10.08.1998

SYMBOLEDas deutsche Denkmal bröselt

Mit pontifikalem Pomp und rheinischer Lebenslust feiert Köln die Grundsteinlegung seines Doms vor 750 Jahren. Doch die Zukunft der gotischen Kathedrale sieht finster aus: Der Smog geht dem Wunderbau zusehends an die Substanz. Von Klaus Umbach
Der Altbau im Kölner Grundbuch Band 915, Blatt 31/767; Kataster Flur 30, Nr. 433/17 ist ein stattlicher Besitz: 7914 Quadratmeter überbaute Fläche in bester Citylage, ideale Verkehrsanbindung, denkmalgeschützt. Heutiger Schätzwert: fünf Milliarden Mark.
Für diesen saftigen Preis hat es die Immobilie allerdings auch in sich, auf und unter sich. Sie ist Stätte der Andacht und Villa Kunterbunt.
Unter Tage, in einem bis zu zehn Meter tiefen Labyrinth aus Gängen und Stollen, wurden die Fundamente altrömischer Wohnhäuser und einer frühchristlichen Basilika freigelegt. Hier gab es sogar mal eine (heute zugemauerte) Weinstube, wo noch in diesem Jahrhundert die feinsten Kreszenzen zu kosten und zu kaufen waren.
Parterre, in den 6166 Quadratmetern überwölbten Innenraums mit seinen magischen Fensterfronten und einem Mosaikboden so groß wie zehn Luxuswohnungen, stehen und hängen in allen Ecken und Nischen unbezahlbare Kunstschätze.
Unweit des Allerheiligsten, vor den Augen strenger Christen geschickt verborgen, sind deftige Szenen und lüsterne Paarungen ins fast 700 Jahre alte Holzgestühl geschnitzt - pikanterweise nur ein paar Schritte von jener güldenen Schatztruhe entfernt, in der - wer's glaubt, wird selig - die Gebeine von morgenländischen Monarchen ruhen sollen. Hier steht der Schrein der Heiligen Drei Könige, eine der wertvollsten Reliquien der Christenheit.
Auf Speicherhöhe, oben im Strebepfeiler F 12, tut sich eine Klause auf mit Strom- und Wasseranschluß, Heizung, TV. Von dieser gotischen Mansarde aus wird das Gebäude vor allem nachts beobachtet.
Darüber, auf dem 45 Meter hohen Dachboden, stehen 2300 Quadratmeter Stau- und Werkraum zur Verfügung - nebst Toiletten, Bad und Imbißbude mit Kaffeekocher und Kühlschrank: Arbeitsstelle eines mittelständischen Reparaturbetriebs.
Draußen, in der schwindelnden Höhe der Fialen, Wasserspeier und Dachtraufen, in Winkeln und Spalten und klüftigem Gesims, haben sich 70 verschiedene Pflanzen ausgebreitet: Greis- und Zimbelkraut darunter, Weidenröschen, Tüpfelfarn, Holunder. Vor Jahren brachte es eine Birke sogar auf neun Meter; sie wurde gefällt.
Mitten in diesem unberührten Steingarten steht ein Kriegerdenkmal, das Steinmetze 1929 für ihre gefallenen Kameraden errichtet und mit dem Porträt des obersten Heerführers Hindenburg gekrönt haben.
Gleich nebenan ist Kölns komischste Galerie. Übermütige Handwerker haben hier - die Kirche drückte beide Augen zu - namhafte Zeitgenossen verewigt: Kicker des 1. FC beispielsweise, de Gaulle mit der Knollennase und den wütenden Chruschtschow, wie er 1960 mit seinem Schuh vor der Uno gepoltert hat.
Auf diesen windigen Emporen, die nur schwindelfreie Handwerker betreten dürfen, herrscht zumindest tierisch viel Leben. Hier sind Wanderfalken und Eichhörnchen heimisch, hier tummeln sich Spatzen, Bachstelzen und Tausende von Tauben, die Tonnen von Kot hinterlassen.
Farbige Flechten überziehen Dächer und Brüstungen mit einer filigranen Zweithaut, und ganz oben in der Doppelspitze, wo sich das Gebäude zweimal 157 Meter hoch in den Himmel türmt, haben sich Milliarden von Mikroorganismen ausgebreitet und das einst leuchtende Hell des Baus zu rußigem Anthrazit eingedunkelt - die Natur als Schwarzmaler.
