01.08.2011

Ein Hauch von anderswo

Zum Tod der britischen Soulsängerin Amy Winehouse / Von Russell Brand
Brand, 36, ist einer der populärsten und provokantesten britischen Fernseh- und Radiomoderatoren, mittlerweile auch erfolgreich als Schauspieler und Sänger. Er lebt mit seiner Frau, der Sängerin Katy Perry, in Los Angeles.
Wenn du jemanden liebst, der an einer Sucht erkrankt ist, wartest du eigentlich immer auf den Anruf. Er wird kommen, die-ser Anruf. Deine innigste Hoffnung ist, dass es der Süchtige selbst ist, der anruft, dass er sagt, es reiche ihm jetzt, dass er bereit sei aufzuhören, bereit, etwas Neues auszuprobieren. Aber natürlich fürchtest du dich vor dem anderen Anruf, dem traurigen, nächtlichen Anruf eines Freundes oder Verwandten, der dir sagt, dass es zu spät ist - sie ist tot.
Ich kannte Amy Winehouse seit Jahren. Als ich sie traf, im Londoner Stadtteil Camden, war sie einfach eine Witzfigur, die in einer pinkfarbenen Satinjacke durch die Bars zog. Wir hatten gemeinsame Freunde, von denen die meisten in coolen Indie-Bands spielten oder sich sonst irgendwie durchs Leben schlugen.
Pete Dohertys Kumpel Carl Barât erzählte mir, dass Winehouse, wie ich sie damals nannte, eine Jazzsängerin sei, was mir einigermaßen bizarr vorkam. Ich kenne mich nicht gut aus mit Musik, Jazz, das war für mich ein unbekann-tes Territorium. "Eine Jazzsängerin? Dann wird sie wohl exzentrisch sein", dachte ich. Trotzdem habe ich mit ihr geredet; schließlich war sie ja ein Mädchen, und sie war süß und besonders und vor allem aber verletzlich.
Ich hatte zu dieser Zeit gerade selbst erst meine Drogentherapie beendet und suchte begierig nach weniger komplizierten Frauen. Dass Winehouse und ich das gleiche Leiden teilten, darüber habe ich damals nicht nachgedacht. Al-le Süchtigen, egal, was sie nehmen, woher sie kommen, sind nie ganz anwesend, wenn man mit ihnen spricht. Sie haben einen kaum wahrnehmbaren und dennoch nicht zu übersehenden Schleier um sich herum.
Ob ein obdachloser Heroinabhängiger dich um 50 Cent für eine Tasse Tee anhaut oder ein vollgekokster Manager im Nadelstreifenanzug von seinem Schnellboot faselt, sie sind von einer toxischen Aura umgeben, die verhindert, dass man eine gegenseitige Verbindung herstellt. Sie alle umhüllt ein Hauch von anderswo, sie schauen durch dich hindurch, irgendwohin, wo sie lieber wären. Und dort sind sie natürlich auch. Das Wichtigste für jeden Süchtigen ist es, den Schmerz des Lebens zu betäuben und sich täglich etwas Linderung zu kaufen.
Von Zeit zu Zeit habe ich Amy zufällig getroffen. Wir konnten gut miteinander plaudern und lachen. Sie war "ein Original" in einer Welt, die übersät war mit angetrunkenen, zugedröhnten Nervensägen und Verlierern. Ich selbst war einer, und so habe ich Winehouse, abgesehen von ihren leichten Marotten, kaum registriert.
Dann wurde sie ungeheuer berühmt, und ich habe mich gefreut. Vor allem aber war ich verblüfft. Ich hatte sie bislang nicht auf der Bühne erlebt, und weil wir ja schließlich nicht mehr in den fünfziger Jahren lebten, fragte ich mich, wie es möglich ist, dass eine "Jazzsängerin" so viel Zuspruch findet. Ich war nicht so neugierig, als dass ich zu extremen Mitteln gegriffen hätte, mir etwa ihre Musik anzuhören oder ein Konzert von ihr zu besuchen. Ich war damals gerade selber dabei, einen gewissen Ruhm zu erlangen, und das verdrängte alles andere. Es war also reiner Zufall, dass ich einen Auftritt von Paul Weller im Roundhouse besuchte.
