31.08.1998

FRAUENKarriere einer Unscheinbaren

Putzlappen, geistloses Sexualobjekt, biederes Heimchen - Goethes Gattin Christiane Vulpius spielt in Lebensbildern meist eine kümmerliche Nebenrolle. Jetzt feiern eine penibel recherchierte Biographie und ein neuer Film die Originalität der Frau an der Seite des Genius.
Ich wohne jetzt bei ihm." Sie sagt den Satz leise, fast wie nebenbei. Aber ihre Augen funkeln vor Glückseligkeit. Die graue Dichter-Eminenz erschrickt, geblendet und verzaubert von der sinnlichen Kraft der jungen blonden Frau. Den Alten streift ein großes Geheimnis.
Die Szene, vergangene Woche gedreht, zeigt den Dichter Christoph Martin Wieland und Christiane Vulpius, die seit Monaten das Liebeslager mit Goethe teilt, schwanger ist und sich einem Vertreter des Weimarer Establishments offenbart, das die Nase über soviel Liederlichkeit rümpft.
Veronica Ferres spielt Christiane in Egon Günthers Spielfilm "Die Braut", der kommendes Frühjahr, wenn aus der jetzigen Baustelle Weimar die Kulturhauptstadt Europas wird, in die Kinos gelangen soll. Die Rolle könnte der endgültige Durchbruch der Ferres werden: Weg vom Image der hochbusigen Praline für männliche Gier, wie noch in "Rossini" zu sehen, hin zur Charakterdarstellerin.
Die virtuose Natürlichkeit jedenfalls, mit der der blonde Star in dieser Szene seine Defizite in Angelegenheiten der Bildung zugibt - laut Drehbuch kennt sie nicht mal den "Werther" - und lächelnd in einen persönlichen Sieg verwandelt, bestätigt Günthers hohes Lob für die "vitale und naive" Schauspielkunst der Ferres. Er muß es wissen: Seine Verfilmung des Goethe-Stoffes "Lotte in Weimar" von 1975 überzeugte vor allem dank Lilli Palmer in der Hauptrolle.
Doch es geht nicht bloß darum, daß die Figur der Christiane einem Jungstar Gelegenheit gibt, sein Können im historischen Kostüm zu zeigen, und daß sich ein 71jähriger Defa-Regisseur einen Lebenstraum erfüllt. Wichtiger ist: In den Zeiten des latenten Geschlechterkampfes und der allgemeinen emotionalen Unsicherheit, ob und zu welchem Preis die große Liebe zu haben ist, imponiert eine absolut redliche Frau wie Christiane. Trotz der Schmähung durch die Gesellschaft, trotz vieler Zumutungen von seiten ihres berühmten Mannes hielt sie unerschütterlich zu Goethe.
Ein Geheimnis liegt über der Beziehung zwischen dem Genius und seiner Begleiterin. Da bleibt, wie Ferres sagt, ein "Freiraum für die Phantasie". Nicht nur sie kniet sich "wie eine Besessene" (Günther) in die Rolle. Auch ihr Partner Herbert Knaup, viel beschäftigt in neueren deutschen Filmen wie "Irren ist männlich" oder "Die Sieger", agiert mit einer Leidenschaft, die am Thema liegen muß.
Eine Unscheinbare macht Karriere im neudeutschen Gemüt. Bloß: wer war die Vulpius? Die Literaturgeschichte hat sie wenig geachtet, höchstens als willigen Putzlappen für das Genie, als biedersinnige Gesellin und sinnlichen "Bettschatz" (wie Goethes Mutter das nannte) ohne Anspruch auf intellektuelle Beachtung.
Sie habe die Kastrationsängste des Dichterfürsten gemildert, spekulierte beispielsweise der Psychoanalytiker Kurt Robert Eissler, habe ihn aus dem selbst auferlegten Triebkerker befreit: Über zehn Jahre hatte Goethe in der letztlich platonischen Beziehung mit Frau von Stein ausgeharrt, um die früheren inzestuösen Wünsche gegenüber seiner Schwester Cornelia zu verdrängen. Ferndiagnosen.