Aber all diese sonderbaren Schauplätze, von der archäologischen Fundgrube im Souterrain bis zu dem seltsamen Biotop zwischen Himmel und Erde, machen die Liegenschaft zwischen dem Kölner Hauptbahnhof und der städtischen Einkaufsmeile noch nicht zu jenem Mirakel, vor dem und in dem jedes Jahr Millionen in die Knie gehen - weniger betend als knipsend.
Das wahre Wunder ist ein Gebirge aus Stein, aus 300 000 Tonnen Tuff und Trachyt, Gneis, Basalt, Kalk- und Sandstein, je zur Hälfte auf und in der Erde verbaut.
Ein monumentaler und doch schwerelos wirkender Koloß mit 120 Gewölben, 50 Strebepfeilern, 124 Strebebögen, mehr als 1000 Skulpturen und an die 11 000 Ziertürmchen ist daraus modelliert worden; Jahrhunderte hat es gedauert, bis alle die Rippen und Bögen, das Maß- und Stabwerk, die Fialen, Wimperge, Skulpturen und Baldachine zu jenem steinernen Ballett choreographiert waren, zu dem nicht nur Gläubige ungläubig aufschauen.
So steht er da: der Kölner Dom, ein gotischer Dino, und gilt heute noch, 118 Jahre nach seiner Vollendung, urbi et orbi als feste Burg begnadeter Statiker, gottesfürchtiger Baumeister und deutschnationaler Schwärmer: Die Hohe Domkirche - postalische Anschrift: Domkloster 4 in 50667 Köln - ist gewiß eine der mächtigsten kirchlichen Bastionen, für viele, vor allem Kölner, sogar das vollkommenste Bauwerk der abendländischen Christenheit.
Im hillijen Kölle, das schon mit den zwölf romanischen Kirchen auf der Welt konkurrenzlos dasteht, ist der Dom mit seiner "volkstümlichen Majestät" und "freundlichen Väterlichkeit" (so der Schriftsteller Dieter Wellershoff) das alles überragende Wahr- und für "Dom Kölsch" ("Das Dom"), die Messe "Domotechnica", das Großkino "Cinedom" und den "Musical Dome" auch Warenzeichen. Daß hier gebetet und gebeichtet werden soll, nehmen die Kölner eher hin als wichtig.
Zwar residiert in diesen heiligen Hallen ein Erzbischof. An Werktagen ist immerhin viermal, an Sonntagen sechsmal Messe. Aber Pfarrkirche ist der Dom gerade mal für die knapp 800 Seelen des stadtzentralen Gemeindesprengels St. Petrus - ein verlorenes Häufchen im Besucherstrom:
Rund 18 000 Gäste pilgern täglich bei freiem Eintritt durch das Monument - fast so viele, wie die Kathedrale (5700 Sitzplätze) auf einmal fassen könnte, stünde darin Mann an Mann, und dreimal mehr, als Kölns Museen zusammen anlocken.
Doch seit letztem Samstag droht dem Dom eine Invasion sondergleichen. Für 16 Tage setzt eine Wallfahrt (Motto: "Wir haben seinen Stern gesehen") die ganze Stadt in Bewegung und unter Weihrauch: Messen, Stundengebete, Führungen, Meditationen sind in dichter Folge terminiert. Polizei und Zigeuner, Matthiasbruderschaften, der Deutsche Lourdes-Verein und fast 50 Würdenträger der Weltkirche pilgern domwärts.
Eingestimmt ins Hosianna zur Grundsteinlegung vor 750 Jahren werden die Kölner seit Monaten. Gleich nach Jahresbeginn jubelten Sternsinger los, Kardinal Meisner feierte ein Pontifikalamt mit anschließendem Umtrunk. Die örtlichen Zeitungen starteten den Abdruck ausführlicher Serien über den Bau und übertrafen sich mit Extrabeilagen. In den Buchläden wuchsen die Stapel mit Dom-Literatur.
Schon Anfang Mai schunkelte die halbe Stadt am Fuß der Kirche beim Bürgerfest. In Sonderausstellungen wird die Dom-Historie inzwischen in allen nur denkbaren Aspekten gewürdigt, aus den 3956 Pfeifen der neuen, rund 2,7 Millionen Mark teuren Orgel braust dazu die Begleitmusik. Auf 100,0 MHz startet ein "Dom Radio", der Dom ist auf CD-Rom und im Internet, münzgeprägt, als Comic verulkt und als Sekt in Flaschen abgefüllt.
