24.08.1998

„Ein schwarzer Tag für Amerika“

Der Islamisten-Führer Ussama Ibn Ladin über seinen Glauben, seine Weltsicht und den Kampf gegen die Vereinigten Staaten
Wenige Wochen vor den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania gab Ibn Ladin, 41, dem amerikanischen Fernsehsender ABC in einem seiner Verstecke in Afghanistan ein Interview. Auszüge:
Frage: Sie stammen aus einer wohlhabenden Familie und kämpfen nun an der vordersten Front. Vielen Amerikanern erscheint dies sehr außergewöhnlich.
Ibn Ladin: Gelobt sei Gott. Es ist schwer, mein Handeln zu begreifen, wenn man nicht den Islam versteht. Gott befiehlt uns den Heiligen Kampf, den Dschihad, um sein Wort über die Worte der Ungläubigen zu stellen. Wir glauben, daß dies ein Dienst an Gott ist.
Frage: Sie gelten als der meistgesuchte Mann der Welt. Beunruhigt Sie das?
Ibn Ladin: Es interessiert uns überhaupt nicht, was die Amerikaner glauben. Die Amerikaner stellen sich über jeden, der an seine Religion und an seine Rechte glaubt. Sie klagen unsere Kinder in Palästina an, Terroristen zu sein. Doch diese Kinder haben keine Waffen. Und zur gleichen Zeit verteidigen die Amerikaner den Staat der Juden, dessen Politik darin besteht, die Zukunft dieser Kinder zu zerstören.
Frage: Sie haben einmal gesagt: Wenn die Amerikaner wirklich tapfer sind, sollten sie doch kommen und mich festnehmen. Glauben Sie, daß dieser Fall eintreten wird?
Ibn Ladin: Wir haben im vergangenen Jahrzehnt den Niedergang der amerikanischen Regierung erlebt, auch die Schwäche des amerikanischen Soldaten, der zwar in der Lage ist, Kalte Kriege zu führen, aber einen langen Kampf nicht durchstehen kann. Wir dagegen sind gerüstet für alle Fälle.
Frage: Sie haben ein religiöses Gutachten, eine Fatwa, erlassen, das alle Muslime aufruft, Amerikaner zu töten.
Ibn Ladin: Allah hat uns aufgegeben, islamischen Boden von allen Ungläubigen zu säubern, das gilt besonders für die arabische Halbinsel, wo die Kaaba steht. Wir müssen zu solchen Mitteln greifen, um Übel wie euch von den Muslimen fernzuhalten. Euer Umgang mit Muslimen in Palästina ist beschämend, wenn Amerika überhaupt noch so etwas wie Scham besitzt. Die von den Amerikanern durchgesetzten Sanktionen gegen den Irak haben zum Tod von mehr als einer Million Kindern geführt. Wir glauben, daß die Amerikaner die größten Diebe und Terroristen der Welt sind. Unsere einzige Chance, diese Angriffe abzuwehren, besteht in der Anwendung ähnlicher Methoden. Wir machen keinen Unterschied zwischen Militärs und Zivilisten. Gemäß unserer Fatwa sind sie alle legitime Ziele. Die Fatwa richtet sich gegen alle, die Muslime morden, die unsere heiligen Stätten entweihen oder den Juden dabei helfen, islamisches Land besetzt zu halten.
Frage: US-Fahnder ermitteln immer noch, ob Sie die Anschläge auf die US-Militärstützpunkte von Riad und Dhahran in Saudi-Arabien befohlen und finanziert haben.
Ibn Ladin: Wir haben unsere Fatwas ausgesprochen und das Volk aufgerufen, den Feind aus dem Heiligen Land zu vertreiben - einige haben uns erhört. Wir beten zu Gott, daß er sie zu Märtyrern erhebt. Sie haben etwas von der Schande weggewaschen, die die saudische Regierung über uns gebracht hat, indem sie mit den Amerikanern im Land Allahs kollaboriert.
Frage: Wie sehen Sie Amerikas Zukunft im Nahen Osten?
Ibn Ladin: Wir sind uns des Sieges sicher. Unser Kampf mit den Amerikanern hat eine größere Dimension als der gegen die Russen in Afghanistan. Wir prophezeien einen schwarzen Tag für Amerika und den Untergang der USA. Sie werden sich zurückziehen müssen aus unserem Land.
Frage: Wie sehen Sie die Zukunft des saudischen Königshauses?
Ibn Ladin: Sie haben die muslimische Gemeinschaft verlassen. Wie die iranische Königsfamilie, wie der Schah, werden sie zerfallen und verschwinden. Und die Amerikaner werden das Land verlassen, wenn unsere Jugend ihnen die hölzernen Kisten und Särge mit den Leichnamen amerikanischer Soldaten und Zivilisten zurückschickt. Unser nächster Sieg wird die Amerikaner die Schrecken von Vietnam und Beirut vergessen lassen.
Frage: Haben Sie eine Botschaft an die amerikanische Nation?
Ibn Ladin: Das amerikanische Volk hat sich einer verräterischen Führung anvertraut. Das wurde besonders deutlich unter Clinton. Die amerikanische Regierung ist ein Agent Israels. Sie wirft das Leben von Amerikanern in Saudi-Arabien für die Interessen der Juden weg. Deshalb sage ich dem amerikanischen Volk, den Müttern der Soldaten und allen amerikanischen Müttern überhaupt: Wenn ihnen ihr Leben und das ihrer Kinder etwas wert ist, sollen sie sich eine wahrhaft nationale Regierung suchen, die ihre Interessen vertritt und nicht die der Juden. Die Fortsetzung der Tyrannei wird Amerika nur den Kampf bringen. Unsere Bewegung schreitet schnell und mühelos voran. Ich bin mir unseres Sieges über Amerika und die Juden mit Gottes Hilfe gewiß. Jeden Tag, um den die Amerikaner ihren Rückzug verzögern, werden sie neue Leichname aus islamischen Ländern heimführen müssen.

DER SPIEGEL 35/1998
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