Für die meisten Zeitgenossen hingegen war die Christiane-Diagnose sehr einfach. Sie sei, fand Wieland, eine "Magd", ein "rundes Nichts" (Charlotte von Schiller), "eine Blutwurst", die "toll" geworden (Bettina von Arnim) - auf jeden Fall zu schlicht, zu gering für das Genie.
Die Realität sah anders aus. Was Günther im Film illustriert, hat die Berliner Autorin und Goethezeit-Kennerin Sigrid Damm historisch belegt. Ihr soeben erschienenes Buch "Christiane und Goethe", ein akribischer, fesselnder Dokumentarbericht, heißt nicht umsonst im Untertitel "Eine Recherche". Er dürfte selbst hartgesottene Christiane-Verächter nachdenklich machen*.
Zwei Jahre lang hat Sigrid Damm sich durch Kirchenbücher, Hofakten, Familienurkunden, Tagebücher und Freundesbriefe gewühlt, hat Wäschelisten, Preiszettel und Bedientenzeugnisse ausgewertet. Das Ergebnis läßt Christianes kärgliche Jugend
* Sigrid Damm: "Christiane und Goethe. Eine Recherche". Insel Verlag, Frankfurt/Main; 540 Seiten; 56 Mark.
lebendig werden, ihre Aufrichtigkeit, ihre Zähigkeit und ihren Hang zur Geselligkeit bei Kartenspiel und Komödienbesuch.
So manche Legende löst sich dabei auf, mehrfach kommt sogar Ungedrucktes zutage. Damm führt vor,
* welch demütigendes Leben Vater Vulpius geführt hat: Er hatte Jura studiert, wurde aber erst nach zehn Jahren Wartezeit auf einen winzigen Verwaltungsposten berufen - bis er, der von 50 Talern pro Jahr fünf Menschen ernähren mußte, wegen eines ungeklärten Mißgriffs im Amt 1782 entlassen wurde und fortan praktisch arbeitslos blieb;
* daß die Kinder von Goethe und Christiane - abgesehen vom ersten, August - wohl deshalb nicht überlebten, weil der Rhesusfaktor in den Blutgruppen der Eltern sich widersprach;
* wie die körperlich robuste, später rundliche Christiane erst 1815, durch zwei rasch nacheinander erlittene Schlaganfälle, todkrank wurde;
* daß weder Christianes Grabstein in Weimar an authentischer Stelle liegt noch sicher ist, ob sie ihren eigenen Geburtstag kannte: stets feierte sie, die öffentlich als "Christiana" unterschrieb, am 6. August, obwohl sie laut den Urkunden am 1. Juni 1765 zur Welt gekommen war.
Mit unzähligen Details belegt das Buch auch: Die junge Frau, die der Minister Goethe (Jahresgehalt bei Einstellung: 1 200 Taler) nach der Rückkehr aus Italien zu seiner Geliebten machte, war couragiert, lebenstüchtig und keineswegs überdreht.
Wie jedes einfache Mädchen hatte Christiane täglich Wasser am Brunnen holen müssen. Zu mehr als ein wenig Lesen, Schreiben und Rechnen hatte die Schule nicht gereicht. Aber sie, nicht ihre Stiefmutter, war bei der Regierung um Gnade vorstellig geworden, als der Vater Vulpius wegen seines bürokratischen Fehlers sogar kurzfristig ins Zuchthaus gesteckt worden war. Sie wurde dank ihres Jobs in einer Stoffblumen-Manufaktur zur Miternährerin der Sippe. Und sie selbst bat den hohen Herrn Goethe im Juli 1788, er möge ihrem Bruder Christian August, der sich als Schriftsteller mit Schauspielen und Abenteuerromanen durchzuschlagen versuchte, aus akuter Geldnot helfen.