Längst hat auch der Souvenirhandel das Jubeljahr im Griff. Zum gängigen DomKitsch (Feuerzeug, Fingerhut, Flaschenöffner, Pillendose, Sofakissen, Zahnstocherbox) kamen - letzter Schrei - eine doppeltürmige Sonnenbrille (zwölf Mark) und, von der Theater- und Showproduktion "Mobilé", eine überlebensgroße Animationsfigur im Dom-Look: Zwischen deren beiden Türmen macht ein Aktionskünstler Hänneschentheater.
Richtig los aber geht der Rummel erst am Vorabend des kommenden Samstags, wenn sich jener denkwürdige 15. August 1248 zum 750. Mal jährt, als der Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden (um 1205 bis 1261) den Grundstein legte.
Von Ende dieser Woche an reihen sich Empfänge, Festakte und -essen, Pontifikalvespern und -hochämter fast pausenlos aneinander; auch in anderen Innenstadtkirchen soll zelebriert und ministriert werden; zu alldem wird das Vollgeläut des Doms ertönen: ein heiliger Bimbam von elf insgesamt über 1000 Zentner schweren Glocken, für deren Inbetriebnahme sich bis zur Elektrifizierung 1909 fast fünf Dutzend gestandene Männer in die Seile hängen mußten.
Dann, zum erhabenen Gebimmel und im feierlichen Gewimmel von Würdenträgern und zahllosen Gläubigen und Neugierigen, droht Köln der Kollaps: Denn am Geburtstag des Doms feiert die Schlagerbranche in Köln ihre Mega-Messe Popkomm; auf den Ringen, den städtischen Boulevards, startet das laut Veranstalter-Werbung "größte Straßenfest der Welt", und der Einzelhandel erwartet das Wochenend-Shopping.
So ist denn nicht ausgeschlossen, daß das mehrtägige Jubilate, zu dem die Stadt, das Erzbistum und das Metropolitankapitel in Köln geladen haben, in ein echt rheinisches Tohuwabohu aus inbrünstigen Seelenhirten, ausgelassen Techno-Freaks, bierseligen Hallodris und Tütenträgern von Kaufhof und Karstadt gipfelt.
Unpassend wäre das allerdings nicht. Denn bei aller Achtung vor der Hohen Domkirche: Mittenmang in Trubel und Geschäftigkeit stand sie schon immer; wenn Köln Kobolz schlägt, dann zu ihren Füßen - auf dem heißen Pflaster von Domplatte und Roncalliplatz.
Hier fegt Jungvolk auf Rollerblades und Skateboards zwischen Touristenpulks, Pflastermalern und Straßenmusikanten herum. Hier haben schon Pavarotti, Phil Collins, die Bläck Fööss gesungen, und Kanzler Kohl will hier Stimmen fangen.
Hier tauchen immer wieder Dealer und Junkies auf und Stadtstreicher und Saufbrüder unter. Auch der Strich verläuft gelegentlich bis zum Dom, und nach Sonnenuntergang schlagen Rudel aufgeknöpfter Männer dort ihr Wasser ab.
Vor 20 Jahren noch wurden im Schatten des Gotteshauses täglich bis zu 50 strafbare Handlungen registriert. Seit eine eigene Domstreife das Gelände observiert, ist die Zahl auf ein Zehntel gesunken.
Am Rosenmontag fliegen in Köln nirgends so viele Kamelle wie rund um den Dom, wo dann Kirmes ist. Jeden Sommer, bei der Parade am Christopher Street Day, zeigen Kölns Schwule und Lesben auch hier hautnah Sinneslust. Jeden Dezember ist an dieser Stelle Weihnachtsmarkt, dann steht der Dom im Qualm aus den Kartoffelbuden: An jeder Eck jitt et Rievkooche.
Allerdings tobt sich auf der Szene um den Dom nicht nur die stadtbekannte Lebensart aus. Das majestätische Monument und seine spektakuläre Aura haben auch immer wieder Spinner und Protestler angelockt.
