01.08.2011

FACHKRÄFTEMANGELÄrzte mit Grenzen

Ausländische Mediziner werden in vielen Kliniken dringend benötigt. Ein Fall aus Niedersachsen zeigt, wie schwer es Behörden qualifizierten Zuwanderern machen.
Erkan Murad isst in der Kantine des Evangelischen Krankenhauses in Holzminden zu Mittag, als sein Handy klingelt. Eine Pflegerin fragt, wie sie ein Medikament dosieren solle. Er hat das Essen noch nicht beendet, da klingelt es erneut. Er muss zu einem Patienten.
Murad stellt Diagnosen, assistiert bei Operationen, versorgt Wunden, aber offiziell ist er nur der Praktikant. Er macht die Arbeit eines Arztes und wird bezahlt wie eine Aushilfe auf Zeit. Er bekommt 400 Euro im Monat, das Taschengeld eines Hospitanten.
Klinikchef Ralf Königstein würde ihn gern als Arzt einstellen und bezahlen. Jedoch - es geht nicht.
Murad ist 27, in Bulgarien geboren, zur Grundschule ging er in Bayern, wo seine Eltern arbeiteten. Seine Medizinerausbildung hat er an der Internationalen Universität Ahmed Yesevi in der kasachischen Stadt Turkestan abgeschlossen. Murad besitzt die Bestätigung seines Heimatlandes, dass er als Arzt in Bulgarien arbeiten darf. Das ist Voraussetzung, um in Deutschland den Beruf ausüben zu können. Die deutschen Behörden erteilen Murad dennoch keine Approbation.
Dabei hatte erst im Juni das Bundeskabinett beschlossen, die Zuwanderung qualifizierten Personals zu erleichtern. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fordert, dass sich die Republik wegen des Fachkräftemangels nach außen öffnen müsse.
Dringend gesucht sind unter anderem Mediziner. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund schätzt, dass in den Krankenhäusern etwa 12 000 Stellen unbesetzt sind. Der Mangel werde allmählich zum Risiko für die Patienten. Doch die Appelle bewirken offenbar wenig. Bisweilen verhindern bürokratische Hürden die Einstellung junger Kräfte aus dem Ausland.
Das Evangelische Krankenhaus im niedersächsischen Holzminden ist typisch für die Nöte deutscher Kliniken. Ohne Hilfe aus dem Ausland müssten diverse Abteilungen geschlossen werden, weil der Nachwuchs von den deutschen Universitäten ausbleibt. In der Chirurgie arbeiten immerhin noch drei deutsche Fachärzte. Von den sieben Assistenzärzten stammen sechs aus dem Ausland. "Der Fall von Herrn Murad ist extrem schädlich für uns", sagt Chefarzt Königstein. Junge Ärzte aus dem Ausland überlegten sich genau, ob sie sich überhaupt in Holzminden bewerben sollen.
Um ihre Stellen zu besetzen, kämpfen die Kliniken untereinander um potentielle Zugänge. Als Mittler dienen Agenturen, die sich auf die Suche nach Ärzten spezialisiert haben. Auch Erkan Murad reagierte auf eine Anzeige im Internet.
Er wollte mit seiner Ehefrau - ebenfalls eine Ärztin - eine Familie gründen, was mit 550 Euro Gehalt im Monat auch in Bulgarien nicht einfach ist. Also bewarb er sich in Holzminden und heuerte dort im Januar 2010 als Hospitant an. Er hoffte, dass seine Zulassung als Arzt in Deutschland eine Formsache sei.
Für die Zulassung brauchte er neben üblichen Dokumenten wie Lebenslauf und Zeugnissen auch Bescheinigungen der Bulgarischen Ärztekammer, des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft und des Ministeriums für Gesundheit in Sofia. Die Papiere mussten von beeidigten Übersetzern ins Deutsche übertragen werden. Es ist ein aufwendiges Verfahren, deshalb suchte Murad die Hilfe des Hamburger Unternehmens R&R Partner, das sich in solchen Fällen auskennt.
Im April 2010 reichte R&R die Unterlagen beim Niedersächsischen Zweckverband zur Approbationserteilung (Nizza) ein. Monate vergingen, ohne dass etwas Konkretes geschah. R&R fragte immer wieder nach, und immer wieder verlangten Nizza-Mitarbeiter neue Dokumente - die Murad lieferte. "Ein Sachbearbeiter sagte mir, es habe mal einen kriminellen Fall mit Kasachstan gegeben", sagt R&R-Mitarbeiterin Gisela Schlabinger, nun müsse offenbar Murad darunter leiden, dass er dort studiert hat.
Nach sechs Monaten kam der überraschende Bescheid: Antrag abgelehnt. Murad sei kein fertig ausgebildeter Arzt, hieß es, ihm fehle für die Anerkennung seines kasachischen Abschlusses der Nachweis praktischer Arbeit, die sogenannte einjährige Internatur. Ersatzweise, so erfuhr Murad, müsse er nachweisen können, dass er drei Jahre lang in Bulgarien als Arzt gearbeitet habe. Er war ratlos. Die Internatur sei in Kasachstan eine Art Weiterbildung, sagt er. Er habe sein praktisches Jahr als Arzt nachweisbar abgeleistet. Und dass seine Ausbildung abgeschlossen sei, habe das bulgarische Gesundheitsministerium durch die "Gleichwertigkeitsbescheinung" dokumentiert.
Was der Nizza treibe, sagt Klinikberaterin Schlabinger, sei Behördenwillkür. "Wie sollen wir die notwendigen Ärzte ins Land bekommen, wenn Deutschland die Bescheinigungen eines anderen EU-Landes nicht anerkennt?" Auch der Hinweis des niedersächsischen Gesundheitsministeriums, Murad fehlten für seine Approbation drei Jahre Berufspraxis in Bulgarien, sei unlogisch: "Warum darf er in Bulgarien als Arzt arbeiten, wenn sein Abschluss in Kasachstan angeblich nicht ausreicht, um Arzt sein zu dürfen?"
Murad hat Politiker auf seinen Fall aufmerksam gemacht, keiner konnte helfen. Philipp Rösler (FDP), seinerzeit noch Bundesgesundheitsminister, ließ ausrichten, er könne nicht gegenüber Landesbehörden tätig werden.
Der Arzt, der hier keiner sein darf, hat beschlossen, die Internatur in Kasachstan nachzuholen. Ob er danach wieder nach Holzminden geht, bleibt offen.
Murad hatte auch überlegt, gegen den Bescheid der Prüfungsbehörde zu klagen. Aber das hätte wohl Jahre gedauert, und die Zeit hat er nicht. Vor fünf Monaten kam sein Sohn zur Welt. Mit den 400 Euro Taschengeld, sagt er, "kann ich mir das Leben hier nicht mehr leisten".
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 31/2011
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