01.08.2011

PLEITENHeller von Sinnen

Einst war er der Deutschen liebster Event-Zampano. Doch zuletzt machte der Zirkusveranstalter André Heller eher durch abmoderierte Veranstaltungen von sich reden. Ein Besuch.
André Heller sitzt auf der Couch und ist auf aufreizende Art mit sich selbst im Reinen. Seine neue Show ist zwar abgesagt, die Produktionsfirma pleite, sein eigener Name angekratzt. Aber Heller sagt: "Die Energie, die man aussendet, erhält man zurück." Das sagt er seit vielen Jahren.
Eigentlich sollte er eine Show mit Pferden inszenieren, über 30 Dressurpferden, eine Tournee durch ganz Deutschland. So wollte es zumindest der Initiator der Show, Marcel Avram, der auch schon bessere Zeiten erlebt hat, damals, als er noch für Michael Jackson Welttourneen organisierte.
Heller, und da fing das Drama vielleicht schon an, mag gar keine Pferde, zumindest nicht in seinen eigenen Projekten. Deshalb ließ er viele Pferde in der Show "Magnifico" von Menschen darstellen. Das fand Avram wiederum wenig überzeugend. In München lief das Zirkusprogramm im vergangenen Winter ein paar Wochen lang. Dann war trotz guter Kritiken Schluss. Jetzt ist nur noch Geschrei. Pleite. Drama. Sehr, sehr negative Energie.
Heller sagt: "Das Publikum hat 'Magnifico' geliebt."
Avram kontert aus der Ferne: "Die Inszenierung war am Publikum vorbei."
Heller entgegnet: "Man kann auch das beste Produkt in schlechter Verpackung nur äußerst schwer verkaufen."
Dann wieder Avram: "Er ist ein irre guter Verkäufer und Verpacker. Aber eine Show muss auch gut sein, und das war sie nicht."
Es gab am Ende weit mehr Schwierigkeiten als Lösungen - Heller war von Sinnen angesichts der Streichung mancher Kunststücke aus Kostengründen, Avram wollte mehr Disney-Kitsch, Heller eine Bühnenshow mit "tausend zauberischen Zwischentönen". Vorvergangene Woche hat die Produktionsfirma Insolvenzantrag gestellt, "Magnifico" ist damit so gut wie tot. Avram sagt: "Das Projekt war auf 5,5 Millionen Euro geplant, aber es wurden mehr als 10 Millionen ausgegeben. Wir haben von 80 000 Tickets in München 23 000 verschenkt."
Was im Einzelnen schiefgelaufen ist, wer wen nicht verstanden hat, lässt sich schwer sagen. Auf jeden Fall prallten mit Heller und Avram zwei Welten aufeinander.
Avram, 73, ist knallharter Konzert-Promoter, er organisierte einst Tourneen von Weltstars wie den Rolling Stones oder Phil Collins, saß aber wegen Steuerhinterziehung auch schon im Knast. Leute, die mit ihm zusammengearbeitet haben, erinnern sich auch und vor allem an seine cholerischen Ausbrüche.
Heller nennt er "Franzi", nach dessen erstem Vornamen. Und wenn er in einem Schreiben an den "lieben Franzi" davor warnt, "negative Energie nach außen" zu tragen, ist das eher Ironie als Fürsorge. Heller ist in eigentlich allem der komplette Gegenentwurf zu Avram.
Er hatte, wie er sagt, eine recht freudlose Kindheit, geprägt von Jesuitenschule, Bigotterie und tyrannischem Vater. Deswegen habe er sich als Erwachsener darauf verlegt, Traumwelten zu schaffen, wie er sie sich als Kind vielleicht gewünscht hat.
Heller gründete mit Bernhard Paul den Zirkus Roncalli, baute begehbare Kristallwelten für Swarovski, schrieb und sang Chansons, veröffentlichte erfolgreiche Bücher. Er ist wortgewaltig, denkt fortwährend in großen Bildern und wirkt wie ein kleiner Junge mit dem abgeklärten Esprit eines 64-Jährigen. So wurde er der Deutschen liebster Event-Zampano.
Jetzt hat er sich auf seinen Landsitz in Gardone Riviera am Gardasee zurückgezogen. Das Anwesen gehörte einst dem Zahnarzt des russischen Zaren und gilt als einer der schönsten Privatparks der Welt. Schweigend schiebt sich der Hausherr durch seinen Garten, klettert Steintreppchen hinauf, knipst an einem Baumstamm, puhlt an einer Palme. Er stoppt vor einem Teich, klatscht energisch in die Hände, ein paar wenige Fische folgen dem Lockruf und kommen an die Wasseroberfläche.