Vor zwei Jahren raste ein betrunkener Jüngling aus Liebeskummer mit seinem Sportwagen über die Domplatte und bretterte gleich sechsmal gegen das Hauptportal der Kirche.
Als der Golfkrieg ausbrach, richtete hier der arbeitslose Lehrer Walter Herrmann seine Klagemauer auf und mußte das populär gewordene Mahnmal nach jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen wieder abräumen lassen.
Im Frühjahr 1997 stiegen Greenpeace-Aktivisten auf die Aussichtsplattform des Südturms, hangelten mit Seilen und Enterhaken hinüber zum Nordturm und spannten dann zwischen den Spitzen ihr Spruchband gegen Gen-Manipulationen auf: "Mensch ist nicht Gott."
Sechs Monate später segelte ein kalifornischer Sensationsspringer ohne Erlaubnis mit dem Fallschirm vom Dom. Der Herr war mit ihm: Er landete glatt.
Letzten Monat erst posierten vier Nackedeis - unten rum mit paradiesischen Feigenblättern bedeckt - mehr als eine Stunde vor dem Südportal: "Ein Frevel, der uns fassungslos macht", heuchelte das Boulevardblatt "Express" unter dem Foto des Quartetts auf der Titelseite.
Wer sich indes wirklich am Dom, seiner Würde und gar seinen Schätzen vergreift, muß in Köln mit der vollen Härte der Verdammnis rechnen.
1989 alarmierte ein vorbestrafter Nachtclubbesitzer mit einer Bombe im Glockenstuhl die Polizei: "Ich sprenge mich und den Dom in die Luft!" Das Gotteshaus wurde geräumt, der vermeintliche Attentäter mit seiner Attrappe verhaftet.
1995 verschwand aus der Schatzkammer ein silbernes Vortragekreuz des Erzbischofs. Ausgerechnet der Tip des ehemaligen Kölner Unterweltlers Heinrich Schäfer ("Schäfers Nas") führte zur Rückgabe der Kostbarkeit.
Im November 1975 war es allerdings ganz dicke gekommen. Damals drangen Einbrecher mittels Strickleiter durch den Ventilatorschacht in die Schatzkammer ein und entwendeten neben Kußtafel, Bischofsringen und vielerlei Geschmeide auch eine 1657 gefertigte Goldmonstranz mit Bergkristall, einen Solitär des Fundus.
Die Kriminalpolizei trommelte 40 Ermittler zu einer Sonderkommission zusammen, Interpol fahndete mit, 1976 wurde der Haupttäter in Mailand dingfest gemacht. Doch da waren die wertvollsten Kunststücke bereits ausgeschlachtet oder eingeschmolzen.
Vermutungen, derlei Umtriebe und Übergriffe im sakralen Raum seien Indizien moderner, gottloser Enthemmung, mögen zwar naheliegen, gehen aber fehl.
Tatsächlich fängt die ganze Geschichte des Kölner Doms mit einem Krimi an: Ohne den Sündenfall hochmittelalterlicher Bauherren wäre jedenfalls jene Kathedrale kaum errichtet worden, deren Geburtstag die Stadt jetzt feiert. Köln bejubelt die Folgen einer Missetat.
Am 30. April 1248 gellten durch die rheinische Metropole Entsetzensschreie: "Der Dom brennt!" In Flammen stand damals jene im Jahre 870 geweihte Basilika, die seinerzeit schon zu den Prachtexemplaren kirchlicher Baukunst und zu Kölns Attraktionen gehörte. Das Feuer, das den gewaltigen Kirchenkomplex "vollständig bis auf die nackten Mauern" (so ein Zeitzeuge) in Schutt und Asche legte, war vorsätzlich entzündet worden: Der alte Dom schien den Kölnern zu popelig.
Spätestens seit sich unter ihnen ein stolzer, aufmüpfiger Bürgersinn breitgemacht hatte, 1164 die angeblichen Gebeine der Heiligen Drei Könige auf geheimnisvollen Wegen in die Stadt überführt worden waren und Köln zu einem abendländischen Pilgerzentrum aufstieg, phantasierten die Stadt- und Domherren von einem Neubau - größer als alles Bisherige, vor allem als die vielen Vorbilder, die die Welschen bereits gen Himmel wuchteten.
