die Beatles mich anriefen, als Pete Best nicht in der Lage war, zu einem Auftritt zu erscheinen. Allerdings engagierten sie mich zunächst nur für ein Konzert. Erst später fragte ihr Manager Brian Epstein an, ob ich bei den Beatles richtig mitmachen wolle. Ich sagte: Klar, ich mag die Band.
SPIEGEL: Und der schnelle Erfolg überraschte selbst Sie, der in Liverpool schon ein berühmter Bursche war?
Starr: Natürlich, es war unbeschreiblich, unbeschreiblich furchterregend und unbeschreiblich seltsam.
SPIEGEL: Sie galten immer als der Clown bei den Beatles. Hat Ihr Humor geholfen, mit dem plötzlichen Ruhm fertig zu werden?
Starr: Bestimmt. Lachen ist gut, weil es entspannt, und wir haben zusammen dauernd Unsinn gemacht. So wie in diesem Super-8-Film, der erst in der jüngsten TV-Dokumentation über uns zu sehen war. Da sind George und John in einen Wandschrank geklettert und kommen mit Mülleimern auf dem Kopf wieder heraus. Das war völlig albern, aber es nahm uns die Anspannung. Außerdem war so eine Situation nicht merkwürdiger als der ganze Rummel um uns herum. Das hatte es vorher nie gegeben. Für Stars von heute ist es allerdings noch schwieriger. Die können ja noch nicht mal unbeobachtet in die Ferien fahren.
SPIEGEL: Das war für Sie noch möglich?
Starr: Klar, John und ich oder Paul und ich sind gemeinsam losgefahren auf irgendeine tropische Insel. Da kannte uns niemand. Für die Jungs von Oasis wäre das undenkbar. Das ist hart.
SPIEGEL: Können Sie heute irgendwo ungestört Ihre Ferien verbringen?
Starr: Seit jeder eine Videokamera hat, ist es unangenehmer geworden. Ich gehe trotzdem überall alleine hin, laufe durch London oder Monaco, ohne Bodyguard. Die Leute sagen vielleicht noch "Hallo Ringo, wie geht's?", aber das ist kein Vergleich mit früher. Das würde ich heute nicht mehr durchstehen.
SPIEGEL: Popstars von heute müssen stärkere Nerven haben als Sie damals?
Starr: Davon bin ich überzeugt, der Druck hat sich mindestens verdoppelt. Klar, es ist auch damals vorgekommen, daß sich Fotografen in Büschen versteckt haben, aber das war nicht die Regel. Heute kann ein Star nicht in einen Club gehen, weil da schon jemand mit einer Kamera ist, er kann nicht mit einem Mädchen ausgehen, weil sie anschließend ihre Geschichte an die Presse verkauft. Alles steht sofort in der Zeitung, weil diese Nachrichten ein gut bezahltes Geschäft geworden sind. Aber wir hatten auch gar nicht soviel Zeit, uns zu amüsieren. Nur einen freien Tag im Monat.
SPIEGEL: Sie scherzen.
Starr: Keineswegs. Ich denke, die heutigen Bands haben zuviel Freizeit. Wir sind frühmorgens aufgestanden, nahmen im Studio auf, gingen in Fernsehshows und waren gleichzeitig noch auf Tour. Nach dem Konzert ging es dann nachts im Bus weiter zur nächsten Stadt, wo wir frühmorgens wieder ins Studio gingen und so weiter. Aber wir hatten die Energie, und es hat Spaß gemacht. Wir wollten es nicht anders.
SPIEGEL: Das klingt, als sei der freie Tag der langweiligste von allen gewesen.
Starr: Unser Witz war: Am freien Tag macht Paul den Juror in einem Schönheitswettbewerb. Er hat dauernd versucht, Mädchen kennenzulernen.
SPIEGEL: Das kann ja nicht sehr schwierig gewesen sein.
Starr: Nein, für keinen von uns.
SPIEGEL: Als Band-Clown haben Sie oft nicht den künstlerischen Respekt bekommen, den man den anderen gezollt hat. Verletzt Sie das noch?
Starr: Schon lange nicht mehr, aber damals war es brutal. Für mich war 1965 damit Schluß. Ich war weltberühmt, und es war mir egal, was die Leute von mir dachten. Was mich ärgert, ist, daß es immer noch heißt, ich sei als letzter zu den Beatles gestoßen. Als würde das irgendwas bedeuten. Ich bin auf allen Platten zu hören und habe, abgesehen von ein paar Auftritten im Juni 1964, als ich eine Mandelentzündung hatte, bei allen Konzerten gespielt. Was also soll dieser Blödsinn?
SPIEGEL: Als die sechziger Jahre zu Ende gingen, fanden Sie den Beatles-Job so anstrengend, daß Sie aussteigen wollten.
