01.08.2011

Fahrradhelm und Sicherheitsgurt

Von Jo Nesbø
Vor ein paar Tagen, vor den Geschehnissen auf Utøya und im Regierungsviertel, sprach ich mit einem Freund darüber, wie sehr das Glück zu leben und die Traurigkeit darüber, dass die Dinge sich verändern, Hand in Hand gehen.
Nicht einmal die positivsten Zukunftsaussichten können die Tatsache aufwiegen, dass kein Weg zurück führt zu dem, was einmal war. Zu der Unschuld der Kindheit. Der ersten Liebe. Dem Duft des Juli, dem Jucken des Grases auf deinem verschwitzten Rücken, bevor du von einem Felsen springst und im nächsten Augenblick umfangen bist von dem eiskalten Schmelzwasser eines norwegischen Fjords, Nase und Mund bis zum Rand gefüllt von dem Geschmack nach Salz und Gletscher.
Kein Weg führt zurück in die Zeit, als du 17 warst und mit zehn Francs in der Tasche im Hafen von Cannes dabei zusahst, wie eine Frau und ihr Pudel und ihre Kreditkarten von zwei Männern in idiotischen weißen Uniformen von einer Yacht an Land gerudert wurde und du verstanden hast, dass die egalitäre Gesellschaft, aus der du selbst kamst, die Ausnahme und nicht die Regel war.
Oder als du mit großen Augen vor einem fremden Parlament gestanden hast, das von Wachen mit automatischen Waffen umgeben war; ein Anblick, der dich aus einem Anflug resignierter Selbstzufriedenheit heraus den Kopf schütteln und denken ließ: Da, wo ich herkomme, brauchen wir so etwas nicht. Denn du kamst aus einem Land, in dem die Furcht voreinander noch nicht Fuß gefasst hatte, aus einem Land, das du für drei Monate verlassen konntest, für eine Reise durch zwei Putsche, eine Hungerkatastrophe, ein Schulmassaker, zwei Attentate und einen Tsunami, und in dem sich, wenn du nach Hause kamst und in die Zeitung blicktest, nur das Kreuzworträtsel geändert hatte. Einem Land, das materielle Geborgenheit bot und dessen politischer Weg seit der Nachkriegszeit festgeschrieben war.
Der politische Einklang war überwältigend, gab es Debatten, drehten sich diese in der Regel nur um die Frage, mit welchen Methoden die Ziele zu erreichen waren, über die sich vom rechten bis zum linken Flügel alle einig waren. Es war das Land, das überzeugt davon war, dass es am besten für sich allein blieb und sich gegen die Mitgliedschaft in der Europäischen Union entschied, für die die meisten anderen kleinen Länder bereit waren, ihren rechten Arm zu opfern.
Ideologische Debatten brachen immer erst dann vom Zaun, wenn die Wirklichkeit der übrigen Welt sich aufzudrängen begann, wenn die Menschen, die bis in die siebziger Jahre hinein fast ausschließlich den gleichen ethnischen und kulturellen Hintergrund hatten, Stellung dazu nehmen mussten, ob ihre neuen Landsleute einen Hidschab tragen und Moscheen bauen durften und ob Soldaten nach Afghanistan oder Libyen geschickt werden sollten. Vor dem 22. Juli 2011 hatte Norwegen ein jungfräuliches Selbstbildnis: unberührte Natur und eine von den Krankheiten der Zivilisation noch immer verschont gebliebene Gesellschaft.
Natürlich ist das übertrieben, dafür muss man nur einen Blick in die Polizeiakten werfen, aber trotzdem: Im Juni radelten der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg, der Autor dieser Zeilen und ein gemeinsamer Freund zusammen durch Oslos Straßen, um im bergigen Wald zu wandern. Alles innerhalb der Stadtgrenzen dieser großen kleinen Stadt. Ein paar Meter hinter uns folgten zwei Bodyguards, auch sie auf dem Fahrrad. Als wir an einer Ampel halten mussten, hielt neben dem Ministerpräsidenten ein Auto mit heruntergelassener Scheibe. Ein Mann rief seinen Namen. "Jens!" Die Tatsache, dass das norwegische Volk in der Regel mit dem Vornamen über seinen obersten politischen Leiter redet und ihn so auch anspricht, ist eine Tradition im Geiste des Egalitarismus, über die ich mich schon lange nicht mehr wundere.
"Ich habe hier einen kleinen Jungen, der es sicherlich toll findet, dir mal guten Tag zu sagen."