Denn beim französischen Nachbarn, in Paris, Chartres und Bourges, in Rouen, Amiens, Beauvais, waren sie schon schwer bei der Arbeit, dort hatte die Epoche in der Hochgotik bereits ihr architektonisches Ideal kultiviert.
Da mußten sich die Rheinländer dranhalten. So wurde der "Alte Dom" einfach abgefackelt, und ein Nachfolger, zum Hort vor allem des Dreikönigsschreins ausersehen, kam auf Reißbrett und Pergament.
Rund drei Jahrhunderte wurde wacker gewerkelt - gemessen an der Größe des Projekts und den technischen Möglichkeiten der Zeit gewiß ein - von kölschem Klüngel gestörter und von rheinischem Müßiggang gebremster - Kraftakt.
Doch 1410 mußten bereits die Arbeiten am gerade mal 58 Meter hohen Südturm gestoppt werden - selbst das reiche Köln hatte sich übernommen, die Pest begann zu wüten, den Leuten stand der Kopf nicht länger nach Luftschlössern zum Lobe des Herrn.
1560 schließlich wurden die Bauarbeiten ganz eingestellt. Köln besaß fortan, für 282 Jahre, die berühmteste Ruine der Welt: Türme als Stümpfe, eine Mauer vor dem fertigen Chor, dazwischen das nur 13 Meter hoch gezogene, provisorisch abgedeckte Langhaus - ein blamables Stückwerk, über dem nun fast drei Jahrhunderte lang ein hölzerner Kran im Wind krächzte: Symbol einer vergammelnden Metropole und ihrer hochfliegenden Pläne.
1794 - Frankreichs Kathedralen strahlten längst in gotischer Vollendung - wurde Köln von französischen Revolutionstruppen besetzt. Die verboten den Gottesdienst im Torso-Dom, vagabundierten durchs Gotteshaus, verheizten die hölzernen Innereien, benutzten die Räumlichkeiten als Gefangenenlager und Pferdestall. Der französische Bischof Berdollet wollte das Provisorium sogar schleifen.
Doch in diesen Wirren hatte ausgerechnet ein Twen, der Kölner Kaufmannssohn Sulpiz Boisserée, die rettende Idee. Mit kundigen Helfern begann er 1808, das Fragment zu vermessen, in präzisen Zeichnungen festzuhalten und zugleich das Phantom der fertigen Kathedrale auszumalen.
Sechs Blätter schickte er Goethe; aber der Geheime Rat winkte erst einmal ab: "Der perspektivische Aufriß" beweise die "Unausführbarkeit eines so ungeheuren Unternehmens", man sehe "mit Erstaunen das Märchen vom Turme zu Babel an den Ufern des Rheins verwirklicht" - ein "leider nur beabsichtigtes Weltwunder".
Aber Sulpiz, der kölsche Jung, gab nicht auf. Wenig später fuhr er persönlich nach Weimar und überredete den Dichterfürsten zu einer Besichtigung vor Ort. Tagelang inspizierte Goethe "das tüchtigste, großartigste Werk, das je mit folgerechtem Kunstverstand auf Erden gegründet worden" sei. Dann hatte der Poet Feuer gefangen, und alsbald flackerte landesweit neue Begeisterung auf für das alte Projekt.
Der preußische Oberbaudirektor Karl Friedrich Schinkel wurde an den Rhein entsandt, die Dombauhütte als Schaltstelle aller Aktivitäten wiedereröffnet, der Zentral-Dombau-Verein für die globale Kollekte gegründet.
1841 gab der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die offizielle Order zum Weiterbau und verfügte zugleich, daß die künftige Eisenbahnbrücke über den Rhein schnurstracks auf die Mittelachse des Doms zulaufen müsse: Majestät wollten bei jeder Anreise geraden Kurs auf das Gotteshaus nehmen.
"Der Geist, der diese Tore baut, ist der Geist deutscher Einigkeit und Kraft", tönte der Monarch, als er am 4. September 1842 den Hammer zur zweiten Grundsteinlegung schwang: "Der Dom rage über Deutschland, über Zeiten, reich an Menschenfrieden, reich an Gottesfrieden bis an das Ende der Tage."
Schließlich setzte Majestät noch trefflich eins drauf: "Alaaf Köln!" Nach diesem Hochruf ging es wieder rund in der Stadt; 330 Handwerker, mehr als je zuvor, spuckten gottesfürchtig und königstreu in die Hände.
