31.08.1998

NATURSTEINMichelangelo fehlt

Steinbruchsterben in Deutschland: Umweltauflagen und Billigimporte machen den Felsbrechern das Leben schwer.
Die Detonationslöcher sind gebohrt und mit Schwarzpulver gefüllt. Wie bei einem Raketenstart verkriechen sich die Arbeiter im Bunker. "Achtung", ertönt das Kommando. Dann rumst es. Der 200 Tonnen schwere Granitblock wird vom Berg abgerissen und macht einen Hopser nach vorn.
Steinbruch Kösseine, Fichtelgebirge: Mit Dynamit und riesigen Radladern spaltet hier eine Spezialcrew Rohlinge aus 300 Millionen Jahre altem Granit von der Erdkruste ab. "Ein weltweit einmaliges Vorkommen", sagt Betriebschef Claus Wölfel, "unser Fels schimmert blau."
Rund 150 solcher Brachialbetriebe existieren noch in der Republik. Mit Sprengschnüren werden die Blöcke abgerissen, mit Knackmaschinen zu Pflastersteinen gebrochen. Quarzite und Basalte, in der Antike wegen ihrer ungeheuren Festigkeit selten verwendet, werden von wuchtigen Diamantfräsen in Formen gezwungen.
Dennoch: Trotz High-Tech steckt die Natursteinbranche in der Krise. Von "enormem Angebotsdruck" und einem "Trend zum Preisverfall" ist im neuen Verbandsbericht die Rede. Die Zahl der Beschäftigten sank allein im letzten Jahr um zehn Prozent auf 7126 Personen. Der Abbau ging um 15 Prozent zurück.
Schuld an der Misere ist die ausländische Konkurrenz. Aus allen Weltteilen schaukeln Frachtschiffe Exotensteine nach Europa: Tuffstein aus Sambia, Marmor aus Namibia. Brasilien liefert farbenprächtigen Gneis, den schlecht bezahlte Latinos aus dem über eine Milliarde Jahre alten südamerikanischen Schild herausklopfen.
In den Petrefaktkammern Indiens und Chinas regiert noch die Muskelkraft. Fast aus dem Stand haben diese Länder ihre Exporte auf 50 000 Tonnen gesteigert. Im Sanitärbereich trumpft Italien auf. Der Berliner Reichstag wird mit 7000 Tonnen spanischem Kalkstein ausgebessert.
Die Deutschen wehren sich mit Know-how. Moderne Gattersägen können Rohlinge mit einem Schnitt in bis zu 100 Platten zerlegen. Wie überdimensionale Eierschneider sind die Geräte aufgebaut. Jedes Sägeband frißt sich mit einem Druck von 1000 Tonnen ins Material. Als Schmirgelstoff in den Sägefurchen dienen kleine Metallkugeln, der Stahlsand.
Trotz der Rationalisierung stehen die Chancen für die Branche schlecht. Noch um die Jahrhundertwende gab es rund 10 000 Steinbrüche in Deutschland. "Über 1300 verschiedene Gesteinssorten", sagt der Geologe und Steinbruchexperte Friedrich Müller, "wurden hier einst abgebaut."
Das meiste ist längst geplündert. Das einzige Marmorlager der Republik in Wunsiedel ist erschöpft, der "Aachener Blaustein" ebenso. Viele Großbauten in München wurden aus Suevit errichtet, Impaktgestein, das bei einem Meteoriteneinschlag entstand - vor 15 Millionen Jahren im Nördlinger Ries. Heute finden sich dort nur noch Krümel.
Ein bißchen Rosengranit kratzen die Passauer noch aus dem Berg. Der letzte von einst 25 Diorit-Brüchen - ein schwarzgrünes Magmagestein - wird in Fürstenstein/Bayern mit Mühe betrieben. Auch die grünen Serpentinit-Vorkommen im sächsischen Marienberg liefern heute nur noch Bruch und "krumme Hunde", wie Müller sagt: "Daraus können Sie nur noch Aschenbecher herstellen."