Jens Stoltenberg lächelte und begrüßte den kleinen Jungen auf dem Rücksitz per Handschlag. "Hallo, ich bin Jens." Der Ministerpräsident mit Fahrradhelm, der Junge mit Sicherheitsgurt. Beide hatten sie bei Rot gehalten. Die Bodyguards standen in gehörigem Abstand hinter uns. Und lächelten. Es ist ein Bild der Sicherheit und des gegenseitigen Vertrauens, der ganz alltäglichen norwegischen Idylle. Ein Bild dessen, was wir für normal hielten. Wie konnte das schiefgehen? Wir trugen doch einen Helm, einen Sicherheitsgurt und hatten alle Verkehrsregeln befolgt.
Natürlich konnte es schiefgehen. Es kann immer schiefgehen.
Ende Februar begann in Oslo die Nordische Ski-WM. Die norwegischen Teilnehmer und Teilnehmerinnen hatten Erfolg, und jeden Abend versammelten sich Zehntausende enthusiastischer Norweger bei der Medaillenvergabe im Osloer Zentrum, um zu feiern. Am 25. Juli kamen an die 200 000 von Oslos 600 000 Einwohnern zusammen, um gemeinsam zu trauern.
Der Kontrast könnte kaum stärker sein, die Ähnlichkeit aber auch nicht. Beides zeigt die unerwartete Stärke der Gefühle eines Volkes, das die Beherrschung als nationale Tugend achtet und in dem es die Redewendung "einen kühlen Kopf bewahren" gibt, "ein warmes Herz bewahren" aber nicht. Sogar auf diejenigen von uns, die wir eine automatische Aversion gegen nationale Selbstverherrlichung, Flaggen, große Worte und die Freuden- und Trauereuphorie großer Menschenmengen haben, macht es einen bleibenden Eindruck, wenn Menschen zeigen, dass das Gedankengut und die idealistischen Werte der Gesellschaft, die wir geerbt und schließlich für selbstverständlich erachtet haben, tatsächlich von Bedeutung sind.
Ja, es sind bloß symbolische Handlungen, die den einzelnen Menschen nicht viel kosten, aber trotzdem sind diese Handlungen nicht wortlos. Sie sagen, dass wir nicht bereit sind, uns unsere Sicherheit und unser Vertrauen von jemandem nehmen zu lassen. Dass wir uns weigern, diesen Kampf gegen die Angst zu verlieren.
Der Wille ist da.
Und trotzdem führt kein Weg dorthin zurück, wo wir waren.
Gestern im Zug hörte ich einen Mann vor Wut laut schreien. Vor dem 22. Juli hätte ich mich ganz automatisch umgedreht, möglicherweise wäre ich sogar ein bisschen näher gerückt, um dann - nach nüchterner Analyse - selbst Stellung zu nehmen. Vielleicht - noch besser - wäre es sogar um eine Frau gegangen, die ich und bestimmt noch einige der anderen Passagiere hätten in Schutz nehmen können. Doch jetzt war meine automatische Reaktion, einen Blick auf meine Tochter zu werfen. War sie in Sicherheit? Und wo waren die nächsten Fluchtwege? Hoffentlich wird es genügend Gründe dafür geben, dass diese neue, automatische Reaktion mit der Zeit wieder verblasst. Aber eines weiß ich schon heute mit Sicherheit: Sie wird niemals - niemals - wieder ganz verschwinden. Das Datum wird sich jedes Jahr wiederholen. Der 22. Juli wird alle heute lebenden Norweger für immer daran erinnern, dass nichts wirklich gegeben ist, Fahrradhelm und Sicherheitsgurt zum Trotz.
Nachdem die Bombe explodiert war - ein Knall, der auch an meinem Wohnort in Oslo deutlich zu spüren war - und die Nachrichten im Fernsehen begannen, von der Schießerei auf Utøya zu berichten, fragte ich meine Tochter, ob sie Angst habe. Sie antwortete, indem sie etwas zitierte, das ich ihr einmal gesagt hatte: "Ja, aber wenn man keine Angst hat, kann man ja auch nicht mutig sein."
Also - auch wenn es keinen Weg zurück gibt zu der totalen, bewusstlosen und naiven Furchtlosigkeit der Unbetroffenheit: Es gibt einen Weg nach vorn. Man kann mutig sein. Weitermachen wie bisher. Die andere Wange hinhalten und fragen: "War das alles, mehr hast du nicht zu bieten?" Und nicht zulassen, dass die Angst die Prämissen dafür setzt, wie unsere Gesellschaft sich weiterentwickelt.
Übersetzung: Günther Frauenlob
Von Jo Nesbø

DER SPIEGEL 31/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Fahrradhelm und Sicherheitsgurt

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen