07.09.1998

THEATERHorror für Volksgenossen

Eine Berliner Bühne will mit Fassbinders Skandalstück über einen reichen Juden Furore machen.
Am 22. August schaffte die Schauspielerin Christel Harthaus, 44, mit einem einzigen Satz den Sprung aus der Kulisse ins Rampenlicht. "Ich suche einen Mann - nur für das eine ...", gab sie in der "Bild"-Zeitung bekannt, für einen One-night-Stand, durch den sie sich ihren Baby-Wunsch erfüllen möchte. Die Zeitung wurde mit Freiwilligen-Meldungen überschwemmt. Sex sells, noch immer.
Fünf Tage später gab der Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters bekannt, er wolle in der kommenden Saison Rainer Werner Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" auf die Bühne bringen, im Zusammenhang mit einer Dramatisierung von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz".
Und ebenso wie Christel Harthaus wurde Bernd Wilms umgehend in die Schlagzeilen katapultiert. Denn Juden sind als Thema mindestens ebenso geil wie Sex, und am geilsten ist die Verbindung von Juden und Sex - wie in Fassbinders Stück.
Mag das 1976 veröffentlichte Mini-Drama "albern und lächerlich, sterbensschlecht, schnell zusammengeschustert" ("FAZ") sein, seinen Unterhaltungs- und Skandalwert verdankt es der Hauptfigur, einem namenlosen "reichen Juden", der geldgierig und immerzu geil ist und über eine sagenhafte Potenz verfügen soll.
Während manche Kritiker das Stück partout als eine Metapher für den Triumph des Geldes über das Gemüt verstehen wollten, reflektiert es vor allem die sexuellen Obsessionen von Antisemiten, die bange Frage, ob Juden größere Dinger haben und es länger können als Nichtjuden - noch immer eine Horrorvorstellung für viele Volksgenossen, die sich zuletzt in den Rassengesetzen der Nazis manifestierte.
Auch in Fassbinders Stück geht es, ganz konkret, um Größe und Beschaffenheit des primären Organs, werden Stammtischdialoge geführt, nur krasser. "Ist sein Schwanz so groß, daß er so viel zahlt? Hat er dir die Fotze ausgeweitet, das Loch zur Höhle gemacht? Hast du geschrien vor Lust?" möchte Franz B. von der Hure Roma B. über den reichen Juden wissen.
Die läßt sich widerwillig auf das Verhör ein. "Sein Schwanz ist sehr groß." Franz B. will es genauer haben: "Wie groß?" - "Zwanzig Zentimeter vielleicht. Eher mehr." Auch damit gibt sich Franz B. nicht zufrieden. "Eher mehr! Oh, diese Drecksau. Und weiter?" - "Dick ist er, sehr dick", gesteht Roma B. "Wie dick?" Antwort: "Wie eine Bierflasche." Nun weiß es Franz B. ganz genau, und alle Welt begreift, was Juden und Bierflaschen gemeinsam haben.
Freilich - daß Fassbinder Antisemiten vorführt und antisemitische Lustängste bedient, macht ihn nicht zwangsläufig selbst zu einem Antisemiten. Er spielt mit dem Ressentiment, macht es sich mal zu eigen, mal distanziert er sich davon.
An einer Stelle läßt er den Edel-Antisemiten Hans von Gluck sagen: "Und Schuld hat der Jud, weil er uns schuldig macht, denn er ist da. Wär er geblieben, wo er herkam, oder hätten sie ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen. Sie haben vergessen, ihn zu vergasen. Das ist kein Witz, so denkt es in mir."
Diese Sätze sollen als Beweis für Fassbinders Antisemitismus dienen, jedoch: Kein Antisemit reflektiert seine Ressentiments, grübelt, wie "es" in ihm denkt. Aber schon bei dem ersten Versuch, das Stück aufzuführen, im Oktober 1985 in Frankfurt, kam es auf solche Feinheiten nicht an. Dafür war die Rede vom "Ende der Schonzeit" für die Juden, der Freiheit der Kunst und der "Normalität" im Verhältnis zwischen Deutschen und Juden.
Die Angehörigen der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, die mit einer Bühnenbesetzung die Aufführung des Stücks verhinderten, feierten mit ihrem Coming-out den Abschied vom braven "jüdischen Mitbürger", der mit Lobhudeleien über den "jüdischen Beitrag zur deutschen Kultur" ruhiggestellt wird. Die Republik hatte den ersten wirklichen Theaterskandal.
Dann ruhte das Stück 13 Jahre im Theaterfundus, bis es von Bernd Wilms, 57, ausgegraben wurde. Er wollte es diesmal schlauer anstellen als weiland der Frankfurter Intendant Günther Rühle. Einen Tag vor der Pressekonferenz, am 26. August, schrieb Wilms einen Brief an den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, in dem er seine Absicht erklärte - "Es geht uns darum, einen Theatertext auf dem Theater zur Diskussion zu stellen" - und Nachama "zu einem Gespräch" einlud. Doch Nachama verweigerte jede Kooperation. Es sei ein "Skandal ersten Ranges, dieses Stück auf die Bühne zu bringen", antwortete er und nannte das Stück ein "Dokument Goebbelsscher Qualität". Die Gemeinde werde alles tun, um eine Aufführung zu verhindern.
Wilms ist maßlos enttäuscht darüber, daß seine guten Absichten von den Juden nicht erwidert werden. Damals in Frankfurt hätte man den Text "als Schlüsselstück lesen und erleben" müssen, doch heute sei das ganz anders: "In einer Situation, wo es die DVU gibt, und bei allem, was hier virulent ist, Antisemitismus und Fremdenhaß, taugt das Stück auf eine neue Weise."
Zuspruch erfährt Wilms durch einen Brief vom Förderverein der Gorki-Bühne, der den Wagemut und das "erfrischende Theater" unter Intendant Wilms rühmt. Autorin des Briefes: Lea Rosh, Vorsitzende des Vereins und eine mahnmalerprobte, professionelle Autorität im Umgang mit toten und lebenden Juden.
Henryk M. Broder
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 37/1998
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