Starr: Es war alles ein bißchen zuviel für mich, also warf ich alles hin - für zwei Wochen. Und fuhr mit meiner Familie nach Sardinien. Ein Freund lieh uns ein Boot, und eines Tages servierte uns der Kapitän einen Tintenfisch zu Mittag. Igitt, stöhnte ich, haben Sie hier nicht so was wie Fish and Chips? Und dann begann der Kapitän, mir eine Menge über Tintenfische zu erzählen, wie sie da unten im Meer leben und sich Gärten anlegen. Und ich dachte, ja, da wär' ich auch gern.
SPIEGEL: Und schrieben "Octopus's Garden"?
Starr: Genau.
SPIEGEL: Was hatten Sie vorher geschrieben?
Starr: Das meiste war Schrott. Mein erster Song, den die Beatles aufnahmen, war "Don't Pass Me By". Die Sachen davor - als ich die Harrison und McCartney vorspielte: o Gott, o Gott. Die haben sich totgelacht. So lief es dann immer: Entweder sie lachten sich schlapp, oder es ging gleich ins Studio.
SPIEGEL: Anfang der Siebziger hatten Sie eine ganze Menge Solo-Hits, etwa "You're Sixteen". Hat Sie das überrascht?
Starr: Alle waren überrascht. Nach dem Ende war plötzlich ich der Star und verkaufte Millionen von Platten.
SPIEGEL: Was ging dann schief?
Starr: Mitte der Siebziger ging es steil bergab mit meiner Karriere, weil ich so exzessiv gefeiert habe, daß ich für Arbeit einfach keine Zeit mehr hatte.
* Mit Redakteurin Marianne Wellershoff und Mitarbeiter Christoph Dallach in London.
SPIEGEL: Auf dem Album haben Sie ein Lied Ihrer Frau Barbara gewidmet. Hat die Ihnen damals das Leben gerettet?
Starr: Das war wohl eher gegenseitig. Wir liebten uns, es gab keine Grenzen, und wir haben zusammen lauter verrückte Sachen angestellt. Bis wir eines Tages reif für den Alkoholentzug waren. Freunde haben uns da angemeldet und abgeliefert. Diesen Oktober bin ich seit zehn Jahren trocken.
SPIEGEL: Auf Ihrem neuen Album sind prominente Gaststars zu hören wie der Beach Boy Brian Wilson, der Rocker Ozzy Osbourne und die kanadische Sängerin Alanis Morissette. Müssen Sie die nur anrufen, und schon stehen die bei einem Ex-Beatle im Studio?
Starr: Ich rede eher von Tagen der offenen Tür. Wenn ich mal eine Platte mache, spricht sich das schnell herum, und wer mitmachen will, ist willkommen. Alanis Morissette zum Beispiel wollte mir nur hallo sagen - und schon war sie dabei.
SPIEGEL: Da müssen Sie nicht erst den Manager fragen?
Starr: Blödsinn. Mit Anwälten und Managern will ich nichts zu tun haben. Wenn ich jemanden einlade, rufe ich ihn zu Hause an. Und wenn jemand direkt kommt, ist das auch cool. So einfach ist das. Leider funktioniert das nicht immer. Steven Tyler von Aerosmith hatte bei dem Song "Drift Away" eine Zeile gesungen. Das Album war fix und fertig, als seine Manager anriefen und verlangten, daß wir ihn wieder löschten. Die Leute um mich herum waren total aufgelöst. Ich sagte: Was soll's, dann nehmen wir ihn eben wieder raus.
SPIEGEL: Klingt sehr gelassen.
Starr: Ach, ich finde das Leben schön und cool, und ich werde nicht die Wände hochgehen, bloß weil jemand nicht mehr auf meinem Album zu hören sein möchte. Ich habe einfach meinen Freund Tom Petty angerufen, und der war schon im Studio, bevor er überhaupt wußte, worum es geht.
SPIEGEL: Wie sieht in Ihrem coolen Leben heute ein gelungener Abend aus?
Starr: So ruhig wie möglich. Ich habe ein Appartement in Monaco, wo ich viel Zeit mit meiner Familie verbringe, und eins in Los Angeles, wo es auch sehr schön ist. Ich gehe nicht in Diskotheken, nicht in Bars, nicht in Casinos. Ich habe da gelebt. Und ich bin fertig damit. Aus und vorbei. Ich stehe jeden Morgen um acht auf, tue nützliche Dinge, und spätestens um Mitternacht bin ich wieder im Bett.
SPIEGEL: Warnen Sie Ihre Kinder vor dem Rock'n'Roll-Leben?
Starr: Wieso denn? Das Leben ist doch großartig. Man ist jung, geht raus und amüsiert sich. Allerdings wurde mein Sohn Zak schon mit 19 Jahren Vater. Deshalb kommt er jetzt immer früh nach Hause.
SPIEGEL: Mr. Starr, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Von Marianne Wellershoff und Christoph Dallach

DER SPIEGEL 31/1998
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