Doch je rascher und sichtbarer der Dom seiner Vollendung entgegenging, um so heftiger wurden die Debatten über seinen politischen und künstlerischen Rang. Ging das mit rechten Dingen zu: eine Hochburg der Una Sancta und der rheinischen Klerisei auf Kosten des protestantischen Preußens? Nein, eine Schande! Und hatte das Stil: einen Plan aus der Hochzeit der Gotik ein halbes Jahrtausend später zu realisieren und so Anschluß zu suchen ans heile Weltbild des Mittelalters? Nur eine Geschmacksfrage?
1844 schrieb Heinrich Heine "Deutschland, ein Wintermärchen" und machte sich seinen lästerlichen Reim: "Er ward nicht vollendet - und das ist gut / Denn eben die Nichtvollendung / Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft / Und protestantischer Sendung."
Als Fjodor Dostojewski 1862 in Köln aufstippte, erschien ihm die Kirche "wie ein Galanterie-Gegenstand", der "nur aus Spitzen und Spitzen und nichts als Spitzen" bestehe. Doch bei der zweiten Visite tat er Abbitte: Er wolle den Dom "kniend um Verzeihung bitten, weil ich seine Schönheit beim ersten Mal nicht begriffen hatte".
Immerhin ketzerte noch der stadteigene Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll über das "Hohenzollerngebilde" und ließ in einem satirischen Gedicht "die Türme des Kölner Doms nun doch abtragen".
Als der Gigant 1880 endlich in voller Größe dastand, stand zugleich fest: Hier war weniger ein Ort christlicher Einkehr als ein Hort nationalen Prestiges aufgerichtet worden. Entsprechend kakophonisch, mitten im Kulturkampf, verlief die Weihe.
Zwar läuteten alle Glocken und die Kanonen böllerten, als Kaiser Wilhelm I. im Sonderzug andampfte. Aber das Herrscherpaar ging zunächst zum evangelischen Dankgottesdienst - ein Affront.
Der Kölner Erzbischof fehlte beim folgenden Staatsakt; er saß im niederländischen Exil. Das Domkapitel boykottierte alle Feierlichkeiten außerhalb des Doms. Die Kölner sangen das vom Kaiser eigens bestellte Tedeum nicht mit. Ein richtiger Gottesdienst fand gar nicht erst statt. Nicht mal 30 Minuten nahm sich Majestät zur Besichtigung Zeit und mied auch das städtische Festbankett.
Allerdings ließ er es sich nicht nehmen, am nächsten Tag noch einmal vorbeizuschauen, als das Kölner Volk seinen Dom erstmals und nun ein für allemal in Besitz nahm und unter karnevalistischem Trubel zur städtischen Ikone erhob.
4000 Teilnehmer sammelten sich zum historischen Festzug, den der Kaiser gleich zweimal an seinem Pavillon vorbeiziehen ließ; auch Klein Konrad Adenauer stand unter den Schaulustigen.
Den lautesten Beifall fand eine gewaltige Germania, die über das Modell der Kirche gönnerhaft den Siegeskranz hielt: Der Dom war so vor aller Augen als Walhall von Preußens Gnaden und zu Preußens Gloria ausgestellt - ein nationales Denkmal, gebaut für alle Zeiten.
Doch der Rausch über das Werk für die Ewigkeit verflog rasch. Nach der Andacht am 20. Mai 1906 stürzte ein Steinbrocken mit großem Getöse vor das Hauptportal - Menetekel einer Entwicklung, die Experten längst prophezeit hatten: Der Dom, kaum fertig, begann zu zerfallen, und spätestens unter den Bomben des Zweiten Weltkriegs wurde er bis ins Mark erschüttert.
14 Volltreffer und zahllose Brandsätze ließen 9 der 22 Gewölbejoche einstürzen; das 25 Meter hohe Westfenster und die Orgel gingen zu Bruch; fast alle Portale wurden beschädigt; der Nordgiebel brach ein; aus dem Sockel des Nordturms wurden 80 Kubikmeter Steinmasse gerissen. Der Turm mit dem zehn Meter hohen Loch drohte einzustürzen und mußte durch 27 500 Ziegelsteine abgestützt werden.