22 Gulden schickte Goethe sofort ab - und war damit der Zuneigung Christianes sicher. Fast ein dreiviertel Jahr trafen die beiden einander heimlich, meist nachts in Goethes Gartenhaus: "Lieblich gab sie Umarmung und Kuß bald mir gelehrig zurück", dichtete beseligt der Minister in den "Römischen Elegien". Fast ein Jahrzehnt ließ er das deftige Werk in der Schublade; allzu deutlich sprachen die Verse aus, daß Goethe und Christiane tatsächlich ihre Liebe "durch sämtliche zwölf Kategorien" genossen hatten, wie der Geheime Rat später einmal verriet.
Aber Christiane war eben mehr als ein Sinnenwesen für amouröse Stunden. Jahrelang hat sie - die sich in Briefen "Dein Hase" oder "dein Gleinnes nadur Wessen" nannte - für ihren "Superben Schatz" einen Hausstand von bis zu sieben Bediensteten geleitet, ihr "Krautland" beim Gartenhaus beackert, vom Hausherrn gerühmte "Knackwürste" fabrizieren lassen und auch das "Schüttchen", den Stollen zum Advent, gebacken. Aber öffentlich durfte sie als Nicht-Ehefrau kaum in Erscheinung treten. Weimars adlige Damen wachten eifersüchtig über ihre Standesrechte.
Charlotte von Stein, Goethes Weimarer Freundin vor der Italienreise, war natürlich besonders pikiert gewesen, als sie herausfand, weswegen der Minister sie nicht mehr wie früher mit Briefen bestürmte. Er bat um Verständnis für das "arme Geschöpf". Die Ex-Freundin aber war enttäuscht, daß er sich "so herabwürdigt", und eifersüchtelte gegen sein "dummes häusliches Verhältnis".
Für Regisseur Günther ist Charlotte von Stein noch deutlicher eine Gegenspielerin: Goethe hatte mit ihr, so suggeriert der Film, zuvor auch geschlafen. Biographen sind da anderer Meinung. Aber Günther möchte nun einmal keinen musealen Film machen. Und er will den Olympier ja nicht verklären. Lieber soll Goethe ein wenig zu aufbrausend und unnahbar erscheinen. "Im Film kommt er eigentlich nur, um zu gehen", sagt Günther. Von der Geburt seines Sohnes und dem frühen Tod der weiteren vier Kinder erfährt der Minister allein aus Mitteilungen.
Christiane nimmt hin, daß er für sein Schaffen Weimar monatelang fernbleibt, sich etwa in Jena aufhält, an der Seite seiner geistigen Freunde, vor allem Schillers. Günthers Szenen zeigen eine Frau, die in unbeirrbarer Demut verharrt, selbst wenn Christianes Tante Juliane zu sticheln beginnt, der Dichter solle das Verhältnis endlich legalisieren.
Der Film will nicht aus der Sicht der Nachgeborenen, die eigene Regeln der Geschlechterordnung haben, feministische Anklage erheben, sondern die Liebe zwischen dem Dichter und seinem Naturkind als Geheimnis umkreisen.
Darum geben nicht Reflexionen oder sprachliche Deutungen in Günthers "Braut" den Ton an. Gezeigt wird die jagende Liebesraserei, kurz nachdem Christiane den großen Dichter im Park mit der Bitte um Hilfe für den Bruder überfallen hatte, dann die Verzweiflung, aber auch die Trauer, mit der die Frau den von der Mainzer Belagerung zurückkehrenden Dichter um Verzeihung bittet, daß sie ein totes Kind zur Welt gebracht hat: "Ich weiß, daß ich dir eine Last bin." Nachts umarmt der Film-Goethe daraufhin Christiane und bekennt: "Ich liebe dich."