Heller sagt: "Garten ist ein schöner Ringkampf. Er hat einen fest im Griff." Mit den Kämpfen ist das so eine Sache in Hellers Leben.
Die Vormittage in seinem Botanikidyll am Gardasee seien für ihn persönlich reserviert. Ohne seine Frau und auch ohne seine fast hundertjährige Mutter, die auf der Terrasse gerade ein Buch liest. "Ich muss mich davor schützen, von anderen vereinnahmt zu werden."
Dabei gibt es die öffentliche Figur Heller fast so lange wie Heller selbst. Einem breiten Publikum in seinem Heimatland Österreich wurde er schon bekannt, als der damals 20-jährige Radiomoderator andere Menschen vorführte. "Ich war ein Ego-Raser in der Wiener Karl-Kraus-Tradition und habe mich am Misslingen anderer abgearbeitet", sagt Heller über Heller.
Manche würden ihn heute noch so sehen wie damals. "Ich habe viele Häutungen in meinem Leben durchgemacht und bin heute verwandelt. Das verstehen manche einfach nicht."
Nach öffentlichem Sympathisieren mit den österreichischen Sozialdemokraten war auch das Kapitel Politik für ihn irgendwann erledigt. "Ich würde mich heute nicht mehr parteipolitisch engagieren. Das ist Zeitverschwendung."
Dabei hatten auch hiesige Sozialdemokraten offenbar ein Faible für Heller. Bundeskanzler Gerhard Schröder besuchte ihn in Italien, ebenso der damalige Innenminister Otto Schily. Heller behauptet, die beiden SPD-Männer seien geradezu vernarrt in den Gedanken gewesen, dass er die Eröffnungsgala zur Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006 inszenieren solle. Zwar bezahlte der Fußballverband Fifa ihn, doch die Gala kam nie zur Aufführung - angeblich, um den Rasen nicht zu sehr zu strapazieren.
"Das war eine verbandspolitische Entscheidung", sagt Heller. Nachdem Schröder und Schily abgewählt worden waren, hatte der Kunstzausel seine Fürsprecher verloren. Im Fifa-Umfeld erzählt man, bei Verbandsboss Sepp Blatter sei Hellers Kunstverständnis nicht angekommen. Der von ihm kreierte Slogan "Die Welt zu Gast bei Freunden" blieb. Immerhin.
Doch auch seine Nummernrevue "Afrika, Afrika" endete zumindest für den Künstler schmerzhaft. Mehrere Millionen Besucher schauten sich das Spektakel mit über hundert farbigen Tänzern und Akrobaten an, durch über 50 Städte in sechs Ländern wurde getourt - aber statt sich im Erfolg zu sonnen, stieg Heller wieder aus. Angeblich, weil der Produzent Börsenpläne vor sich hin phantasierte und derlei Renditedruck sich nicht mit seiner Event-Idee vertrug.
Er würde wohl lieber im Perfektionswahn sterben, als irgendwelche Kompromisse einzugehen. Bei "Afrika, Afrika" kümmerte er sich um vieles: Er wollte ein "originell gestaltetes" Kassenhäuschen haben, "ungewöhnlich elegante, zirkusunübliche Toiletten", eigens entwickeltes afrikanisches Fingerfood und filigrane Lüster aus Plastikmüll fürs Vorzelt.
Avram erinnert sich heute: "Bei ,Magnifico' drehte es sich nur um Heller und darum, wie Heller alles haben wollte. Es muss immer alles groß sein, das Geld ist nie genug." Heller sagt: "Ich bin doch kein größenwahnsinniger Idiot. Avram hätte sich konsequent selbst als Kreativen engagieren müssen. Er hat meine Vorstellung von Qualität nicht geliebt, sie war konträr zu seinem Geschmack."
Ungeliebte Kinder machen naturgemäß die größten Probleme. Heller konstatierte in einem Schreiben an Avram, dass die Künstler "ausgelaugt, erschöpft" und häufig krank seien. Er habe einen kolumbianischen Heiler engagiert und aus eigener Tasche bezahlt.
Aber da bricht es dann auch aus Avram endgültig heraus. Der Heiler sei ein Schamane gewesen. Der habe einen bösen Fluch über der Spielstätte diagnostiziert, eine Frau aus Miami habe versucht, den Fluch zu entfernen - mit schwarzer Magie, behauptet Avram.
Einen Rekord hat Heller immerhin erreicht: "Magnifico" sei für ihn "die negativste Situation", die er je erlebt habe. Und Avram? Der will ein Buch schreiben. Über Heller. Eines Tages.
Von Martin U. Müller

DER SPIEGEL 31/2011
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