Neue Lagerstätten aufzumachen ist wegen der hohen Umweltauflagen kaum möglich. Bis zu 30 Einzelgenehmigungen sind nötig. Steinbrüche gelten als Landschaftsvernichter, die Mondlandschaften hinterlassen. Wer wie die Schotterindustrie "ganze Berge runterschießt" (Müller), findet in den Umweltministerien keine Fürsprecher.
Also wird der bunt glitzernde Nachschub von weit her geholt. Schwertransporter-Lkw karren Fossilkalke aus Turkmenistan und farbige Granitquader aus der Ukraine heran. Der Grabmalhandel ist mittlerweile fest in indischer Hand. Über die Hälfte der Rohware kommt vom Subkontinent.
Auch bei den Sandstein-Stemmern und Granit-Hauern herrscht Katerstimmung. Hier hat der bundesdeutsche Boden Erstklassiges zu bieten. Die Obernkirchener Sandsteinbrüche bei Hannover liefern superhartes Material, das selbst gegen Sauren Regen gefeit ist. Wegen seiner Güte diente dieser Sandstein als Baustoff für die reichverzierten Haupttürme des Kölner Doms.
Seit dem elften Jahrhundert wird in der traditionsreichen Grube geschuftet. Heute regiert in der gargantuesken Treppenlandschaft die Maschine. Auf der obersten Stufe reißt ein Caterpillar die Schollen heraus und wuchtet sie auf Laster mit mannshohen Reifen. Im Schneidewerk rotieren kreisförmige Sägezahn-Ungetüme mit 3,5 Meter Durchmesser.
50 Männer hält der Chef Klaus Kölzer noch in Lohn und Brot. Es waren einmal 400. Kölzer plagt die polnische Konkurrenz. "Billig, billig, billig muß es sein", sagt er, "halb Berlin wird mit schlesischem Sandstein gebaut."
Die derzeit flache Baukonjunktur wirkt zusätzlich lähmend auf den Absatz. Die alten Ägypter hämmerten im religiösen Rausch bis zu 1100 Tonnen schwere Obelisken aus dem Grund von Assuan. Mit solchen Kraftakten ist im Zeitalter des sozialen Wohnungsbaus nicht mehr zu rechnen.
Zudem hängt dem archaischen Werkstoff immer noch "ein Hauch von Tyrannei an" , wie der Würzburger Geologe Albrecht Gimpl formuliert. Seit Albert Speers Naturstein-Taumel scheint manchen Architekten das Material verdächtig. Allenfalls als dünne Fassadenplatte wurde Naturstein akzeptiert. Italien verbaut pro Kopf und Jahr 150 Kilo Marmor und Granite, in Deutschland sind es 15 Kilogramm.
Auch die Bildhauer sind als Kunden weitgehend ausgefallen. Michelangelo schlug 1504 seinen 4,34 Meter hohen David aus einem völlig verkorksten Rohling. Der moderne Bildner schweißt lieber Stahl oder gießt Zement. Das für Berlin geplante Holocaust-Denkmal soll aus 2700 Betongnubbeln errichtet werden.
Wer angesichts solcher Rahmenbedingungen überleben will, muß schon Besonderes bieten. Die Firma Traco zeigt gern auf ihre Schatzkammer bei Oberdorla in Thüringen. Dort lagert hell leuchtender Süßwasserkalk ("Travertin") - ein erdgeschichtlicher Youngster, der erst vor 10 000 Jahren entstand.
Die Städte Erfurt, Weimar und Gotha hat die Firma mit den hellen Blöcken beliefert und deren historische Bausubstanz wieder aufgemöbelt. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt.
Auch das Problem mit der Billigkonkurrenz aus dem Osten sieht das Unternehmen nun mit ganz anderen Augen. Vor kurzem hat die Geschäftsleitung einen Steinbruch gekauft. Er liegt bei Wroclaw, ehemals Breslau.

DER SPIEGEL 36/1998
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