Doch mit dem Denkmal für eine große Liebe gibt es historische Schwierigkeiten. Was aussieht wie ein Happy-End, die verschwiegene Eheschließung Goethes mit der "Demoiselle Vulpius" am 19. Oktober 1806, ist kein Lohn für Mut und Treue beim Einfall der Franzosen gewesen. Die Hochzeit geschah, so erklärt Sigrid Damm, nicht aus Dankbarkeit, sondern damit Goethe endlich echter Eigentümer des großen Hauses am Frauenplan werden konnte: Herzog Carl August hatte die endgültige Schenkung davon abhängig gemacht, daß Goethe zuvor die wilde Ehe beende.
Schon einen Tag nach der Trauung durfte Frau von Goethe öffentlich auftreten: im Salon der Schriftstellerin Johanna Schopenhauer, die das Ereignis ohne Häme wahrnahm. "Ich empfing sie, als ob ich nicht wüßte, wer sie vorher gewesen wäre. Ich denke, wenn Goethe ihr seinen Namen gibt, können wir ihr wohl eine Tasse Tee geben."
Der Anfang war also gemacht. Aber die Lästereien dauerten fort und wurden sogar noch giftiger. Kein Wunder, daß sich Christiane vor den üblichen "Kaffee-Visiten" der feinen Gesellschaft geradezu fürchtete. Dort werde "beinahe kein vernünftiges Wort gesprochen" und "so gelogen, daß man erschrickt". Lieber hatte sie das Theater, weil die Schauspieler keinen Adelsdünkel kannten. Oder Kartenspiel und Tanzabende: Noch mit 45 Jahren nahm sie eigens Unterricht, um auf dem Parkett à la mode zu sein.
Aus Christianes letzten Monaten ist Sigrid Damm ein besonders hübscher Fund geglückt: ein bisher ungedrucktes Tagebuch, das zeigt, wie emsig die füllig gewordene Frau, deren Mann oft einsam in seinen Zimmern oder auswärts arbeitet, mit ihren sieben Bediensteten wirtschaftet. "Salzfleisch aufgehängt" , "Große Wäsche", "Die Oefen ausgebrannt", "Burgunder abgezogen", so lauten die Alltagsmeldungen, dazwischen mehrmals wöchentlich Komödie und Kartenpartien, selten auch Lektüre.
Erst wenige Tage vor Christianes qualvollem Tod durch Nierenversagen, am 6. Juni 1816, endet das Tagebuch. Noch die Rechnung der Totenfrau hat die Forscherin aufgespürt: Vom Leichenhemd-Nähen bis zum Schmalz fürs Brot kostete der makabre Dienst fünf Taler. Der Sarg kam auf 18 Taler. Zwölf Männer, von Sohn August bestellt, um den Sarg beim Begräbnis zu tragen, konnten sich stattliche 17 Taler teilen.
Goethe selbst hat von ihrem Ende nichts erlebt. Der Anblick Sterbender und Toter, da widersprechen sich Film und Biographie nicht, war ihm unheimlich. Wohl Ende Mai ist er Christiane zuletzt begegnet; weder die letzten Krämpfe noch das Begräbnis hat er sehen wollen. Schon zwei Tage nach ihrem Tod ließ er ihre Zimmer ausräumen.
Der Film indes mag den Zuschauer nicht ungetröstet zurücklassen. Wo die Liebe verklärt wird, soll auch der Tod seinen Schrecken verlieren.
Zwar schreit die Vulpius auch in der Sterbestunde wie ein Tier, sehnt sich delirierend nach Goethes Anwesenheit ("Ich habe Hufschlag gehört"), während er im Nachbarzimmer sitzt, gepeinigt von den Schreien der Sterbenden. Doch in der Schlußszene "kippt die Handlung ins Wunderbare" (Günther): Die Darsteller, nun in moderner Kleidung, schreiten über eine große Fläche auf den Horizont zu - Symbol für die Sehnsucht nach der unerreichbaren Liebe. Ein Trost vielleicht doch im Sinne Goethes: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis ... das Ewig Weibliche zieht uns hinan."
* Sigrid Damm: "Christiane und Goethe. Eine Recherche". Insel Verlag, Frankfurt/Main; 540 Seiten; 56 Mark.

DER SPIEGEL 36/1998
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