01.08.2011

PRESSE„Aussage gegen Aussage“

Dass Rupert Murdoch „News of the World“ schloss, erschüttert die ganze Boulevardbranche. Doch wie weit sind andere von den rüden britischen Recherchepraktiken entfernt? Die „Bunte“ hat es sehr eilig, sich einer Affäre im eigenen Haus zu entledigen.
Es sollte eine lebenspralle Geschichte werden, wie "Bunte"-Leser sie eigentlich goutieren, Donnerstag für Donnerstag. Von ausschweifenden Feiern hätte sie erzählen können und von illegalen Drogen, die dabei herumgereicht wurden. Die ganze Story vielleicht noch gewürzt mit Sex, viel Sex - und das Tollste: Die Hauptfigur wäre ein Spitzenmann direkt aus dem Herzen des Berliner Bundespolit-Betriebs gewesen.
Am Ende druckte die People-Postille aus dem Münchner Burda-Verlag keine Zeile, stattdessen zeigen jetzt alle mit dem Finger auf "Bunte" - und deren Chefredaktion zeigt vor allem auf die beiden Politikredakteure, die sie wegen der ganzen Geschichte rausgeschmissen hat.
Die Frage ist noch offen: Sind die beiden nur Täter oder auch Opfer?
Die Jungredakteurin, die sich offenbar eine große Story versprochen hatte, musste gehen, ihr Ressortleiter Tobias Lobe gleich mit.
Sie, so der Vorwurf, soll unter seiner Verantwortung mit einem Informanten zusammengearbeitet haben, dessen Auftreten und Methoden schon beim ersten Treffen eigentlich selbst journalistischen Laien als äußert fragwürdig hätten erscheinen müssen. Es ist ein junger Mann mit etwas teigigem Allerweltsgesicht, der sich mal nur "Stefan S." nennt, mal "Dr. Dr. Stefan Stein". Nach eigener Aussage ist er Mathematiker. Zumindest hat er noch zwei weitere Pseudonyme im Portfolio.
Aus dem Umfeld des besagten Politikers könne er Informationen liefern, so das Angebot, mit dem er Anfang des Jahres auf mehrere Medien zuging. Auch den SPIEGEL hat er kontaktiert, der lehnte das Angebot ab. Eine große Tageszeitung wurde von S. ebenfalls eingeweiht.
Interesse zeigte dagegen die "Bunte", vertreten durch Annabelle Korschan. Redakteurin und Informant mailten und telefonierten. Es gab ein Treffen. Man war schnell per du. Das Jagdfieber brach sich Bahn.
1000 Euro überwies die "Bunte" dem Informanten, weitere 1000 Euro wurden ihm in der Berliner Redaktionsvertretung in einem Umschlag überreicht. Summen, die für "Bunte"-Verhältnisse eher nach Kaffeekasse klingen, verglichen mit jenen 50 000 Euro, die allein eine Ex-Gespielin Jörg Kachelmanns für ihre Offenheit dem Blatt gegenüber erhalten haben soll.
Die Darstellungen von "Bunte" und Informant könnten in der aktuellen Affäre kaum weiter auseinandergehen. Aus Geschäftspartnern sind mittlerweile Gegner geworden. Zur Schadensbegrenzung reisten vergangenen Montag zwei Burda-Abgesandte eigens nach Berlin, um den Ex-Informanten zu vernehmen. Zugleich wurde der interne Mail-Verkehr gesichtet. Danach platzte die Bombe öffentlich.
Der Mann, der sich Stefan Stein nennt, sagt: Es sei ihm vor allem darum gegangen, den Drogenkonsum des Politikers öffentlich zu machen. Ende vergangener Woche erklärte er gegenüber dem SPIEGEL, er selbst habe anonym Anzeige gegen den bespitzelten Politiker erstattet. "Die Redakteurin hat mich dazu aufgefordert", behauptet er. Ohne juristische Sachlage, so angeblich ihre Begründung, könne man keine Geschichte machen.
Aber womöglich will er das auch nur so verstanden haben. Patricia Riekel, Chefredakteurin der "Bunten", sagt demgegenüber: "Wer wen inspiriert hat, lässt sich schwer sagen. Da steht Aussage gegen Aussage."
Stein wiederum behauptet: "Die Redakteurin hat mir von Anfang an Angebote gemacht, die illegal waren." Für die Telefonate habe er Zeugen, außerdem habe er Gesprächsprotokolle angefertigt. "Bunte", sagt er, habe von sich aus ein Honorar geboten. Riekel dagegen sagt: "Es gab eine Mail, in der er sagte, er brauche Geld für eine Kamera und einen Honorarvorschuss."
Aber wäre das moralisch akzeptabel? Dass eine Redaktion einem Informanten eine Kamera bezahlt, damit der auf einer privaten Sexparty Bilder macht?
Burdas Top-Journalistin selbst will von alldem nichts gewusst haben - bis zu einer Mail von ebenjenem Stefan Stein, die sie und ihren Stellvertreter am 7. Juli erreichte. Darin heißt es, "Bunte" habe den Informanten zu unlauteren Methoden angestiftet. Die Mail endet mit dem Angebot, die merkwürdige Geschichte über die Liaison von Informant und Redaktion könne exklusiv erworben werden. Auch von "Bunte". Riekel sagt nun: "Das war eindeutig Erpressung." Der Verlag hat mittlerweile Anzeige erstattet.
Im Verlag, so heißt es, sei in den Tagen danach mit enormer Hektik nach Schuldigen gesucht worden. Derweil schickte der plötzlich zum Gegner mutierte einstige Konfident noch Mails an zwei Vorstände der Hubert Burda Media, um auch wirklich sicherzugehen, dass die von ihm verursachten Wellen so hoch wie möglich schlugen.
Womöglich hätte man bei Burda entspannter reagiert, wenn die Affäre nicht vor einer anderen, viel größeren Kulisse gespielt hätte, mit der sie auf den ersten Blick gar nichts zu tun hat: dem Skandal um die Recherchemethoden der Londoner Sonntagszeitung "News of the World". Deren Drama erschüttert seit Anfang Juli nicht nur Großbritannien, sondern das weltweite Boulevardgeschäft.
Wie sich peu à peu herausstellte, hatte das Blatt über Jahre die Handy-Mailboxen Hunderter Stars abgehört, aber auch, so der Vorwurf, von Eltern gefallener britischer Afghanistan-Soldaten und gar von einem 13-jährigen Mädchen, das einem Mord zum Opfer gefallen war.
"News of the World" gehörte dem australisch-amerikanischen Medientycoon Rupert Murdoch, der sich quasi über Nacht öffentlicher Anhörungen wie auch dem Zorn der britischen Bevölkerung stellen musste und sich am Ende nicht anders zu helfen wusste, als das Blatt einfach einzustellen.
"Thank you & Goodbye" titelte die letzte Ausgabe am 10. Juli nach 168 Jahren Enthüllungen, gelegentlichem Gepöbel und viel Krawall. Und das, obwohl Murdoch und seine Londoner Statthalterin Rebekah Brooks noch kurz zuvor für so mächtig gehalten wurden, Premierminister machen oder stürzen zu können.
Die Diskussion um die Frage, in welchen Ländern Journalisten wie weit gehen bei ihren Recherchen, nahm mit dem brüsken Zeitungsende und den immer neuen Enthüllungen um die "News of the World"-Schmuddeltricks erst ihren Anfang. Aber die Aktion zeigte, in welchem Desaster Murdoch nicht nur imagemäßig enden kann. Das ganze Theater soll ihn bereits jetzt mehrere Milliarden Dollar gekostet haben.
Die "Bunte"-Affäre - ein deutsches "News of the World"? Patricia Riekel gibt sich empört: "Ich sehe keinen Schaden für ,Bunte'. Wo soll der sein, wenn man einen Fehler feststellt und ihn sofort bereinigt?" Was da gelaufen sei, hält sie "für einen Ausrutscher, nicht für ein grundsätzliches Problem". Aber ob sie selbst von der Aktion wusste oder nicht - was für ein Klima, was für ein Jagdinstinkt herrschen in einer Redaktion, in der selbst der Politikressortchef die Zusammenarbeit mit einem derart dubiosen Informanten erst mal gutheißt? Weder Redakteurin noch Ressortleiter wollten sich Ende vergangener Woche zu den Vorwürfen äußern.
Dabei schrillten noch aus einen anderen Grund die Alarmglocken in München sehr laut: Der letzte ethische Ausrutscher der "Bunten" ist noch nicht lange her. Im Februar 2010 war das Blatt zuletzt unter Beschuss geraten wegen seiner Zulieferer. Ausgerechnet ein Bericht im "Focus", ebenfalls aus dem Burda-Verlag und damals noch unter Leitung von Riekels Lebensgefährten Helmut Markwort, brachte den "Stern" damals auf eine Spur.
In dem "Focus"-Bericht ging es um das systematische Ausspähen von Spitzenpolitikern wie Oskar Lafontaine durch Detektive. Der "Stern" enthüllte schließlich, dass Riekels "Bunte" allein im Jahr 2008 knapp eine viertel Million Euro an die Berliner Agentur CMK gezahlt hatte. CMK soll mit höchst umstrittenen Spitzelmethoden für die Münchner recherchiert haben. Die Branche sprach nur noch von "Buntegate".
Das Blatt wehrte sich heftig. Aber dabei ging es nicht darum zu beweisen, dass CMK womöglich moralisch integer vorgegangen sei. Es ging auch da eher um die Frage, ob "Bunte" womöglich von den Machenschaften wusste.
Geplant hatten die spionierenden Subunternehmer die Installation eines Bewegungskontakts unter der Fußmatte eines Politikers, eine versteckte Kamera auf einem Schiff und akribische Beschattungsprotokolle. Von den Tricks mancher Murdoch-Helfer war das nicht allzu weit entfernt.
Am Ende stand ein formaler juristischer Sieg der Burda-Juristen. Ja, man hat mit der Agentur zusammengearbeitet. Nein, man hat von den Methoden nichts gewusst.
Ein Gutes nur könnte die neuerliche Affäre haben: Die 1000 Euro von "Bunte", sagt der vorgebliche Dr. Dr. Stein, habe er inzwischen gespendet. Der Caritas.
Von Alexander Kühn und Martin U. Müller

DER SPIEGEL 31/2011
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