Ich kam etwas verspätet an, und als ich mir einen Weg durchs Publikum bahnte, vorbei an Plastiklächeln und Plastikbechern, hörte ich die wogende, wundersame Klangfülle einer weiblichen Stimme. Ich sah Amy auf der Bühne mit Weller und seiner Band - und mich überfiel Ehrfurcht, jene Sorte Ehrfurcht, die einen ergreift, wenn man ein Genie erlebt. Sie war ja eine seltsam zierliche Erscheinung, und es schien, als käme diese Stimme nicht aus diesem Körper, sondern von einem anderen Ort, aus einer fernen Welt, jenseits von Billie Holiday und Ella Fitzgerald, von dort, wo das wirklich Große entsteht.
Ihre Stimme war mit so viel Kraft und Schmerz erfüllt, dass sie ganz und gar menschlich klang und gleichzeitig doch etwas Göttliches hatte. Meine Ohren, mein Mund, mein Herz und mein Geist öffneten sich, augenblicklich. Winehouse. Winehouse? Winehouse! Dieser Freak, nichts als Eyeliner und Bier, der die Chalk Farm Road unter einer toupierten Frisur hinaufschwankte? Über diese Lippen, die ich bislang nur mit einer Zigarette gesehen und Flüche murmeln gehört hatte, kam jetzt dieser heilige Klang.
Nun wusste ich also Bescheid. Sie war keine erfolglose Möchtegernsängerin, kein sturzbesoffener Schwachkopf, der es niemals schaffen wird. Sie war auch nicht eine jener Chanteusen, die nur ihre 15 Minuten Ruhm genossen. Sie war ein verdammtes Genie.
Als oberflächlicher Trottel, der ich nun mal bin, sah ich sie plötzlich in einem ganz anderen Licht, einem Licht, das vom Himmel herunterstrahlte, wenn sie sang. Es begann eine neue Phase unserer Freundschaft. Sie trat in einigen meiner Fernseh- und Radiosendungen auf, ich besuchte sie ab und zu, und natürlich nahm ich sie jetzt ernster.
In der Öffentlichkeit wurde Amy jedoch zunehmend über ihre Sucht definiert. Unsere Medien interessieren sich mehr für Tragödien als für Talent, und so dokumentierten sie eifrig ihren Untergang: ihre zerstörerischen privaten Beziehungen, ihre blutgetränkten Ballettschuhe, ihre abgebrochenen Auftritte.
In der öffentlichen Wahrnehmung trat dieser flüchtige Tratsch an die Stelle ihres zeitlosen Talents. Das und die Art, wie sie sich bei unseren gelegentlichen Treffen benahm, machten mir klar, wie ernst ihr Zustand war. Sucht ist eine ernste Krankheit; sie endet oft im Gefängnis, in der Psychiatrie oder mit dem Tod.
Ich war 27 Jahre alt, als ich durch die Hilfe eines Freundes in einem Suchtzentrum namens Focus12 geheilt wurde. Ich lernte Selbsthilfegruppen für Alkoholiker und Drogenabhängige kennen, die für jeden offen sind, der den Wunsch hat aufzuhören. Ohne sie wäre ich nicht mehr am Leben.
Nun ist Amy Winehouse gestorben, wie viele andere, deren überflüssiger Tod rückblickend romantisiert wurde - im Alter von 27 Jahren. Ob diese Tragödie hätte verhindert werden können, ist jetzt nicht von Bedeutung. Heute lässt sie sich nicht mehr verhindern. Wir haben eine wunderschöne und talentierte Frau an diese Krankheit verloren. Nicht alle Süchtigen haben Amys ungeheures Talent. Oder das von Kurt Cobain oder Jimi Hendrix oder Janis Joplin; manche Menschen haben nur die Krankheit.
Wir aber können unseren Blick auf diese Sucht ändern, sie nicht mehr kriminalisieren oder romantisieren, sondern als eine tödliche Krankheit begreifen. Wir müssen darüber nachdenken, welche Hilfe diese Menschen brauchen und wie wir diese Hilfe finanzieren und sie wieder in die Gesellschaft eingliedern können, anstatt sie ins Gefängnis zu stecken.
Nicht jeder von uns kennt jemanden mit einem so ungeheuren Talent, wie Amy es hatte, aber wir alle kennen Säufer und Junkies, und sie alle benötigen Hilfe, und diese Hilfe gibt es. Sie müssen nur zum Telefon greifen und anrufen. Oder eben nicht. So oder so, ein Anruf wird kommen.
Von Russell Brand

DER SPIEGEL 31/2011
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