Als die Deutschen beim Rückzug 1945 den Hauptbahnhof und die Hohenzollernbrücke sprengten, lösten die Erschütterungen weitere Steinmassen. Den Rest besorgten die Alliierten, als sie die hinderlichen Trümmer der Brücke in die Luft jagten: Unter dem Druck der Detonationen krachten noch einmal Massen wackliger Bausubstanz in die Tiefe.
Und doch: Der Dom war stehengeblieben, als nachtschwarzes, makabres Skelett im Herzen einer plattgebombten Stadt. Köln lag am Boden.
Aber die Kölner ließen sich nicht unterkriegen und feierten - im Dom, am Dom und um ihn herum, wo auch sonst in diesem trostlosen Trümmerfeld.
1948, als die schlimmsten Kriegsschäden provisorisch repariert waren und im Chor schon wieder Gottesdienste stattfinden konnten, begingen die Kölner den 700. Jahrestag der Grundsteinlegung, und der Dreikönigsschrein rumpelte dabei auf einem stinkenden Laster durch die Ruinen.
Acht Jahre später, zum 77. Deutschen Katholikentag, war bereits wieder der gesamte Innenraum der Kirche zugänglich. 1980 schließlich, bei der Jahrhundertfeier der Vollendung, schien der Dom wieder ganz der alte, zugleich ein Markenzeichen des neuen Deutschland, zu dem führende Köpfe und gekrönte Häupter ehrfürchtig aufblickten: Charles de Gaulle und Schwedens König Gustav VI. Adolf, Englands Monarchin Elizabeth II., ihr Sohn Charles und Prinzessin Diana, Haile Selassie aus Äthiopien, der Dalai Lama und Raissa Gorbatschowa.
Ein einziges Mal, vor 18 Jahren, ließ sich sogar ein leibhaftiger Pontifex, Papst Johannes Paul II., auf jenem Ehrenplatz nieder, der im Dom dem Heiligen Vater vorbehalten und weder vorher noch danach benutzt worden ist.
So, mit allen klerikalen und weltlichen Weihen versehen, wurde der Dom Ende 1996 von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben, selbst in exotischen Ländern wie Togo und Lesotho auf Briefmarken verewigt und auf dem Titel des SPIEGEL als Sinnbild der drohenden Klimakatastrophe sogar unter Wasser gesetzt.
Science-fiction-Autoren ließen ihn in einer Radio-Reportage einstürzen (2 Tote, 5 Verletzte, 2000 Verschüttete) und in einem TV-Melodram mit fernseheigenem Schmackes in die Luft fliegen.
Doch Knall auf Fall wird das grandiose Gotteshaus wohl kaum das Zeitliche segnen, eher Stein für Stein und Stück für Stück: An der Wende zum zweiten nachchristlichen Jahrtausend steht es um den Dom nicht zum besten - er bröselt, er bröckelt, es wird brenzlig in diesem steinernen Meer.
Im Herbst 1984 riß der Sturm am Südturm eine mächtige Fiale in die Tiefe, die auf dem Sturz nach unten eine Schneise der Verwüstung hinterließ: ein böses Omen jener teuflischen Kräfte, die dem Gotteshaus zunehmend zu schaffen machen.
Natürliche Einflüsse wie Sonne, Wind, Regen und Frost setzten der Kirche naturgemäß schon immer zu. Aber diesen unvermeidlichen Elementen, die ständig auf die über 50 verschiedenen Gesteinsarten einwirken, könnte die moderne Denkmalpflege vielleicht noch trotzen.
Gefährlicher sind jene unsichtbaren Schädlinge, die als Schmarotzer der frischen Luft überall hinkommen und sich zentimetertief ins Steininnere fressen - gerade bei einem Bauwerk mitten in einer vermieften Millionenstadt, die von einem Kranz emissionsfreudiger Chemiekonzerne umrahmt ist.
So, wie es aussieht, wird der Dom allmählich vergiftet. Vor allem das Schwefeldioxid, das sich mit Niederschlägen zu saurem Regen, zu Schwefelsäure, verbindet, nagt am Gestein. Denn die Säure wiederum mischt sich mit dem Kalk, der in fast allen Steinsorten des Doms enthalten ist, zu Calciumsulfat. Die Folge: Die Steine vergipsen, ihre verkrustete Oberfläche nimmt noch mehr toxische Flüssigkeit auf.
