03.08.1998

MANAGERKampf ums Arabicum

Dresdner-Bank-Chef Walter macht mobil gegen Hausbesetzer: Die Villa der Familie des Bank-Gründers soll geräumt werden - im Interesse der Erben.
Fast komplett war der Vorstand der Dresdner Bank auf dem Golfplatz am Wannsee in Berlin versammelt. Die Herren wollten am vergangenen Dienstag gemeinsam einputten. Der Abschlag des Turniers war für 13 Uhr angesetzt.
Nur einer fehlte: Bernhard Walter, der Vorstandssprecher, hatte einen Termin von höchster Priorität. Im Konferenzsaal der Niederlassung seiner Bank am Brandenburger Tor hörte der Chef des zweitgrößten deutschen Kreditinstituts dem 82jährigen Fred Gann aus Mexiko-Stadt zu. Der war mit seiner in London lebenden Schwester Marion Whitehorn angereist - und bat den Bankchef um eine Gefälligkeit.
Die beiden sind Enkel des jüdischen Bankiers Eugen Gutmann - jenes Mannes, der 1872 die Dresdner Bank gründete. Ihr Vater, Herbert Gutmann, saß von 1909 bis 1931 im Vorstand des Instituts; die Nazis zwangen ihn und die Kinder zur Flucht nach England und Amerika.
Zurück blieb das Haus der Familie, der "Herbertshof" in Potsdam. Die Villa im Landhausstil verfügt über 80 Zimmer, eine Turnhalle und einen Wassergarten. Einst machten die vornehmen Banker hier ihre Geschäfte, zumindest mit den exklusiven Kunden aus London und New York.
Nach der Flucht der Familie fiel die Immobilie der NS-Frauenschaft in die Hände, später betrieben die Kommunisten darin ein Altersheim. Erst 1992 bekamen Gann und Whitehorn das Gebäude zurück. Doch bis heute blieb ihnen der Eintritt verwehrt.
Eine Gruppe von Hausbesetzern, laut Polizeibericht neun Männer und zwei Frauen im Alter zwischen 19 und 31 Jahren, hat es sich in der einstigen Luxusvilla bequem gemacht. Standesgemäß sind Fenster und Türen mit Stahlrollos, der Garten mit Stacheldraht gesichert. Besucher werden mit Zurufen ("Verpißt euch") begrüßt und durch vom Balkon geworfene Flaschen auf Distanz gehalten.
Seit sieben Jahren schon hausen hier die ungebetenen Gäste, die laut Polizei aus Potsdam, Rathenow, Berlin und Neuss stammen. Jetzt soll geräumt werden, fordern die Erben. Und Walter soll den Behörden Dampf machen.
Atemraubende Bilder der alten Herrlichkeit haben Bruder und Schwester für Walter mitgebracht. Obenauf das Foto vom sogenannten Arabicum, ein in "syrischem Rokoko" getäfelter Doppelraum, nach Aussagen des Potsdamer Stadtkonservators Andreas Kalesse "ein innenarchitektonisches Meisterwerk von unschätzbarem kunsthistorischem Wert".
Sieben Millionen Dollar wollte ein Kaufinteressent 1994 für das Anwesen zahlen - allerdings ohne Bewohner. Mit Hausbesetzern war ihm die Villa nur eine Million Mark wert. Das wiederum war der Familie zuwenig, der Verkauf kam nicht zustande.
Ohnehin kann kein Investor die Villa besichtigen. Außer den ungewollten Bewohnern haben das Gebäude in den letzten Jahren nur Polizisten betreten. Vor zwei Monaten durchsuchten sie das Haus nach Kriegswaffen, nahmen die Besetzer fest. Die Beamten fanden defekte russische Panzerminen, eine Präzisionsschleuder, allerlei Diebesgut und Haschisch. Nach kurzer Zeit war die Besetzerschar wieder frei.
Mit ihrer Empörung sind die Erben nicht allein. Walter sagte ihnen Hilfe zu. Noch vor seinem Urlaub will er sich um die Sache kümmern: Rechtsanwälte seines Hauses sollen aktiv werden, außerdem versprach er Gann, politische Kontakte zur brandenburgischen Landesregierung zu nutzen und bei der Suche nach einem neuen Käufer behilflich zu sein.
Auch der mit Walter angereiste Bernhard Freiherr von Loeffelholz, Chef der Kulturstiftung der Dresdner Bank, empörte sich aufs heftigste: "Ein unglaublicher Vorgang. Ich werde den Herrn Stolpe fragen, wieso das Haus nicht geräumt wird."
So einfach ist die Sache freilich nicht. Eine Räumung im Wahlkampf wäre politisch brisant, zumal die Rechtslage gar nicht so eindeutig ist.
Die Hausbesetzer haben nämlich ein "dauerhaftes Nutzungsrecht", erklärt Jann Jakobs, der Potsdamer Jugenddezernent, weil die Eigentümer sie längere Zeit geduldet hätten. Tatsächlich besaßen die Gutmann-Erben bereits eine Räumungsverfügung, von der sie in der vierwöchigen Frist allerdings keinen Gebrauch machten.
"Wir waren einfach zu weit weg, um uns darum zu kümmern", sagt Fred Gann, "außerdem hätten wir das Gebäude später sichern müssen - sonst wären die Besetzer doch gleich wiedergekommen."
Eine neue Verfügung zu erwirken dauert bis zu anderthalb Jahre, so schätzt Dezernent Jakobs. Und Geerd Piorkowski, der Sprecher der Potsdamer Polizei, erklärt: "Teil der Räumungsverfügung muß auch ein Nutzungskonzept sein - und das gibt es nach unseren Informationen zur Zeit nicht."
Jetzt hoffen die Erben darauf, daß der mächtige Bankchef die Sache richten wird - und daß Walter das Haus möglicherweise sogar für die Bank erwirbt, um es als Gästehaus nahe der Hauptstadt zu nutzen.
"Ich glaube, es ist eine Art Wiedergutmachung für ihn", sagt Fred Gann, "schließlich hatte die Dresdner Bank in der Hitler-Zeit so ein 'Rüfchen', daß sie den Nazis sehr geholfen hat."

DER SPIEGEL 32/1998
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