Ein Teufelskreis von apokalyptischer Dimension: Denn bricht unter der Langzeitwirkung des Smogs ein tragendes Element weg, gerät die hochkomplizierte Statik ins Wanken, und wenn die wankt, schwankt gleich das Ganze.
"Eine bestimmte, als ungefährlich angesehene Grundbelastung hinzunehmen", diagnostiziert der amtierende Kölner Dombaumeister Arnold Wolff den Zustand seines Arbeitsplatzes, sei "im Blick auf Lebewesen durchaus folgerichtig, für die Materialien aber und damit für die Kulturgüter der direkte Weg in den endgültigen Untergang".
Was tun? Jedes Jahr werden mittlerweile an die 15o Tonnen Domgestein ausgewechselt und in mühsamer Schwerstarbeit Tausende Dübel erneuert, die die kolossalen Steinquader verankern und so heikles Gewackel verhindern. Auf dem Domdach wurde bereits eine Vielzahl verschiedener Gesteinsproben ausgelegt, zur einen Hälfte unbehandelt, zur anderen chemisch konserviert. Ein Vergleich soll den effektvollsten Schutz ermitteln.
Mittlerweile sind am Dom um die 50 Silikonharze ausprobiert worden, auf denen das toxische Regenwasser anstatt einzusickern glatt abfließen kann. Das gesamte Strebewerk am Chor soll so, für den Betrachter unsichtbar, imprägniert werden.
Durch die dringend notwendigen Ersatz- und Ausbesserungsarbeiten, sagt Dompropst Bernard Henrichs, "haben wir langsam, aber sicher eine Zweitausgabe des Doms". Aber, so Dombaumeister Wolff: "Wir können nicht alles ersetzen. Soweit fehlende Stücke für den Umriß des Doms von Bedeutung sind, werden sie erneuert. Alles andere müssen wir weglassen."
Just vor dem anstehenden Jubiläum wurde, als störender Blickfang, ein riesiges Metallgerüst auf den Nordturm gehievt und dürfte als wandernde Baustelle noch Jahrzehnte sichtbar bleiben.
Von hier aus, in 85 Meter luftiger Höhe, müssen allein 32 verwitterte und bis zur Unkenntlichkeit entstellte Engel unter hochalpinen Bedingungen demontiert, restauriert und ausgewechselt werden. Danach soll der Dom Schritt für Schritt nach weiteren Zeichen des Zerfalls abgesucht werden.
Dabei geht schon das derzeitige Nothilfeprogramm der Dombauhütte, die es bewältigen muß, fast über ihre Kräfte. 93 Mitarbeiter, rund zwei Drittel davon Handwerker, nehmen derzeit teil am Wettlauf gegen die Zeit und die Folgen des Smogs.
Rund zwölf Millionen Mark im Jahr können die Steinmetze, Glasmaler, Dachdecker und Schlosser des domeigenen Mittelstandsunternehmens für Erste Hilfe ausgeben - bei steigenden Preisen und wachsendem Bedarf ein bombensicherer Job auf fast verlorenem Posten.
"Veränderungen sind nur im minimalen Bereich möglich", räumt auch die Erlanger Kunstgeschichtsprofessorin Barbara Schock-Werner, 51, ein, die sich gegen 31 Bewerber als Dombaumeister durchgesetzt hat und Anfang Oktober nach Köln wechseln wird, als erste Frau an der Spitze der Hütte.
Auch sie, die gelernte Bauzeichnerin und studierte Hochbauingenieurin, wird sich notgedrungen auf das wichtigste Flickwerk beschränken müssen. Schließlich, so ihr Vorgänger Wolff, sei die Kathedrale "kein Zustand, sondern ein Vorgang".
Doch mit etwas Glück könnte Frau Schock-Werner gleichwohl in die Geschichte des Doms eingehen. Denn vielleicht stößt sie bei ihren künftigen Kontrollgängen durch das gotische Kolosseum doch mal auf jenen sagenhaften Grundstein von 1248, mit dem die ganze Geschichte des Doms angefangen hat und der in diesem Jahr zum Stein des Anstoßes für Kölns Hosianna geworden ist.
Dieses gute Stück ist bis heute nicht gefunden worden. Wahrscheinlich liegt es in einem mittelalterlichen Sommerloch.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 33/1998
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SYMBOLE:
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